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(de) FdA/IFA - Blick nach Kobane - Reisebericht eines Aktivisten der Karakök Autonome (Teil 1)

Date Tue, 04 Nov 2014 14:18:50 +0200


Nun bin ich in Suruc angelangt, einer Stadt in der türkei, welche die Grenze zu Syrien bildet. Der Krieg ist allgegenwärtig. Hier ist das türkische Militär präsent mit seinen Panzern, Wasserwerfern. Die Bevölkerung im Dorf, in welchem ich mich aktuell aufhalte, besteht manchmal nur aus einigen Hundert Menschen, manchmal sind es mehrere Tausend. Viele flüchten von hier, viele kommen aber auch, weil sie über die Grenze möchten, um sich dem Widerstand in Kobane anzuschliessen, in den Reihen der YPJ/YPG zu kämpfen, Lebensmittel zu bringen, mitanzupacken, auf irgendeine Art zu helfen. Es herrscht eine ständige Fluktuation. Immer wieder geht das türkische Militär zum Angriff über, setzt Wasserwerfer oder Tränengas ein, um die Menschen von hier zu vertreiben. Die türkei möchte eine Unterstützung der kurdischen Kämpfer_innen möglichst verhindern.

Hunderttausende von Menschen sind bereits von Kobane in die türkei geflüchtet. Die Menschen in Suruc haben ihre Häuser für die Flüchtlinge geöffnet. In jedem Haus leben Dutzende bis mehrere Hundert Menschen. Trotz des Mangels am Notwendigsten geht das Leben weiter. Den ganzen Tag wird diskutiert, Informationen über die aktuellsten Entwicklungen in Kobane werden weitererzählt. Die Ereignisse ändern sich von Minute zu Minute. Niemand hier hat eine Ahnung, was bis morgen geschehen wird. Es wird aber auch viel gelacht, trotz allem. Der Umgang untereinander ist sehr herzlich, alle sorgen sich um alle, jeder hilft dem anderen, niemand wird alleine gelassen. Man teilt das Wenige, das man hat.

Ich erfahre, dass der IS gestern durch unterirdische Wasserschächte ins Stadtzentrum von Kobane gelangt ist. Dort konnte die YPG den Einmarsch jedoch erfolgreich abwehren, so dass die IS-Kämpfer zurück in die Wasserschächte geflüchtet sind. Diese wurden dann in der Nacht durch die usa und frankreich bombardiert.

Jeden Tag beginnen abends um 16-17 Uhr die Kämpfe zwischen YPG und IS. Nachts hingegen werden jeweils Bomben durch die usa und andere Regierungen, welche die "Allianz gegen den IS" bilden, abgeworfen. Tagsüber kreisen us-Flugzeuge über der Stadt. Da die Region eine Ebene ist, höre und sehe ich die Flugzeuge, die Bomben, den Rauch von hier aus, die Geschehnisse sind nur wenige Hundert Meter entfernt. Auch sehe ich den Hügel, welcher letzte Woche in die Hände des IS gelangte. Es handelt sich um einen strategisch äusserst wichtigen Hügel, da von dort die ganze Stadt Kobane beobachtet werden kann. In den Medien waren letzte Woche Bilder von Flaggen, welche der IS hier gehisst hatte. Mittlerweile konnte der Hügel wieder rückerobert werden und ist in den Händen der YPG. Trotzdem ist er aktuell menschenleer. Dies wohl deshalb, weil sich in rund 100 Meter Entfernung ein weiterer Hügel befindet, welcher durch das türkische Militär besatzt ist.

Rückeroberter Hügel in Kobane

Ich spreche mit Menschen aus Kobane, die hierher nach Suruc geflüchtet sind. Sie erzählen mir von den Volksversammlungen, von den Selbstverwaltungsstrukturen. Bevor ich kam, war ich nicht sicher, ob die Berichte, die wir hören und lesen, stimmen. Könnte es sein, dass die Erzählungen von Rojava, der befreiten Region, beschönigt werden? Dass mir Bewohner_innen davon berichten werden, dass die Selbstverwaltungsstrukturen gar nicht den ganzen Alltag prägen, sondern nur am Rande vorhanden sind, während Parteien die wesentliche Regierung bilden? Fragen über Fragen... Als ich jedoch mit den Bewohner_innen spreche, merke ich, dass meine Zweifel nicht berechtigt sind - im Gegenteil: ich entwickle noch grössere Achtung vor den Entwicklungen hier, als ich die Berichte direkt aus erster Hand, von Jugendlichen, Frauen oder Greisen höre. Sie schildern mir die Volksversammlungen, davon, dass alles im Kollektiv besprochen und entschieden wird, dass die gesamte Verwaltung von unten ausgeht, von den Frauenkomitees, von den Kommunen. Mich verblüfft jedoch, dass die Strukturen für die Bewohner_innen von Rojava gar nicht so bedeutend sind, wie dies für uns aus Tausenden Kilometern Entfernung oft ist. Für sie ist es Alltag. Sie sprechen nicht von einer Revolution, sondern berichten einfach über etwas, das für sie selbstverständlich und alltäglich ist. Es ist nichts Besonderes dabei. Eine ältere Frau erzählt mir von den Strukturen in Rojava und malt damit ein Bild einer reellen libertären Gesellschaft, ohne jedoch mit theoretischen Begriffen oder Namen irgendwelcher libertärer Gurus um sich zu werfen. Vermutlich kennt sie diese auch gar nicht und es spielt auch gar keine Rolle. Begriffe und Namen sind überflüssig, wo etwas Realität ist.

Weiter fällt mir auf, dass manche bewusst hinter den Strukturen in Rojava stehen. Manche jedoch finden die ganze Sache alles andere als toll. Eine aus Kobane geflüchtete Bewohner_in sagt mir, sie wünsche sich, dass in Rojava ein Staat errichtet wird. Als ich sie frage, weshalb, meint sie: "Dann müssen wir nicht immer alles selber machen, sondern die Politiker können das Wesentliche organisieren und entscheiden". Ein Staat würde der Bevölkerung zudem Schutz bringen, ist sie überzeugt: "Hätten wir einen Staat, würden wir nun nicht von allen Seiten angegriffen oder wir hätten zumindest Unterstützung durch andere Staaten". Weiter berichtet sie, dass sie 90% des Ertrags ihres Nutzlandes habe an Regionen, die über keine Landwirtschaft verfügen, abgeben müssen. Dies, weil in der Volksversammlung entschieden worden sei, dass die Güter möglichst gleichmässig verteilt werden, um die Bedürfnisse aller decken zu können. Es sollte kein Überfluss an einem Ort und ein Mangel an einem anderen Ort entstehen. Die Frau, mit der ich spreche, würde aber lieber den ganzen Ertrag für sich behalten - oder zumindest einen grösseren Teil.

Ich sehe, wie lebendig die Umwälzung in Rojava ist und welche Diskrepanzen sie auch in sich hat. Unter einer Diktatur würden alle gleich denken. Hier gibt es verschiedene Ansichten, die auch offen kommuniziert werden. Ich weiss von einer Umfrage, welche in Rojava vom Komitee für Forschung und Statistik durchgeführt worden war. Ziel war es gewesen, zu eruieren, welches politische System sich die Bewohner_innen wünschen. Fast 70% standen hinter der Idee des Demokratischen Föderalismus. Rund 30% wünschten sich ein anderes System, beispielsweise einen islamischen oder nationalistischen Staat oder ein kapitalistisches System.

Trotz allem besteht die Region seit nunmehr einem Jahr und erweist sich als stärker, als von allen eingeschätzt. Als der IS in Kobane einmarschierte, gingen alle davon aus, dass die Stadt in wenigen Tagen eingenommen werden würde. Doch die Bevölkerung leistet Widerstand. Alle halten Wache, haben sich bewaffnet. Nun ist der IS auf dem Rückmarsch, immer mehr Teile von Kobane werden rückerobert.

Es geht weiter.

Tausende marschieren in Suruc an der Grenze zu Kobane, um ihre Solidarität mit der dortigen Bevölkerung zu demonstrieren.

Aufeinandertreffen der Solidaritätskundgebungen mit Bewohner_innen in Rojava.

Die türkische Polizei attackiert immer wieder Menschen, die Solidaritätskungebungen durchführen oder über die Grenze nach Rojava möchten.

Die gesamte Bevölkerung in Rojava hat sich bewaffnet, um Widerstand gegen den IS zu leisten.

Blick nach Kobane - Reisebericht eines Aktivisten der Karakök Autonome (Teil 2)
In Suruc herrscht Ausnahmezustand.

Rund 160'000 Zelte verteilen sich in der Stadt, voll von Flüchtlingen, die Kobane hinter sich gelassen haben. Die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Bereich sind aufgehoben: alle Türen in der Stadt stehen offen, alles gehört allen. Alle Häuser der Stadt bieten Flüchtlingen Unterschlupf, selbst die Moscheen wurden zu Nachtlagern umfunktioniert. Tagsüber liest der Imam den Ezan, nachts hingegen schlafen Hunderte, Tausende Menschen hier. Selbst im Totensaal liegen Schlafsäcke oder Decken am Boden, die Flüchtlingen oder Stadtbewohner_innen eine Schlafgelegenheit bieten. Niemand schläft zweimal im selben Bett, sondern legt sich dort zur Ruhe, wo es sich gerade ergibt. Im Schlafsack, in welchem ich gestern geschlafen habe, schläft heute bereits jemand anderer. Das spielt aber keine Rolle, denn ich werde auch so irgendwo einen Schlafplatz finden. Wer gerade zwei Decken hat, teilt eine. Es fühlt sich an, als seien alle hier seit Jahren enge Freund_innen, trotz oder gerade in Angesicht der tragischen Umstände.

?In Suruc gibt ein ein staatliches Krankenhaus. Vor dem Notfallempfang steht ein Zelt, in welchem freiwillige Helfer arbeiten, beispielswiese Pfleger_innen oder Ärzt_innen aus anderen Städten. Vor dem Empfang stehen aber auch die türkische Polizei und das Militär mit Panzern bereit und bewachen das Geschehen. Niemand kann vorbei, ohne an ihnen vorbei zu kommen. Als ich versuche, ein Foto vom Notfalleingang zu schiessen, möchte die Polizei meine Kamera beschlagnahmen. Im Gemenge kann ich untertauchen und verstecke mich in der Cafeteria. In erster Linie versucht die Polizei aber, Verletzte aus den Reihen der YPJ/YPG abzufangen, die hierhergebracht werden. In jüngster Zeit gab es 8-9 Festnahmen, da es vor dem Notfallempfang oft zu unfreiwilligen Identifikationen durch bestürzte Szenen von Angehörigen kam. Durch Angehörige, die ihrem Schock laut Luft verliehen oder anderen mitteilten, was geschehen ist, konnte die Polizei erfahren, wer zu den Verletzten gehörte. Daher werden mittlerweile Verletzte mit Tüchern verdeckt ins Spital transportiert. Die Polizei kann die Gesichter dadurch keinen Namen zuordnen und weiss nicht, um wen es sich bei den Verletzten handelt. Früher wurde der Transport von Verletzten ins Spital oft durch die Polizei verhindert, so dass viele Menschen an der Grenze verstarben. Aktuell ist der Durchgang ins Spital erlaubt. Was morgen sein wird, weiss niemand, alles kann sich von einem Tag auf den anderen ändern. Die Bevölkerung im türkisch-syrischen Grenzgebiet ist ein Spielball von Regierungen. Das Leben der Menschen wir zur Wahrung der politischen Regierungsinteressen aufs Spiel gesetzt.

Neben dem Krankenhaus steht ein weiteres Gebäude. Aktuell leben hier 6 Familien. Sie alle sind ehemalige Geiseln des IS in Kobane. Frauen und Kinder wurden im Verlauf freigelassen, so dass sie nun hier Zuflucht gefunden haben und um die Männer in ihrem Familien- und Freundeskreis bangen. Überhaupt herrscht ein Bangen, wohin man schaut. Viele berichten über Abschiedsbriefe, die sie zuhause vorgefunden haben: Kinder, Enkel, Freund_innen, Greise, Eltern: sie alle entschieden sich, sich dem Kampf gegen den IS anzuschliessend und in den Krieg zu ziehen. Die Hinterbliebenen zittern Tag und Nacht vor Angst, wenn sie auch Stolz empfinden. Jede noch so kleine Meldung wird verfolgt, jede noch so winzige Information weitererzählt. Jederzeit könnte es sein, dass jemand, der einem nahesteht, gerade gestorben ist. Die Flüchtlinge in Kobane erwartet eine ungewisse Zukunft. Sie alle fragen sich: steht mein Haus noch? Kann ich jemals zurück nach Kobane? Werden meine Kinder je wieder zur Schule gehen können? Jedes Flugzeug, das über Kobane fliegt und Bomben auf den IS abfeuert, macht Hoffnung. Jede Waffe, die nach Kobane gelangt, macht Hoffnung. Doch jede Auseinandersetzung zwischen YPJ/YPG und dem IS macht Angst: ist jemand von uns gestorben? In Suruc gibt es keine Musik, keinen Tanz, keine Feste, wie es sie sonst hier tagtäglich geben würde. Die Augen der Menschen hier wirken leer: sie zeigen weder Hoffnung, noch Hoffnungslosigkeit. Vielmehr scheinen sie noch nicht zu begreifen, was geschieht. Es ist noch kein Raum dafür, entsetzt zu sein über das, was passiert. Trotzdem herrscht eine vertraute und fürsorgliche Atmosphäre: jeder kümmert sich um jeden. Alle sind mit allen befreundet, ohne Alters-, Sprach- oder soziale Grenzen. Man sieht 70-jährige Frauen in traditioneller Kleidung nachts mit 20-jährigen dreadlockstragenden Student_innen aus Istanbul bis in die Morgenstunden beisammensitzen, diskutieren, politisch debattieren. Die Dörfer, die direkt ins Grenzgebiet fallen, sind geleert. Auch ihre Einwohner_innen sind nun Flüchtlinge. Überall an der Grenze finden öffentliche Volksküchen stadt, organisiert durch die BDP (kurdische Partei für Frieden und Demokratie). Morgens, mittags und abends werden hier Mahlzeiten gekocht. Alle helfen freiwillig mit. Mindestens 3800 Personen essen pro Tag an einer einzigen Volksküche. Die Küchen bilden einen Haupttreff- und austauschpunkt.

Oben und unten: Beobachter_innen von Kobane (Bilder: The Guardian, Yenisafak)

Das Dorf Mahser liegt direkt gegenüber Kobane in nur ca. 300-400 m Entfernung. Da die Region eine Ebene ist, haben wir von hier einen Überblick über ganz Kobane. Tag für Tag sammeln sich am Dorfrand jeweils 500 Beobachter_innen, die aus freiwilligen und solidarischen Personen bestehen - aus Dorfeinwohner_innen, aus Journalist_innen, aus politischen Aktivist_innen. Die Besetzung der Beobacher_innen fluktuiert ständig und setzt sich spontan auf freiwilliger Basis zusammen. Ihre Funktion ist es einerseits, zu beobachten, was in Kobane aktuell geschieht, um die Informationen weiterzutragen. Andererseits entsteht dadurch aber auch ein Kontrollmechanismus: sollte die türkische Regierung dem IS helfen, so bleibt dies hier nicht unbemerkt. Es gibt keinen weiteren Zugang von der türkei nach Kobane als über diese Grenze, so dass nichts, was hier geschieht, unbeobachtet bliebe. Auch das türkische Militär hält Stellung auf zwei Hügeln links und rechts der Grenze. Auch sie beobachten. Kobane selbst liegt in Schutt und Asche. Die ganze Stadt ist ein Trümmerhaufen. Hie und da ragen vereinzelte Gebäube gen Himmel. Ein fünf- bis sechsstöckiges Gebäude fällt besonders auf: auf dem Dach flattert eine IS-Flagge. Tag und Nacht hören wir Kanonenkugeln, sehen wir Bomben hochgehen und Feuer entzünden, hören wir Schüsse. Es herrscht Krieg.

Flüchtlinge schlafen in einer Moschee in Suruc (Bild: beirutme.com)

Bisher sind noch keine Peshmerga nach Kobane gelangt, nachdem die türkische Regierung kommuniziert hat, einen Konvoi nach Kobane zu schicken. Wären sie hier, hätten wir sie unweigerlich gesehen. Es wurden zwar Videos vom Konvoi veröffentlicht, wie er mit Panzern und Flaggen unterwegs ist - neuesten Informationen zufolge handelt es sich aber um Aufnahmen, die an einem Ausbildungsort der Peshmerga aufgenommen wurden. Ob sie tatsächlich noch kommen werden? Das wird sich zeigen. Fakt ist: die Menschen hier wünschen sich eigentlich gar keine Hilfe durch die Peshmerga. Sie sagen: "Wir können uns selber helfen. Wir haben unsere Guerilla-Kämpfer_innen, unsere Verteidigunsstrategien. Was wir jedoch brauchen, ist militärische und medizinische Hilfe, insbesondere aber offene Grenzen, so dass ein Import dieser Dinge möglich ist. Nur so kann Kobane weiterkämpfen". Aktuell ist Kobane isoliert. Unter diesen Umständen dem Krieg entgegenzutreten, ist praktisch aussichtslos. Der Konvoi der Peshmerga ist zudem für Kobane auch eine Gefahr: mit ihm könnten gefährliche Personen nach Kobane gelangen, die beispielsweise im Auftrag des IS, der türkischen oder der US-Regierung tätig sind. Man hat sich daher entschieden, die Hilfe des zwar Konvois anzunehmen, sollte er hier eintreffen, aber nur in einem begrenzten Umfang. Es soll nur eine begrenzte Anzahl an Peshmerga-Kämpfer_innen hinein nach Kobane gelassen werden. Zudem werden Passkontrollen aller Peshmerga durchgeführt werden.
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