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(de) FdA/IFA: gai dao #72 - Patriarchat überwinden statt "geschlechtliche Identitäten" Von: Raupe

Date Sun, 18 Dec 2016 12:28:25 +0200


Anmerkung: Ich war nicht damit einverstanden, wie der Autor die Crimethinc-Rezension gegendert hat und habe das kritisiert. Die Gründe dafür und was meiner Meinung nach für das Sternchen spricht, findet ihr in diesem Beitrag. Meine Perspektive ist hier eine persönliche und soll nicht stellvertretend für die Redaktion sein. ---- Dem grundlegenden Ziel, dass das Geschlecht bzw. die sexuelle Orientierung nicht die Handlungsmöglichkeiten von Menschen festlegen und einschränken sollen, würde ich tendenziell zustimmen. Ich denke aber, dass sich unsere sonstigen Ziele und Herangehensweisen zu dieser Frage voneinander unterscheiden. ---- Warum das Sternchen? ---- Auch ein Text in generischem Maskulinum (1) ist gegendert und nicht, wie oft behauptet, neutral oder allgemein gehalten. Um dieses Problem anzugehen, wurde in früheren Versuchen mit Binnen-I (LeserIn) oder Schrägstrich (Leser/in) gegendert oder beide Formen ausgeschrieben.
Diese Herangehensweise findet sich auch immer häufiger im Alltag,
auch wenn sie noch lange nicht etabliert ist. Da dabei aber nur das
binäre Geschlechtersystem (2) abgebildet und reproduziert wird,
wurden Schreibweisen mit _ (Leser_in) und * (Leser*in) entwickelt, um
auch nicht-binäre Personen einzubeziehen. Ob sich dadurch tatsächlich
alle nicht-binären Menschen angesprochen fühlen, ist fraglich, aber
soweit erst mal zur ursprünglichen Intention.

Solange wir über uns selbst schreiben, ist es natürlich auch uns selbst
überlassen, wie wir unser Gender abbilden. Sobald wir aber über
andere Menschen(-gruppen) schreiben, finde ich es wichtig, sich
Gedanken zu machen. Daher widerspricht es meiner Meinung nach
nicht dem Geist einer anarchistischen Zeitung, sich zu überlegen, wie
Sprache und Texte inklusiver aussehen könnten und dahingehend
bestimmte Vorgaben zu machen. Natürlich sollten diese nicht in Stein
gemeißelt, sondern hinterfragbar sein.

Die Methode, abwechselnd die maskuline und feminine Form zu
verwenden, wie du sie in der Crimethinc-Rezension zuerst praktiziert
hast, hast du ja bereits selber verworfen, da es zu pedantisch und
umständlich sei. Ich fand es vor allem willkürlich und es erfüllte für
mich nicht den Zweck, den das Gendern mit * oder _ erfüllen soll. Es ist
für mich eine falsche Darstellung von Menschen und nicht-binäre
Personen werden einfach komplett außer Acht gelassen. Aber immerhin
hat es zu einer Diskussion angeregt.

Klar, das Gendern mit Sternchen hat so seine Schwächen. Manchmal
gaukelt es mehr Inklusion vor, als tatsächlich vorhanden ist. Manchmal
passiert es automatisiert, ohne wirklich darüber nachzudenken - ich
würde mal behaupten, auch in der Gai Dào. Manchmal wird es einfach
nur gemacht, um "auf der sicheren Seite" zu sein. Klar ist für mich auch,
dass es teilweise sinnvoll und sogar notwendig ist, an bestimmten
Stellen kein Sternchen zu verwenden, um beispielsweise gezielt Cis-
Zusammensetzungen deutlich zu machen oder wenn es sich z.B. explizit
um eine binäre Transfrau, einen binären Transmann handelt. Und seien
wir auch ehrlich, die Lebensrealitäten und Themen von Trans*, Inter*
und (anderen) (3) nicht-binären Personen müssen mehr Einzug in den
(Anarcha*)Feminismus finden. Wir dürfen uns nicht auf dem Sternchen
ausruhen. Das Sternchen soll nicht unumstößlich sein - auch wenn es
zugegebenermaßen manchmal so wirkt. Deshalb finde ich das
Hinterfragen des Sternchens an sich sinnvoll. (4) Ich bin offen für
Änderungsvorschläge, die inklusiver gendern. Für mich stellt es
allerdings einen Rückschritt und keine wirkliche Option dar, einfach
alles zu belassen, wie es war, nur weil es vermeintlich unästhetisch,
unbequemer, aufwendiger oder ungewohnter ist. Ich sehe das Sternchen
also als einen Kompromiss, bis wir im Diskurs weitergekommen sind
und eine bessere Lösung haben.

(Geschlechts-)Identitäten überwinden?

Mein Ziel ist die Überwindung des Patriarchats. Für mich geht damit
aber nicht die Überwindung von geschlechtlichen Identitäten einher,
wie es in dem Teil "Verewigung der Identitäten" formuliert ist. Wie soll
das gehen, "Identitäten zu überwinden", und warum sollte ich das
wollen? (5) Das Gegenteil ist mein Ziel. Und zwar die Betonung und
Anerkennung der Vielfältigkeit von Gender-Identitäten. Ich denke, wir
überwinden das Patriarchat oder Geschlechterungleichheiten nicht,
indem wir einfach so tun, als würden keine vielfältigen Identitäten
existieren. Denn genau das passiert im Patriarchat sowieso schon.
Identitäten werden ignoriert, missachtet, unsichtbar gemacht. Es soll
ganz binär Cis-Mann und Cis-Frau geben. Der Mann ist dabei oftmals
sprachlich und auch sonst die Norm. Das geht dann teilweise so weit,
dass Cis-Mann = Mensch ist. Ausdruck dieser Gleichung sind Texte in
generischem Maskulinum, in denen alle anderen einfach "mitgemeint"
sind, oder auch das Wort "man", dass seinen Ursprung im Wort "Mann"
hat. So einfach ist es aber eben nicht. Nur weil es üblich ist, ist es noch
lange nicht die allgemeine oder neutrale Form, sondern basiert auf
patriarchalen Denkmustern, die es zu überwinden gilt.

Natürlich ist für eine gesellschaftliche Umwälzung mehr als nur die
sprachliche Anpassung notwendig. Aber mit Sprache reproduzieren
wir, mit Sprache üben wir Herrschaft und Macht aus. Ich möchte mich
nicht damit zufrieden geben, auf eine Umwälzung zu warten, nach der
sich dann schon irgendwie automatisch die Sprache mitanpassen wird.
Ich will auch nicht unbedingt auf das Ende des Kapitalismus warten
müssen, wie du es andeutest. (6) Das Patriarchat ist kein
Nebenwiderspruch vom Kapitalismus. Wir können patriarchale
Strukturen hier, heute und jetzt bekämpfen - generisches Maskulinum
ist für mich ein Ausdruck davon - und müssen sie auch nach dem Ende
des Kapitalismus weiter bekämpfen. Gerne können/sollen/müssen wir
auch mehr Wege finden, damit wir niemenschen aufgrund des
Geschlechts ausschließen, aber einer davon ist eine sprachliche
Berücksichtigung. Das ist doch ein ganz praktischer Ansatz.

Was dir am Gendern mit Sternchen missfällt, ist für mich also
ausschlaggebendes Argument, es zu nutzen. Geschlechtliche Identitäten
hervorzuheben und zu betonen. Das schließt im Übrigen auch ein, dass
es mit einer neutralen Form für alle nicht getan ist. Nicht alle wollen
einfach neutral sein. Ich empfinde es fast schon als widersprüchlich,
dass du Vereinheitlichung und Anti-Individualismus kritisierst, weil das
Gendern mit Sternchen vorgegeben ist, du aber für eine Überwindung
von geschlechtlichen Identitäten plädierst und in deinen Texten
durchweg generisches Maskulinum verwendest. Das empfinde ich als
vereinheitlichend und anti-individualistisch. Aber so ist das wohl mit
den verschiedenen Perspektiven.

Bürokratismus?

Bürokratismus ist ein häufiges Argument gegen die Schreibweise mit *
oder _ oder gegen sonstige Versuche. Gefühlt soll das so ein Totschlag-
Argument sein und die Reaktion hervorrufen: "Nein mit Bürokratie
wollen wir als Anarchist*innen nichts zu tun haben. Macht einfach
weiter, wie bisher." (?)

Ein Text in generischem Maskulinum erinnert mich viel eher an
bürokratische Formulare, denn sie sind der Inbegriff der
Nichtbeachtung von verschiedenen Geschlechtsidentitäten. Schreiben
von Ämtern sind nämlich vorzugsweise ebenfalls im generischen
Maskulinum gehalten, gelegentlich taucht dann vielleicht noch die
Schreibweise mit Binnen-I oder Schrägstrich auf. Manchmal darf
mensch ein Kreuzchen machen, und zwar bei männlich oder weiblich,
doch es muss schon an der richtigen Stelle sein. Die gibt uns unser
Personalausweis vor. Wenn das Kreuz vermeintlich nicht zu unserem
Namen passt, dann wird es nachträglich geändert. Und wenn ich weder
Mann noch Frau bin, dann wird es richtig schwierig. Von daher ist der
Vergleich mit Formularen von Ämtern meiner Meinung nach ein sehr
unpassendes Argument gegen die Sternchen-Schreibweise.

"[I]m Schriftbild unschön" sehe ich als subjektives Empfinden und nicht
als politisches Argument. Ich finde Sternchen verschönern das
Schriftbild. Ich fände es gut, wenn wir statt i-Punkten kleine Einhörner
verwenden. Ist aber auch nur ein subjektives Empfinden. An dem Punkt
kommen wir wohl nicht weiter. Holprig ist wieder eines der
Argumente, warum ich gerade für eine Schreibweise mit * oder _
plädieren würde. Genau darum geht es. Sichtbarmachen, den alten Trott
durchbrechen, geschlechtliche Identitäten nicht einfach überlesen. Ja,
ich würde lieber auf Flüssigkeit und sprachliche Eleganz verzichten, um
weniger Menschen auszuschließen. Warum sollte ersteres wichtiger
sein, als Menschen zu verletzen. Und Ja, es verletzt manche Menschen,
immer nur "mitgemeint" zu sein. Das hat nichts mit Opferung von
"individueller Ausdrucksweise" zu tun, sondern mit Empathie. Wenn
wir das nicht nachvollziehen können, kann das mitunter mit unseren
Privilegien zu tun haben und dass wir bestimmte
Diskriminierungserfahrungen nicht erlebt haben. Ich würde im Übrigen
nicht zustimmen, dass das Sternchen uns einen Knoten in die Zunge
zaubert. Tatsächlich tut das Sternchen in der gesprochenen Sprache
bisher eigentlich kaum etwas. Es wird nicht (als Wort) mitgesprochen,
maximal tritt an dessen Stelle eine kurze Pause. Das ist mir theoretisch
noch nicht auffällig genug.

Für mich schwingt beim Bürokratismus-Argument und bei
dem Ziel, geschlechtliche Identitäten zu überwinden, immer
mit, dass Vielfältigkeit alles komplizierter macht. Das klingt
für mich fast schon nach einer Aufforderung an die Menschen, die von
der vermeintlichen Norm abweichen, einfach mal drüber zu stehen,
statt die Menschen in die Verantwortung zu nehmen, die andere, z.B.
wegen ihres Geschlechts, diskriminieren. Klar will ich in einer Welt
ohne blöde Bürokratie leben. Klar will ich in einer Welt ohne
Ungleichbehandlungen leben. Aber muss mir deswegen mein Gender
egal sein? Wem Geschlecht, Pronomen, Anrede, Außenwahrnehmung
etc. komplett egal sind, sollte sich einfach mal fragen, warum das so ist
und welche Privilegien sich möglicherweise dahinter verbergen.

Fazit

Für eine anarchistische Gesellschaft ist für mich keine
Homogenisierung, kein Gleichmachen notwendig. Wir sollten lieber
daran arbeiten, dass Vielfalt und Unterschiede anerkannt und akzeptiert
werden. Dann müssen wir uns eben die Zeit beim Schreiben nehmen
und nachdenken, was für eine Person, was für eine Gruppe möchte ich
hier abbilden. Wenn ich es nicht genau weiß/wissen kann, finde ich
persönlich ein Sternchen inklusiver. Ich erwarte zumindest mehr, als
nur darauf zu hoffen, dass sich mit dem Maskulinum alle anderen
"mitgemeint" fühlen. Es geht um eine realistische Abbildung von
Menschen und Gruppen. Nicht nur darum, klar zu machen, dass in
einem als "männlich" gesehenen Berufsstand doch nicht nur Männer
arbeiten, sondern anzuerkennen, dass gegenüber in der Bahn, vor dir an
der Kasse, neben dir im Plenum, da vorne auf der Bühne nicht nur
Männer existieren, sondern Frauen und nicht-binäre Menschen und
diese genauso ein Recht auf sprachliche Berücksichtigung haben.

Wenn "wir es hier also mit einer Multiplikation der Schubladen zu tun"
haben, dann ist das doch fantastisch. Solange ich nicht von anderen in
eine gesteckt werde, habe ich gerne meine eigene Schublade. Andere
haben ihre eigene oder teilen sie sich mit anderen, wenn sie wollen.
Besser als wenn ich nur wählen kann zwischen der Schublade Cis-
Mann oder Cis-Frau, wobei mir diese Wahl schon Ärzt*innen, Eltern
und das Umfeld bei der Geburt abgenommen haben. Eine
Multiplikation der Schubladen kommt meiner Utopie näher, als wenn
wir uns alle in eine einzige Schublade zwängen müssen.


(1) Ein generisches Maskulinum ist die Verwendung eines maskulinen Substantivs oder Pronomens, auch wenn das Geschlecht der bezeichneten
Personen unklar ist.
(2) Binär: Sich im Zwei-Geschlechtersystem mit Mann und Frau verorten. Das können Cis- und Trans-Menschen sein; Nicht-binär: Menschen, die
ihr Geschlecht als außerhalb von oder zwischen den Kategorien Mann und Frau definieren; Cis: Sich mit dem Geschlecht identifizieren, das bei der
Geburt zugewiesen wurde; Trans: Sich mit einem anderen Geschlecht identifizieren, als mit dem, das bei der Geburt zugewiesen wurde.
(3) Hier in Klammern, da Trans* und Inter* nicht-binär sein können, aber nicht zwangsläufig sind. Irrtümlicherweise werden oftmals alle Trans* und
Inter* als nicht-binär verstanden, was für viele einfach nicht zutrifft.
(4) Z.B.: http://transgenialefantifa.blogsport.de/2015/10/31/jetzt-neu-ohne-sternchen/
(5) Unsere Identitäten setzten sich nicht nur aus unserem Geschlecht zusammen, sondern z.B. aus "Ethnie", Religion, Klasse, Beruf, "Kulturkreis",
sexuelle Orientierung, Kleidung, Musikgeschmack, politische Ausrichtung und und und. Wir würden ja auch nicht auf die Idee kommen alle diese
Teile unserer Identitäten überwinden zu wollen und einfach eine homogene Masse zu werden.
(6) "Wahrscheinlich kann es auch ohne die Überwindung des Kapitalismus und der Herrschaft allgemein gar nicht erreicht werden."
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