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(de) FdA-IFA Gai Dao #39 - Marquis de Sade - Ein ungeliebter Ahnherr des Anarchismus? ---- Überlegungen zu Marquis de Sade als Vorläufer des Anarchismus Von: Maurice Schuhmann

Date Fri, 07 Mar 2014 20:55:11 +0200


Dieses Jahr jährt sich der Todestag des französischen Schriftstellers und Philosophen Marquis de Sade (* 1740; + 1814) zum 200. Mal. Die sonst üblichen Aktivitäten der französischen Regierung, anlässlich eines solchen Datums eine Reihe von Gedenkveranstaltungen zu organisieren und die entsprechende Persönlichkeit in offiziellen Mitteilungen zu würdigen, unterbleibt bei Sade komplett. Der französische Kultusminister
konnte sich nicht durchringen, ihm ein Gedenkjahr zu widmen, obwohl er längst als einer der wichtigsten französischsprachigen Autor*innen gilt. ---- Ebenso wie sich die französische Regierung mit Sade und seinem Erbe schwer tut, tut es die anarchistische Bewegung. In nur wenigen szenenahen Gesamtdarstellungen - wie z.B. Horst Stowassers Freiheit pur! und Peter Marshalls Demanding the impossible - taucht er im Kontext der Vorläufer des Anarchismus auf.

Zu Unrecht wird er dennoch weitgehend
ignoriert, da es eine Reihe von Überschneidungen seines Den-
kens zu anarchistischen Theorien gibt - nicht nur zu indivi-
dualanarchistischen, bei denen er in Frankreich viel Anklang
fand. Gleichzeitig wird Sade immer wieder in der Literatur als
geistesgeschichtlicher Vorläufer von Piere-Joseph Proudhon,
Max Stirner und Michael Bakunin genannt.
Mir geht es hier nicht darum, Sade zu einem Anarchisten zu
"verklären", aber ich denke, dass es li-
bertäre Aspekte in seinem Werk gibt,
die eine Auseinandersetzung mit sei-
nem Werk anbieten. Diese möchte ich
anhand von folgenden Aspekten darle-
gen:
· Eigentumskritik
· Religionskritik
· Empörung des Individuums
Es ließen sich sicherlich noch weitere
Aspekte anfügen: Kritik des Strafsys-
tems, Pädagogikkonzepte - selbst in
Bezug auf die Gleichberechtigung der
Geschlechter zeigt sich Sade als ein
sehr moderner Denker für seine Zeit,
was in den plumpen Angriffen der ame-
rikanischen Feministin Andrea Dwor-
kin (Pornographie. Männer beherr-
schen Frauen) völlig untergegangen ist. Die Biographie spare
ich ebenso aus dem Artikel aus.
"Ich spreche nur zu den Leuten, die fähig sind, mich zu verstehen"
Eine Auseinandersetzung mit Sade ist nicht leicht. Wer ihn
einmal ernsthaft versucht hat zu lesen, wird dessen eigene
Selbststilisierung als schwerverständlichen Autors verste-
hen. Sade ist ein Autor, dessen Werk sich zur selben Zeit in
unterschiedlichen Genres abspielt, das eine Vielzahl von li-
terarischen und philosophischen Referenzen beinhaltet und
unterschiedliche Intentionen hat. Die sexuelle Orgie wird bei
ihm zum Vehikel, um seine Philosophie darzustellen und ein
Staatsentwurf durchbricht den pornographischen Diskurs in
der Philosophie im Boudoir. Ein anderes Problem ist die Dras-
tik, mit der er seine Gedanken zu Ende denkt - getreu seiner
eigenen Maxime: "Die Philosophie hat alles zu sagen (....) Die
Philosophie ist nicht die Kunst, Zärtlinge zu trösten!". Diese
beiden Aspekte machen eine Lektüre und Interpretation des
Werks von Sade so schwierig.
Eigentumskritik
Im Schwarzbuch Kapitalismus poltert Robert Kurz vehement
gegen Sade als den Vordenker eines Raubtierkapitalismus. Die
kurze Sade-Passage in jenem Text hält einer näheren Betrach-
tung nicht stand. Kurz ignorierte völlig, die seinen Aussagen
widersprechenden Fakten aus Sades Leben und er verkannte
völlig den schwarzen Humor, für den
der Surrealist André Breton Sade so
sehr liebte. Für Kurz, der hier für vie-
le "Linke" steht, ist Sade ein Verfechter
eines unmenschlichen, auf der reinen
Durchökonomisierung
beruhenden
Systems. Diese Ansicht ist meiner Auf-
fassung nach völlig verfehlt.
Der österreicherische Schriftsteller
Albert Drach benannte Sade in seiner
Biographie In Sachen Sade hingegen
als einen Vorläufer von Piere-Joseph
Proudhon. Dessen Aussage, dass das Ei-
gentum Diebstahl sei, finde sich seiner
Auffassung nach bereits bei Sade. Mit
dieser Auffassung ist er Sade schon nä-
her, auch wenn er übersieht, dass Sade
jene Eigentumskritik aus seiner Rous-
seau-Rezeption zieht.[??] Gai Dào
N°39 - März 2014
Sade kritisiert redundant das ökonomische
System. Die Vertreter*innen jenes Systems
tauchen als Karrikaturen ihrer selbst auf. Sie
sind hässlich, feige und abstoßend - keine
Held*innen, mit denen sich die Leser*innen
identifizieren. Beispielhaft mag seine Titu-
lierung jener Libertins als "Blutegel" zu Be-
ginn der 120 Tage von Sodom stehen.
In der Utopie "Tamoé", die Teil seines au-
tobiographischen Romans Aline et Valcour
ist, beschreibt er eine sozialistische Utopie,
eine Form von Urkommunismus. Hier findet
sich u.a. folgende Aussage: "So gibt keinen
Menschen auf der Erde, der größer als ein
anderer, (sie sind) von Natur aus gleich ge-
schaffen". Die Räuberbanden in der Justine argumentieren in
ähnlicher Form. Sie argumentieren, dass ihre Taten lediglich
eine Reaktion auf die ungerechte Eigentumsverteilung in der
Gesellschaft seien.
Viele Aspekte wie die konkrete Ausstaffierung seiner Utopie,
die sich z.B. im Werke des Frühsozialisten Charles Fouriers
wiederfinden, hat Sade in dieser Utopie vorweggenommen.
Es ist kein Alleinstellungsmerkmal für ihn, da zu dieser Zeit
auch viele andere Autor*innen sozialistische Ideen hatten - zu
nennen ist hier z.B. Sades Kontrahent Rétif de la Bretonne, der
den Begriff des "Kommunismus" begründete (Monsieur Nico-
las, 1794-1797). Bereits Simone de Beauvoir erklärte in ihrem
Aufsatz Soll man Sade verbrennen?, dass Sade sozialistische
Ansätze vertrete.

Religionskritik

Ein redundant auftauchendes Thema im Werk Sades ist die
Religionskritik. Sade steht in der Tradition der französischen
Aufklärung und ihrer atheistischen Repräsentant*innen (La
Mettrie, d'Holbach), dessen Kritik er aufnimmt und noch wei-
ter zuspitzt. Schon lange vor Friedrich Nietzsche tituliert er
das Christentum als eine Religion, die eine Sklavenmoral pre-
dige. Sade thematisiert die Religion aber auch als ein Unter-
drückungsinstrument in den Händen der Herrschenden.

Sein regelrechter Hass auf die Religion ist dabei vielschich-
tig und eng mit seiner Moralkritik verknüpft. Er kriti-
siert einerseits die Institution Kirche und ihre verlogenen
Repräsentant*innen, die er in Form seiner Libertins auch di-
rekt karikiert, andererseits aber auch die Religion als solche.
Seine Religionskritik ist sehr rational fundiert und bietet eben-
falls für die heutigen Diskurse Anknüpfungspunkte.

Die Religions- wie auch die Moralkritik sind bei Sade Teil der
Befreiung des konkreten Individuums von allen (gesellschaft-
lichen) Fesseln. In dieser Hinsicht ist er ein Kind seiner Zeit
- ein Aufklärer. Für Sade ist Religion immer
ein Gefängnis, dass das konkrete Individu-
um in seiner freien, "natürlichen" Entfal-
tung hemmt.
Großen Einfluss hatte seine Religionskritik
auf den anarchistischen Filmregisseur Luis
Bunuel, der in seinen Erinnerungen (Mein
letzter Seufzer) seine Sade-Lektüre auch als
einen Akt der Befreiung von dem religiösen
Ballast, der auf ihm als Schüler an einer Je-
suitenschule lastete, zu überwinden. In sei-
nem filmischen Werk finden sich eine Reihe
von Hommagen an Sade - nicht nur in L'âge
d'or.
Empörer*innen
Sades große Libertins wie Juliette sind in erster Linie
Empörer*innen - Empörer*innen im Sinne Max Stirners. Sie
erheben sich aus der gebückten Haltung, in der sie sich durch
die Last der gesellschaftlichen Chimären (Moral, Religion, Sit-
te) befinden, und befreien sich von ihnen im Zuge der Revolte.
Sie revoltieren gegen die gesellschaftlichen Beschränkungen,
um ihre Individualität zu entfalten. Im Akt der Empörung be-
freit sich das Individuum und kehrt zu seiner Individualität
zurück, die in gesellschaftlichen Entfremdung verloren geht.
Der Akt der Empörung vollzieht sich bei ihm im Verbrechen
- ähnlich wie später bei Nietzsche. Das Individuum mit den al-
ten Tafeln, die es einschränken und befreit sich in diesem Akt
von der gesellschaftlichen Entfremdung, die auf dem Glauben
an falsche , von außen aufoktroyierte Werte bezieht. Die Be-
freiung ist auch immer ein Akt der Rationalität und Erkennt-
nis. Der niederländische Neo-Anarchist Roul van Duyn nann-
te diesen Aspekt auch als den verbindenden zwischen ihm und
Max Stirner. Ebenso wie Stirner verwirft Sade die Idee einer
gesellschaftlichen Revolution zugunsten einer individuellen
Empörung. Befreiung ist für beide nur als Selbstbefreiung des
Individuums denkbar.


Fazit

Der anarchistische Historiker Max Nettlau hat Sade - im Ge-
gensatz zu anderen seiner Zeitgenoss*innen wie Denis Diderot
- zwar nicht in seiner Geschichte der Anarchie als Vorläufer
genannt, dennoch gebührt ihm ein Platz in der Geschichte.
Nicht umsonst titulierte Apollinaire Sade als der freiesten
Denker seiner Epoche. Mit ihm verhält es sich wie mit Stir-
ner - er ist ein libertärer Denker, der nicht mit allen Zügen
kompatibel mit den sozialen Strömungen des Anarchismus ist.

Sade ist aber nicht nur ein Denker, der mit seinen freiheitlichen
Überlegungen ein Wegbereiter der Anarchismen ist, sondern
auch ein Denker, der in seinem Werk Herrschaftsmechanis-

men beschreibt und den Prozess der Selbstbefreiung bis zum
Extrem, d.h. bis zum Umschlagen ins Tyrannische, darstellt. Er
zeigt in dieser Hinsicht Potentiale und auch die Grenzen des
Befreiungsprozesses auf.

P.S.: In anarchistischen Bibliotheken und Buchhandlungen in
Frankreich gehört Sade längst neben den Klassikern des Anar-
chismus zum Standardrepertoire.

Literatur:

Beauvoir, Simone de: Soll man Sade verbrennen?, Reinbek bei
Hamburg 1997.

Bretonne, Rétif de la: Monsieur Nicolas, Paris 2006.

Bunuel, Luis: Mein letzter Seufzer, Berlin 2011.

Drach, Albert: In Sachen Sade, Düsseldorf 1964.

Dworkin, Andrea: Pornographie. Männer beherrschen Frau-
en, Frankfurt / M. 1990.

Duyn, Roel van: « De Sade en Max Stirner », in Der Einzige.
Vierteljahresschrift des Max Stirner Archivs, Leipzig, n°31,
Leipzig, 2005, S. 10-16.

Kurz, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf
die Marktwirtschaft, Frankfurt / M. 2000.

Marshall, Peter: Demanding the impossible. A History of an-
archism, Oakland 2010

Nettlau, Max: Vorfrühling der Anarchie, Ihre historische Ent-
wicklung von den Anfängen bis 1864, Berlin 1925.

Stowasser, Horst: Freiheit pur, Frankfurt / M. 1995.
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