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(de) FDA/IFA, Gai Dào #46 - Gegen den Isolationismus der Gruppen gegen Kapital und Nation von einem Alt-Anarchist im FdA

Date Sat, 11 Oct 2014 18:41:43 +0300


Ist Patriotismus nur Nationalismus in der "Light-Version" und strukturell doch dasselbe, oder muss beides doch einzeln und unabhängig analysiert werden? Die Gruppen gegen Kapital und Nation haben in der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift in "Zur Psychologisierung von Nationalismus" einen ersten Beitrag geleistet. Hier folgt nun eine Erwiderung. ---- Vorwort der Redaktion (cln): Der Text wurde innerhalb des Redaktionskollektivs lange diskutiert. Nach einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Autor - in dessen Verlauf der Text nochmals überarbeitet wurde - haben wir uns entschieden den Beitrag zu veröffentlichen. Auch wenn weiterhin einige Thesen des Artikels nicht von allen Aktiven innerhalb der Redaktion geteilt werden, finden wir allgemein eine kritische - und offene - Diskussion zu dem Thema wichtig und notwendig. Wir laden alle Leser*innen ein, sich mit eigenen Beiträgen daran zu beteiligen.

"Wenn Nationalismus in der demokratischen Öffentlichkeit zur Sprache
kommt, liegt meist eine Unterscheidung zu Grunde, die teils auch extra
benannt wird. Patriotismus sei die gute, gesunde Parteilichkeit für die
eigene Nation, Nationalismus dagegen der schlechte, übersteigerte Fana-
tismus. Sachlich betrachtet ist diese Gegenüberstellung unbegründet. Tat-
sächlich macht Patriotismus und Nationalismus inhaltlich dasselbe aus,
nämlich das prinzipielle Dafür-Sein für das Kollektiv, dem man angehört,
obwohl man es sich nicht ausgesucht hat."

Und weiter lesen wir:

"Der Unterschied besteht tatsächlich in der Radikalität oder Ausprägung
dieses Dafürhaltens. Wie sollte aber dieselbe Grundeinstellung einmal lo-
benswert und gut, bei stärkerer Ausprägung aber schlecht und verkehrt
sein?"

Seit Jahrhunderten weiß man in der Medizin: ein und dergleiche Stoff
kann in geringer Menge heilende Wirkung entfallten, in zu großer
Menge dagegen verabreicht ist er schädlich - weshalb sollte dies
nicht auch für menschliche Haltungen gelten? Insbesondere, da eben
nicht Radikalität oder Ausprägung des Dafürhaltens, sondern Inden-
tifikation, dieses Dafürhalten zur fixen Idee, ohne die man nicht sein
zu können glaubt, und Ausgangspunkt des eigenen Selbstbildes zu
machen, Gegenstand des Nationalismus ist.

Der Patriot identifiziert sich nicht vollständig mit der Nation, son-
dern meist nur mit einigen als positiv erkannten Strömungen der
Nation; er ist ein Befürworter und Gegner der Nation, Befürworter
der Nation in ihren von ihm als positiv anerkannten Entwicklun-
gen und gleichzeitig ihr Gegner, wenn z.B. der Fremdenhass oder
der Antisemitismus in der Nation sein hässliches Gesicht erhebt. Der
Nationalist dagegen hat kein eigenes Selbstbewußtsein, sondern das
nationale Wir der Kollektivität sowie ihrer tatsächlichen oder ver-
meintlichen Größe ersetzt sein Selbstbewußtsein. Jeder Angriff auf
die Nation ist für den Nationalisten daher ein Angriff auf ihn selbst,
jeder Sieg seiner Nation ein Sieg seiner selbst, weil er sich bis zur
völligen und totalen Selbstaufgabe mit dem Wir seiner nationalen
Kollektivität identifiziert.

"Oft wird das begründet damit, dass Patriotismus die Liebe zu den Seinen,
Nationalismus der Hass auf die anderen wäre. Da der Unterschied zwi-
schen beiden aber nur ein gradueller ist, gehört schon zum Patriotismus
sowohl die Aufwertung der eigenen Nation als auch die Herabsetzung
von dem, was nicht dazugehört. Die Herabsetzung und damit die prakti-
sche Tätigkeit gegen die Nichtdazugehörigen ist im Patriotismus angelegt.
Parteilichkeit für etwas heißt, dass man das davon Abgegrenzte in einem
schlechteren Licht sieht."

Klar und eindeutig werden hier patriotische Menschen mit
Nationalist*innen in einen Topf geworfen; man will gerade noch gra-
duelle Unterschiede in der "praktischen Tätigkeit gegen die Nicht-
dazugehörigen" anerkennen, indem die Patriot*innen ihren Hass
verbergen, die Nationalist*innen jedoch ihn offen ausleben. Es war
also der Hass und im wesentlichen die "praktische Tätigkeit gegen
die Nichtdazugehörigen", die dänische Patrioten dazu veranlasste,
im von der deutschen Wehrmacht besetzten Dänemark am Abend
vor ihrer drohenden Deportation nach Auschwitz und Bergen-Belsen
7 000 Juden in Ruder- und Fischerbooten quer durch die deutschen
Linien ins neutrale Schweden zu schaffen? Vielen Dank, Genossen
und Genossinnen, ohne Eure tiefschürfende Analyse hätte ich das
niemals erkannt. Ganz offensichtlich sind ja auch die Juden und Is-
raelis auf diese dänischen Patriot*innen, die sich nur graduell von
ihren Verwandten an der Rampe in Auschwitz unterschieden, her-
eingefallen, als sie dem dänischen Volk einen Baum im Garten der
Gerechten pflanzten.

Mal völlig unabhängig davon, ob diese holzschnittartige Analyse nun
den Nagel auf den Kopf trifft oder doch zu viele Elemente der Wirk-
lichkeit einfach ausblendet - wir sollen also ernsthaft patriotische
Menschen, die Goethe, Schiller und Mathias Claudius schätzen, den
Nationalsozialismus aber ablehnen und besorgt sind über eine Ent-
wicklung ihrer Nation zu einem neuerlichen Faschismus oder Natio-
nalsozialismus, gegen die Nazis mobilisieren, indem wir ihren Patri-
otismus mit dem Nationalismus der Nazis gleichsetzen?! Wie soll ein
breites gesellschaftliches Bündnis im Sinne des Antifaschismus von
Anarchist*Innen über Die Linke, SPD bis zur Jungen Union möglich
werden, wenn wir unseren Verbündeten unterstellen, als Patrioten
nur verlogene Nazis zu sein, die es lediglich aus viellerlei Gründen
nicht wagen, ihren Hass auf Ausländer und Inländer anderer Nation
und Herkunft auszuleben?

Diese Analyse läßt keine Bündnismöglichkeit offen und führt zur
völligen gesellschaftlichen Isolation des Anarchismus.

"Dass die Gegenüberstellung von Patriotismus und Nationalismus keine
inhaltliche Grundlage hat, sieht man daran, dass nationalistische Taten
in der Öffentlichkeit nicht in ihrem politischen Gehalt kritisiert werden,
sondern ersatzweise z.B. mit dem Pauschalurteil "Extremismus" belegt
werden. Einerseits werden die unerwünschten Auswirkungen von Natio-
nalismus erkannt und teils auch benannt (auch wenn Gewalt von Rechts
oft nicht oder nicht als solche benannt wird). So war z. B. im Fall des NSU
nicht zu leugnen oder totzuschweigen, dass Faschisten Menschen gezielt
umgebracht haben. Andererseits wird die politische Motivation an nati-
onalistischen Gewalttaten nicht gesehen. Ihnen wird nicht nur die Recht-
mäßigkeit abgesprochen, sondern dass sie durch ihre Gewalt überhaupt
einen politischen Willen äußern. Wird dieser aber einmal in seinem Inhalt
betrachtet, stellt sich heraus, wie er aus der erwünschten und verbreite-
ten Bejahung der hiesigen Verhältnisse hervorgeht. Die entgegengesetzte
Bewertung von Patriotismus und Nationalismus folgt also nicht einer
Untersuchung, was beides ist, sondern resultiert aus dem Interesse, die
unerwünschten Resultate von der zu Grunde liegenden Einstellung zu
trennen."

Die Behandlung rassistisch motivierter Taten in der BRD und frü-
heren DDR nicht als politische Willensäußerung, sondern als "Row-
dytum" ist kein zwingender Beweis dafür, daß einer Unterscheidung
zwischen Patriotismus und Nationalismus jegliche Grundlage fehle;
hier könnten eine Vielzahl anderer Gründe angeführt werden, so z.B.
die Behandlung des Holocaust in rechten Kreisen als singuläre Aus-
nahme und Unfall der deutschen oder europäischen Geschichte und
daraus resultierend den politischen Unwillen, wahrzunehmen, daß
ein rassistischer Faschismus - legitimiert durch die Demokratie wie
derzeit in Ungarn - jederzeit wieder möglich ist. Oder im Falle der
früheren DDR die Definition des "besseren Deutschland" als antifa-
schistisch, in der eine Begeisterung für rassistische Ideologien durch
eine flächendeckende, allen Menschen vermittelte Staatsbürgerkunde
an Schulen und Universitäten angeblich auszuschließen gewesen sei.

Ich erkenne keine Strategie, die Resultate des Nationalismus von ih-
ren Ursachen zu trennen. Sondern eine Analyse der Sachlage faschis-
tischer Gewalt durch die NSU in der Bundesrepublik darf meiner Mei-
nung nach nicht die politische Interessenübereinstimmung zwischen
gewalttätigen Faschisten und dem regierenden Establiment in der Ta-
gespolitik übersehen. Im Fall der NSU geht es dem Verfassungschutz
und den Geheimdiensten des Staates darum, die eigene Beteiligung
als Geldbeschaffer und Sprengstoff- sowie Waffenlieferant durch V-
Leute und BND-Mitarbeiter als ideologische Köpfe und Anleiter des
NSU-Trios zu verschleiern; aufgrund der Ergebnisse der parlamenta-
rischen Untersuchungsausschüsse und der Befragung von Zeugen im
münchner NSU-Prozess kommt sogar das Zweite Deutsche Fernsehen
zum Ergebnis, daß hier eine rechte Terrorzelle im europäischen Netz-
werk von Blood & Honor mit Steuermitteln aufgebaut wurde - und
das der Schutz dieser Mitarbeiter staatlicher Dienste in der ideologi-
schen Führung und Unterstützung der NSU, von Undercoveragenten
der BRD, die sich als Nazis in der Scene durch be-
sondere Härte und Radikalität auszeichnen muß-
ten, um nicht als Spitzel aufzufallen, es der NSU
immer wieder ermöglichte, neue Terrorakte zu be-
gehen. Eine andere Terrorzelle von Blood & Honor
flog im Jahr 2000 medienwirksam auf, nachdem
die Kameraden vom berliner Verfassungsschutz
ein Gewehr mit Zielfernrohr erhalten hatten, aber
noch keinen Terrorakt durchführen konnten;
obgleich der Generalstaatsanwalt seinerzeit von
einer neuen Qualität in der faschistischen Scene
durch die Entwicklung terroristischer Strukturen sprach, wurde den
vorliegenden Hinweisen im sichergestellten Material sowie in den
Berichten des Undercoveragenten des berliner Verfassungsschutzes
auf die NSU jahrelang nicht nachgegangen. Es kann nur vermutet
werden, daß die direkt oder indirekt von staatlichen Diensten ge-
leitete NSU sich selbst erledigte, als sie sich mit ihrem Mord an zwei
Polizeimitarbeitern gegen die Hand wendete, die sie all die Jahre zu-
vor fütterte. Es wäre nicht das erste Mal, daß ein europäischer Staat
die Gewaltbereitschaft politischer Gruppen fördert und nutzt, um die
Existenz seiner Repressionsorgane zu legitimieren - und im vorlie-
genden Fall zum einen ein konkurrierendes Establishment mit Mig-
rationshintergrund zu diskreditieren und zum anderen die Zahl der
Asylanträge herunter zu fahren.

Die Gruppen gegen Nation und Kapital legen ihrerseits keine Analy-
se vor, die untersucht, was Patriotismus und Nationalismus im Spie-
gel aller der im deutschen Sprachraum anzutreffenden unterschied-
lichen Nationen sowie nationalen Selbstdefinitionen ist, sondern
pauschalisieren meiner Meinung nach die Deutsche des Vormärz
als allein gültige Selbstdefinition. Eine Nation, die sich selbst über
Herkunft oder Abstammung definiert, grenzt unbestritten in ihrem
Nationalismus alle aus, die nicht über die notwendige Abstammung
verfügen; in einer in dieser Weise definierten Nation wird auch der
Patriotismus in abgeschwächter Form alle Menschen als nicht der
Nation zugehörig ab- und ausgrenzen, die die eingeforderte Abstam-
mung zur Zugehörigkeit nicht mitbringen.

Jetzt hätte man, um zu erfahren, was Patriotismus und den Natio-
nalismus ausmacht, erst einmal untersuchen müssen, ob sich das
nationale Verständnis der Bundesrepublik, der Schweiz, Österreich
oder der in diesem Raum lebenden nationalen Minderheiten sowie
nationalen Volksgruppen ohne Staat an einer Definition der Nation
über die Abstammung orientiert oder nicht. Schließlich ist die Gai-
dao ein Blatt im deutschsprachigen Raum, der über die Bundesrepu-
blik hinausreicht. Die geäußerte Kritik der Gruppen gegen Nation
und Kapital ist zutreffend, wenn sich das nationale Verständnis im
deutschsprachigen Gebiet seit 1815 nicht verändert hat und sich an
der deutschen Abstammung orientiert; die Kritik geht jedoch weitge-
hend fehl, wenn damit Nationen beschrieben werden sollen, die sich
über einen gemeinsamen Staat, einen gemeinsamen Freiheitskampf,
eine gemeinsame Rechts- oder Volks-Kultur und daher nicht mehr
oder niemals an einer Abstammung als Moment der Zugehörigkeit
zur Nation orientiert haben.

Im ersten Teil des Artikels "Zur Psychologisierung des Nationalis-
mus" psychologisieren die Autor*innen Patriotismus und Nationa-
lismus ihrerseits, indem sie beiden in all ihren Variationen zwangs-
neurotische Züge unterstellen, Nichtdazugehörige zu verfolgen und
fremde Kulturen abzuwerten. Im zweiten Teil kritisieren sie "die
Psychologie" - als sei diese ein monolitischer Block und nicht ein
Geflecht geisteswissenschaftlicher unterschiedlicher Theorien, Rich-
tungen und Konzepte - und verwahren sich gegen jede Psychologi-
sierung von Patriotismus und Nationalismus.

Es ist niemals gut, anderen genau das vorzuwerfen, was man selbst
betreibt. Denn es läuft auf genau jene Psychologisierung hinaus, die
die Autor*innen des hier kritisierten Artikels anderen Menschen
vorwerfen, aus der Zugehörigkeit zu einer Nation psychologische
Zwänge abzuleiten. Entweder gilt der freie Wille, wodurch es eine
klare Entscheidung auch gegen evtl. strukturell vorhandene Anla-
gen zur Abwertung anderer Kulturen ist, als Patriot anderen Kultu-
ren neutral zu begegnen - oder wir haben es mit einer Regel zu tun,
die uns diese Wahl nicht läßt. Da man das Christentum trotz seiner
strukturellen Antisemitismen auch ohne Judenhass zu predigen in-
terpretieren kann, bin ich ziemlich sicher, daß es die von den Grup-
pen gegen Nation und Kapital als zwingend behauptete Abwertung
anderer Kulturen im Patriotismus in einigen Varianten von diesem
in der Wirklichkeit nicht gibt.

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