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(de) FDA/IFA, Gai Dào #47 - Rojava: Eine anarchosyndikalistische Perspektive von K.B. / Übersetzung von bogumil

Date Tue, 25 Nov 2014 09:34:04 +0200


Eine anarchosyndikalistische Perspektive auf die politische Situation in Rojava von einem Mitglied der Workers' Solidarity Alliance. ---- "Das prinzipielle Problem des nationalen Befreiungskampfes für eine antistaatliche Organisationsform ist, dass sie zwingend die Rolle einer Statistin einnehmen muss. Wenn eine lokalere Form des Staates befürwortet wird, verbeugt sich die Befreiungsbewegung vor der Idee, dass der Staat eine wünschenswerte Institution ist - nur nicht in der gegenwärtigen Form. Dadurch hat sie den fundamentalen Makel, dass sie, wenn sie erfolgreich ist, einen neuen Staat generieren wird - der schlechter oder besser sein wird als der gegenwärtige Unterdrücker, aber er wird immer ein unterdrückender Mechanismus sein." -- -Solidarity Federation

"Anarchisten verweigern die Teilnahme an nationalen Befreiungsfronten;
sie nehmen an Klassenfronten teil, die in nationale Befreiungskämpfe in-
volviert sein können oder auch nicht. Der Kampf muss ausgeweitet wer-
den, um wirtschaftliche, politische und soziale Strukturen in befreiten
Territorien aufzubauen, die auf föderalen und libertären Organisationen
fußen." -- Alfredo Maria Bonanno

Während dies veröffentlicht wird, gibt es Nachrichten, dass der Is-
lamische Staat (ISIS) fast gänzlich aus Kobane verdängt wurde. Vi-
zepräsident Saleh Muslim, Teil der Führung der Demokratischen
Union (PYD), der syrischen Partei, die der Gruppe der Kommunen
in Kurdisten (KCK) nahesteht, nannte diese Entwicklung die Befrei-
ung Kobanes. 1 Hoffentlich wird dieser Fortschritt in der Region dazu
führen, dass Anarch@syndikalist*innen und Sozialrevolutionäre
aller Richtungen anfangen, objektiv über die Situation in Westkur-
distan zu diskutieren ohne den emotionalen Relfex auf eine bela-
gerte Bevölkerung, die von einem humanitären Disaster bedroht ist.
Anarch@syndikalist*innen sollten keine Illusionen über die Revo-
lution in Rojava haben. Seit der Jahrtausendwende gab es Berichte
von einer libertären kommunalen Wende im kurdischen nationalen
Befreiungskampf, der von Murray Bookchin inspiriert wurde. Dieser
Wandel wurde vom inhaftierten Gründer und ideologischen Führer
der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) Abdullah Öcalan vorange-
trieben, der Bookchin in der Haft entdeckte. Die PKK, früher eine
maoistisch/stalinistische Organisation, hatte sich nach dem Zusam-
menbruch der Sowjetunion und dem "realexistierenden Sozialismus",
einem ethnischen Nationalismus zugewandt - ein Wandel, der von
weiten Teilen der revolutionären Linken begrüßt wurde. Dennoch
führt eine solche politische Transformation nicht automatisch zu ei-
ner Übernahme der Inhalte durch die Masse der Bevölkerung und
schon gar nicht durch die Repräsentanten in führenden Parteien.

Nach Beginn der syrischen Massenproteste und dem daraus entstan-
denen Bürgerkrieg entstand ein Machtvakuum, das dazu führte, dass
Assad, der tyrannische Staatschef Syriens, Westkurdistan, genannt
Rojava, den Kurd*innen überließ. Zu Beginn attackierte die Freie Sy-
rische Armee (FSA), eine sogenannte "moderate Opposition", die an
der westlichen Imperialismus gebunden ist, die kurdischen Streit-
kräfte, wurde aber bald zurückgeschlagen. In dieser offenen Situation
entschieden sich die PYD und ihre bewaffnete Miliz, die Volksbefrei-
ungseinheiten (YPG) sowie die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ)
ihr Programm der demokratischen Autonomie und des demokrati-
schen Konföderalismus weiter auszubauen.

Wie vom kurdisch-anarchistischen Forum (KAF), einer Gruppe pazi-
fistischer kurdischer Anarchist*innen im Exil, berichtet wurde, gab
es zu Beginn des Arabischen Frühlings in Syrien die Entwicklung
zu einer direkten demokratischen Graswurzelbewegung, die von den
Leuten Rojavas die Bewegung der Demokratischen Gesellschaft (Tev-
Dem) genannt wurde. Es war diese Bewegung, die sich dafür ein-
setzte, dass "ihre Pläne und Programme ohne weitere Verzögerung,
bevor die Situation schlechter wird" 2 umgesetzt werden. Dieses Pro-
gramm war beträchtlich und ist es wert, den KAF-Bericht zu zitieren:

"Das Programm der Tev-Dem war sehr inklusiv und befasste sich mit
jedem einzelnen Detail der Gesellschaft. Viele Menschen von Rang und
Namen und mit verschiedenen Hintergründen, darunter Kurden, Ara-
ber, Muslime, Christen, Assyrer und Yeziden waren beteiligt. Die ers-
te Aufgabe war der Aufbau einer Vielfalt von Gruppen, Komitees und
Kommunen auf den Straßen, in der Nachbarschaft, auf den Dörfern, in
den Provinzen und überall in den großen und kleinen Städten. Die Rolle
dieser Gruppen war, an allen Angelegenheiten beteiligt zu sein, die die
Gesellschaft betreffen. Gruppen sollten sich mit Themen beschäftigen wie
Frauen, Wirtschaft, Umwelt, Bildung, Gesundheit und Fürsorge, Unter-
stützung und Solidarität, Zentren für Familien
von Martyrern, Handel und Betriebe, diplo-
matische Beziehungen mit dem Ausland und
vielem mehr. Es gibt sogar Gruppen die Strei-
tigkeiten zwischen verschiedenen Leuten oder
Fraktionen schlichten, um den Beteiligten den
Gang vor Gericht zu ersparen, sollten sie ih-
ren Streit nicht selbst in den Griff bekommen.
Diese Gruppen haben ihre eigenen Treffen nor-
malerweise jeden Tag, um über die Probleme zu
sprechen, denen die Menschen jeden Tag begeg-
nen. Sie haben ihre eigenen Repräsentanten in
der jeweiligen Hautpgruppe in den Städten und
Dörfern, dem sogenannten "Haus des Volkes".
Sie glaubten, dass die Revolution an der Ba-
sis der Gesellschaft beginnen müsse und nicht an deren Spitze. Sie
muss eine soziale, kulturelle sowie eine Bildungs- und politische Revo-
lution sein. Sie muss gegen den Staat, Herrschaft und Autorität sein.
Es müssen die Menschen in den Gemeinden sein, die die letzte Verant-
wortung für Entscheidungsfindung haben. Dies sind die vier Prin-
zipien der Bewegung der Demokratischen Gesellschaft (Tev-Dem)."

Zu anderen Zeiten und ananderen Ortenwurdensolchedemokratischen
Versammlungen und Komitees an der Basis der Gesellschaft und offen
für das Volk, als Arbeiterräte bekannt. Wenn diese Entwicklungen der
Wahrheit entsprechen, war die Tev-Dem eine echte Errungenschaft.

Solche Berichte enthielten auch Darstellungen über die Bildung ei-
ner verfassungsgebenden Versammlung wie die parlamentarische
gesetzgebende Demokratische Selbst-Regelierungs Administration.
New Compass, ein von Bookchin inspiriertes Kollektiv, meldete:

"Während in vielen Gebieten die kurdische Bevölkerung bereits Jahrzehn-
te der Erfahrung mit der kurdischen Bewegung der Befreiung der Frauen
und der sozialen Freiheit hat, gibt es hier auch einen abweichenden Kurs.
Einige wollen sich lieber in klassischen Parteien als in Räten organisieren.
Dieses Problem wurde in Rojava durch eine duale Struktur gelößt. Ein Par-
lament wurde geschaffen, zu dem so schnell wie möglich freie Wahlen un-
ter internationaler Beobachtung stattfinden sollen. Dieses Parlament bildet
eine parallele Struktur zu den Räten; es formt eine Übergangsregierung in
der alle politischen und sozialen Gruppen repräsentiert sind, während das
Rätesystem eine Art Parallel-Parlament bildet. Die Strukturierung und
die Regelung dieser Zusammenarbeit werden im Moment diskutiert."3
Diese und andere Fragen zeigen die bare Realität der politischen
Situation in Rojava. Es ist unklar ob die Errichtung eines solchen
sozialdemokratischen Apparates unter Druck von bestimmten Ele-
menten geschieht, oder ob sie Teil des kurdischen Demokratischen
Konföderalismus ist. Während Anarchist*innen auf der ganzen Welt,
diese Entwicklung als libertäres Licht in der Region sehen, sollte die
Frage nach dem Staat und welche Form der Regierung errichtet wird,
weiterhin genau betrachtet werden. Aus historischer Sicht ging das
libertäre sozialistische Programm von Arbeiterräten und Komitees
aus, so wie die der Tev-Dem. Und es gab erbitterte Kämpfe gegen
den Aufbau des parlamentarisch-demokratischen Staatsprojekts
mit freien Wahlen, die Partizipation atomisierten und die wahre
Macht der Hand exekutiver Herrschaft über die Menschen überließ.

Wenn es die eine große Hoffnung für einen libertären Anfang in der
Region gibt, dann ist es die der Existenz der Frauenbewegung. Die
kurdische Gesellschaft war, wie überall in der Welt, historisch tief
patriarchal geprägt bis zum Punkt, dass Öcalan möglicherweise ein
Vergewaltiger ist, was vor allem angesichts des Personenkults ver-
störend ist.4 Obwohl sie immernoch an seine Lehren gebunden sind,
begannen die kurdischen Frauen aus ihrer eigenen Erfahrung her-
aus, sich selbst autonom zu organisieren. Gruppen, wie die Kurdische
Freie Frauenbewegung (KJB) und der Stern Freier Fraueneinheiten
(YJA Star) rufen zu weltweiter Solidarität zwischen Frauenbewegun-
gen auf, gegen den patriarchialen Nationalstaat. Dilar Dirik, eine
dem YJA Star nahestehende Aktivistin, beschreibt in ihrer Rede die
Errichtung eines "Staatenlosen Staates". So sei die kurdische Frauen-
bewegung durch die Erfahrungen des Patriarchats in der kurdischen
nationalen Befreiungsbewegung und der kurdischen Gesellschaft
insgesamt zum Schluss gekommen, dass die Errichtung eines neu-
en Staates nicht länger Teil des kurdischen Befreiungsprojektes sein
sollte, da der Nationalstaat eine von Natur aus patriarchiale Institu-
tion sei. Während viele Anarchist*innen mit dieser Analyse überein-
stimmen und zustimmend nicken, macht Dirik jedoch klar, dass diese
Bewegung im Moment nicht die generelle Überwindung des Staates
fordert, sondern demokratische Autonomie innerhalb des Staates or-
ganisiert. Als Anarch@syndikalist*innen ist es unsere Pflicht aber
kein Vorwurf, herauszustellen, dass der syrische Staat, wie der Rest
der Nationalstaaten, die Rojava umschließen und in denen der Rest
Kurdistans existiert, mit der Entwicklung des Projekts der regionalen
demokratischen Autonomie nicht einfach verschwinden werden. Der
Staat muss aktiv bekämpft und zerstört werden, von den Massen in
jeder Nation. Es ist die historische Mission aller revolutionären inter-
nationalistischen libertären Kräfte.

Zusammenfassend muss gesagt werden, dass die Entwicklung der
sozialdemokratischen repräsentativen Demokratie, die patriarchale
und ethnisch-nationalistische Vergangenheit der PKK (PYD-Führer
Saleh Muslim wies auf die Notwendigkeit eines Kriegs hin, um die
Araber zu vertreiben 5, die Kooperation und der Waffenstillstand der
PYD mit der FSA und den Islamisten6, der Wehrdienst seit Juli7 und
die verschiedenen Elemente, die die Unterstützung der US- & inter-
nationalen Gemeinschaft suchen, Gründe genug sind zögerlich damit
zu sein, die Tev-Dem zu sehr zu betonen. Die hellen Punkte, wo sie
existiert, sind der Widerstand und die Selbstaktivierung der Massen
sowie die Frauenbewegung. Soziale Prozesse des Wandels sind kom-
pliziert und oft von internen
Konflikten und Dynamiken
aufgewühlt. Wenn das po-
litische Programm voran-
getrieben wird, kann es de-
zentralisiert sein, aber eher
mit starken Möglichkeiten
für eine soziale Demokratie
als antistaatlich und sozial-
revolutionär. Zudem muss
immernoch viel Recherche
über industrielle und land-
wirtschaftliche Ökonomie
und Organisation betrie-
ben werden. Das sollte An-
a rch@sy nd i ka l ist*innen
nicht davon abhalten, die
Selbstverteidigung der
Massen und ihre Selbstor-
ganisierung des Kampfes
in Rojava gegen IS, Lokalstaaten und den westlichen Imperialis-
mus zu unterstützen. Aber wir sollten vorsichtig sein, um nicht
die offiziellen Repräsentanten der kurdischen Bewegung mit ihren
traditionellen staatlichen Parteien, wie PKK und PYD anzufeuern.

Lang lebe der Kampf der gequälten Massen und der freien Frauen!
Mit den Unterdrückten gegen die Unterdrücker, immer!

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[1] "The air-strikes were very very successful. In a short time, we will report to the world liberation of Kobane." -Saleh Muslim (http://www.demokrathaber.net/dunya/salih-muslim-kobanideki-son-durumu-anlatti-h39595.html)

[2] The experiment of West Kurdistan (Syrian Kurdistan) has proved that people can make changes. http://www.anarkismo.net/article/27301

[3] Democratic Autonomy
in Rojava http://new-compass.net/articles/revolution-rojava

[4] In a book written by Öcalan in 1992 titled Cozumleme, Talimat ve Perspektifler (Analyses, Orders and
Perspectives), he stated: "These girls mentioned. I don't know, I have relations with thousands of them. I don't care how anyone understands it. If I've gotten close with
some of them, how should this have been? (...) On these subjects, they leave aside all the real measurements and find someone and gossip, say 'this was attempted to be
done to me here' or 'this was done to me there'! These shameless women both want to give too much and then develop such things. Some of the people mentioned. Good
grace! They say 'we need it so, it would be very good' and then this gossip is developed (...) I'm saying it openly again. This is the sort of warrior I am. I love girls a lot, I
value them a lot. I love all of them. I try to turn every girl into a lover, in an unbelievable level, to the point of passion. I try to shape them from their physique to their
soul, to their thoughts. I see it in myself to fulfill this task. I define myself openly. If you find me dangerous, don't get close!"

[5] PYD Leader Warns of War with Arab Settlers in Kurdish Areas http://rudaw.net/english/middleeast/syria/24112013 [6] De-
tails about the development of an alliance between the PYD and the FSA and Islamist forces including a split from Syrian Al Queda.
(https://now.mmedia.me/lb/en/reportsfeatures/564212-fsa-fighting-alongside-kobane-kurds / http://www.ozgur-gundem.com/index.php?haberID=118383&haberBaslik=YP
G+ve+%C3%96SO+%27ortak+eylem+merkezi%27+kurdu&action=haber_detay&module=nuce) [7] Conscription begins in the Kurdish region of Syria, evasion elsewhere
(http://www.wri-irg.org/node/23519) - See more at: http://ideasandaction.info/2014/10/rojava-anarcho-syndicalist-perspective/#sthash.qmhFIioO.dpuf
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