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(de) FdA/IFA - Gai Dào #44 - Wanderarbeiter und italienische Anarchisten im Osmanischen Reich (1870-1912) - Teil 3/3 Von: Cemal Selbuz (Dank an Peter Teichert Köster für das Lektorat dieses Beitrags)

Date Wed, 03 Sep 2014 13:35:04 +0300


Anm. der Redaktion: Migration wir in Europa fast ausschließlich als Migration aus dem "armen Süden in den reichen Norden" gedacht. Dabei spielt es fast keine Rolle ob eine innereuropäische oder eine über Europa hinausragende Migration gedacht wird. Tatsache ist aber, das es auch immer eine Migration aus Europa heraus gegeben hat. Oft war dies eine "Armutsmigration" und nicht selten eine politische FluchtMigration. Cemal Selbuz beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit der Migration italienischer Anarchist*innen in das Osmanische Reich. Wir veröffentlichen diesen Aufsatz in drei Teilen. ---- Italienische Anarchisten in Konstantinopel ---- Die ersten anarchistischen Impulse im osmanischen Kernland entstanden unter den bulgarischen und armenischen Gruppen, die am Ende des 19. Jahrhunderts einen Befreiungskampf gegen das osmanische Reich führten. Unter den bulgarischen Kämpfern gab es zwei Tendenzen: eine nationalistische und eine anarchistische (wie bei dem Revolutionären Thrakischen Militärkommando):

"Wir greifen zu den Waffen gegen Tyrannei und Unmenschlichkeit;
wir kämpfen für Freiheit und Menschlichkeit; unsere Sache steht
also höher als alle nationalen oder ethischen Unterschiede ... Wir
drücken unsere Solidarität aus mit allem anderen, die im dunklen
Reich des Sultans leiden, einschließlich der einfachen türkischen
Dorfbewohner."[25]

Auch der armenische Anarchist Alexander Atabekian und Anar-
chisten aus Anatolien, die für die armenische Sache kämpften[26],
schickten dem Londoner internationalen Kongress unter dem Titel
An die revolutionären und freiheitlichen Sozialisten einen Aufruf,
in dem sie zur sozialen Revolution aufriefen:

" ... Unsere Sache ist die eure. Zum Orient focht es. Wer kann sagen,
ob nicht dort das Morgenrot der Sozialen Umwälzung empor stei-
gen wird, um sich von da über alle Welt zu verbreiten!
Einige armenische Libertäre
18 Juli 1896"[27]

Nach den bakunistischen Aufständen 1874 in Italien kamen viele
italienischen Anarchisten ins Osmanische Reich, vor allem nach
Alexandrien, und später nach Konstantinopel. Sie wurden von der
Osmanischen Polizei und den Konsularbehörden streng überwacht
und wanderten wie italienische Wanderarbeiter zwischen Hafen-
städten (Marseille, Alexandrien, Istanbul und Izmir) hin und her.
Nach seiner zweiten Verhaftung in Ägypten reiste beispielsweise
I. U. Parrini zuerst nach Zypern und dann über Beirut nach Kons-
tantinopel:

"Dass der Ausdruck»Fusion mehrerer Gruppen«, der in Parrinis
Text verwendet wird, im wesentlichen»Bildung einer Föderation
von Gruppen«bedeutet, kann man scheinbar ableiten aus dem
Vergleich mit einem Passus bei Max Nettlau, wo gesagt wird, dass
genau in jenem Jahr 1881 die»Föderation ... der Internationalisten
von Konstantinopel und Ägypten (das heißt der Gruppen, die sich
unter den Exilierten oder spontan in den Orient emigrierten Itali-
enern gegründet hatten), Malatesta dazu delegierte, sie beim Lon-
doner Kongress zu vertreten«. (Vgl. Max Nettlau: Errico Malatesta,
New York o. J. [1922], S. 193[28]). Die engen Beziehungen zwischen
den Gruppen aus Ägypten und aus Konstantinopel erklären sich,
wenn man weiß, dass letztere 1879 und 1880 infolge der Propaganda
von I. U. Parrini in der türkischen Metropole entstanden waren,
bevor er nach Alexandria zurückkehrte. 1881 zählte die Föderation
der IAA von Konstantinopel bereits ca. 70 Mitglieder. (Vgl. Il grido
del Popolo (Neapel), 2. Jg., Nr. 13 (20. Jan. 1881)), in der Rubrik Aus-
landsnachrichten."[29]

Ende des 19.Jahrhunderts kam die zweite Welle der italienischen
Anarchisten nach Konstantinopel. Italienische Anarchisten ver-
kündeten auch in Alexandria, Kairo, Konstantinopel und Beirut
gegen Tyrannei und Unterdrückung des osmanischen Reich den
revolutionären Kampf. Um unterzutauchen und weiter politisch
zu kämpfen zu können, versuchten die Anarchisten in Istanbul,
im italienische Arbeitermilieu Unterstützung zu finden. Vor der
zunehmenden Steigerung der anarchistischen Aktivitäten in den
italienischen Betrieben wurde die Botschaft in Konstantinopel von
den italienischen Behörden gewarnt:

"AER AIT'94 Fasc. 2, Schreiben Außenministerium an Botschaft
Konstantinopel, 24 Dezember 1903 5 03 (Warnung vor dem Eindrin-
gen von Anarchisten); Fasc. 2f.5 (ein Anarchist tarnt sich mit dem
Namen eines unbescholtenen Levantiners)."[30]

Nach den Warnungen und nach Beschwerden von italienischen
Unternehmern und katholischen Missionaren wurden Anarchisten
von der osmanischen Polizei ausgewiesen:

"Aer AIT'94 Fasc. 11 Akte»Jetta, Pasquale«. Pasquale Jetta hatte
von 1887 bis 1901 in Alexandrien gelebt und war dann mit einer
jüdischen Prostituierten nach Piräus gegangen. Im April 1902 stieg
er in dem übelbeleumdeten Hotel»Gallo d' oro«in Galata [Hafen-
viertel in Istanbul] ab. Da er Kontakt zu dem polizeibekannten An-
archisten Enrico Malatesta aufnahm, der Beziehung zu der in Genf
erscheinenden Zeitung»Il Risveglio«hatte, wurden die osmani-
schen und italienischen Behörden auf ihn aufmerksam. Die italie-
nischen Dragomane[31] Cangia und Missir stimmten ihr Vorgehen
mit der osmanischen Polizei ab und veranlaßten im Oktober 1902
die Ausweisung Jettas.[32]

Nachbemerkung

Wegen meiner sprachlichen Barriere (osmanisch und italienisch)
habe ich leider über Parrinis Zeit in Istanbul nur wenige Dokumen-
te entdeckt. Aber die Diskussion des ägyptischen Anarchismus
unter den italienischen Anarchisten und ägyptischen Historikern
hat mich sehr angeregt, und ich möchte gerne darüber weiter re-
cherchieren. Es gibt immerhin eine bemerkenswerte akademische
Abhandlungen über den Anarchismus und die Arbeiterbewegung
im Nahen Osten, und es gibt immer noch einen großen Bedarf an
weiteren Veröffentlichungen. Für die Recherche gibt es nicht nur
sprachliche Barrieren, sondern auch den "Imaginären Orient" in
den Köpfen, der wahrscheinlich noch längst nicht überwunden ist.

Autor: Cemal Selbuz (Dank an Peter Teichert Köster für das Lekto-
rat dieses Beitrags)

Anmerkungen

[25] zitiert bei van der Walt & Schmidt 2013, S. 399
[26] siehe hierzu Minassian 1984
[27] Der Sozialist, Nr. 39, 26. September 1896
[28] deutsche Ausgabe: Nettlau 1922
[29] Bettini 1976, S. 281
[30] Schmitt 2005, S. 295
[31] Dragoman: Seit dem 19. Jahrhundert Bezeichnung eines Dolmetschers, der
speziell für den Verkehr zwischen den Landesbehörden und den ausländischen
Gesandtschaften und Konsulaten im Osmanischen Reich zuständig war.
[32] Schmitt 2005, S. 295

Quellen

Archive:
Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG), Amsterdam:
Aleksander Atabekyan Papers
Max Nettlau Papers

Periodika:

Der Sozialist (Berlin), Jg. 1896

Literatur:

Beinin 2001: Joel Beinin, Workers and Peasants in the Modern Middle East,
Cambridge, UK (CUP)

Bettini 1976: Leonardo Bettini, Bibliografia dell'anarchismo: perodici e Numeri
unici anarchici in lingua italiana pubblicati all'estero 1872-1971 [Bibliographie
des Anarchismus: Periodika und Einzelschriften in italienischer Sprache, die zwi-
schen 1872-1971 im Ausland veröffentlicht wurden], Firenze [Florenz] (Cp editrice)
Gabaccia & Ottanelli 2005: Donna R. Gabaccia & Fraser M. Ottanelli (ed.), Italian
Workers of the World. Labor Migration and the Formation of Multiethnic States,
Chicago, (UIP)

Gorman 2010: Anthony, "Diverse in Race, Religion and Nationality ... But united
in aspirations of civil progress". The anarchist movement in Egypt 1860-1940; in:
Steven Hirsch & Lucien van der Walt (ed.), Anarchism and Syndicalism in the
Colonial and Post Colonial World, 1870-1940, Leiden 2010 (Brill)

Karak?sla 1998: Yavuz Selim Karak?sla, Osmanl? Sanayi Isçi S?n?f?n?n Dogusu
1839-1923ö [Die Geburt der industriellen Arbeiterklasse des Osmanischen Rei-
ches, 1839-1923], Istanbul (Iletisim Yay?nlar?)

Khuri-Makdisi 2010: Ilham Khuri-Makdisi, The Eastern Mediterranean and the
Making of Global Radicalism, 1860-1914, Berkley (UCP)

K?rp?k 2004: Cevdet K?rp?k, Osmanl? Devleti'nde Isçiler ve Isçi Hareketleri (1876-
1914) [Bewegungen der Arbeiterinnen und Arbeiter im Osmanischen Reich (1876-
1914)], Isparta (http://eprints.sdu.edu.tr/164/1/TS00330.pdf)

Malatesta 2009: Errico Malatesta, Ungeschriebene Autobiografie, Hamburg
(Nautilus)

Minassian 1984: Ter Anahide Minassian, Nationalism and Socialism in the Ar-
menian Revolutionary Movement (1887-1912) (Zoryan Institute Thematic Series),
Cambridge, Ma.

Nettlau 1922: Max Nettlau, Errico Malatesta. Das Leben eines Anarchisten, Berlin
(Syndikalist)

Schmitt 2005: Oliver Jens Schmitt, Levantiner. Lebenswelten und Identitäten einer
ethnokonfessionellen Gruppe im osmanischen Reich im "langen 19. Jahrhundert",
München (R. Oldenbourg)

STMA 1988: Osmanl? Devletinde Toplumsal Mücadeleler [Soziale Kämpfe im
Osmanischen Reich]; in: Sosyalizm ve Toplumsal Mücadeleler Ansiklopedisi,
Cilt 6 [Enzyklopädie des Sozialismus und der sozialen Kämpfe, Band 6]. Istanbul
(Iletisim Yay?nlar?)

van der Walt & Schmidt 2013: Lucien van der Walt & Michael Schmidt, Schwarze
Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus und Syndikalismus,
Hamburg (Nautilus)

Y?ld?r?m 2012: Kadir Y?ld?r?m, Balkan Savaslar?n?n Osmanl?'da Isçi Hareketleri
Üzer?ndeki Etkileri [Über den Einfluß der Arbeiterbewegung im Osmanischen
Reich während der Balkan-Kriege], Winter 2012 (http://tdid.ege.edu.tr/files/der-
gi_12/KadirYild%C4%B1rim.pdf)

Y?ld?r?m 2013: Kadir Y?ld?r?m, Osmanl?'da Isçi Hareketleri (1870-1912) [Die Arbei-
terbewegung im Osmanischen Reich (1870-1912)], Istanbul (Iletisim Yay?nlar?)
Zur weiteren Lektüre empfohlen:

Fikret Adan?r, Makedonya Sorunu [Die Makedonische Frage], Istanbul 2001
(Tarih Vakf? Yurt Yay?nlar?)

Benedict Anderson, Üç Bayrak alt?nda [Unter drei Flaggen], Istanbul 2007 (Metis)
Piero Brunello & Pietro Di Paola, Errico Malatesta, Hamburg 2009 (Nautilus)
Bulgarien; in: Anarchistisches Ja(hr)buch: Nur die Phantasielosen flüchten in die
Realität, Berlin 1986 (Karin Kramer)

Kerim Sadi (A. Cerrahoglu) Türkiye'de sosyalizmin tarihine katk?, Iletisim
Yay?nlar? 1994

Haupt, George ve Paul Dumont. "Osmanl? Imparatorlugu'nda Sosyalist Hareket-
ler". Gözlem Yay?nlar?. Istanbul. 1977

Ma?tron,Jean, Le moouvement anarchiste en France, Gallimard 1992
Mark Mazower, Der Balkan, Berlin 2002 (BTV)

Max Nettlau, Geschichte der Anarchie Bd. 5: Anarchisten und Syndikalisten.
Der französische Syndikalismus bis 1909. Der Anarchismus in Deutschland und
Rußland bis 1914. Die kleineren Bewegungen in Europa und Asien, Vaduz 1984
(Topos)

Y. A. Petrosyan, Jön Türkler [Die Jungtürken], Ankara 1974 (Bilgi Yay?nevi)
Maria Todorova, Balkanlar'? Tahayyül etmek [Der imaginäre Balkan], Istanbul
2003 (Iletisim Yay?nlar?)

Stefan Troebst, Das makedonische Jahrhundert, München 2007 (R. Oldenbourg)
Mete Tuncay & Erik Jan Zürcher; Osmanl? Imparatorlugu;nda Sosyalizm ve milli-
yetçilik (1876-1923) [Sozialismus und Nationalismus im Osmanischen Reich (1876-
1923)], Istanbul 1993 (Iletisim Yay?nlar?)

Tunçay, Mete,Türkiye'de Sol Ak?mlar (1908 - 1925), 3. Bask?, Ankara
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