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(de) FDA/IFA, Gai Dào #47 - Gustav Landauers Stellung zum Weltkrieg von: Jan Rolletschek

Date Sun, 30 Nov 2014 11:57:33 +0200


Aus seinen Publikationen und Korrespondenzen. Vor dem Krieg, im "sogenannten Frieden" (Teil1.2) Dies ist die Fortsetzung eines Artikels, der in der Gai Dào Nr. 46 begonnen wurde. ---- Jedes Gemeinwesen ist gekennzeichnet durch eine spezifische Verteilung der Macht, die immer die Macht der Menge der Einzelnen ist. 1 Diese kollektive Macht existiert in unterschiedlichen Formbestimmtheiten und Aggregationen; sie kann unterschiedlich verfasst oder instituiert sein. Die Macht der Menge kann die gemeinsame Macht eines freien Gemeinwesens sein, das sich die Einrichtungen seiner Selbstbestimmung geschaffen hat. Sie kann aber auch, kommandiert als lebendige Arbeit durch die stets schlagfertige Macht des Kapitals, gezwungen sein, in einer Weise zu handeln, die ihre eigene Unterwerfung mit jeder ihrer Bewegungen vertieft; sie kann, organisiert und befehligt als Staatsapparat, eingesetzt werden gegen einen anderen Staat und sich gegen jede*n Einzelne*n richten, deren oder dessen Körper sich ihr widersetzt oder entzieht.

Die Einrichtungen des Kaiserreichs waren derart, dass diese Macht
sich mehrfach konzentrierte: in Preußen, im Herrwesen, welches
parlamentarischer Kontrolle weitgehend entzogen blieb, im Bun-
desrat und dem Amt des Kanzlers, vor allem aber in der Person des
Kaisers, der zugleich König von Preußen und Oberbefehlshaber der
Streitkräfte war. Doch auch noch die Macht des Kaisers war letztlich
keine andere als nur "die Macht der Menge, die wie von einem Geist
geleitet wird" 2 . Mehr als irgendwo sonst in Europa zu jener Zeit war
dies in Deutschland der Geist der Gesetze, des Gehorsams, des Mili-
tarismus und des Drängens zur "Weltpolitik".
Gustav Landauer versuchte auf diesen Geist zu wirken und einen
gemeinsamen Geist anderer Art aufstehen zu lassen, worin die Men-
ge der Vielen sich neu und anders, und in einer Weise konstituieren
würde, die all dem entgegen war. Das Fernziel seiner Bestrebungen,
für das auch nur im Nu des Augenblicks sich handeln ließ, war und
blieb der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft durch die Über-
nahme vitaler Organisations- und Reproduktionsfunktionen, durch
den möglichst weitgehenden Austritt aus Staat und kapitalistischer
Wirtschaft, die Gründung von Konsum- und Produktionsgenossen-
schaften, von freien Schulen und sozialistischen Siedlungsprojek-
ten. 3 Wirklicher Friede war nur möglich als "positive Organisation
der Freiheit und Gerechtigkeit" 4 ; in der Welt der Staaten konnte es
bestenfalls ein prekäres Gleichgewicht der Drohungen geben. 5
Doch der Krieg rückte schneller heran, als diese langwierige Arbeit
des Aufbaus sich anließ. Was die nähere Notwendigkeit anbetraf, im
richtigen Augenblick kriegsverhindernd "in die diplomatischen Hän-
del" (36) der Regierungen einzugreifen, blieb zu ihr nicht genügend
Zeit. Kurzfristig aufzubauen war deshalb die tatsächliche organisato-
rische Fähigkeit zum präventiven Massenstreik, und der hauptsäch-
liche Adressat, "die entscheidende Gemeinschaft" (35) dieser Aufga-
be, war das Proletariat. ("großer Block" 41)
Generalstreik und Massenstreik in der Diskussion
Im Juli 1911 hatte sich die Lage im Verlauf der zweiten Marokkokrise
abermals bedrohlich zugespitzt. Wieder stellte sich die Sache so dar,
dass die Allermeisten über ihr Geschick nicht selbst entscheiden soll-
ten. Vielmehr hatten sie es schon getan, indem sie ihre Macht dem
[1] Weil alles in der "Substanz" (der Identität aller Ursachen und Wirkungen) ist, ist jedes Einzelding, und so auch jeder Mensch, bewirkt und wirkend zugleich. Die
Wirkmacht eines jeden Menschen ist ihm oder ihr also wesentlich und nie gänzlich veräußerbar. Vgl. Gai Dào Nr. 46 und Spinozas Brief Nr. 50 in einer beliebigen Aus-
gabe. [2] Baruch de Spinoza, Politischer Traktat, Kap. III, § 7. Ich zitiere die Werke Spinozas mit der übl. Kennzeichnung und im Text: Politischer Traktat (TP), Ethik
(E), Theologisch-politischer Traktat (TTP). [3] Eben "weil das Recht des Gemeinwesens durch die gemeinsame Macht der Menge definiert wird, verringert sich sicherlich
dessen Recht, d.h. dessen Macht, in dem Maße, in dem es selber Veranlassung gibt, daß viele sich [gegen es empören und] zusammentun" (TP III, § 9), um andere Zwecke
zu verfolgen. Eine frühe Formulierung dieses Prinzips der ,inneren Kündigung', des Entzugs und der Verweigerung, die eigene Unterwerfung mitzubetreiben, findet Lan-
dauer bei Étienne de La Boétie (1530-1563), dessen Essay Von der freiwilligen Knechtschaft er sogar als den "Mikrokosmos der Revolution" bezeichnet. Mit Spinoza aber
muss Landauer, über die Negation und den bloßen Entzug La Boéties hinausgehend, nach der Positivität eines Bleibens fragen: Entzug wohin; wo sich aufhalten und wie
sich erhalten? Vgl. Landauer, Die Revolution, Münster 2003, S. 95f. Daher überall Landauers Emphase des sofortigen "Aufbaus" der sozialistischen Gesellschaft, der die
bestehende staatlich-kapitalistische erst nachhaltig zerstört, indem er sie überall innerlich zersetzt und zugleich ersetzt. [4] Gustav Landauer, Rechenschaft, Berlin 1919,
S. 138. Diesen Band zitiere ich im Weiteren ungekennzeichnet im Text. [5] Vgl. hierzu Gai Dào Nr. 46 und Landauers Schrift Die Revolution (1907) , worin er das Prinzip
transindividueller Durchdringung auf gesellschaftlicher Ebene als das Prinzip föderativer "Durcheinanderschichtung" bespricht.[??] Gai Dào
N°47 - November 2014
Reichstag oder der Gewerkschaftsbürokratie übertragen hatten, um
selbst abzudanken, und sie taten es mit jedem Moment, den sie sich
nicht auf ihre Macht besannen und sich die wirklichen Einrichtun-
gen ihrer Selbstbestimmung schufen. (vgl. 30ff)
Eine Serie von großen Streiks seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat-
te der Diskussion um Generalstreiks und politische Massenstreiks zu
jener Zeit neuen Auftrieb verliehen. Die Leute, die Arbeiter*innen,
schienen aus ihrer Abwesenheit zurückkehren zu wollen. Sie ver-
suchten, über ihre Körper selbst zu bestimmen, die Kontrolle ihrer
eigenen Bewegungen an sich zu reißen. Unter dem Eindruck der
Ereignisse in Barcelona vom Februar 1902 hatte Siegfried Nacht die
Propaganda für den "sozialen Generalstreik" aufgenommen 6 , und
Raphael Friedeberg forcierte die Debatte seit 1903 innerhalb der SPD. 7
Als Rosa Luxemburg ihre Agitation für den "politischen Massen-
streik" als Mittel im Wahlrechtskampf seit 1905 unter dem Eindruck
der russischen Revolution besonders energisch zu betreiben begann,
hatte sie alle Mühe, diese Taktik gegenüber der parlamentarismus-
kritischen und anarchistischen Agitation für den Generalstreik ab-
zugrenzen. 8
Die seit 1892 bestehende Generalkommission der Gewerkschaften
Deutschlands wollte jedoch weder vom politischen Massenstreik
noch vom sozialen Generalstreik etwas wissen. Der zentrale Gewerk-
schaftskongress in Köln verwehrte sich entsprechend 1905 in einer
Resolution gegen derartige Neigungen in Teilen der Arbeiterschaft.
Stattdessen riet er "der organisierten Arbeiterschaft, solchen Versu-
chen energisch entgegenzutreten" und sich ganz in die "täglich[e]
Kleinarbeit zur Stärkung der Arbeiterorganisation" zu vertiefen. Der
Jenaer Parteitag der SPD desselben Jahres hingegen zog die "Mas-
senarbeitseinstellung" als "eines der wirksamsten Kampfmittel" in
Betracht, um Angriffe auf das allgemeine und gleiche Wahlrecht "ab-
zuwehren" oder dieses gegebenenfalls erst "zu erobern" und begab
sich damit in Gegensatz zur Generalkommission der Gewerkschaften
Deutschlands. 9 Doch schon ein Jahr darauf musste die SPD-Führung
auf dem Mannheimer Parteitag (1906) die faktische, den Mitglie-
derzahlen von Partei (< 400.000) und Gewerkschaften (ca. 2 Mio.)
geschuldete Machtstellung der Gewerkschaftsleitung formal aner-
kennen. Im Gegenzug gab die Generalkommission ihre kategorische
Ablehnung des Massenstreiks auf, behielt sich ein Vetorecht jedoch
vor. Auch unter dem Eindruck der Niederlage der russischen Revolu-
tion wurde somit das Kampfmittel des politischen Massenstreiks de
facto eingeschläfert. 10
Ebenfalls auf dem Mannheimer Parteitag polemisierte August Bebel
gegen den Massenstreik auch als Antwort auf den Ausbruch eines
29
europäischen Krieges 11 , und wieder 1907 zusammen mit Georg v.
Vollmar auf dem Stuttgarter Kongress der II. Internationale. Gus-
tav Hervé - zu jener Zeit noch Antimilitarist - hatte "Generalstreik
und Insurrektion des Proletariats als einzige Antwort auf einen
Kriegsausbruch" vorgeschlagen und die französischen Sozialisten
Jean Jaurès und Edouard Vaillant verteidigten diesen Vorschlag als
ein letztes mögliches Mittel. Bebel indes hielt ein solches Vorgehen
in Deutschland für "unmöglich und indiskutabel"; gemeinsam mit
Vollmar hob er "die kulturelle Bedeutung des nationalen Gedankens"
hervor und setzte noch hinzu, dass "die beim Ausbruch eines Krieges
entstehende Erregung weite Bevölkerungskreise erfasse und die Op-
position gegen die Entfaltung der Landesverteidigung in eine äußerst
schwierige Lage bringe." Die Kapitulation der SPD vom August 1914
hatte er damit bereits 1906 und wieder 1907 antizipiert. Als Ergebnis
des Kongresses blieb in dieser Frage eine äußerst allgemein gehalte-
ne vor allem durch Bebel verfasste Resolution, die eher abwartend
und fatalistisch verlautbarte, dass Kriege nun einmal "im Wesen den
Kapitalismus" liegen und "erst aufhören [werden], wenn die kapita-
listische Wirtschaftsordnung beseitigt ist oder wenn die Größe der
durch die militärtechnischen Opfer an Menschen und Geld und die
durch die Rüstungen hervorgerufene Empörung die Völker zur Be-
seitigung dieses Systems treibt." Lediglich ein durch Lenin, Martoff
und Luxemburg beantragter Zusatz hielt fest, dass beim drohenden
"Ausbruch eines Krieges" alles aufzubieten und die "am wirksamsten
erscheinenden Mittel [zu ergreifen seien] den Ausbruch des Krieges
zu verhindern". 12 Konkrete Maßnahmen wurden nicht verabredet.
Ein ähnliches Bild boten die Kongresse in Kopenhagen (1910) und Ba-
sel (1912).
Propaganda für den "freien Arbeitertag"
Als Landauer Mitte Juli 1911 auf die Marokkokrise reagiert, bleibt
sein Appell an den deutschen "Michel, (...) so intensiv zu denken, daß
du's (...) auch ein wenig in Füßen und Händen spürst" (34), noch allge-
mein; aber schon Anfang September richtet sich die Gruppe "Arbeit"
des Sozialistischen Bundes in dessen Zeitschrift Der Sozialist 13 und
zugleich per Flugblatt direkt an die Deutschen Arbeiter: "Arbeiter der
Industrie, des Handels und des Transports! Wenn es sich um Mas-
senaktionen handelt, kann man sich nur an euch wenden." (35) Um
konzertierte Massenaktionen handelte es sich allerdings, nur sollten
sie weder in den Dienst der Parlamentarismus gestellt werden, wie
der linke Flügel der SPD dies propagierte, noch erwartete sich Lan-
dauer vom massenhaften Streik über kurz oder lang das Kunststück
der sozialen Revolution, wie es den Anhängern der syndikalistischen
[6] Siegfried Nacht, Der Generalstreik und die soziale Revolution, London 1902, vgl. Helge Döhring (Hg.), Abwehrstreik ... Proteststreik ... Massenstreik? Generalstreik!
Streiktheorien und -diskussionen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie vor 1914 - Grundlagen zum Generalstreik mit Ausblick, Lich 2009, S. 106, 108. [7] Vgl.
Döhring 2009, S. 30, 78, 106. [8] Vgl. insbes. die Polemik im ersten Kapitel ihrer Schrift "Massenstreik, Partei und Gewerkschaften" von 1906 und noch ähnlich ihre Rede
vor der Generalversammlung der Freien Gewerkschaften am 1. Oktober 1910, online unter: www.mlwerke.de/lu/luc.htm. Luxemburg konnte sich auf ähnlich lautende
Vorschläge von Eduard Bernstein (1902) und Karl Liebknecht (1904) und auf vereinzelte Erfolge bei der Anwendung des Massenstreiks zur Erkämpfung eines demokrati-
schen Wahlrechts im Ausland berufen. Vgl. Thomas Meyer u. a., Lern- und Arbeitsbuch deutsche Arbeiterbewegung. Darstellung, Chroniken, Dokumente, 2. Aufl. 4 Bde,
Bonn 1988, Bd. 1, S. 247. [9} In Sachsen war 1896 - um die dortige Entwicklung der Sozialdemokratie zu dämpfen - das Dreiklassenwahlrecht nach preußischem Vorbild
eingeführt worden, das Arbeiter systematisch benachteiligte, indem es das Stimmgewicht an das Steueraufkommen band. Männer unter 24 und Frauen durften ohnehin
nicht wählen. Im Rahmen der parlamentarischen Strategie war die Erringung des gleichen und geheimen Wahlrechts entscheidend. [10] Nach Meyer u.a., S. 248-254. Vgl.
zum Eklat um die Veröffentlichung der "Geheimverhandlungen" zwischen Generalkommission und SPD in der lokalistischen "Die Einigkeit": Döhring 2009, S. 33f. [11]
Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Mannheim vom 23. bis 29. September 1906, S. 240f, online
unter: http://library.fes.de/parteitage/pdf/pt-jahr/pt-1906.pdf. [12] Nach Meyer u. a. 1988, S. 248 und Max Beer, Allgemeine Geschichte des Sozialismus und der Sozialen
Kämpfe, 7. Aufl., Berlin 1931, S. 583ff. [13] Der Sozialist ist 1909 zunächst mit einer Auflage von 4.000-5.000 Exemplaren erschienen und während einiger Wochen, bis
zum Einschreiten der Politischen Polizei, sogar an Berliner Kiosken zu kaufen; im September 1910 ist die Auflage bereits auf 2000 Exemplare gesunken. Vgl. Ulrich Linse,
Organisierter Anarchismus im Deutschen Kaiserreich von 1871, Berlin 1969, S. 301, sowie: Tilman Leder, Die Politik eines "Antipolitikers". Eine politische Biographie
Gustav Landauers, Lich 2014, S. 458-477. Zahlen für Mitte Juli sind nicht leicht zu ermitteln (?).

Bewegung und den Theoretikern der Freien Vereinigung deutscher
Gewerkschaften (FVdG) vorschwebte. 14
Der Generalstreik galt Landauer nicht als das "Wundermittel, das
den arbeitenden Menschen den Sozialismus bescheren könnte", aber
diese Funktion hatte er allemal: "Der Massenstreik ist das entschei-
dende Mittel, durch das die Arbeiter in den Zeiten der Gefahr (...)
die Regierungen dazu bringen können, ihre Entschließungen nach
dem wahren Willen der Völker zu richten." Solches "entscheidendes
Eingreifen" galt es nunmehr konkret vorzubereiten, anstatt sich nur
ohnmächtig zu entrüsten, zu protestieren oder sich mit der Bitte um
Einberufung des Reichstages an den lieben Kaiser zu wenden. (36f)
Die wieder nur knapp verflogene Kriegsgefahr hatte deutlich gezeigt,
dass die Fähigkeit, den Massenstreik im entscheidenden Augenblick
zu entfesseln, der Vorbereitung bedurfte 15 und dass die Parapolitik
von Gewerkschaftsbürokratie und Reichstag - d.h. die Verschiebung
der kollektiven Macht der Arbeiterschaft auf das Abstellgleis der po-
litischen und ökonomischen Staatsapparate - deren erstes Hindernis
war. Anstatt blind vertrauend auf den unwahrscheinlichen Wink ih-
rer "Vertreter" (38) zu warten, die sie ganz augenscheinlich der Will-
kür der Regierung preisgegeben hätten, sollten die Arbeiter*innen
durch die schnellstmögliche "Veranstaltung eines außerordentlichen
deutschen Arbeitertages" (27), die tatsächliche Fähigkeit zum präven-
tiven Massenstreik nunmehr selbständig ausbilden.
Bevor Landauer am 19. September 1911 auf einer u.a. auf jenem Flug-
blatt beworbenen Veranstaltung zum Thema "Der Krieg - die Re-
gierung - die Selbstbestimmung des Volkes" referieren wird, zu der
immerhin 600 bis 700 Besucher*innen erscheinen, gibt er am 15.9.
im Sozialist, noch während der Jenaer Parteitag im Gange ist, sei-
ne Einschätzung der dortigen Stellungnahmen Bebels zu Protokoll,
die wieder nur darauf hinausgelaufen waren, dass der Massenstreik
"nach Beginn des Krieges" aussichtslos sei. "Davon müsstet ihr re-
den", schrieb Landauer, "was die Arbeiterklasse vorher zu tun hat,
damit keine Regierung den Krieg wage!" Weil aber "diese unfähigen
Beamten" noch stets keinerlei Anstalten dazu machen, seien sie "ih-
res Mandats" nun endlich zu entkleiden, indem die Arbeiterschaft
von ihrem Recht (d.h. von ihrer Macht) Gebrauch macht, "einen au-
ßerordentlichen Arbeitertag vor[zubereiten], der mit frischen Kräften
daran geht, neben die Beschlüsse sämtlicher Regierungen (...) die Ent-
scheidung derer zu setzen, die nicht mehr regiert sein, sondern ihre
Selbstbestimmung üben wollen!" 16 Hier, in diesem doppelten Vorab,
äußert sich erstmals das Besondere der Landauer'schen Auffassung
vom präventiven Massenstreik. Noch bevor das Kriegsrecht greift,
musste er ausbrechen; und dies würde keinesfalls spontan gesche-
hen oder auf Veranlassung der SPD, sondern mit Sicherheit nur durch
die zuvorige Verständigung und die Herstellung der Einigkeit und
Entschlossenheit großer Teile des internationalen Proletariats selbst,
eines Proletariats, mit dem zumindest (!) kein Krieg mehr zu machen
war. 17 Schon am 1. Oktober folgt ein weiterer Artikel in diesem Sin-
ne, und im November desselben Jahres übernimmt der inzwischen
gegründete "Ausschuss für den freien Arbeitertag in Deutschland" 18
den zunächst hunderttausendfachen Druck einer dialogischen Bro-
schüre unter dem Titel "Die Abschaffung des Kriegs durch die Selbst-
bestimmung des Volks. Fragen an die deutschen Arbeiter" 19 , in der
der Zeitpunkt und die Art der Vorbereitung des Präventivstreiks in
ähnlicher Weise verhandelt werden. (42f) Der Einschätzung Bebels
im Prinzip beipflichtend verlegt Landauer den richtigen Augenblick
für die Entfesselung des kriegsverhindernden Massenstreiks noch
vor die Kriegserklärung und den Beginn der Mobilmachung: Bevor
die Befehlsketten abschnurren und der Jubel einsetzt, hatte alles zu
geschehen: "Sowie feststeht, daß eine oder mehrere Regierungen den
Krieg wollen, ist der Augenblick gekommen" (42), "und die Einwän-
de, die man jüngst gegen diesen Generalstreik gehört hat, haben alle
keinen Sinn, weil sie sich alle auf den verpaßten Augenblick bezogen
haben." (43)
Ende von Teil 1.2, Fortsetzung in: Gai Dào Nr. 48.
[14] Im Einzelnen gab es trotz aller Unterschiede auch zahlreiche Gemeinsamkeiten der Auffassungen Landauers mit jenen etwa Rudolf Großmanns (Pierre Ramus),
Raphael Friedebergs oder Siegfried Nachts (Arnold Roller). Vgl. Pierre Ramus, Generalstreik und direkte Aktion im proletarischen Klassenkampfe, Berlin 1910, sowie die
Dokumente in: Döhring 2009. Von Seiten der FVdG erfuhr die nun einsetzende Agitation zur Vorbereitung eines kriegsverhindernden Massenstreiks auch publizistisch
und finanziell die "meiste Unterstützung". Tilman Leder, Die Politik eines "Antipolitikers". Eine politische Biographie Gustav Landauers, Lich 2014, S. 609. [15] Man
durfte nicht vertrauen auf das Wunder der Augenblicksverwandlung 46, so wenig wie auf den unwahrscheinlichenunwahrscheinlichenunwahrscheinlichenunwahrscheinlichenunwahrscheinlichenunwahrscheinlichen ununwahrscheinlichenwahrscheinlichenunwahunwahrscheinlichenrscheinlichenunwahrscheinlichenunwahrscheinlichenWink ununwahrscheinlichenwahrscheinlichenunwahunwahrscheinlichenrscheinlichenunwahrscheinlichenunwahrscheinlichenWink... etc. [16] Gustav ununwahrscheinlichenwahrscheinlichenunwahunwahrscheinlichenrscheinlichenunwahrscheinlichenunwahrscheinlichenWinkLandununwahrscheinlichenwahrscheinlichenunwahunwahrscheinlichenrscheinlichenunwahrscheinlichenunwahrscheinlichenWinkauer, Die Niederlage
von Jena, in: Ders., Siegbert Wolf (Hg.), Antipolitik, Ausgewählte Schriften, Band 3.1, S. 251f. [17] Die Erfahrung dieser Macht hätte wohl noch viel weitergehende Effekte
gehabt. [18] Auch "Syndikalisten, kommunistische und individualistische Anarchisten" arbeiten hier zusammen. Leder 2014, S. 608. [19] Online unter: www.anarchismus.
at/anarchistische-klassiker/gustav-landauer. Zur Verfolgung der Broschüre, die kaum verteilt werden kann vgl.: Leder 2014, S. 611-620.
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