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(de) FdA/IFA, Gai Dào #47 - Over the walls of nationalism Von Tino Topaloff

Date Wed, 26 Nov 2014 14:55:32 +0200


Die Balkan Anarchist Bookfair (BAB) wurde 2003 von Anarchist*innen aus Ljubljana, Slowenien, initiiert und wandert seitdem durch die Städte des Balkans, in denen radikaler Widerstand gegen Staat, Kapital und Nation organisiert und artikuliert wird. In diesem Jahr fand die BAB in Bosnien statt.1 ---- Ziel der BAB war und ist es, die bereits bestehenden Kontakte zwischen Anarchist*innen und anarchistischen Kollektiven im Balkan zu festigen sowie einen offenen und transparenten Raum zu schaffen, in dem gemeinsame Perspektiven entwickelt und kollektive Kämpfe gestaltet werden können. Und tatsächlich ist die Buchmesse das sichtbarste und zentrale Ereignis eines anarchistischen BalkanInternationalismus und der regionalen anarchistischen Vernetzung und Organisierung geworden. Hier werden Diskussionen geführt, Kontakte ausgetauscht, Pläne geschmiedet, es zirkulieren Merchandise, Bücher und Zines und es wird gemeinsam gefeiert.

Die diesjährige BAB fand vom 5. bis 6. September im bosnischen
Mostar statt. Die organisierende Gruppe Antifa Mostar hatte ihr
bereits zum fünften Mal stattfindendes Antifa-Festival kurzerhand
mit der BAB zusammengelegt. Dadurch fanden tagsüber allerhand
inhaltliche Veranstaltungen statt und spielten abends überwiegend
antifaschistische Punk-, Crust- und Hiphop-Bands aus ganz Post-
Jugoslawien sowie Albanien. Thema der diesjährigen BAB waren
Nationalismus und antinationale Kämpfe, Antikapitalismus und das
Engagement gegen Krieg.2 Ca. 100 Menschen aus fast allen Balkan-
ländern sowie größere Gruppen aus Wien, Graz und Leipzig waren
vor Ort, betreuten oder begutachteten die Stände mit Merchandise,
Büchern und Zines3 und nahmen an Workshops und Konzerten teil.

Was tun zwischen den Aufständen?

Die soziale Revolte in Bosnien und Herzegowina vom vergangenen
Februar war zweifelsohne das bestimmende Thema. In Bezug dar-
auf gab es nicht nur eine Podiumsdiskussion zu weiteren Organisie-
rungsstrategien der lokalen sozialen Bewegung, sondern auch einen
Vortrag von Crimethinc. Ex Workers Collective4 im Rahmen der
diesjährigen Balkantour von "After the Crest. What Do We Do bet-
ween Upheavels" [Nach dem Gipfel. Was tun zwischen den Aufständen].
Die Vortragsreihe, die ein Mitglied von CrimethInc. gemeinsam mit
einer Genossin des Infoladens aus Ljubljana durch verschiedenste
Städte des Balkans führte5 , beschäftigt sich unter ständigem Praxis-
verweis mit anarchistischer Initiative und Intervention in aufständi-
schen Situationen und sozialen Bewegungen.6 Die Idee zur Balkan-
tour entstand in Gesprächen zwischen CrimethInc.-Mitgliedern und
Genoss*innen in Slowenien und trägt den Aufständen und Bewegun-
gen Rechnung, die in den letzten Jahren, teils unter maßgeblicher Be-
teiligung der lokalen Anarchist*innen, die Metropolen des Balkans
erschütterten. Ziel waren sowohl das weitere Kennenlernen inner-
halb des Balkans wie auch die Vernetzung unter Anarchist*innen
aus dem Balkan und aus Nordamerika, der Transfer von Wissen und
Erfahrungen sowie das Gestalten des kollektiven widerständigen Ge-
dächtnisses der transnationalen anarchistischen Bewegung.

Desweiteren berichtete ein Genosse aus Kroatien über seine Erfah-
rungen in anarchistischen Solidaritäts- und Antikriegs-Initiativen
während der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren, ein anderer
setzte sich nationalismuskritisch mit der national-revolutionären
Bewegung Mlada Bosnia [Junges Bosnien] und ihrem bekanntesten
Vertreter Gavrilo Princip, dem Attentäter von 1914, auseinander. Es
gab einen Vortrag zu nationalistischen Tendenzen in der Bewegung
zur Erhaltung Rosia Montanas und das Kollektiv des selbstverwalte-
ten und autonomen Koko Lepo Kindergartens(7) im INEX-Squat in
Belgrad stellte sich vor. Fünf mal die Woche wird dort eine Gruppe
von Roma-Kindern aus der benachbarten Siedlung unter Anwendung
antiautoritärer Bildungskonzepte betreut.

Das Gesamtplenum gegen Ende des diesjährigen BAB diskutierte die
unheilvolle Kombination nationalistischer Ideen und anarchistischer
Rhetorik bzw. die Aneignung der anarchistischen Tradition durch
neofaschistische Splittergrüppchen, wie sie sich während der Revolte
in Bosnien in Form der Slobodari-Gruppe aus Sarajevo zeigte.(8) Da-
bei wurde sich auf eine gemeinsame Stellungnahme geeinigt, in der
jede Form von Nationalismus grundsätzlich abgelehnt wird. Der Text
kann auf dem Blog zum BAB 2014 nachgelesen werden.(9)

Von Polittourismus zu aktiver Vernetzung

Für deutsche radikale Linke und Anarchist*innen, die gerne bei allen
möglichen Veranstaltungen im östlichen Europa und im Balkan auf-
tauchen und teilnehmen, sollte sich längerfristig die Frage stellen, ob
und wie es möglich ist, diese polittouristischen Reisen zu einer nach-
haltigen Praxis auszubauen. Dasselbe Problem scheint letzten Endes
zur Gründung des (anti-)europäischen Netzwerks Beyond Europe ge-
führt zu haben. So heißt es in deren Grundsatzpapier: "Glücklicher-
weise haben viele Gruppen und Personen die Notwendigkeit eines
Weiterkommens erkannt: Vom reinen Besuchen und Konsumieren
der "Hotspots" (radikalen) Protests und vom radikalem Journalismus
hin zu einer fortgeschrittenen Ebene der Aktivität und Solidarität,
dem Aufbau beständiger Verbindungen mit Genoss*innen an diesen
Orten."(10) Als ein gelungenes Beispiel, wenn auch nicht aus expli-
zit antiautoritärer Richtung, für eine stabile Kooperation zwischen
Gruppen aus Deutschland und dem Balkan kann das antifaschisti-
sche Solidarnost-Kollektiv gelten.(11) Es pflegt nicht nur beständig
Austausch und Diskussionen, sondern organisiert auch Informati-
onsveranstaltungen in der BRD und versucht sich als bzw. gemein-
sam mit dem linken Flügel der jugoslawischen Diaspora in einer lo-
kalen Praxis in Berlin.

Über den Austragungsort der nächsten Balkan Anarchist Bookfair
wird noch heiß diskutiert. Sicherlich würde es nicht schaden, die
folgenden Buchmessen weiter zu verfolgen. Schließlich könnten sich
auch in der BRD und Österreich aktive Gruppen einiges von den Kol-
lektiven und Projekten im Balkan abgucken und ein kontinuierlicher
Austausch würde nicht nur helfen, die vergangenen und kommenden
Aufstände in der südöstlichen Peripherie der EU besser zu verstehen,
sondern auch gemeinsame Kämpfe anzugehen.


[1] Nach Ljubljana (2003) folgten Zagreb (2005), Sofia (2008), Thessaloniki und Athen (2009), Zrenjanin (2010), Skopje (2011), zum zehnjährigen Jubiläum kehrte der BAB
nach Ljubljana (2013) zurück und erreichte nun Mostar (2014).

[2] https://bask2014.wordpress.com/2014/07/11/8th-balkan-anarchist-bookfair-over-the-walls-of-nationa-
lism/

[3] Folgende Gruppen waren mit eigenen Ständen angereist: Antifa Zagreb, Antifa Novi Sad, der Infoladen Furija aus dem besetzten INEX Film-Komplex aus
Belgrad, der Infoshop Iskra aus Zadar, CrimethInc., der A-Infoshop aus dem Metelkova-Squat aus Ljubljana sowie einige österreichische Genoss_innen unter anderem
von Bahoe-Books aus Wien

[4] CrimethInc. Ex-Workers Collective ist seit Mitte der 1990er Jahre in den USA gegründetes dezentrales Netzwerk anarchistischer Gruppen,
das seitdem eine Unmenge an Publikationen herausgegeben hat und regelmäßig mit Vorträgen durch Europa tourt: http://crimethinc.com

[5] Zum Tourplan: http://www.
crimethinc.com/blog/2014/08/26/crimethinc-in-scandinavia-and-the-balkans/

[6] Die aufgestellten Thesen sowie Berichte von Anarchist*innen über ihre Beteiligung in den
Bewegungen der letzten Jahre können in dazu veröffentlichten Zines nachgelesen werden: http://www.crimethinc.com/texts/recentfeatures/atc-dust.php

[7] http://crucifiedfreedom.blogspot.de/2014/09/the-koko-lepo-autonomous-kinder-
garten.html

[8] http://www.sabotagemedia.anarkhia.org/2014/03/on-self-styled-
libertarians-and-antiauthoritarians-from-bosnia/

[9] http://bask2014.wordpress.
com/2014/09/13/over-the-walls-of-nationalisms-and-wars/

[10] http://beyondeuro-
pe.net/95/about-us-deutsche-version/

[11] http://solidarnost.blogsport.eu/
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