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(de) FdA/IFA Gai Dào #42 - Kurze Skizze der anarchistischen Bewegung in Polen - Ndejra / Leipzig

Date Tue, 17 Jun 2014 09:01:39 +0300


Zugegeben, das Vorhaben, einen historisch en Überblick über "den polnisch en" Anarch ismus zu liefern, ist widersprüch lich in vielerlei Hinsich t: nich t nur, weil es praktisch unmöglich ist, ein so großes Th ema in Kürze und unverzerrt darzustellen. Zum Einen ist die Darstellung der anarch istisch en Bewegung ohne den Kontext der bürgerlich en Revolutionen und anderer sozialistisch er Strömungen widersinnig; zum Zweiten - was soll sch on an diesem Anarch ismus "polnisch" sein? So wie Bakunin und Proudhon ihre Rolle darin gespielt haben, spielten viele Vertreter*innen der polnisch en sozialistisch en Bewegung ebenfalls wich tige Rollen in der Gesch ich te des europäisch en Sozialismus. Dieses Land (welch es Land wäre das eigentlich in der Föderation von Königreich Polen und Großfürstentum Litauen?) mit einer langen republikanisch en Tradition wurde zwisch en den reaktionärsten Staaten des damaligen Europa zerrissen, daher mussten viele polnisch e Sozialist*innen entweder ins Exil (vorzugsweise ins sch weizerisch e oder ins französisch e) oder sich der deutsch en/österreich isch en oder russisch en Bewegung ansch ließen.

Dennoch versuch e ich das Gemeinsame und das Besondere am polni-
sch en Anarch ismus wenigstens in groben Zügen, mehr oder weniger
thesenhaf zu skizzieren, in der Hoff nung, dass geneigte Leser*innen
sich veranlasst fühlen, ihren eigenen spannenden Forsch ungen nach -
zugehen.

Mensch könnte zwar wie der Anarch ismus-Forsch er A. Lanewski 1 den
Ursprung des libertären Denkens im Lande bei den sogenannten "Pol-
nisch en Brüdern" (auch Sozinianer oder Ariener genannt) such en, ei-
ner merkwürdigen protestantisch en Sekte, die im 14. Jhd. entstand, die
Gött lich keit Jesu verwarf, Absch aff ung der Leibeigensch af , Gewaltlo-
sigkeit und die allgemeine Brüderlich keit forderte. Selbst wenn wir der
Religiösität in Polen ihre zweifellos bedeutende Rolle lassen, kann die-
ser Ansatz den europäisch en (in unserem Falle - den polnisch en) Anar-
ch ismus als revolutionäres Projekt der Aufk lärung weder angemessen
fassen noch erklären. 2 Die Arianer waren eben keine Anarch ist*innen
im engeren Sinne, auch wenn sie in ihrem historisch en Kontext wie die
Hussiten oder Anabaptisten durch aus revolutionär waren.

Ebenfalls zu nich t anarch istisch en, aber zur demokratisch -republikani-
sch en Tradition gehört die damals einzigartige politisch e Verfasstheit
des polnisch -litauisch en Unionstaates. Das polnisch e Kriegsadel, die
sogenannte Szlach ta, die sich selber ursprünglich aus dem Bauerntum
rekrutierte, erkämpf e sich in zahlreich en Kriegen und innerpolitisch en
Konf ikten Privilegien und sch afft e im 14. Jhd., nach dem Aussterben
der Jagellonen-Monarch ie eine Wahlmonarch ie - polnisch e Könige wa-
ren dementsprech end nur noch vom Adel gewählte Repräsentanten des
Staates. Die Vertreter der Szlach ta waren rech tlich und politisch gleich
und ebenbürtig und dürf en ihre progressive Rolle noch spielen: die
Verfassung von 1791 (d.h. eigentlich die erste in Europa) war für Karl
Marx, vor dem Hintergrund der russisch -preußisch -österreich isch en
Barbarei, das einzige vom Geist der Freiheit durch tränkte Dokument,
das Osteuropa jemals hervorgebrach t hatt e, das zudem noch von der
privilegierten Sch ich t ausging. Das nannte Marx die edelste Tat der
adeligen Klasse. Die 1795 zwisch en Preußen, dem Russisch en Zaren-
reich und Österreich aufgeteilte Rzeczpospolita (was nich ts anderes
hieß als "res publica") war ihm "das osteuropäisch e Frankreich ". 3 Die
Forderungen der Wiederherstellung der polnisch en Staatlich keit waren
in der 1. Internationale immer ein großes Thema.

Freilich war das Kriegsadel, das etwa 10% der Bevölkerung ausmach te
und sich manch mal in Koalitionen zusammenrott ete, um sich gegensei-
tig zu bekämpfen oder den gewählten König "zur Vernunf zu bringen",
eine immense wirtsch af lich e Belastung für Bauern und Leibeigene. Ob
mensch das unbedingt durch die Bezeich nung "feudale Anarch ie" sch ön
reden muss, ist fraglich , aber - wie gesagt - diese demokratisch e 4 Tra-
dition spielte eine sehr wich tige Rolle im politisch en Leben des Landes.

Die eigentlich en Ursprünge des polnisch en Anarch ismus sind von den
national-demokratisch en Bestrebungen im aufgeteilten und der politi-
sch en Souveränität beraubten Polen nich t klar abzutrennen. Das 19. Jhd.
war reich an Aufständen in Polen: so sollte mensch die hoff nungslosen
und blutig niedergesch lagenen Aufstände von 1831 und 1846 erwähnen,
die sich gegen die politisch e Unterdrück ung durch Russland und Preu-
ßen rich teten und mit vielen sozialen Forderungen verbunden waren.

Die Niedersch lagung und Verfolgung von Beteiligten führte dazu, dass
viele basisdemokratisch Gesinnte nach Frankreich oder in die Sch weiz
f iehen mussten, wo sie mit sozialistisch en / anarch istisch en Ideen Be-
kanntsch af sch lossen. Der am 1831-er Aufstand beteiligte Historiker
Joach im Lelewel wurde z.B. zum engen Freund von Marx und Engels,
Josef Cwjartkewicz, Mitglied der 1. Internationale war Anhänger P.-J.
Proudhons. Auch Mich ail Bakunin versuch te sich mit Exil-Polen anzu-
freunden, die ihm als Russen und seinem revolutionären antistaatli-
ch en Programm jedoch misstrauten. Die Unterstützung der polnisch en
Revolution sch ien damals unter europäisch en Demokraten selbst-
verständlich - bis auf wenige Ausnahmen. Während sich Alexander
Herzen auf den Seiten seiner Zeitsch rif "Kolokol" wie selbstverständ-
lich die polnisch en Aufstände unterstütze und z.B. in "Vivat Polonia!"
(14.03.1861) russisch e Soldaten aufrief, eher zu sterben, als auf Polen und
russisch e Bauern zu sch ießen, stellte sich Pierre-Joseph Proudhon ent-
sch ieden gegen national-demokratisch e Bestrebungen in Polen. Nich t
nur, dass er gegen Herzen polemisierte, indem er behauptete, dass das
nationale Prinzip sich bereits damals überlebt hatt e - worüber mensch
sich hätt e streiten können - stellte er sich auf die Seite der russisch en
Regierung, als sie nach der Niedersch lagung des Aufstands von 1864
populistisch e, konterrevolutionäre Bodenreformen in Polen beschloss
und den polnisch en Bauern mehr Boden zuteilte als den russisch en oder
weißrussisch en. So gratulierte er einem russisch en Reaktionären in ei-
nem Brief, der erst 1883 in der Zeitung "Rus'" veröff entlich t wurde, zu
dieser "ech ten Tat der Emanzipation des polnisch en Volkes" und pries
den Zaren Alexander II als eine Art sozialistisch en Befreier des Volkes
vom korrupten Adel. Die Haltung, die ihm Bakunin bei all seinem Res-
pekt nich t mehr verzeihen konnte; so kritisierte er Proudhons Brosch ü-
re "Si les traités de 1815 ont cessé d'exister" (1864) sch onungslos: "Das
russisch e Reich , das irgendjemand befreit, das ist eine empörende Irr-
sinnigkeit, die weder dem Verstand noch dem revolutionären Instinkt
Proudhons, natürlich , keine Ehre mach t". 5

Januar 1864 ereignete sich erneut in Polen ein Aufstand gegen die Za-
renherrsch af , er wurde ebenfalls brutal niedergesch lagen, weil es den
aufständisch en Adeligen und Bürgertum nich t gelang, die Bauern für
"die Sach e" zu begeistern. "Die Sach e" war wohl tatsäch lich nich t unbe-
dingt die Sach e der Bauern und einfach er Arbeiter*innen: das erklärte
Ziel des Aufstands war die Wiederherstellung der Rzeczpospolita in
den Grenzen von 1772, komme was wolle, und nich t die sozialen Forde-
rungen. Besonders tragisch an diesem Aufstand ist die Tatsach e, dass
polnisch e National-Demokraten bereit waren, für ihre Unabhängigkeit
die Unabhängigkeit der benach barten Ukrainer*innen, Weißruss*innen
und Litauer*innen zu opfern. Die Zersch lagung des Aufstands und die
"Russisierung" des polnisch en Bildungssystems und Verwaltungsap-
parats zogen Unmut und erneute Emigrationswellen nach sich . Solch e
Anführer des Januaraufstands wie Jaroslaw Dabrowski (1836 - 1871)
und Walery Antoni Wróblewski (1836 - 1908) setzten ihre militärisch e
Erfahrungen 1871 bei der Verteidigung der Pariser Kommune gegen
preußisch e Truppen ein.

An dieser Stelle wäre vielleich t noch angemessen, zu erwähnen, dass
selbst die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation 1864 auch
nich t ohne "polnisch e Spur" war. Trafen sich doch englisch e und fran-
zösisch e Arbeiter*innen in London, um ihre Solidarität mit dem Janu-
araufstand in Polen zu demonstrieren, und kamen dabei zufällig zum
Sch luss, dass eine Organisation, die den proletarisch en Kampf interna-
tional koordinieren könnte, wohl auch nich t sch aden würde.

Wie dem auch sei, aufgrund der Repressalien, mit denen das Zarenreich
Polen überzog, war eine sinnvolle politisch e Arbeit zunäch st nur noch
im Exil möglich . So entstand 1872 in Zürich die "Polnisch e Sozial-Revo-
lutionäre Gesellsch af " (Polskie Towarzystwo Socijalno-Rewolucyjne).
Das erste Programm der Organisation sch rieb Josef Tokarzewicz unter
Assistenz von Mich ail Bakunin. 6 Die russisch en Revolutionär*innen
fühlten sich zu bedingungslosen Solidarität mit der Sach e der nationa-
len Befreiung Polens verpf ich tet - sch ien ihnen das doch (berech tigter-
weise) notwendige Bedingung der sozialen Revolution in Russland zu
sein. Die Ansich t teilten nich t einmal alle polnisch en Sozialist*innen:
zu untersch iedlich die materiellen und kulturellen Umstände (Polen
wurde ziemlich früh zum am meisten industrialisierten Gebiet des
russisch en Imperiums, was wohl auch die Untersch iede in den Sozia-
lismus-Vorstellungen erklären würde: orientierten sich Tsch ernysch ew-
ski, Ogarew und Herzen an der russisch en Bauern-Gemeinde "mir",
tendierten die polnisch en Sozialist*innen in Rich tung Mutualismus).
Zu stark war auch der Nationalismus und der Wunsch nach eigener
Staatlich keit, das Poch en auf "historisch e Rech te", denen auch manch e
Sozialist*innen, die durch aus Bakunins Einsich ten der antistaatlich en
Revolution teilten, Zugeständnisse mach en mussten; zu sch wach war
das Vertrauen zu den Vertreter*innen des Kolonisatoren-Volkes. So
lehnte das Zentralkomitee der polnisch en Nationalregierung mehrmals
Vorsch läge Bakunins ab, persönlich nach Polen zu kommen und bei den
Vorbereitungen der Revolution mitzuhelfen. Dieser war geradezu be-
sessen von der Idee, die russisch en Offi ziere des polnisch en Regiments
zu agitieren und dort eine "russisch e Legion" zu bilden, um den Auf-
stand 1863/64 zu unterstützen und, natürlich , die Revolution nach Russ-
land zu exportieren.

Als symptomatisch für dieses Misstrauen könnte mensch die Beziehun-
gen zwisch en Mich ail Bakunin und General Ludwig Mieroslawski (1814
- 1878) betrach ten. Dieser stand zwar im linken Flügel der national-
demokratischen Bewegung, war aber zutiefst nationalistisch und eitel;
die Vorstellung, dass die Bevölkerung Litauens, Weißrussland und der
Ukraine nicht unbedingt von der Rzeczpospolita in den Grenzen von
1772 begeistert sein oder dass das "gemeine Volk" in der Erhebung sei-
ne eigenen, sozialen Interessen verfolgen könnte, war ihm so zuwider,
dass er keine Mühe scheute, Bakunin, Herzen und Co als Agenten des
Zaren zu denunzieren, die die polnische Sache nur für Moskaus Belange
opfern wollten. Er beanspruchte, alleine das demokratische Polen zu
repräsentieren, jedoch als das geheime russische Militärkomittee sich
direkt mit dem polnischen Zentralkomitee verband und sich im Sinne
Bakunins Losung "Möge alles Polen sein, was Polen sein will!" 7 einig-
te, wurde diese Forderung ziemlich grundlos, was Mieroslawski noch
mehr gegen die russischen Revolutionär*innen aufrachte. Auch nach
dem missglückten Aufstand widmeten sich beide Herren zahlreiche Bro-
schüren und Zeitungsartikel, in denen sie ihre Feindschaf austrugen.

Ebenfalls erwähnenswert ist die letzte polnische Avantüre Bakunins.

Im Februar 1863 begab er sich ohne die Einladung des polnischen Zen-
tralkomitee abzuwarten, nach Stockholm, um von dort aus klandestine
Beziehungen zwischen Finnland, Polen, Litauen und St. Petersburg her-
zustellen. Etwas später, völlig unabhängig davon, entstand in England
unter der Leitung von Oberst Theophil Lapinski ein Plan, mit einem
Schiff an die polnische Ostseeküste zu kommen, da einen militärischen
Trupp abzusetzen und im Land für Unruhen zu sorgen. Die Expedition
war dermaßen ungeschickt und unkonspirativ vorbereitet, dass sie rus-
sische Botschaf von Anfang an sehr gut Bescheid wusste. Unterwegs
machte das Schiff mit etwa 200 Mann und Waffen an Bord einen Ab-
stecher nach Helsingborg, um Bakunin abzuholen, in Kopenhagen foh
allerdings der Kapitän und mit ihm der große Teil der Besatzung. In
Malmo wurde das Schiff festgehalten. Am 11. Juni unternahm mensch
doch einen Versuch, in der Nähe von Memel ans Land zu gehen, der
aufgrund des schlechten Wetters tragisch endete. Wie dem auch sei, das
Scheitern der Expedition lastete mensch Bakunin an, obwohl seine Rol-
le darin eher unbedeutend ist. Die Enttäuschung trieb übrigens Bakun-
in seinen Panslawismus aus.

Freilich kann mensch weder von einer theoretisch sowie organisato-
risch einheitlichen anarchistischen oder sozialistischen Bewegung im
zerstückelten Polen sprechen. Es wäre vielleicht sogar angebracht, anzu-
nehmen, dass in verschiedenen Teilen des Landes auch unterschiedliche
Ansätze existierten. So dominierten im "deutschen" Teil marxistische,
sozial-demokratische, im "österreichischen" - eher reformistisch-syn-
dikalistischen, während im "russischen" Teil sich notwendigerweise
eine terroristische Strömung entwickelte. 8 Dennoch hatten viele nicht
explizit anarchistische Organisationen anarchistische Elemente in ih-
ren Programmen oder Statuten, was sich wahrscheinlich mit den Sym-
pathien der polnischen National-Demokrat*innen für föderalistische
und kooperative Gedanken Proudhons erklären ließe. Es gab im Exil
auch libertäre Presse: "Trybun Ludowy" z.B. erschien in Lwiw, "Swit"
erschien in London. Obwohl die polnische anarchistische Bewegung
keine großartigen Theoretiker*innen vorzuweisen hat, war sie doch im
Wesentlichen von Proudhon, Kropotkin und Tolstoj beeinfusst, gab es
immerhin einige Namen, die für die Bewegung von Bedeutung waren.

Der bekannteste ist wohl Eduard Abramowski (1868 - 1918), Soziolo-
ge, Philosoph, einer der Mitbegründer*innen der Polnischen Sozialisti-
schen Partei, Anhänger der Kooperativen-Bewegung. Theoretisch stand
er Kropotkin und Tolstoj nahe: räumte die führende Rolle bei der Um-
gestaltung der Gesellschaf der Ethik zu und setze eher auf die friedli-
che Evolution zu einem nicht staatlichen sozialistischen Zustand hin. Er
schaffte aber gleichzeitig, aus der Arbeit keinen Fetisch zu machen und
kritisierte scharf den sog. Arbeiterbewegungsmarxismus.

Der Neffe des Pariser Kommundarden Waleri Wróblewski, Augustyn
Wróblewski (1866 - 1913), war Chemiker, während seines Studiums in
St. Petersburg und Riga kam er mehrmals mit der politischen Polizei
in Konfikt. Zunächst glaubte er durch moralische Predigten die Ge-
sellschaf von all ihren Krankheiten heilen zu können, startete viele
öffentliche Kampagnen gegen das Rauchen, gegen Alkoholismus und
Prostitution (er gab auch mehrere Zeitungen heraus: neben denen, die
die Naturwissenschafen oder Arbeiter*innenbewegung zum Thema
hatten, gab es auch Presseerzeugnisse mit recht gruseligen Namen wie
"Czystosc" (Sauberkeit) oder "Trzezwosc" (Nüchternheit). Er setzte wie
Abramowski auf Selbstbewusstsein und friedliche Veränderungen und
wollte sogar eine Art "Rote Religion" (Czerwona Religia, 1912), eine
Synthese aus Freiheitsdrang, Gleichheit, Güte, Schönheit und Liebe, als
Gegensatz zum Katholizismus kreieren.

Józef Zelinski (1866 - 1927) war Syndikalist, Arzt, widmete sich der
Verbesserung der Arbeitsbedingungen und dem Schutz von politisch
Verfolgten. Zusammen mit seiner Frau Iza gründete er die Polnische
Volksuniversität und eine Freidenkerliga, arbeitete mit Jean Grave
in "Les Temps Nouveaux" und schrieb sogar noch Theaterstücke fürs
Volkstheater. Gegen Ende seines Lebens arbeitete Zelinski als Berater
im Ministerium für Arbeit und Soziales, wo er einige recht progressive
Arbeitsschutz-Maßnahmen durchsetzte.

Eine der bekannten Pesönlichkeiten des polnischen freiheitlichen Sozia-
lismus war Jan Waclaw Machajski (1866 - 1926), den mensch nicht in eine
bestimmte Schublade stecken kann. Aus dem linken Flügel der polnischen
Sozial-Demokratie kommend, wo er sich über die Nationalismus-Frage
mit den Genoss*innen verkrachte, entwickelte er ein originales Denk-
system, das später "Machajewtschina" genannt wurde. Vielleicht könnte
er als einer der ersten Kritiker*innen des Staatssozialismus bolschewis-
tischer bzw. sozial-demokratischer Art gelten: früh genug kritisierte er
das Ausarten der politisierten Facharbeiter und Intellektuellen zu einer
neuen Herrschafsklasse, zur sozialistischen Bürokratie. Machajski stand
in seiner Intellektuellen-Kritik und seiner Militanz eher Bakunin und
Johann Most nahe und war, so gesehen, der widersprüchlichste Vertreter
des polnischen Sozialismus: er war ein sozialistischer Intellektueller, der
sozialistischen Intellektuellen den Krieg erklärte. Wie Most, predigte er
den allgemeinen Streik und die Bombe, ohne selbst jemals eine Bombe
geworfen zu haben; sein Einfuss blieb zwar begrenzt, die Schrifen wur-
den jedoch breit rezipiert und beeinfussten eine Reihe von anarchisti-
schen Gruppen in der Ukraine, Weißrussland, Polen und Südrussland.
Scharf kritisierte er auch Kropotkins Versuche, den Anarchismus wissen-
schaflich zu fundieren, und legalistische Tendenzen im Syndikalismus. 9

Die Popularisatorin der Ideen Kropotkins und Mitbegründerin der pol-
nischen Kooperativenliga Maria Orsetti (1880 - 1957) lernte während
ihres Studiums in England die dortige Genossenschafsbewegung ken-
nen und versuchte, Genossenschafen auch in Polen zu etablieren. So ar-
beitete sie in Lebensmittelläden, linken Verlagen und Buchhandlungen,
die nach diesem Prinzip organisiert waren und übersetzte einige Werke
P. Kropotkins ins Polnische.

Ebenfalls viel für die Herausbildung der Arbeiter*innen- und Genos-
senschafsbewegung tat Jan Wolski (1888 - 1975), der Geschichtswis-
senschafler war und u.A. an der Volksuniversität von Eduard Abra-
mowski lehrte. Wolski war außerdem Freimaurer, die Tätigkeit in
Freimaurer-Logen war ihm ein Mittel, an der moralischen Erziehung
der Menschheit mitzuwirken.

Merkwürdigerweise (oder vielleicht doch gar nicht?) widersprach die
Praxis der meisten explizit anarchistischen Gruppen in Polen am An-
fang des 20. Jhd. den Lehren ihrer Vordenker*innen: viele gehörten dem
verarmten jüdischen Milieu an, nannten sich Kommunist*innen und
pfegten den rücksichtslosen bewaffneten Kampf gegen die bürgerliche
Gesellschaf im Sinne Jan Waclaw Machajskis oder Jehuda Grossman-
Roschtschins (damals noch im "Schwarzer Banner" und noch kein Bol-
schewik).

Etwas später (1926) gründete sich aus Überresten der zionistischen
Bundischen Jugend, enttäuschten Anhänger*innen der Sozialistischen
und der Sozial-demokratischen Partei Polens und Litauens und Ge-
werkschafen die konspirative Anarchistische Föderation Polens (Anar-
chistyczna Federacja Polski, AFP). Die Föderation gab Zeitungen "Glos
Anarchisty" (Anarchistische Stimme), "Mlody Rewolucjonista" (Junge
Revolutionär*innen) und "Walka Klas" (Klassenkampf) heraus. Mitte
der 1930er Jahre gelang es der AFP, Einfuss auf die Landesgewerkschaf
ZZZ zu nehmen und sie in die syndikalistische Richtung zu drängen.
1939, mit dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen löste sich die AFP
auf, Teile von ihr gingen nach Palästina, die anderen gingen während
des 2. Weltkrieges in der syndikalistischen "Wolnosc" auf. Während
des Krieges bestand auch eine weitere syndikalistische, aber weniger
radikale Organisation, "Zwiazek Syndikalisów Polskich" (ZSP, Verei-
nigung polnischer Syndikalist*innen), die zwar für den freiheitlichen
Sozialismus eintrat, aber den Klassenkampf verwarf. Die ZSP gab di-
verse Zeitungen heraus und unterstützte den Aufstand im Warschauer
Ghetto im April 1943.

Nach dem Krieg löste sich die anarchistische Bewegung fast vollständig
auf: einige emigrierten, andere traten der Vereinigten Arbeiterpartei
bei, wiederum andere gingen in der Genossenschafsbewegung auf,
nachdem die neue Regierung die Legalisierung der anarchistischen Or-
ganisationen verweigerte. Organisierter Anarchismus taucht in Polen
erst Anfang 1980er wieder auf: nämlich in Form der Jugendbewegung
"Ruch Spoleczenstwa Alternatywnego" (RSA, Bewegung der alterna-
tiven Gesellschaf). Die RSA war eher subkulturell unterwegs, lieferte
sich manchmal während offizieller Feierlichkeiten Straßenschlachten
mit Ordnungskräfen, protestierte gegen die Militarisierung der Gesell-
schaf und den Bau von AKWs und gab solche Zeitungen wie "Giloty-
na", "Homek" (Der Mensch) und "Przekaz Dalej" (Gib es weiter) heraus.
Pazifistisch, ökologisch und für Rechte der Minderheiten war auch Ruch
Wolnosc i Pokój (Bewegung Freiheit und Frieden), die zwar nicht anar-
chistisch, aber wohl eine Art Graswurzel-Bewegung war. Teile von die-
sen Bewegungen gründeten 1988 eine libertäre Vernetzungsplattform
"Miedzymiastówka Anarchistyczna" (sinngemäß: Die anarchistische
Überregionale), 1989 verwandelte sich die MA in die "Federacja Anar-
chistyczna" (Anarchistische Föderation), die bis heute besteht und in ein
paar Städten ihre Strukturen hat.

Die Aktivitäten der FA sind "klassisch": Aufklärung, Bildung und Agi-
tation, Antimilitarismus und Antifaschismus, Öko-Aktivismus, kom-
munale Selbstverwaltung, Unterstützung bei Arbeitskonfikten, Kampf
gegen Gentrifizierung. Mit der FA ist der seit 1994 bestehender Squat
"Rozbrat" 10 verbandelt. Es erschienen auch viele Zeitungen, aktuell er-
scheint nur die "Inny Swiat" 11 (Eine andere Welt), die 2013 ihren 20.
Geburtstag gefeiert hat, "Przeglad Anarchistyczny" (Anarchistisches
Revue) scheint 2011 eingegangen zu sein. Beide werden (wurden) im
Verlag der FA "Bractwo Trojka" 12 verlegt.

Da ich glaube, die anarcho-syndikalistische ZSP-IAA wird den meisten
Leser*innen ein begriff sein, da die "Direkte Aktion" ab und zu über
deren Aktivitäten berichtet, und mir die ZSP die bekannteste libertäre
Organisation in Polen zu sein scheint, erspare ich's mir und verweise
auf eine weitere anarcho-syndikalistische Organisation im Lande - auf
die "Inicjatywa Pracownicza" (Arbeiterinitiative), die von einigen FA-
Aktivist*innen Anfang 2000er gegründet wurde.

Viele Gruppen und Organisationen zerbrechen wie z.B. "Lewicowa
Alternativa" oder "Inicjatiwa Antynuklearna", und gehen in anderen
Projekten auf. Was mensch jedoch feststellen kann - der Anarchismus
in Polen ist zwar immer noch in den Subkulturen verwurzelt, ist aber
längst keine subkulturelle Veranstaltung mehr. Die zutiefst homopho-
be, nationalistische, erzkatholische Gesellschaf macht es polnischen
Libertären natürlich nicht leicht, für Ideen zu werben. Mit Verweis
auf konservative, patriotische Werte baut die Regierung die Überreste
der Sozialstaatlichkeit und Rechte der Arbeiter*innen ab (8-Stunden-
Arbeitstag z.B seit 2013 per Gesetz aufgehoben). Wie in allen post-sozi-
alistischen Gesellschafen ist in Polen die Arbeiterschaf desorganisiert
und gegen alles "Sozialistische" allergisch, wozu auch "Heldentaten"
der Solidarnosc-Gwerkschaf wohl einiges beigetragen haben dürf-
ten.13 Die extreme Rechte gewinnt an Einfuss.13 Jedoch schaffen es
Anarchist*innen auch, solche Projekte wie das partizipatorische Stadt-
Budget populär zu machen, so war das 2010 verstorbene Mitglied der
Krakauer FA-Gruppe, Rafal Górski, Autor des Budget-Projekts für Kra-
kau. In den sozialen Konfikten, im Kampf gegen Neonazis und Um-
weltverschmutzung mischen Anarchist*innen kräfig mit. Wir werden
sehen, was passiert


Endnoten:

[1] Lanewski Alexander., "Anarchizm v Pol'sche: Istorija i sovremennost'", in Prja-
muchinskije tschtenija, Moskwa 2010
[2] Vgl. zu sog. "broad anarchist tradition", einem Analyse-Ansatz, der den An-
archismus eindeutig in der Moderne verortet und nicht etwa im antiken Grie-
chenland oder alten China "Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im
Anarchismus und Syndikalismus" von Lucien van der Walt und Michael Schmidt,
Hamburg 2013, S. 28ff
[3] Vgl. Djakow, W.A., "Marks, Engel's i Pol'scha", Moskwa, 1989
[4] Obwohl mensch fairerweise schon sagen muss, diese Demokratie war nicht so
sehr der modernen Art, sondern erinnerte eher an die antike griechische Demo-
kratie bewaffneter Bürger (und eben nicht Bürgerinnen).
[5] Zit. nach "Michail Alexandrowitsch Bakunin, ego zhisn' i deajtel'nost', tom 2,
1861-1868" von Juri Steklow, Moskwa 1927, S. 154ff
[6] http://lewicowo.pl/programy-towarzystwa-polskiego-socjalno-demokratyczne-
go-w-zurychu/
[7] Bakunins panslawistische Positionen, die den General so ärgerten, sind unter
dem Titel "Die Sache des Volkes" 1868-69 als Artikelserie erschienen, von der
Zeitschrift Mieroslawskis "Bacznosc" verrissen und als pro-zaristisch missinter-
pretiert.
[8] Vgl. dazu "The russian Anarchists" von Paul Avrich, 1967
[9] Leider gibt es so gut wie keine Literatur über Machajski auf Deutsch. Daher
empfiehlt sich das schon etwas ältere Buch von Marshall S. Schatz "Jan Waclaw
Machajski. A Radical Critic of the russian Intelligentsia and Socialism", Pitts-
burgh, 1989; glücklicherweise auch im Internet zu finden: http://libcom.org/histo-
ry/jan-waclaw-machajski-radical-critic-russian-intelligensia-socialism-marshall-
s-shatz
[10] http://www.rozbrat.org/
[11] http://www.innyswiat.most.org.pl/
[12] http://www.bractwotrojka.pl/

Relevante Links:
http://ozzip.pl/ - OZZ IP, Arbeiterinitiative
http://www.zsp.net.pl/ - ZSP-IAA
http://www.ack.most.org.pl/ - Anarchist Black Cross Polen
http://www.federacja-anarchistyczna.pl/ - Anarchistische Föderation
http://cia.media.pl/ - Zentrum anarchistischer Information
http://pl.indymedia.org/ - Indymedia
http://antifa.bzzz.net/ - Antifa.Polska
http://161crew.bzzz.net/ - Antifa-Hooligans
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