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(de) FDA/IFA, Gai Dào #46 - Die neue PKK: Wie eine Soziale Revolution in Kurdistan in Gang gesetzt wird von Rafael Taylor / Übersetzung: nigra

Date Fri, 10 Oct 2014 10:47:25 +0300


Während die Aussicht auf eine kurdische Unabhängigkeit immer realer wird, verwandelt sich die kurdische Arbeiter*innenpartei in eine radikaldemokratische Kraft. --- Ausgeschlossen von Verhandlungen und betrogen im Rahmen des Vertrags von Lausanne 1923, nachdem ihnen von den Alliierten des Ersten Weltkrieges während der Aufteilung des Osmanischen Reiches ein eigener Staat versprochen worden war, sind die Kurd*innen die größte staatenlose Minderheit der Welt. Aber heute bleiben, abgesehen von einem trotzigen Iran, immer weniger Hindernisse übrig, die ein formalrechtlich unabhängiges Kurdistan verhindern. Die Türkei und Israel haben ihre Unterstützung zugesagt, während die Hände Syriens und die des Irak durch die schnellen Fortschritte des Islamischen Staates (früher ISIS) gebunden sind.

Mit der kurdischen Flagge über allen offiziellen Gebäuden und den
Peschmerga, die die Islamisten mit Unterstützung der lange über-
fälligen militärischen US-Hilfe unter Kontrolle halten, vereinigt
sich Südkurdistan (Irak) mit seinen Genoss*innen in Westkurdistan
(Syrien), das die zweite de facto autonome Region des neuen Kurdis-
tan bildet. Sie haben schon damit begonnen ihr eigenes Öl zu expor-
tieren und haben das an Öl reiche Kirkuk zurückerobert. Sie haben
ihr eigenes, säkulares, gewähltes Parlament und eine pluralistische
Gesellschaft. Sie haben bei der UN ihren Antrag auf Anerkennung
als souveräner Staat eingereicht und es gibt nichts, was die irakische
Regierung tun könnte - oder die USA ohne israelische Unterstützung
tun würde, um das zu stoppen. Trotzdem ist der kurdische Kampf
nicht annähernd nationalistisch geprägt. In den Bergen über Erbil,
im alten Landesinneren Kurdistans, das sich über die Grenzen der
Türkei, des Iran, irak und Syriens windet, wurde eine Soziale Revo-
lution geboren.

Die Theorie des Demokratischen Konföderalismus

Zur Jahrhundertwende, als der US-amerikanische Radikale Murray
Bookchin seinen Versuch aufgab, die heutige anarchistische Bewe-
gung mit seiner Philosophie der Sozialen Ökologie wiederzubeleben,
wurde der PKK-Gründer und Anführer Abdullah Öcalan in Kenia
von türkischen Beamt*innen verhaftet und wegen Hochverrat zum
Tode verurteilt. In den folgenden Jahren gewann der alte Anarchist
in dem hartgesottenen Kämpfer einen unerwarteten Anhänger, des-
sen paramilitärische Organisation - die Arbeiter*innenpartei Kur-
distans - in vielen Teilen der Welt als terroristische Organisation
eingestuft ist, weil sie einen brutalen Krieg der nationalen Befreiung
gegen die Türkei führt.

In seinen Jahren in Einzelhaft, in denen er die PKK von der Zelle aus
leitete - seine Todesstrafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt
- eignete sich Öcalan eine Art des Libertären Sozialismus an, die so
unbedeutend war, dass nur wenige Anarchist*innen je davon gehört
haben: Bookchins Libertärer Kommunalismus. Öcalan veränderte
und verfeinerte Bookchins Vision und benannte sie in "Demokrati-
schen Konföderalismus" um, mit der Folge, dass die Union der Ge-
meinschaften Kurdistans (Koma Civakên Kurdistan oder KCK), das
territoriale Experiment der PKK, zu einer freien und direktdemokra-
tischen Gesellschaft, für die meisten Anarchist*innen weitgehend ein
Geheimnis blieb, ganz zu schweigen von der breiten Öffentlichkeit.

Auch wenn Öcalans Gesinnungswandel der Wendepunkt war,
fegte schon nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den
1990er Jahren eine breitere Renaissance von libertär-linker und
unabhängiger Literatur durch die Berge und von Hand zu Hand
der breiten Masse. "[Sie] analysierten Bücher und Artikel von
Philosoph*innen, Feminist*innen, (Neo-)Anarchist*innen, libertären
Kommunist*innen, Kommunalist*innen und Sozialen Ökolog*innen.

So kamen Autor*innen wie Murray Bookchin [und andere] in ihren
Fokus," erzählt uns der Aktivist Ercan Ayboga. Öcalan begann in
seinen Gefängnisschriften mit einer sorgfältigen Überprüfung und
Selbstkritik der schrecklichen Gewalt, des Dogmatismuses, des Per-
sonenkultes und des Autoritarismus, die er gefördert hatte: "Es ist
klar geworden, dass unsere Theorie, unser Programm und unsere
Praxis der 1970er nichts als nutzlosen Seperatismus und nutzlose Ge-
walt produzierte und, was noch viel schlimmer ist, dass der Nationa-
lismus, den wir eigentlich hätten ablehnen sollen, uns alle befallen
hat. Auch wenn wir ihn prinzipiell und rhetorisch ablehnten, akzep-
tierten wir ihn als unumgänglich." Früher der unhinterfragte Führer,
schlussfolgerte Öcalan jetzt, dass "Dogmatismus genährt wird von
abstrakten Wahrheiten, die zu gewohnheitsmäßigen Denkweisen
werden. Sobald du solche generellen Wahrheiten in Worte packst,
fühlst du dich wie ein Hohepriester im Dienst deines Gottes. Das war
der Fehler, den ich beging."

Öcalan, ein Atheist, schrieb schließlich als ein Freigeist, unbeein-
druckt von der marxistisch-leninistischen Mythologie. Er gab an,
dass er nach einer "Alternative zum Kapitalismus" und einem "Er-
satz für das zusammengebrochene Model des ... ,real existierenden
Sozialismus'" suchte, als er auf Bookchin stieß. Seine Theorie des
Demokratischen Konföderalismus entwickelte sich aus einer Kom-
bination von Inspirationen durch kommunalistische Intellektuelle,
Bewegungen wie die der Zapatistas und anderer historischer Fakto-
ren des Kampfes in Nordkurdistan (Türkei). Öcalan bezeichnete sich
selbst als einen Studenten Bookchins und nach einem gescheiterten
E-Mail-Schriftwechsel mit dem alten Theoretiker, der zu seinem gro-
ßen Bedauern zu krank für einen Austausch auf seinem Sterbebett
im Jahr 2004 war, feierte ihn die PKK anlässlich seines Todes zwei
Jahre später als einen der größten Sozialwissenschaftler*innen des
20. Jahrhunderts.

Die Praxis des Demokratischen Konföderalismus

Die PKK selbst ist offensichtlich ihrem Anführer nicht nur in Bezug
auf Bookchins spezielle Lesart des Öko-Anarchismus gefolgt, son-
dern hat aktiv die neue Philosophie in ihren Strategien und Takti-
ken verinnerlicht. Die Bewegung schwor ihrem blutigen Krieg für
eine stalinistisch-maoistische Revolution ab sowie den Taktiken des
Terrors, die dieser mit sich brachte und begann eine großangelegte
gewaltfreie Strategie zu durchlaufen, die auf größere regionale Au-
tonomie abzielte.

Nach Jahrzehnten des internen Verrats, gescheiterten Waffenruhen,
willkürlichen Verhaftungen und erneuter Aufnahme der bewaffne-
ten Auseinandersetzungen, erklärte die PKK am 25. April dieses Jah-
res einen sofortigen Rückzug ihrer Kräfte aus der Türkei und ihrer
Stationierung im Nordirak, was effektiv ihren 30 Jahre alten Konflikt
mit dem türkischen Staat beendete. Die türkische Regierung setzte
gleichzeitig einen Prozess verfassungsmäßiger und rechtlicher Re-
formen in Gang, um die Menschen- und kulturellen Rechte der kur-
dischen Minderheit innerhalb der türkischen Grenzen zu gewähr-
leisten. Dies kam als letzter Teil der lang erwarteten Verhandlungen
zwischen Öcalan und dem türkischen Premierminister Erdogan als
Teil des Friedensprozesses, der 2012 begann. Es hat seit einem Jahr
keine Gewalt von Seiten der PKK gegeben und begründete Rufe nach
einer Streichung der PKK von den Terrorlisten der Welt sind erklun-
gen.

Dennoch bleibt die dunkle Geschichte der PKK an ihr haften - autori-
täre Methoden, die nicht so richtig zu ihrer neuen libertären Rhetorik
passen wollen. Geldbeschaffung durch Heroinhandel, Erpressung,
Zwangswehrdienst und allgemein kriminelle Machenschaften wur-
den Abteilungen der PKK wiederholt vorgeworfen oder zugeschrie-
ben. Falls das der Wahrheit entsprechen sollte, kann es keine Ent-
schuldigungen für diese Art des aggressiven Opportunismus geben,
trotz der offensichtlichen Ironie, dass der völkermörderische türki-
sche Staat selbst in nicht kleinem Maße von einem lukrativen Mono-
pol auf den legalen Export von staatlich angebauten "medizinischen"
Opiaten in den Westen finanziert wurde und ermöglicht durch seine
Wehrpflicht und Besteuerung für ein riesiges Antiterrorbudget und
übergroße Armeekräfte (die Türkei hat nach den USA die zweitgröß-
te Armee der NATO.).

Wie es der üblichen Heuchelei beim Krieg gegen den Terror entspricht,
sind es immer die Nichtrepräsentierten, die als Terrorist*innen ge-
brandmarkt werden. Öcalan selbst beschreibt diese beschämende
Periode als eine von "Banden innerhalb unserer Organisation und
offenem Banditentum, die nutzlose, willkürliche Operationen arran-
gierten, um junge Menschen reihenweise in den Tod zu schicken".

Anarchistische Strömungen im Kampf

Ein weiteres Zeichen dafür, dass sie ihre marxistisch-leninistische
Wege verlässt, ist, dass die PKK kürzlich damit begonnen hat, dem
Anarchismus weltweit deutliche Angebote zu machen. Sogar beim
internationalen anarchistischen Treffen in St. Imier in der Schweiz
2012 veranstaltete sie einen Workshop, der zu Verwirrung, Betrof-
fenheit und Onlinedebatten führte, aber von der breiteren anarchisti-
schen Presse weitestgehend unbemerkt blieb. Janet Biehl, Bookchins
Witwe, ist eine der wenigen westlichen Anarchist*innen, die die KCK
vor Ort studiert. Sie hat ausführlich über ihre Erfahrungen auf der
Website New Compass geschrieben und Interviews mit kurdischen
Radikalen veröffentlicht, die am Alltagsgeschehen der demokrati-
schen Versammlungen und der föderativen Strukturen beteiligt sind.
Ebenso hat sie die erste anarchistische Studie in Buchlänge zum The-
ma übersetzt und veröffentlicht: Demokratische Autonomie in Nord-
kurdistan: Die Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie
(2013).

Die einzige andere englischsprachige, anarchistische Stimme ist das
Kurdische Anarchistische Forum (KAF), eine pazifistische Gruppe
irakischer Kurd*innen, die in Europa leben und von sich behaupten,
dass sie "keine Beziehungen zu anderen linken Gruppen haben". Ob-
wohl sie ein föderiertes Kurdistan unterstützen, erklärt das KAF, dass
"wir die PKK nur unterstützen, wenn sie ihren bewaffneten Kampf
ganz einstellen, sich für die Organisierung von massenhaften Gras-
wurzelbewegungen einsetzt, um die sozialen Forderungen der Bevöl-
kerung zu erreichen, zentralisierte und hierarchische Methoden des
Kampfes anprangert und einstellt und sich stattdessen in föderierte,
autonome Gruppen umwandelt, alle Beziehungen und Geschäfte mit
den Staaten des Mittleren Ostens und des Westens beendet, charis-
matische Machtpolitik anprangert und sich der Antistaatlichkeit und
dem Antiautoritarismus verschreibt - nur dann werden wir gerne
voll und ganz mit ihr zusammenarbeiten".

Bookchin wörtlich nehmen

Dieser Tag (vom Pazifismus mal abgesehen) könnte in erreichba-
rer Nähe sein. Die PKK/KCK scheint Bookchins Sozialer Ökologie
wortgetreu zu folgen, mit nahezu jeder Einzelheit bis hin zu und
einschließlich ihrer widersprüchlichen Teilnahme am Staatsapparat
durch Wahlen, genau wie es in der Literatur vorgegeben ist. Wie
Joost Jongerden und Ahmed Akkaya schreiben "unterscheidet Book-
chin in seinem Werk zwischen zwei politischen Ideen, der griechi-
schen und der römischen", sprich: der direkten und der repräsenta-
tiven Demokratie. Bookchin sieht seine Form des Neo-Anarchismus
als eine praktische Wiederbelebung der Athenischen Revolution des
Altertums. Das "Athener Modell existiert als eine Gegen- und Un-
tergrundströmung, die ihren Ausdruck in der Pariser Kommune von
1871, den Räten (Sowjets) in der Frühzeit der russischen Revolution
von 1917 und der spanischen Revolution von 1936 findet".

Bookchins Kommunalismus enthält einen fünfstufige Herangehens-
weise:
.
1. Bestehenden Gemeinden durch Gesetze mehr Entscheidungsbe-
fugnisse geben, um die Entscheidungsmacht vor Ort zu veran-
kern.

2. Diese Gemeinden durch Graswurzelversammlungen demokra-
tisieren.

3. Gemeinden "in regionalen Netzwerken und größeren Födera-
tionen..." zusammenfassen, "...um darauf hinzuarbeiten, die
Nationalstaaten durch kommunale Föderationen zu ersetzen",
während sichergestellt wird, dass "höhere Ebenen der Födera-
tion hauptsächlich koordinierende und verwaltungstechnische
Funktionen haben"

4. "Fortschrittliche soziale Bewegungen vereinen", um die Zivil-
gesellschaft zu stärken und "einen allgemeinen Brennpunkt
für alle Bürgerinitiativen und Bewegungen" zu etablieren: die
Versammlungen. Diese Zusammenarbeit ist "nicht [...], weil wir
erwarten, immer nur harmonischen Konsens zu sehen, sondern
- im Gegenteil - weil wir an Meinungsverschiedenheit und
Diskussionen glauben. Die Gesellschaft entwickelt sich durch
Debatte und Konflikt." Zusätzlich sollen die Versammlungen sä-
kular sein, "gegen religiöse Einflüsse auf die Politik und die Re-
gierung kämpfen" und eine "Arena für den Klassenkampf" sein.

5. Um ihre Vision einer "klassenlosen Gesellschaft, basierend auf
kollektiver politischer Kontrolle über die sozial wichtigen Pro-
duktionsmittel" zu erreichen, ist die "Kommunalisierung der
Wirtschaft" und eine "föderale Verteilung der Ressourcen" ge-
fordert, "die das Gleichgewicht zwischen den Regionen sichern
sollen." Dies entspricht, einfacher ausgedrückt, einer Kombina-
tion von Arbeiterselbstverwaltung und dezentraler Planwirt-
schaft, um den sozialen Bedürfnissen gerecht zu werden: Das ist
klassische anarchistische Ökonomie.

Wie es Eirik Eiglad, Bookchins früherer Herausgeber und KCK-Ana-
lyst, ausdrückt: Von besonderer Wichtigkeit ist die Notwendigkeit,
die Erkenntnisse der feministischen und ökologischen Bewegungen
mit denen der neuen urbanen Bewegungen und Bürgerinitiativen zu
kombinieren, genauso wie die der Gewerkschaften und der lokalen
Kooperativen und Kollektive [...] Wir glauben, dass die kommunalis-
tische Idee einer auf Versammlungen basierenden Demokratie ihren
Teil dazu beisteuern wird, diesen fortschrittlichen Austausch von
Ideen auf einer beständigeren Basis mit mehr direkten politischen
Konsequenzen zu ermöglichen. Der Kommunalismus ist allerdings
nicht nur ein taktischer Weg, radikale Bewegungen zusammenzu-
führen. Unsere Forderung nach einer gemeindeorientierten Demo-
kratie ist auch der Versuch, Vernunft und Ethik an die Spitze öffentli-
cher Diskussionen zu bringen.

Für Öcalan bedeutet Demokratische Konföderalismus eine "demo-
kratische, ökologische, vom sozialen Geschlecht befreite Gesellschaft
oder einfach "Demokratie ohne Staat". Er stellt ausdrücklich die "ka-
pitalistische Moderne" der "demokratischen Moderne" gegenüber, in
der die früheren "drei Grundelemente Kapitalismus, Nationalstaat
und Industrialismus" durch eine "demokratische Nation, Gemein-
dewirtschaft und ökologische Industrie" ersetzt sind. Dies bedingt
"drei Projekte: eines für die demokratische Republik, eines für den
demokratischen Föderalismus und eines für die demokratische Au-
tonomie."

Das Konzept der "demokratischen Republik" bezieht sich hauptsäch-
lich darauf, die den Kurd*innen lange verweigerte Staatsbürgerschaft
und Bürgerrechte zu erlangen, einschließlich der Möglichkeit ihre
eigene Sprache frei zu sprechen und zu unterrichten. Die demokrati-
sche Autonomie und der demokratische Föderalismus beziehen sich
beide auf die "autonomen Fähigkeiten der Menschen, eine direkte-
re, weniger auf Vertretung basierende Form der politischen Struk-
tur". Derweil merken Jongerden und Akkaya an, dass "das Modell
des freien Munizipalismus darauf abzielt, eine von unten nach oben
organisierte, auf Teilnahme basierende Verwaltung, von lokalen zu
Bezirksebenen, zu realisieren. Das "Konzept des/der freien Bürger*in
(ozgur yarttas) [ist] sein Ausgangspunkt", welcher "grundlegende
Bürger*innenrechte, wie z.B. die Redefreiheit und die Freiheit, sich zu
organisieren, beinhaltet." Das Kernstück des Modells sind die Nach-
barschaftsversammlungen bzw. die "Räte", zwei Begriffe, die syno-
nym verwendet werden.

An den Räten sind alle Bewohner*innen beteiligt, einschließlich
nichtkurdischer Menschen, und während Nachbarschaftsversamm-
lungen in verschiedenen Bezirken stark sind, "gibt es in Diyarbakir,
der größten Stadt in Türkisch-Kurdistan, nahezu überall Versamm-
lungen". Anderswo, "in den Bezirken Hakkari und Sirnak [...] gibt es
zwei parallele Autoritäten [die KCK und den Staat], von denen die de-
mokratisch-konföderale Struktur in der Praxis stärker ist". Die KCK
in der Türkei "ist in den Ebenen Dorf (köy), städtische Nachbschaft
(mahalle), Distrikt (ilçe), Stadt (kent) und Region (bölge), welche als
"Nordkurdistan" bezeichnet wird, organisiert".

Die "höchste" Ebene der Föderation in Nordkurdistan, der DTK (De-
mokratik Toplum Kongresi, Demokratischer Gesellschaftskongress),
ist eine Mischung von Delegierten der Basis mit abberufbaren Man-
daten, die bis zu 60 Prozent ausmachen und Vertreter*innen von
"mehr als 500 zivilgesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschaf-
ten und politischen Parteien", die bis zu 40 Prozent ausmachen, von
denen ungefähr sechs Prozent "für Vertreter*innen von religiösen
Minderheiten, Akademiker*innen oder anderen Personen mit beson-
deren Fachkompetenzen reserviert" sind.

Es ist unklar, welchen Anteil an diesen 40 Prozent die in ähnlicher
Weise delegierten Personen aus direktdemokratischen, nichtstaatli-
chen, zivilgesellschaftlichen Gruppen im Vergleich zu den gewählten
oder nicht gewählten Parteibürokrat*innen ausmachen. Personelle
Überschneidungen bei unabhängigen kurdischen Bewegungen und
kurdischen politischen Parteien, wie auch die Verinnerlichung vie-
ler Aspekte der direktdemokratischen Prozedur durch diese Partei-
en verkomplizieren die Situation zusätzlich. Dennoch herrscht bei
Beobachter*innen informell Einigkeit darüber, dass die Mehrzahl der
Entscheidungen durch die eine oder andere Regelung direktdemo-
kratisch getroffen werden, so dass die Mehrzahl dieser Entscheidun-
gen an der Basis entwickelt werden und dass die Entscheidungen von
unten nach oben in Übereinstimmung mit den föderalen Strukturen
ausgeführt werden.

Weil die Versammlungen und der DTK von der illegalen KCK ko-
ordiniert werden, der die PKK angehört, werden sie von der Türkei
und der sogenannten internationalen Gemeinschaft (EU, USA und
andere) ebenfalls als "terroristisch" bezeichnet. Der DTK sucht auch
die Kandidat*innen der prokurdischen BDP (Bar?s ve Demokrasi Par-
tisi; Partei für Frieden und Demokratie) für das türkische Parlament
aus, welche im Gegenzug "Demokratische Autonomie" für die Türkei
fordert, in einer Art Kombination von repräsentativer und
direkter Demokratie. Dem föderalen Modell folgend schlägt
sie die Etablierung von ungefähr 20 autonomen Regionen
vor, die sich in Belangen von "Bildung, Gesundheit, Kultur,
Landwirtschaft, Industrie, sozialen Einrichtungen und Si-
cherheit, Frauenfragen, Jugend und Sport" direkt selbst re-
gieren würden (auf anarchistische und nicht auf Schweizer
Art) mit dem Staat, der weiterhin für "Außenpolitik, Finan-
zen und Verteidigung" zuständig wäre.

Die Soziale Revolution beginnt

Vor Ort hat die Revolution mittlerweile schon begonnen.In
Türkisch-Kurdistan gibt es eine unabhängige Bildungsbe-
wegung mit "Akademien", die Diskussionsforen und Semi-
nare in Nachbarschaften organisieren. Da gibt es die Culture
Street, wo Abdullah Demirbas, der Bürgermeister des Stadt-
teils Sur in Amed, die "Vielfalt der Religionen und Glau-
benssysteme" feiert. Er erklärt, dass "wir damit begonnen
haben, eine Moschee, eine chaldäisch-aramäische katho-
lische Kirche, eine orthodoxe aramäische Kirche und eine jüdische
Synagoge " zu restaurieren. An anderer Stelle berichten Jongerden
und Akkaya, dass "DTP-Gemeinden einen ,mehrsprachigen Gemein-
deservice' initiierten, was erhitzte Debatten lostrat. Straßenschilder
der Gemeinde sind in Kurdisch und Türkisch gehalten und örtliche
Ladenbesitzer*innen folgten diesem Beispiel". Die Befreiung der Frau
wird von den Frauen selbst durch die Initiativen des Frauenrats des
DTK vorangetrieben, indem sie Regeln wie eine 40-Prozent-Gender-
quote in den Versammlungen durchsetzen. Wenn ein Angestellter
des öffentlichen Dienstes seine Ehefrau schlägt, wird sein Gehalt
direkt an das Opfer überwiesen, um ihre finanzielle Sicherheit zu ge-
währleisten. Sie kann das Geld nach eigenem Gutdünken verwenden.
"Falls ein Ehemann in Gewer eine zweite Frau heiratet, geht die Hälf-
te seines Besitzes an die erste Frau.

Es gibt Friedensdörfer, neue oder umgewandelte Gemeinschaften
von Kooperativen, die ihr eigenes Programm völlig außerhalb der
logistischen Einschränkungen durch den kurdisch-türkischen Krieg
umsetzen. Die erste solche Gemeinde wurde im Bezirk Hakkari er-
richtet, angrenzend an den Irak und den Iran, wo "mehrere Dörfer"
sich dem Experiment anschlossen. Im Bezirk Van wurde ein "öko-
logisches Frauendorf" erbaut, um Opfern von häuslicher Gewalt
Zuflucht zu gewähren. Es versorgt sich "mit aller oder nahezu aller
notwendigen Energie" selbst.

Die KCK veranstaltet alle zwei Jahre Treffen mit hunderten von Dele-
gierten aus allen vier Ländern in den Bergen. Dabei steht die Bedro-
hung für den autonomen Süden und Westen Kurdistans durch den
Islamischen Staat ganz oben auf der Agenda. Die iranischen und syri-
schen, der KCK angeschlossenen Parteien PJAK (Partiya Jiyana Azad
a Kurdistanê, Partei für ein freies Leben in Kurdistan) und PYD (Par-
tiya Yekitîya Demokrat; Partei der demokratischen Union) treiben
den demokratischen Konföderalismus ebenfalls voran. Die irakische
KCK-Partei PCDK (Partiya Çareseriya Demokratik a Kurdistan; Par-
tei für eine politische Lösung in Kurdistan) ist relativ bedeutungslos.

Die herrschende gemäßigte Kurdische Demokratische Partei und ihr
Anführer Massoud Barzani, Präsident von Irakisch-Kurdistan, ent-
kriminalisierte sie erst vor Kurzem und beginnt sie nun zu tolerieren.
In der nördlichsten Bergregion in Irakisch-Kurdistan, wo die meis-
ten PKK- und PJAK-Kämpfer*innen leben, erblühen radikale Litera-
tur und Versammlungen unter der erneuten Einbeziehung der vielen
Kurd*innen aus den Bergen, nach Jahrzehnten der Vertreibung. In
den letzten Wochen sind diese Aktivist*innen von den nördlichsten
Bergen heruntergekommen, um Seite an Seite mit den irakischen
Peschmerga gegen die ISIS zu kämpfen. Sie haben 20.000 Jesid*innen
und Christ*innen aus den Bergen von Sinjar gerettet und wurden von
Barzani besucht, der sich in aller Öffentlichkeit bei ihnen bedankte
und ihnen seine Solidarität aussprach, was einen Gesichtsverlust für
die Türkei und die USA bedeutete.

Die syrische PYD ist dem Beispiel Türkisch-Kurdistans bei der revo-
lutionären Transformation der autonomen Regionen gefolgt, die seit
dem Ausbruch des Bürger*innenkriegs unter ihrer Kontrolle stehen.
Nach "Verhaftungswellen" unter der ba'athistischen Repression, mit
"10.000 inhaftierten Menschen, unter ihnen Bürgermeister*innen,
lokale Parteivorsitzende, Abgeordnete, Kader und Aktivist*innen
[...], vertrieben kurdische PYD-Kräfte das Baathregime in Nordsyri-
en (bzw. Westkurdistan) [und] lokale Räte tauchten plötzlich überall
auf". Es entstanden improvisierte Selbstverteidigungskommittees,
um "Sicherheit nach dem Zusammenbruch des Ba'athregime" zu
gewährleisten und "die erste die kurdische Sprache unterrichtende
Schule" wurde errichtet, während die Räte für die gerechte Vertei-
lung von Brot und Treibstoff sorgten.

Im türkischen, syrischen und, in einem geringeren Ausmaß, im ira-
kischen Kurdistan haben Frauen nun die Möglichkeit, den Schleier
abzulegen, und sie werden stark dazu ermutigt am sozialen Leben
teilzunehmen. Alte, feudale Verbindungen werden aufgebrochen, die
Menschen sind frei, einer Religion ihrer Wahl oder keiner zu folgen
und ethnische und religiöse Minderheiten leben friedlich miteinan-
der. Wenn sie in der Lage sind das neue Kalifat aufzuhalten, könnte
die PYD-Autonomie in Syrisch-Kurdistan und der KCK-Einfluss in
Irakisch-Kurdistan eine noch tiefgreifendere Explosion von revolu-
tionärer Kultur und revolutionären Werten bewirken. Am 30. Juni
2012 hat jetzt auch das Nationale Koordinierungskommittee für einen
demokratischen Wechsel (National Coordination Committee for De-
mocratic Change; NCB), die breitere revolutionäre, linke Koaliation
in Syrien, von der die PYD die größte Gruppe darstellt, "das Projekt
der Demokratischen Autonomie und des Demokratischen Konföde-
ralismus als ein mögliches Modell für Syrien" angenommen.

Die kurdische Revolution vor dem IS verteidigen

In der Zwischenzeit hat die Türkei damit gedroht, in kurdische Ge-
biete einzufallen, falls "Terrorlager in Syrien errichtet werden", weil
hunderte KCK-Kämpfer*innen (einschließlich der PKK) aus Kurdis-
tan die Grenze überqueren, um Rojava (kurdisch für Westen) vor den
Angriffen des Islamischen Staates zu verteidigen. Die PYD behaup-
tet, dass die moderate islamistische Regierung der Türkei sich schon
in einem Stellvertreterkrieg gegen sie befi ndet, indem sie die Reise
internationaler Dschihadisten über die Grenze erleichtert, die mit
den Islamisten kämpfen wollen. In Irakisch-Kurdistan rief Barzani,
dessen Kämpfer*innen in den 1990er Jahren im Austausch für den
Zugang zu den westlichen Märkten an der Seite der Türkei gegen
die PKK kämpft en, nach einer "kurdischen Einheitsfront" in Syrien,
einschließlich einer Allianz mit der PYD. Barzani vermittelte 2012
das "Abkommen von Erbil", das zur Gründung des Kurdischen Nati-
onalrats führte. PYD-Anführer Salih Muslim bekräftigte, dass "alle
Teilnehmer*innen ernsthaft und entschlossen sind, um weiterhin zu-
sammenzuarbeiten".

Auch wenn das Studium und die Umsetzung libertär-sozialistischer
Ideen unter der KCK-Führung und ihrer Basis unzweifelhaft eine po-
sitive Entwicklung ist, bleibt es immer noch abzuwarten, wie ernst es
ihnen damit ist, ihre blutige, autoritäre Vergangenheit hinter sich zu
lassen. Der kurdische Kampf um Selbstbestimmung und kulturelle
Souveränität bilden einen silbernen Streif in den dunklen Wolken,
die sich über dem Islamischen Staat und den blutigen Kriegen zwi-
schen Islamismus, Ba'atismus und religiösem Sektierertum zusam-
menballen, die überhaupt erst zur Entstehung des IS geführt haben.
Eine fortschritt liche und säkulare pankurdische Revolution mit li-
bertär-sozialistischen Elementen, die die irakischen und syrischen
Kurd*innen vereint und die türkischen und iranischen Kämpfe wie-
derbelebt, könnte immer noch eine mögliche Perspektive sein. In der
Zwischenzeit schulden jene von uns, die der Idee der Zivilisation
einen Wert beimessen, den Kurd*innen Dank. Sie bekämpfen Tag
und Nacht die Dschihadisten des islamistischen Faschismus an den
Fronten in Syrien und des Irak und verteidigen radikaldemokratische
Werte mit ihren Leben.

"Die Kurd*innen haben keine Freund*innen, außer den Bergen."
(kurdisches Sprichwort)

Rafael Taylor ist ein libertärer Sozialist und selbständiger Journalist, der in Mel-
bourne lebt. Er ist auch Moderator des "Floodgates Of Anarchy"-Podcasts, Mitglied
der ASF-IAA (Anarcho-Syndicalist Federation - Internationale ArbeiterInnen-As-
soziation) und Vorsitzender der Left Libertarian Alliance Melbourne.

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INFOS & HINTERGRÜNDE !

Demokratische Autonomie in Nordkurdistan - Rätebewegung, Ge-
schlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis - Eine Erkundungs-
reise in den Süden der Türkei ISBN 978-3-941012-60-8
Online lesen: demokratischeautonomie.blogsport.eu

Vom Marxismus zu Kommunalismus und Konföderalismus: Bookchin
und Öcalan http://civaka-azad.org/vom-marxismus-zu-kommunalis-
mus-und-konfoederalismus-bookchin-und-oecalan/

Bookchin wird in unserem revolutionären Kampf weiterleben - Nach-
ruf der PKK
http://www.de.anarchopedia.org/Nachrufe_auf_Murray_Bookchin
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