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(de) FdA-IFA - Gai Dao #45 - Med Graffiti - Interview mit einer kur­di­schen Graf­fi­ti-Grup­pe Von: Orsolo Ca­sagran­de

Date Sun, 28 Sep 2014 17:02:22 +0300


Interview von Orsolo Ca­sagran­de (italie­ni­sche Jour­na­lis­tin bei der Ta­ ges­zei­tung "Il Ma­ni­fes­to") in Amed mit der kur­di­schen Graf­fi­ti-Grup­pe "Med Graf­fi­ti" ---- 1. Ihr wählt Graf­fi­ti-Kunst, um euch aus­zu­drü­cken. Aus wel­ chem Grund wählt Ihr diese Form der Kunst? ---- Für die von den Machtha­ben­den und der Re­gie­r ung nicht als legal wahr­ge­nom­me­nen ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen und Men­schen gibt es be­grenz­te Mög­l ich­kei­ten, um sich aus­zu­d rü­cken bzw. sicht­bar zu ma­ chen. Wie Sie wis­sen, kann man heut­zu­ta­ge alle guten Re­geln in eine Ecke schie­ben und die Augen vor den Er­eig­n is­sen drau­ßen ver­schlie­ ßen und diese aus­blen­den oder über einen Bür­ger­krieg nicht mehr nach­den­ken, wäh­rend man vor dem neu­es­ten Mo­dell Fern­se­her auf der Couch sit­zend noch die letz­te Mühe auf­b ringt, um die Sen­dung zu wech­seln. Wie Sie auch wis­sen, mar­kie­ren man­che Tiere mit Fä­ka­li­ en und Kratz­spu­ren ihr Re­vier, um zu si­gna­li­sie­ren, dass es ihr Ge­biet ist. Genau dann fin­det man sich plötz­lich zwi­schen zwei Fron­ten, die sich ge­gen­sei­tig eine Waffe ent­ge­genhal­ten. Ers­te­re kämpft um die na­t ür­lich-recht­li­che An­er­ken­nung und zwei­te­re un­ter­d rückt diese For­de­rung. Weil wir es kön­nen, hin­ter­las­sen wir mit Graf­fi ti-Kunst un­se­re Kratz­spu­ren (in un­se­rem Re­v ier).


2. Was wuss­tet Ihr davor über Graf­fi­ti und Graf­fi­ti-Küns­tle­-r*in­nen?

In der Tat hat­ten wir ein In­ter­es­se an einer Form der Kunst, die sich
auf die Ver­bild­l i­chung aus­rich­tet. Wäh­rend wir dar­über nach­dach­-
ten, sind wir Graf­fi­ti als Kunst be­geg­net. Eben­falls haben wir über
Graf­fi­ti-Kunst in theo­re­ti­scher Hin­sicht re­cher­chiert. In­ter­es­siert ha-
ben uns Graf­fi­ti-Künst­le­r*in­nen, vor allem die Ar­bei­ten von Bank­sy
haben uns sehr mo­ti­viert. In Bezug auf die po­li­ti­schen, öko­lo­gi­schen
etc. Pro­ble­me der Men­schen und der Ge­sell­schaft haben wir in Graf­
fi­ti eine star­ke Aus­drucks­kraft ge­se­hen.

3. Ihr seid eine Grup­pe, die auf hohes In­ter­es­se stößt. Wie
in­te­griert Ihr in­ter­es­sier­te junge Men­schen in Eure Grup­
pe?

Da wir in Kur­dis­tan die erste po­li­ti­sche Graf­fi­ti-Grup­pe sind, wach­
sen wir lang­sam. Auf­grund der so­zio­öko­no­mi­schen Rea­li­tät, der wir
un­ter­wor­fen sind, kön­nen wir nicht aus­rei­chend an un­se­rer Kunst
ar­bei­ten. Ganz gleich wo auf der Welt, wür­den wir gerne über­all mit
Graf­fi­ti-Künst­le­r*in­nen mit Herz für Re­vo­lu­ti­on und Frei­heit zu­sam­
men­a r­bei­ten wol­len und sie in un­se­re Grup­pe ein­la­den.

4. Trotz der Kon­se­quen­zen, die fol­gen könn­ten, zeigt Ihr
durch diese Kunst­form, dass die Stadt Euch ge­hört. Was be­
deu­tet Graf­fi­ti auf den Wän­den von Amed für Euch?

Die Stadt Amed spielt auf­grund von po­li­ti­schen und so­zia­len Fak­to­-
ren eine große Rolle, des­halb hat sie als Groß­stadt eine be­deu­ten­de
Stel­lung. Na­tür­lich gibt es keine Rea­li­tät, die nicht von Klas­sen­un­
ter­schie­den, ka­pi­ta­l is­ti­schen und im­pe­ria­l is­ti­schen Struk­tu­ren be­
ein­flusst wird. Neben die­sen Be­din­g un­gen, die die Ver­hält­nis­se er­
schwe­ren, ist es umso wich­ti­ger, die Kunst gegen die Un­ge­rech­ten
ein­zu­set­zen und die un­ge­recht Be­han­del­ten mit die­ser zu recht­fer­ti­
gen. Da wir Pio­n ie­re auf die­sem Weg sind, müs­sen wir na­tür­lich an­
neh­men, mit Schwie­rig­kei­ten kon­fron­tiert zu wer­den. Als der ersten
po­li­ti­schen Graf­fi­ ti-Grup­pe in Kur­d is­tan hat es für uns eine große
Be­deu­tung, die Wände von Amed mit un­se­rer Kunst zu mar­kie­ren.

5. Wo liegt der Schwer­punkt in Eurer kon­zep­tio­nell po­li­tisch
-so­zi­al ge­stal­te­ten Graf­fi­ti-Kunst?

In­dus­tria­l i­sie­rung und die mo­der­nen Er­fin­dun­gen füh­ren dazu, dass
wir un­se­ren Ver­stand da­hin­ge­hend nut­zen, um die Men­schen zu zer­
stö­ren. Ge­sell­schaft­l i­che Pro­ble­me ver­meh­ren sich von Tag zu Tag
zu­u n­guns­ten der Un­ter­drück­ten. Die Natur, die Tiere, mensch­l i­che
Be­zie­hun­gen wer­den auf­grund der vor­herr­schen­den Kon­sum­lo­gik
zer­stört und gehen ver­lo­ren. Genau in die­sem Mo­ment kom­men wir
ins Spiel. Diese Fak­to­ren, auf die wir uns kon­zen­trie­ren, sind der
Aus­lö­ser für uns. Na­t ür­lich kommt der po­li­ti­sche As­pekt hinzu. Als
Grup­pe po­si­tio­nie­ren wir uns auf der Seite der kur­di­schen Be­frei­
ungs­be­we­gung. Neben Kur­d is­tan, das für uns pri­mär ist, ver­fol­gen
und so­li­da­ri­sie­ren wir uns mit re­vo­lu­tio­nä­ren Kämp­fen in an­de­ren
Län­dern.

6. Gibt es Werke von Euch, die Ihr den be­trof­fe­nen (kur­
di­schen) Kin­dern in den Ge­fäng­nis­sen wid­met? Was sind
Eure Ge­dan­ken dazu? Was be­deu­tet es für Amed, in den
jet­zi­gen Zei­ten jung zu sein?

Wir haben Werke, die die be­trof­fe­nen (kur­di­schen) Kin­der in den Ge­
fäng­n is­sen the­ma­ti­sie­ren. Ins­be­son­de­re ver­su­chen wir (in un­se­rer
Kunst) be­trof­f e­ne (kur­d i­sche) Kin­der in den Vor­der­grund zu rü­cken,
die auf­grund der Be­grün­dung "Stei­ne­wer­fen" (bei den De­mons­tra­tio­
nen) mit Hilfe des An­ti-Ter­ror-Ge­set­zes ver­ur­teilt wer­den. In Amed
wird jede Pro­test­form und Be­stre­bung, sich selbst aus­zu­d rü­cken, von
Re­gie­rungs­stel­len im Keim er­stickt. Be­schimp­f un­gen, Ge­walt, se­xu­
el­le Be­läs­ti­gun­gen - jeg­l i­che Er­nied­ri­gungs­for­men sind hier an der
Ta­ges­ord­nung. Jeden Tag gibt es Ge­fäng­n is­u n­r u­hen, je­doch wer­den
diese Er­eig­nis­se sei­tens der Pro-Re­gie­rungs­me­di­en nicht the­ma­ti­
siert. So­wohl na­tio­nal als auch in­ter­na­tio­nal soll­ten un­se­rer Mei­nung
nach diese Pro­ble­me mehr Platz in der Öf­fent­lich­keit be­kom­men.
Hier­für brau­chen wir na­t ür­l ich die or­ga­ni­sier­te Macht der Me­di­en.
Wir wer­den un­se­ren Kampf bis zum Ende fort­set­zen, so­lan­ge nicht
nur die Ge­schich­ten der Macht­ha­ben­den (Löwen), son­dern die der
Un­ter­d rück­ten (Ga­zel­len) er­zählt wer­den.

7. Wel­chen Platz hat Musik in Euren Wer­ken? Was für Musik hört Ihr?

Wir ver­su­chen un­se­ren Fokus in der (Graf­fi­ ti-)Kunst auf bild­li­che
Ele­men­te zu legen. Noten und Au­d io-Ele­men­te haben in der Graf­fi­
ti-Kunst neben den Zei­chen­ele­men­ten eine be­deu­ten­de Stel­lung, des­
halb ver­su­chen wir auch die Musik in un­se­re Ar­beit zu in­te­grie­ren.
In un­se­rer Grup­pe haben wir einen viel­fäl­ti­gen Mu­sik­ge­schmack. Es
gibt Leute, die an­ge­fan­gen bei der tra­d i­tio­nell kur­d i­schen Mu­si­krich­
tung Dengbêj, Keny Ar­ka­na, Sys­tem of a Down und Azad hören. Wei­
ter­hin soll­te der be­kann­te kur­di­sche Rap­per und Künst­ler Ser­ha­do,
der in der kur­di­schen Ju­gend sehr be­kannt ist, nicht un­er­wähnt blei­
ben. Ser­ha­do ist un­se­re In­spi­ra­ti­ons­quel­le. Er ist der beste Künst­ler,
da er un­se­re Emp­fin­dun­gen in un­se­rer (kur­d i­schen) Spra­che in einem
Stil, den wir sehr mögen, aus­d rü­cken kann.

8. Graf­fi­ti-Kunst und Hip-Hop-Mu­sik sind sehr eng mit­ein­an­der ver­bun­den. Wie ist es in Amed?

In Amed ist die Zahl der Graf­fi­ ti-Künst­le­r*in­nen sehr be­grenzt. Die,
die mit uns Graf­fi­ ti ma­chen, sind in an­de­ren Be­rei­chen eben­falls tä-
tig. Als Pio­nie­r*innen ent­w i­ckelt sich (unser Vor­ha­ben) lang­sam für
uns - es braucht län­ger Zeit. Eine ex­pli­zi­te Hip-Hop- und Stra­ßen­mu­
sik hat sich in Amed noch nicht ent­wi­ckelt. Je­doch wer­den wir von
Tag zu Tag immer mehr.


Mehr Infos

Glossar

Dengbêj: (Kur­disch) ein pro­fes­sio­nel­ler Volks­lieds­än­ger, der
nach einer alten epi­schen Tra­d i­ti­on welt­li­che Lie­der ohne in­
stru­men­tel­le Be­glei­tung vor­trägt.

Keny Ar­ka­na: eine fran­zö­si­sche Rap­pe­rin aus Mar­seil­le. Ihre
Texte sind sehr po­li­tisch, so be­zieht sie klar Stel­lung gegen Ka­
pi­ta­lis­mus, Fa­schis­mus und Glo­ba­li­sie­rung.

Sys­tem of a Down: (ab­ge­kürzt SoaD) ist eine 1995 in Ka­li­for­ni­en
ge­grün­de­te Al­ter­na­ti­ve-Me­tal-Band, die ver­schie­de­ne Mu­sik­
gen­res mit­ein­a n­der ver­bin­det. Alle Band­m it­glie­der sind ar­me­
ni­scher Her­kunft.

Azad: ein deutscher Rap­per kur­d i­scher Ab­stam­mung.
Ser­ha­do: ein kur­d i­scher Rap­per.

Quelle:
http://efendisizler.blogsport.de/2014/07/26/medgraffiti2/
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