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(de) FdA-IFA - Gai Dao #45 - Marsch für das Leben? What the Fuck!

Date Mon, 29 Sep 2014 12:04:33 +0300


Antifeminismus sabotieren! Für körperliche Selbstbestimmung demonstrieren! Christliche Fundamentalist_innen blockieren! Von: Bündnis gegen den "Marsch für das Leben" ---- Für den 20. September 2014 mobilisiert der Bundesverband Lebensrecht (BvL) wieder zu einem »Marsch für das Leben« in Berlin. Damit will er für ein generelles Verbot von Schwangerschafts-Abbrüchen demonstrieren und etikettiert dies als »Lebensschutz«. Wie in den vergangenen Jahren wollen wir die Abtreibungs-Gegner_innen nicht ungestört ihre antifeministischen Positionen verbreiten lassen! Wir werden für körperliche Selbstbestimmung demonstrieren und anschließend den »Marsch« blockieren! ---- Die Gruppen und Organisationen, die sich an diesem »Marsch« beteiligen, betrachten jeden Schwangerschaftsabbruch als »vorgeburtliche Kindstötung«, die verboten und bestraft gehöre. Sie sprechen damit allen Menschen, die schwanger werden können, dementspre-
chend vor allem Frauen_Lesben_Trans*_Inter* (kurz: flti*), das Recht
ab, über ihr Leben und ihren Körper selbst zu bestimmen. Um diese
Meinung in der Öffentlichkeit zu verankern, verbreiten die Abtrei-
bungsgegner_innen Unwahrheiten und betreiben Lobbyarbeit. Dabei
versuchen die Abtreibungs-Gegner_innen nicht nur bundesweit ge-
gen das Selbstbestimmungsrecht von flti* mobil zu machen. »Mär-
sche für das Leben« finden seit einigen Jahren in zahlreichen Städten
auf der ganzen Welt statt. Auch auf europäischer Ebene wurde dies in
den letzten zwei Jahren sichtbar: Die Initiative »One of us« (deutsch:
»Einer von uns«) sammelte knapp 1,9 Millionen Unterschriften, um
die EU-Kommission dazu zu bewegen, eine Gesetzesinitiative im
Europaparlament einzureichen, die finanzielle Unterstützung von
Schwangerschafts-Abbrüchen zu verbieten. Die EU-Kommission
lehnte den Antrag glücklicherweise ab. Die deutsche Sammelstelle
für die Unterschriften war die »Zivile Koalition e. V.«, deren Spreche-
rin Beatrix von Storch 2013 beim »Marsch« in der ersten Reihe lief.
Sie sitzt aktuell für die nationalkonservative Partei »Alternative für
Deutschland« (AfD) im EU-Parlament und prangerte in der Vergan-
genheit eine angebliche »Macht der Schwulenlobby« an. Die Wahl
der AfD ins EU-Parlament steht beispielhaft für den aktuellen eu-
ropäischen Rechtsruck, der sich auch in einer verstärkten Agitation
gegen das Recht auf Schwangerschafts-Abbrüche ausdrückt.

Die meisten der Abtreibungs-Gegner_innen sind christliche Funda-
mentalist_innen. Sie kämpfen für eine Gesellschaft, die auf der bür-
gerlichen Kleinfamilie, Zweigeschlechtlichkeit, Trans*feindlichkeit,
einer strengen Sexualmoral, Verbot von Homosexualität und auf
»Schicksals«- und Obrigkeitsergebenheit beruht. Die Antifeminist_
innen behaupten, sie agierten gewaltfrei, doch - z. B. in den USA und
in Großbritannien - blockieren Abtreibungs-Gegner_innen Kliniken
und bedrohen, nötigen und verletzen dabei sowohl Ärzt_innen als
auch Menschen, die abtreiben wollen. In den USA kam es in diesem
Zusammenhang auch schon zu Bomben- und Mordanschlägen auf
Ärzt_innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen.

Auch in Deutschland und Österreich werden flti*, die Abtreibungs-
kliniken aufsuchen, teilweise durch sogenannte »Gehsteigberatung«
eingeschüchtert und bedrängt, Ärzt_innen als »Massentöter« dif-
famiert. Gruppen und Personen, die sich für ein liberales Abtrei-
bungsrecht einsetzen, werden beschimpft und bedroht. Nachdem die
selbsternannten Lebensschützer_innen bei einem »Kliniktest« in
Köln herausgefunden hatten, dass zwar kein einziges katholisches
Krankenhaus die »Pille danach« verschrieben, aber vier Klinken Per-
sonen an andere Notfallpraxen verwiesen hatten, erging von Seiten
des Bistums eine Unterlassungsanweisung. Dies führte im Dezember
2012 dazu, dass sich zwei katholische Kliniken weigerten, eine von
einer Vergewaltigung betroffene Person zu untersuchen, da keine
»Pille danach« verschrieben werden könne. Nach einem öffentlichen
Aufschrei sah sich der Kölner Kardinal Meisner gezwungen, den Kli-
niken zu erlauben, die »Pille danach« verschreiben zu können. Hier-
zu revidierte er seine Haltung und definierte das Medikament vom
Abtreibungs- zum Verhütungsmittel um. Dieses Beispiel verdeutlicht
den Entscheidungsspielraum kirchlicher Amtsträger die Lebens-
wirklichkeit von flti* zu erleichtern, wenn denn der politische Wille
vorhanden oder der öffentliche Druck groß genug ist.

Christliche Fundamentalist_innen können sich unterdessen einer
wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz sicher sein. So steigt die
Zahl der Teilnehmer_innen des Berliner »Marsches« in den letzten
Jahren kontinuierlich an. Waren es 2008 noch weniger als 1000 Fun-
damentalist_innen, beteiligten sich letztes Jahr über 4.000 Abtrei-
bungs-Gegner_innen. Für dieses Jahr kündigen die Organisator_in-
nen knapp 30 Sonderbusse (letztes Jahr 20 Busse) aus dem ganzen
Bundesgebiet an. Auch prominente Politiker_innen etablierter Par-
teien bekunden offen ihre Unterstützung der Ziele der selbst ernann-
ten Lebensschützer_innen, offenbar ohne dabei Kritik fürchten zu
müssen. Grußworte beigesteuert hat 2013 neben dem Vorsitzenden
der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder auch der Beauf-
tragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen
Hubert Hüppe.

Weltweit sind Abtreibungs- und andere reproduktive Rechte um-
kämpft, von deren Einschränkungen vor allem flti* betroffen sind.
Nach wie vor sterben weltweit jährlich mehrere zehntausend flti* an
nicht korrekt durchgeführten - weil illegalisierten - Abtreibungen.
In Irland gilt ein absolutes Abtreibungsverbot und so starb im Herbst
2012 eine 31jährige Frau, nachdem sich ein Universitätskrankenhaus
bei einer Schwangerschaftskomplikation weigerte, einen Schwanger-
schaftsabbruch vorzunehmen. In Spanien wird derzeit im Abgeord-
netenhaus die Verschärfung des Abtreibungsrechts diskutiert. Dass
der diskutierte Gesetzesentwurf, bei dem ein Schwangerschafts-Ab-
bruch lediglich im Falle einer Vergewaltigung oder der Gesundheits-
gefährdung der schwangeren Person möglich ist, wird wahrschein-
lich noch dieses Jahr trotz heftiger Proteste verabschiedet werden.
Demgegenüber wurde in der Schweiz im Februar eine Volksabstim-
mung abgelehnt, deren Ziel es war, dass Schwangerschafts-Abbrüche
nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt werden.

Anders als oft angenommen, gilt eine Abtreibung auch in Deutsch-
land gemäß § 218 Strafgesetzbuch weiterhin als Straftat, die nur un-
ter bestimmten Voraussetzungen straffrei bleibt. Wer abtreiben will,
muss sich zwangsweise von staatlich anerkannten Stellen beraten
lassen und danach drei Tage warten, bevor der Eingriff vorgenom-
men wird. Diese Regelung bedeutet eine staatlich institutionalisierte
Entmündigung von flti*, die nicht selbst über ihren Körper und ihre
Lebensplanung entscheiden dürfen. Die Beratung und Abtreibung
muss in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft geschehen -
es sei denn, es wird eine »Gefahr für die psychische und physische
Gesundheit« der schwangeren Person festgestellt.

Andererseits sind aber »Schädigungen« des Fötus, die in vorgeburt-
lichen Untersuchungen festgestellt werden, oft der eigentliche Grund
für einen Abbruch nach der zwölften Woche. flti* werden zunehmend
für die »Gesundheit« und »Qualität« ihres Nachwuchses zur Ver-
antwortung gezogen und zu solchen Untersuchungen gedrängt. Dass
sie ein Recht auf Nichtwissen haben, wird meist nicht erwähnt. Ein
Gen-Test mit dem Blut der Schwangeren auf Trisomie 21 (»Down-
Syndrom«) wurde im letzten Jahr auf dem deutschen Markt zuge-
lassen. Der Druck auf Schwangere zur Selektion ist Bestandteil der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, die mit rassistischen, ableis-
tischen (behindertenfeindlichen) und sexistischen Normvorstellun-
gen aufrechterhalten wird.

Wir dagegen streben eine Gesellschaft an, in der weder religiöse Mo-
ralvorstellungen, gesellschaftliche Normierungen noch staatliche
Zugriffe über das Leben und den Körper von Menschen bestimmen.
flti* sollen auf Grund einer Abtreibung weder gesundheitliche noch
rechtliche oder wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen müssen.
Die Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft soll ohne Ein-
griff oder Belehrungen des Staates und ohne Angst vor moralischer
Verurteilung möglich sein. Um die Rahmenbedingungen für eine
weitreichende Selbstbestimmung über den eigenen Körper herzustel-
len, muss Abtreibung legalisiert werden. Außerdem muss der Zugang
zu Verhütungsmethoden wie der »Pille danach« ermöglicht werden.
Diese ist in Deutschland (so wie in fast allen anderen europäischen
Ländern) entgegen den Empfehlungen der WHO immer noch nicht
rezeptfrei, das heißt ohne Bittsteller_innentum. Wir wollen eine Ge-
sellschaft, in der eine »Behinderung« kein Problem oder Mangel dar-
stellt. Kein Mensch soll sich »verpflichtet« fühlen abzutreiben, weil
eine Behinderung des späteren Kindes wahrscheinlich erscheint.

Wir rufen dazu auf, sich an unserer feministischen Demonstration
zu beteiligen sowie den »Marsch« der Fundamentalist_innen zu blo-
ckieren und fordern:

Streichung des § 218 aus dem Strafgesetzbuch Entscheidungsfreiheit
für oder gegen eine Abtreibung ohne Bevormundung Kostenlosen
und (rezept-)freien Zugang zu allen Verhütungsmitteln (auch zur
»Pille danach«) für alle Menschen, unabhängig von Aufenthaltssta-
tus oder Mitgliedschaft in einer Krankenversicherung Anerkennung
der sexuellen, geschlechtlichen und körperlichen Selbstbestimmung

Mehr Infos

Demo:

Demo: Samstag | 20. September | 11.30 Uhr | U-Bhf. Kochstraße
(U6 / M29)

Danach:

Kreativer Protest gegen den "Marsch für das Leben" (ab 13 Uhr
/ Willy-Brandt-Straße)

Webseite:

whatthefuck.noblogs.org
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