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(de) FdA-IFA Gai Dao #39 - Offener Brief: "Bitte kehren Sie um, aber tun Sie es ohne mich." -- Jan Freitag kehrt der Hamburger Morgenpost den Rücken Von: Jan Freitag

Date Wed, 05 Mar 2014 11:35:12 +0200


Anm. der Redaktion: In einem offenen Brief (erstveröffentlicht am 04.02.2014 auf journalist.de) wirft er Chefredakteur Frank Niggemeier Kampagnenjournalismus vor - und zieht Konsequenzen: "Trotz der wirtschaftlichen Situation eines Freiberuflers, der in der anhaltenden Zeitungskrise jeden Auftraggeber bitter nötig hat, werde ich nie wieder für die Morgenpost schreiben." Wir dokumentieren diesen Brief in der Hoffnung das sich zukünftig noch mehr Journalist*innen finden werden, die sich an ihren Berufsethos halten. ---- Sehr geehrter Herr Niggemeier, lieber Kollege, werter Auftraggeber, ---- ich schreibe Ihnen als ehemaliger Praktikant, zwischenzeitlicher Pauschalist und aktuell freier Autor der Hamburger Morgenpost. Zurzeit arbeite ich zwar nur sporadisch für Ihre Zeitung, im Schnitt um die zehnmal pro Jahr, tue es im Verlauf meiner journalistischen Laufbahn aber doch stetig und wahrnehmbar.

Jetzt aber muss ich diese Zusammenarbeit beenden,
und dabei ist es mit einer simplen Kündigung nicht getan; es
bedarf eines offenen Briefes, der zunächst Ihnen, nach Abwar-
ten einer Antwort aber auch Pressestellen, Berufsverbänden
und Medienredaktionen zugeht.

Die Hamburger Morgenpost hat mich als Leser ebenso wie als
Schreiber sozialisiert, seit ich Zeitungen lese. Schon im Eltern-
haus gehörte sie zur Standardlektüre, auch nach dem Auszug,
während des Studiums, an anderen Wohnorten bin ich ihr treu
geblieben und nach Beginn des Online-Zeitalters auf Reisen
bis hin nach Kuba. In dieser Zeit habe ich sie stets gesucht, oft
verflucht, aber nie ganz verlassen. Doch jetzt ist diese Zeitung
nicht mehr meine Zeitung, weil sie keine Zeitung mehr ist, son-
dern ein populistisches Kampfblatt. Das macht mich traurig, es
macht mich aber vor allem wütend.

Als diverse soziale Initiativen für den 21. Dezember 2013 zu
einer Demonstration gegen die örtliche Flüchtlings-, Sozial- und
Stadtplanungspolitik am Beispiel von Lampedusa, den Esso-
Häusern oder der Roten Flora aufgerufen hatten, hat die Mopo,
wie auch ich Ihr Blatt bislang fast liebevoll genannt habe, von
Beginn an sämtliche Prinzipien journalistischer Berichterstat-
tung ignoriert, wenn nicht verraten und somit eine Form des
Kampagnenjournalismus formuliert, der selbst auf dem Boule-
vard beispiellos ist.

Bereits im Vorfeld wurde diese Demonstration nicht nur kom-
promisslos kriminalisiert; unter Ausmalung unausweichlicher
Gefahren für Leib und Leben rieten diverse Artikel bis hin zur
Titelgeschichte förmlich von der Wahrnehmung dieses demo-
kratischen Grundrechts ab. Als sie dann wie von der Morgen-
post insinuiert, man ist geneigt zu vermuten: wie gewünscht
eskalierte, hat Ihre Zeitung die Einseitigkeit in einer Weise ver-
schärft, die jedem Ethos unseres gemeinsamen Berufes Hohn
spricht.

Ausnahmslos wurde dabei die Sichtweise von Polizei und Se-
nat verbreitet. Zahllose Artikel zum Thema suchten die Allein-
schuld jeglicher Gewalt bei den Demonstrierenden, die Ihrer
Diktion gemäß durchweg "Chaoten", "Randalierer" oder "Au-
tonome" waren. Verletzte, Opfer, Rechtschaffenheit gab es aus
Redaktionsperspektive über Tage hinweg einzig auf Seiten der
Ordnungskräft e, die sich demgemäß keinerlei Verfehlungen
schuldig gemacht hatt en. Qu ellen dieser Inhalte waren bis auf
die persönliche Wahrnehmung Ihrer Reporterinnen und Re-
porter vornehmlich behördliche und SPD-Verlautbarungen. Als
andere Medien einen Polizeisprecher mit dem Eingeständnis,
mehrere Falschmeldungen bei einem bislang unbelegten An-
griff angeblicher Ultras des FC St. Pauli auf eine Polizeiwache
- den die Morgenpost nie infrage gestellt hat - zitierten, ging
die Morgenpost dieser Frage nicht nach. Statt dessen durft e die
Mutt er zweier Kinder auf dem Deckblatt unhinterfragt einen
Mordversuch seitens der Demonstrierenden formulieren, wozu
Sie das ehernste Prinzip des Journalismus gebeugt haben: beide
Seiten zu hören. Die ersten ansatzweise einsatzkritischen Zei-
len zu den Vorkommnissen erschienen nach Tagen im Grundton
des Zweifels an der Kritik und denen, die sie äußern.

Die Morgenpost hat also keinen Journalismus betrieben, son-
dern Regierungsverlautbarung. Sie hat nicht berichtet, infor-
miert und analysiert, sondern gemutmaßt, polemisiert und,
wäre dieser Begriff pressehistorisch nicht so verunreinigt,
müsste man sagen: gehetzt. In einer unseligen Vermengung von
Meinung und Nachricht wurde die Suche nach der Wahrheit bis
hin zur bewussten Fehlinformation missachtet und somit alles,
was mir als Journalist lieb und teuer ist - Handwerk, Moral,
Ausgewogenheit und Objektivität - so vorsätzlich mit Füßen
getreten, dass ich mich nicht nur schäme, je für die Morgenpost
tätig gewesen zu sein; nein - ich schäme mich, den gleichen Be-
ruf zu haben wie jene Kolleginnen und Kollegen, die ihr jour-
nalistisches Gewissen für die nächstbeste Kampagne opfern. In
vergleichbarer Weise verfährt Ihr Blatt regelmäßig - wenn es
um "Radrüpel" geht, Fußballfans oder die Drogenpolitik. Nie
zuvor jedoch hat die Morgenpost mutwilliger Politik statt Jour-
nalismus betrieben als rund um den 21. Dezember.

Trotz der wirtschaft lichen Situation eines Freiberufl ers wie mir,
der in der anhaltenden Zeitungskrise jeden Auft raggeber bitt er
nötig hat, werde ich daher nie wieder für die Morgenpost schrei-
ben, schreiben können. Das bin ich mir, meiner Würde, diesem
wundervollen Beruf schuldig, das bin ich allerdings auch jenen
Menschen schuldig, denen als Autor Ihrer Zeitung in die Au-
gen zu blicken zusehends schmerzhaft wird. Und das sind eine
Menge, mehr als Ihnen lieb sein dürft e, ja selbst in Ihrer eigenen
Redaktion schämen sich nicht wenige für das, wofür ihr Arbeit-
geber steht, wie mir persönlich versichert wurde. Ich wünsche
Ihnen also ohne mein Zutun, sehr geehrter Herr Niggemeier,
lieber Kollege und werter Auft raggeber, dass Sie und Ihr Team
vorurteilsfrei zurückblicken, kurz innehalten und in sich gehen,
ob das der Beruf ist, den Sie erlernt haben, den Sie vermutlich so
lieben wie ich, den auch Sie einmal im Gefühl gesellschaft licher
Verantwortung ausüben wollten.

Ihre Zeitung war mal ein liberales Qu alitätsblatt , es hat große
Zeiten erlebt und schwere, große Journalisten herausgebracht
und gewöhnliche. Mit dem derzeitigen Kurs setzen Sie dies alles
nicht bloß aufs Spiel - Sie negieren es geradezu, verleumden sei-
ne Vergangenheit und damit sich selbst. Mit Ihrem Kurs schädi-
gen Sie somit die gesamte Branche und machen sich mitschuldig
am Niedergang des gedruckten Wortes.

Bitt e kehren Sie um, lieber Herr Niggemeier, aber tun Sie es ohne
mich. Ich freue mich auf eine Antwort, aber sie wird an meinem
Entschluss nichts ändern. Das mag Ihnen gleichgültig sein, für
mich ist es substanziell, um diesem Beruf weiterhin nachgehen
zu können.

Mit hoff nungsvollen Grüßen,
Jan Freitag

Weitere Infos

Zum Autor: Jan Freitag arbeitet als freier Journalist in Ham-
burg - seit drei Jahren schreibt er regelmäßig für den journa-
list. J.F.'s Blog: freitagsmedien.com

Die Antwort von Frank Niggemeier auf diesen Brief incl.
einer Erwiderung von Jan Freitag:

htt p://www.journalist.de/ratgeber/handwerk-beruf/menschen-und-mei-
nungen/off ener-brief-an-die-mopo-bitt e-kehren-sie-um-aber-tun-sie-es-
ohne-mich.html
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