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(de) FdA-IFA - Gai Dao #45 - Zur Psychologisierung von Nationalismus Von: Gruppen gegen Kapital und Nation

Date Wed, 01 Oct 2014 18:17:19 +0300


Traurig aber wahr: Die Welt ist voll von Nationalist*innen: Zeitungskommentare sind ein einziges Einfordern eines bestimmten Handelns der Regierung zum Wohle der Nation, offene und versteckte Gewalt aus nationalistischer Überzeugung gegen Migrant*innen ist alltäglich, Menschen opfern für die Gründung von Nationalstaaten ihr Leben und bei Sport-Weltmeisterschaften wird die Gelegenheit genutzt, das eigene Zwangskollektiv abzufeiern - und damit die knallharte und zerstörerische Konkurrenz zwischen den Ländern auf dieser Ebene selbstbewusst national-identitär weiterzuführen. Gründe zum Kotzen und Verzweifeln gibt es von daher also mehr als genug - und die Frage, warum so viele Leute mit nationalistischer Einstellung herumlaufen, liegt nahe. In diesem Artikel sollen zwei Antworten, die sich auf die Psychologie richten, kritisiert werden.

Wenn Nationalismus in der demokratischen Öffentlichkeit zur Spra-
che kommt, liegt meist eine Unterscheidung zu Grunde, die teils auch
extra benannt wird. Patriotismus sei die gute, gesunde Parteilichkeit
für die eigene Nation, Nationalismus dagegen der schlechte, über-
steigerte Fanatismus. Sachlich betrachtet ist diese Gegenüberstellung
unbegründet. Tatsächlich macht Patriotismus und Nationalismus
inhaltlich dasselbe aus, nämlich das prinzipielle Dafür-Sein für das
Kollektiv, dem man angehört, obwohl man es sich nicht ausgesucht
hat1. Der Unterschied besteht tatsächlich in der Radikalität oder
Ausprägung dieses Dafürhaltens. Wie sollte aber dieselbe Grundein-
stellung einmal lobenswert und gut, bei stärkerer Ausprägung aber
schlecht und verkehrt sein?

Oft wird das begründet damit, dass Patriotismus die Liebe zu den
Seinen, Nationalismus der Hass auf die anderen wäre. Da der Unter-
schied zwischen beiden aber nur ein gradueller ist, gehört schon zum
Patriotismus sowohl die Aufwertung der eigenen Nation als auch die
Herabsetzung von dem, was nicht dazugehört. Die Herabsetzung und
damit die praktische Tätigkeit gegen die Nichtdazugehörigen ist im
Patriotismus angelegt. Parteilichkeit für etwas heißt, dass man das
davon Abgegrenzte in einem schlechteren Licht sieht.

Dass die Gegenüberstellung von Patriotismus und Nationalismus
keine inhaltliche Grundlage hat, sieht man daran, dass nationalis-
tische Taten in der Öffentlichkeit nicht in ihrem politischen Gehalt
kritisiert werden, sondern ersatzweise z. B. mit dem Pauschalurteil
"Extremismus" belegt werden. Einerseits werden die unerwünschten
Auswirkungen von Nationalismus erkannt und teils auch benannt
(auch wenn Gewalt von Rechts oft nicht oder nicht als solche be-
nannt wird). So war z. B. im Fall des NSU nicht zu leugnen oder tot-
zuschweigen, dass Faschist*innen Menschen gezielt umgebracht ha-
ben. Andererseits wird die politische Motivation an nationalistischen
Gewalttaten nicht gesehen. Ihnen wird nicht nur die Rechtmäßigkeit
abgesprochen, sondern dass sie durch ihre Gewalt überhaupt einen
politischen Willen äußern. Wird dieser aber einmal in seinem Inhalt
betrachtet, stellt sich heraus, wie er aus der erwünschten und verbrei-
teten Bejahung der hiesigen Verhältnisse hervorgeht. Die entgegen-
gesetzte Bewertung von Patriotismus und Nationalismus folgt also
nicht einer Untersuchung, was beides ist, sondern resultiert aus dem
Interesse, die unerwünschten Resultate von der zu Grunde liegenden
Einstellung zu trennen. Diesem Interesse kommt eine Wissenschaft
namens Psychologie zur Hilfe.

In der Psychologie ist das wesentliche Grundparadigma, Fühlen,
Denken und Handeln nicht als Ausdruck geistig selbständiger Sub-
jekte zu verstehen, sondern als hervorgebracht von äußeren und in-
neren Faktoren. Psychologie setzt sich zum Ziel, Erleben und Verhal-
ten zu erklären. Dabei geht sie nicht von der freien Willenstätigkeit
aus, sondern davon, dass das Erleben und Verhalten gesetzmäßig
hervorgebracht sind. Der Anspruch nach Gesetzen wird zwar neu-
erdings ganz postmodern zurückgenommen, um sich stattdessen mit
Korrelationen, also gemeinsamem Auftreten von bestimmten Bedin-
gungen und bestimmtem Verhalten und dazu passenden Modellen zu
begnügen. Hinter diesem Erfassen von Korrelationen steht aber wei-
terhin die Ursache-Wirkungs-Hypothese. Erleben und Verhalten sei
nicht Resultat einer geistigen Verarbeitung, in der die Subjekte frei
sind, sondern hervorgebracht aus Ursachen. Dazu ein Beispiel: Wenn
es in der Psychologie um Motivation geht, dann typischerweise nicht
als die bestimmten, begründeten Zielsetzungen, die Individuen ver-
folgen und die sich aus der jeweiligen Verarbeitung der Welt ergeben.
Stattdessen wird davon abgesehen und z.B. in Kategorien wie "intrin-
sische" und "extrinsische" Motivation weitergedacht. An solcherart
Kategorien wird versucht Regelhaftigkeiten festzustellen. Dabei ist
unterstellt, dass die willkürlich bestimmten Kategorien Verhalten
schematisch hervorbringen.

Es treffen sich dementsprechend Öffentlichkeit und Psychologie,
wenn die praktischen Resultate der nationalistischen Einstellung
als missliebig angesehen werden, von den ihnen zu Grunde liegen-
den Gedanken aber abgesehen werden soll. Praktisch läuft das so,
dass Psycholog*innen die Fragestellung unter dem oben genannten
Schema aufnehmen, um ihren Beitrag zum "Verständnis" dieses leidi-
gen Phänomens beizutragen; die Resultate dieser Forschung werden
dann gerne in Büchern und Zeitungen populär aufbereitet wieder-
gegeben. Dabei ist eine Abstraktion typisch: Bei Gewalttaten von
Neofaschist*innen wird die Gewalt genommen und als Äußerung
von Aggression behandelt. Dass die Gewalt gezielt gegen bestimmte
Menschen ausgeübt wird, ist bei der wissenschaftlichen Behandlung
nicht von Interesse. Es wird stattdessen "dem Menschen" ein Potenti-
al zur Aggression zugeschrieben - und dann entweder gefragt, wel-
che Bedingungen das Potential auslösen oder umgekehrt, wodurch es
an der Auslösung gehindert wird.

Dass Menschen zu Gewalt fähig sind, ist offensichtlich - z.B. wenn
Staatsagenten Gesetze oder andere staatliche Anliegen per Gewalt
durchsetzen2. Der Rückschluss auf ein angebliches Potential erklärt
aber nichts, schließlich macht dieses Potential selbst nichts außer Po-
tential zu sein für das, was erklärt werden soll. Und empirisch gefun-
den wurde es bisher auch noch nicht (und wird es auch in Zukunft
nicht). Im Resultat werden dann immer wieder verschiedene Faktoren
postuliert, die das Aggressionspotential zur Äußerung veranlassen:
Frustration durch Schule oder Arbeitsmarkt, vernachlässigende Er-
ziehung, mangelnde Emotionsregulation, gestörte
Neurotransmitter usw. Solche Pseudo-Erklärungen
nennen allenfalls Anlässe und begleitende Umstände,
wenn Leute ihre Vorstellungen in die Tat umset-
zen. Vor allem ersetzen sie aber in der Öffentlichkeit
die tatsächliche Erklärung, aus der hervorgeht, warum
Leute bestimmte Menschen als Schaden für die Nation
sehen und dass sie deswegen gegen sie vorgehen. An-
statt dieser Frage stellt sich die Psychologie
dann tatsächlich eine andere Frage: Welche Umwelt-
und Psychofaktoren bringen das unerwünschte Verhalten hervor?
Diese Fragestellung impliziert, dass rechte Gewalt eigentlich nicht
sein müsste; es handelt sich demnach um eine Abnormität. Dass sie
systematisch aus der verbreiteten Geisteshaltung erwächst, ist damit
durchgestrichen.

Eine etwas andere Frage als die der demokratischen Öffentlichkeit
nach der abweichenden Gewalt wird in der Theorie des autoritären
Charakters gestellt und beantwortet.

Psychologisierung von links: Autoritäre Charaktere

Das Ausbleiben der Revolution im Westen nach dem Ersten Welt-
krieg und die sich radikalisierende Begeisterung für die Nation in
völkischen und faschistischen Bewegungen veranlasste in den 1920er
Jahren einige linke Psychoanalytiker zu der Frage nach den Gründen
für diese beängstigenden Entwicklungen. Dabei waren zwei Überle-
gungen zentral: Erstens, dass die Lohnabhängigen mit ihrem Eintritt
für Nation und Krieg im Resultat Schaden von beidem haben, also
mit ihrem Handeln ihren eigenen Schaden hervorbringen. Zweitens,
dass sich ein bestimmtes Verständnis des Marxismus in der Realität
nicht bestätigt, nämlich die Vorstellung, dass das Proletariat notwen-
digerweise aus seiner ökonomischen Lage ein Interesse entwickelt,
die Verhältnisse umzuwerfen. Aus beidem zogen sie den Schluss, dass
es einen "subjektiven Faktor" gibt, der die Leute bei Kapitalismus und
Vaterland begeistert mitmachen lässt.

Dieser subjektive Faktor sah nun aber nicht so aus, dass die Leute
der schlichten wie falschen Überzeugung sind, dass das Vaterland
eine tolle Gemeinschaft sei, zu der man qua Natur gehöre und für
die zu placken und sterben eine Ehre sei. Aus den zwei genannten
Überlegungen folgte für die linken Psychoanalytiker und in der Folge
für die Kritische Theorie in Frankfurt, dass es eine bestimmte tie-
fenpsychologische Disposition für die Befürwortung von vaterlän-
discher Herrschaft geben müsse. Aus der Kritik an einer verkehrten,
deterministischen Auffassung von einer angeblichen geschichtlichen
Notwendigkeit, nach der das Proletariat zur Revolution strebe, folgt
jedoch nicht das Insistieren auf
tiefenpsychologisch verborgene
Triebkräfte, die die Leute bei der
jeweiligen Herrschaft mitma-
chen lassen. Um den verkehrten
Determinismus zu widerlegen,
bedarf es nur der Feststellung,
dass es letztlich Sache der Leute
ist, wie sie sich geistig und dem-
entsprechend praktisch zur Welt
stellen. Darin sind die Menschen
frei (- was nicht heißt unbeein-
flusst). Auch dass Leute objektiv
gesehen zu ihrem Schaden han-
deln, bedeutet nicht, dass ihr
Handeln aus unbewussten Trieb-
kräften folgt. Es ist ja nicht so,
dass Nationalisten*innen als Arbeiter*innen z.B. ihren Schaden nicht
wahrnehmen würden. Das Opfer durch die Arbeit wird ja gerade
hochgehalten als Pflichterfüllung für die Gemeinschaft. Wenn Leute
Gründe für ihr Handeln haben und in ihnen keine Widersprüchlich-
keit sehen, ist der Schluss auf dahinter versteckte unbewusste Grün-
de aus der Luft gegriffen.

Die Theoretiker*innen des autoritären Charakters interessierten sich
aber für die offensichtlichen Gründe, warum die Leute mitmachen,
nicht. Sie konstruierten stattdessen ein Passungsverhältnis zwischen
Herrschaft und Freud'scher Psychostruktur. Bei dieser Konstrukti-
on wird auf der Seite der nationalstaatlich verfassten Herrschaft von
fast allem abgesehen, was sie ausmacht - z. B. ihr Zweck der Reich-
tums- und damit Machtvermehrung und wie die Bürger*innen darin
vorkommen. Auf der Seite der "Untertanen" wird dann entsprechend
nur das Untertänigsein gesehen und nicht die Vorstellungen, in der
sich die Leute auf die bestimmte Herrschaft beziehen und wie sie
ihr Mitmachen begründen. Stattdessen seien sie geleitet von ihren
sadistischen und masochistischen Trieben, die ihnen nicht bewusst
sind. Die Unterwerfung biete ihrem Masochismus Befriedigung, die
Herabsetzung der Schwachen (Frauen, Nichtarbeitsfähige) ihrem Sa-
dismus.

Der autoritäre Charakter soll dabei nicht eine Karikatur eines ty-
pisch-konservativen Nationalisten sein. Dass eine nationalistische
Einstellung tatsächlich in den Charakter eingeht, insofern sich Teile
des Gefühlslebens wie Wut, Stolz und Scham auf Feinde, Erfolg und
Misserfolg der Nation beziehen, ist mit diesem Konzept nicht gemeint.

Bei einem solchen Charakter ist das Gefühlsleben nämlich Ausdruck
und Folge der verfestigten vaterländischen Einstellung. Das Konzept
des autoritären Charakters soll dagegen die Erklärung für das Ent-
stehen ebendieser Einstellung sein. Da ist es so, dass aus angeblichen
Trieben und dem Über-Ich die Einstellung folgt. Das muss nicht hei-
ßen, dass diese tiefenpsychologische Disposition überzeitlich kons-
tant ist. Fromm & Co. geben sich viel Mühe, sie für ihre Epoche spe-
zifisch zu machen, indem sie sie aus der bürgerlichen Kleinfamilie
ableiten. Die Kritische Theorie liefert so eine Entschuldigung für das
Mitmachen, denn die herrschenden Verhältnisse bringen determinis-
tisch die zu ihnen passenden Untertanen hervor. Die psychoanalyti-
schen Konzepte, die sie heranzieht, und ihre Verallgemeinerungen
über die kleinbürgerliche Familie sind dabei mehr als fraglich.

Die Frage, warum die Welt voll von Nationalist*innen ist, kann man
natürlich stellen. Dann kommt man schnell darauf, dass Nationalis-
mus die herrschende Ideologie ist, also an vielen Ecken und Enden
explizit und implizit vertreten und vermittelt wird. In der Schule
ist z. B. im Sozialkundeunterricht das Wohlergehen Deutschlands
das zentrale Kriterium. In den Nachrichten interessieren sich die
Moderator*innen beim Flugzeugunglück vor allem für die deutschen
Opfer. In der Familie bekommen Kinder mitgeteilt, dass sie sich bes-
ser an angeblich lernförderliche deutsche Spielkamerad*innen halten
sollen; usw. Entsprechend der Verbreitung dieser staatsbejahenden
Einstellung kann es auch schwierig sein, Zweifel an ihr gedanklich
zu verfolgen oder gar anzumelden. Oftmals begibt man sich damit
in Opposition zum persönlichen Umfeld. Nation zu begreifen als das
scheiß Zwangskollektiv, das es objektiv ist, kann bedeuten, sich in
dieser Hinsicht gegen Lehrer*innen oder gar Freund*innen zu stellen.

Solche Antworten interessieren in der hochkomplexen Kritischen
Theorie zum subjektiven Faktor allerdings nicht. Sie will auf was an-
deres hinaus: auf Wirkkräfte hinter dem Bewusstsein. Dazu bedient
sie sich kaum zu widerlegenden psychoanalytischen Annahmen. Da
sie gar nicht Nationalismus selbst zum Thema hat, sondern ein Ver-
hältnis zwischen Psychostruktur und Herrschaft konstruiert, kommt
sie auch zu keiner Kritik des Nationalismus. In der Voreingenom-
menheit ähnelt sie den oben dargestellten psychologischen Erklä-
rungen von rechter Gewalt. Bei diesen steht unbegründet fest, dass
Nationalismus (der zur Tat schreitet) nur ein unpolitischer, abnormer
Fanatismus sein kann. Beim autoritären Charakter steht unbegrün-
det fest, dass patriotisches Mitmachen keiner bewusst begründeten
Einstellung folgen kann. Deswegen wird von ihr auch kein einziges
Argument genannt, mit dem Leute, die ihre Nation für eine vortreffli-
che Gemeinschaft halten, vom Gegenteil zu überzeugen wären. Darin
kann man einen Mangel sehen. Der Fehler der Theorie des autoritä-
ren Charakters besteht darin, die Menschen nicht als vernunftbegab-
te Subjekte zu nehmen, die nach ihrem Willen handeln.

1 Hier soll jetzt nicht weiter ausgeführt werden, was Nationalismus ausmacht und
welche falschen Vorstellungen darin vorkommen.

2 Dass das ebenso Gewalt ist, die unter die Aggressionstheorien fallen müss-
te, darin aber überhaupt nicht vorkommt, verrät die Voreingenommenheit der
Psychologen*innen für die hiesigen Verhältnisse. Die Gewalt der staatlichen
Ordnung interessiert sie offenbar nicht, obwohl sie ja ebenso unter die Abstrak-
tion "Äußerung von Aggression" fällt. Damit zeigt sie, dass es ihr um offiziell
erwünschtes Verhalten geht.
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