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(de) FdA/IFA - Gai Dào #55 - Die Isolation durchbrechen! Von: Ben&Toni (Anarchistische Initiative Kaiserslautern/Kusel)

Date Thu, 23 Jul 2015 13:08:13 +0300


Dieser Text soll Aspekte anarchistischer Handlungsweisen reflektieren und als Vorschlag gesehen werden, wie die libertäre Bewegung wieder an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen kann. Dies geschieht in Abgrenzung zu Dingen, die unserer Meinung nach dem Erreichen unserer Ziele nicht dienen bzw. ihnen sogar entgegenwirken. ---- Das heißt nicht, dass wir die Situation der anarchistischen Bewegung grundsätzlich als schlecht ansehen, durch einige Veränderungen, so unsere Ansicht, könnte sie ihr Potenzial aber noch wesentlich besser ausschöpfen. Eine soziale Revolution dient als Perspektive. Da aber in der momentanen Situation etwas derartiges weit entfernt ist, geht es uns mehr darum eine Praxis vorzuschlagen, wie gesellschaftliche Relevanz und Handlungsfähigkeit erreicht werden kann ohne jedoch die Perspektive der sozialen Revolution aus den Augen zu verlieren.

Organisationsdualismus

Anarchistische Föderationen wie die FdA existieren um
Anarchist*innen zu organisieren und deren Aktivitäten zu koordinieren.
Aktuell bestehen diese Aktivitäten vor allem aus dem Verbreiten
anarchistischer Gedanken durch Zeitungen wie die Gai Dao oder
Kampagnen mit Vorträgen, Mobimaterialien und Demonstrationen.
Dies ist aber natürlich nicht ausreichend um der befreiten Gesellschaft
näher zu kommen oder das kapitalistische System zumindest
anzugreifen. Außerdem ist zumindest in der aktuellen Situation nicht
zu erwarten, auf diese Weise eine große Masse an Menschen zu
organisieren. Deshalb sieht das Konzept des Organisationsdualismus
zusätzlich Interessenorganisationen vor. Dies können z. B.
anarchosyndikalistische Gewerkschaften wie die FAU sein oder
stadtpolitische Bündnisse gegen Gentrifizierung und Zwangs-
räumungen. Diese Organisationen helfen zum einen anarchistischen
Aktivist*innen, die sich eben nicht nur abrackern und auf die
Revolution warten müssen, da sie jetzt schon Verbesserungen für sich
erkämpfen können.

Breite Partizipationsmöglichkeiten

Zum anderen können Interessenorganisationen die Homogenität der
Bewegung abschwächen. Die anarchistische Bewegung ist größtenteils
jung und besteht aus nur wenigen Frauen oder Menschen mit
Migrationshintergrund. Da unmittelbare Interessen eben den meisten
Menschen wichtiger sind als Utopien, kann die FAU auch rumänische
Bauarbeiter organisieren, die sich wohl noch nie mit anarchistischen
Theoretiker*innen auseinandergesetzt haben und auch nicht sofort
damit anfangen werden Kropotkins Memoiren zu lesen.

Für eine breite Bewegung braucht es auf jeden Fall sowohl verschiedene
Inhalte als auch verschiedene Formen der Partizipation. Verschiedene
Inhalte, weil eine Hausfrau, die nicht lohnarbeitet, wohl nicht Mitglied
einer Gewerkschaft werden will; aber auch verschiedene Formen, weil
politisch aktiv sein mehr bedeutet als Aufrufe zu schreiben, Flyer zu
verteilen und dann eine Demo zu organisieren. Die fehlende Kreativität
in Teilen der Bewegung führt zu fehlender Effizienz (das einfache,
geschriebene Wort ist heute wohl allein nicht mehr in der Lage, die
revolutionären Massen aufzustacheln) und zu fehlender Breite in den
Gruppen (weil nur die Leute mitmachen, die sich hinter Bergen von
Texten immer noch wohl fühlen). Dabei ist die Beteiligungsschwelle bei
der anarchistischen Bewegung sowieso schon sehr hoch: Wir haben
keine formellen passiven Mitgliedschaften, keine Listen aufWahlzetteln,
keine Onlinepetitionen; wer dabei sei will, muss auch wirklich was tun.
Wenn aber das niedrigschwellige Angebot nur sehr eingeschränkt ist,
dann sollten die Partizipationsmöglichkeiten wenigstens so vielfältig,
interessant und (ohne Szenekenntnisse) machbar sein wie möglich.

Außenwirkung

Die anarchistische Bewegung ist homogener als sie sein könnte und
unsere Außenwirkung ist auch deshalb - aber keineswegs nur deshalb -
häufig schlecht. Beginnen wir mit etwas alltäglichem, nämlich mit
Demonstrationen. Zu oft bestimmt ein schwarzer Block die
Außenwirkung. Es ist unbestritten, dass dieser in gewissen Situationen
durchaus nützlich sein kann. Jedoch sollte man sich im Klaren sein, dass
viele Menschen dadurch abgeschreckt werden, sich mit unseren
Inhalten auseinanderzusetzen, wenn ein Haufen in schwarz gekleideter
Menschen in Schildkrötenformation1 "Nie wiederDeutschland" rufend
durch die Straßen marschiert.2 Dies ist eine unglaublich schlechte und
plumpe Darstellung unserer Bewegung, welche einen so reichen
Ideenfundus bietet, um gesellschaftliche Probleme zu lösen. Es sei noch
erwähnt, dass unseren Erfahrung nach (in Alltagsgesprächen, auf der
Arbeit etc.) Ideen, welche wir vertreten sehr positiv wahrgenommen
werden. Solche oben beschriebenen Außendarstellungen bei
"offiziellen" Auftritten wirken jedoch sicherlich öfters feindlich auf
Außenstehende, als dass sie als gute, seriöse Alternative zum
bestehenden wirtschaftlichen und politischen System wahrgenommen
werden. Des Weiteren lädt solch ein Auftreten sicherlich nicht viele ein
sich mit uns auseinanderzusetzen und verstärkt sogar eher die
gesellschaftliche Isolation, in der wir uns befinden.

Unserer Meinung nach soll eine Demo unsere Inhalte an die
Öffentlichkeit herantragen, das heißt im besten Fall die Meinung von
Menschen bilden, bzw. beeinflussen und dazu einladen sich mehr mit
unseren Inhalten auseinanderzusetzen. Dies ist wohl am besten
möglich, wenn der Auftritt offen wirkt und wir von der Bevölkerung als
ihresgleichen wahrgenommen werden. Als positives Beispiel wirkten
für uns die Demonstrationen der kurdischen Bewegung während der
Schlacht um Kobane. Ganze Familien, von Großeltern bis zu Kindern
und Jugendlichen beteiligten sich und die Demos wirkten offen und
nicht aus einer Szene, sondern einer Notwendigkeit geboren. Und die
Demonstrationen für die Arbeiter*innen der Mall of Berlin wurde vom
kommunistischen Lower Class Magazine als sinnvollste Demo in Berlin
im ganzen Jahr bezeichnet. Man sollte sich auch überlegen, welche Rufe
auf Demonstrationen nützlich sind und welche abschreckend wirken.
Zwar mögen viele der Parolen inhaltlich richtig sein, jedoch kennen
viele Menschen den Hintergrund von Rufen wie "Nie wieder
Deutschland" nicht oder schütteln bei "...für mehr Staatszerlegung" nur
den Kopf, da sie nicht wissen, dass damit der Aufbau der Gesellschaft
nach dem Räteprinzip gefordert wird. Solche Parolen produzieren in
den Köpfen von Außenstehenden ein sehr negatives Bild vom
Anarchismus. Dieses wird durch Plakate, auf welchen auf dem Kopf
liegende Autos zu sehen sind und die mit der Überschrift "Make
Anarchism a Threat again" versehen sind, nur verfestigt. Gleichzeitig
wird damit auch eine Gleichsetzung von Anarchismus mit
Jugendsubkultur gefördert. Wünschenswerter und produktiver wäre ein
sich schöpferisch, kreativ und partizipatorisch darstellender
Anarchismus - also einer, der ein positives Bild vermittelt - als ein
Anarchismus, der sich zerstörerisch darstellt und damit die
vorherrschende Meinung, dass Anarchie nur Chaos und Randale ist,
fördert. Wenn man bedenkt, dass Staat und Polizei auf agent
provocateurs setzen, um Randale herbeizuführen und den Anarchismus
zu diskreditieren, ist es verwunderlich, dass selbst Anarchist*innen so
ein negatives Klischee bedienen. Eine kritische Reflexion der eigenen
Tätigkeiten bezüglich Wirkung und Nutzen für die anarchistische
Bewegung wäre wünschenswert.

Es ist ein Vorteil mancher Anarchist*innen wie z.B. der Graswurzel-
revolution3, das positive und emanzipative an unserer Bewegung zu
betonen. Denn der Anarchismus ist eben für den Großteil der
Bevölkerung keine Bedrohung, sondern sollte die Hoffnung auf ein
besseres Leben in einer solidarischen und freiheitlichen Gesellschaft
sein. Diesem Großteil sollten wir die Möglichkeit anbieten,
Anarchist*innen zu sein, ohne deshalb in eine Szenesubkultur eintreten
zu müssen. Als ganz normale Menschen, Rebellinnen und Rebellen.

Fußnoten:

1 An allen Seiten Transparente, zusammengebunden und möglichst
hochgehalten, damit niemand erkannt wird.

2 Diese Aussage ist bewusst etwas überspitzt formuliert, um zum
Nachdenken anzuregen.

3 Deren Ansichten wir deswegen nicht vollkommen teilen, u. a. fehlt uns
der Klassenstandpunkt.
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