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(de) FdA/IFA Gai Dào #42 - Zapatismus-Debatte - Teil 4

Date Mon, 09 Jun 2014 13:50:07 +0300


Antwort auf "Das bösartige Gelächter einiger sehr freier Geister" oder Es gibt kein schlimmeres Sklavendasein als das von denjenigen, die sich frei glauben, ohne es zu sein! ---- Azamblea del Pueblo, 23. November 2013 / Übersetzung: jt ---- Vorwort der Redaktion: Wir drucken hier die dritte Antwort aus dem anarchistischen Spektrum auf den Brief von Subcomandante Marcos ab, die zugleich auch eine Antwort auf den Brief von der aufständischen Zellen (aus der Ausgabe Nr. 39) darstellt. Die vorliegende Antwort stammt (vorgeblich) von einem anarchistischen Kollektiv aus San José in Costa Rica, das sich der Sexta angeschlossen hat. Wir empfehlen dringend, die ersten drei Teile der Reihe zu lesen (Gaidao Nr. 37, Gaidao Nr. 38 und Gaidao Nr. 39), damit sich der vorliegende Text vollständig erschließt.

"Die Individualisten gehen davon aus - oder reden, als wenn es so wäre
-, dass die (anarchistischen) Kommunisten den Kommunismus aufzwin-
gen wollen, was sie natürlich gänzlich außerhalb des Anarchismus stel-
len würde. Die Kommunisten gehen davon aus - oder reden, als wenn
es so wäre -, dass die (anarchistischen) Individualisten jede Idee der
Assoziation ablehnen, den Kampf zwischen Mensch und Mensch, die
Herrschaf des Stärkeren (es gab einige, die im Namen des Individua-
lismus diese und noch schlimmere Ideen vertraten, doch kann man sie
nicht als Anarchisten bezeichnen) wollen - und dies würde sie nicht nur
außerhalb des Anarchismus, sondern auch außerhalb der Menschheit
überhaupt stellen."

Malatesta, Pensioro e Volonta, 19. Juli 1924 (Übersetzung des Karin-Kra-
mer-Verlags 1980)

Die folgenden Zeilen stammen aus der Feder unseres Kollektivs Az-
amblea del Pueblo, das sich tatsächlich als anarchistisch bezeichnet,
während es sich gleichzeitig als Teil der SEXTA ansieht: Wir schreiben
diese Gedanken nieder, weil wir es als Prinzip des Anarchismus an-
sehen, vor keinem Thema zurückzuweichen und noch weniger, wenn
es um einen grundlosen Angriff (und selbst, wenn es einen Grund
gäbe) auf Genoss*innen des Widerstandes geht. Denn als solche er-
achten wir alle Zapatistas, Genoss*innen, die der SEXTA angehören,
Anarchist*innen aus aller Welt und jede andere Organisation oder
Einzelperson, die gegen dieses patriarchal-bürokratische-eurozentris-
tisch-kapitalistische System aufegehrt.

1.- Da wir den Insurrektionalismus als legitimes Mittel des Kampfes
von Völkern 1 begreifen und insbesondere von anarchistischen Grup-
pierungen, sollten wir zunächst klarstellen, dass wir nicht vorhaben,
hier in eine Diskussion über das Warum, das Wie und das Wofür
dieser Praxis einzusteigen (die es jedoch irgendwann geben sollte),
sondern dass wir uns lediglich auf diese missratene Ode an etwas be-
ziehen, was wir als eine "positivistische Vision der Revolte" ansehen
und um die es in der Predigt geht, die im Internet unter dem Titel
"Antwort auf ,Schlechte und nicht so schlechte Nachrichten'. Offener
Brief an den Subkomödianten Marcos" verbreitet wurde. Aufgrund
des offensichtlich individualistischen Charakters dieser Predigt möch-
ten wir außerdem darauf hinweisen, dass wir deren Autorenschaf
hier einer Persönlichkeit zuweisen, die wir auf den Namen "Komman
dant Knaller" getauf haben.

2.- Hinsichtlich des Konzepts der Praxis, das Kommandant Knaller ver-
wendet, lohnt es sich zu erwähnen, dass es, soweit uns dies bekannt ist,
sich nicht gleichsetzen lässt mit dem Konzept der praktischen Anwen-
dung, d. h. "den Instinkten freien Lauf zu lassen" (den "natürlichen"?,
fragen wir uns), sondern ganz im Gegenteil: Die Praxis im anarchisti-
schen Verständnis bezieht sich auf die notwendige Kohärenz zwischen
anarchistischen Prinzipien (die es angeblich zu verteidigen gilt) und den
individual-kollektiven Praktiken im Alltag. In diesem Spektrum von
Praktiken sind selbstverständlich auch die insurrektionalen Aktionen
als Ausdruck der legitimen Verteidigung der Völker enthalten, aber sie
beschränken sich nicht darauf, noch sind sie zu jedem Zeitpunkt kohä-
rent (wenn es dabei eigentlich um Konspiration geht).

Es ist also so, dass wir hier Organisierung als untrennbar von der Pra-
xis begreifen, das gilt insbesondere, da diese Organisierung (als indi-
vidual-kollektive Formierung) Raum für autonome Diskussionen und
Entscheidungen bedeutet. In diesem Sinne ist es für uns inakzeptabel,
wenn gesagt wird, die einzig gültige anarchistische Praxis sei die einer
physischen Auseinandersetzung mit dem repressiven Kräfen. Wir den-
ken, dass es zur Würde des Volkes dazugehört, sich zu verteidigen, aber
die Erinnerung, die Geschichte der Völker sagt uns, dass nur die Orga-
nisierung widerstanden hat und nur diejenigen, die sich um deren Auf-
bau gekümmert haben, tatsächlich die Utopie lebten. (Kommandant,
kommen Sie uns jetzt bitte nicht damit, wir würden "Quatsch erzählen".
Wir haben bereits gesagt, wie wir die Dinge sehen und ohnehin sind
Sie es gewesen, der den verstaubten "Anarchometer" überhaupt erst
ausgepackt hat).

3.- Hinsichtlich des Konzepts von Geschichte, mit dem der Knaller han-
tiert, sind wir der Ansicht, dass die Geschichte noch geschrieben werden
muss, nämlich die Geschichte von unten, in der Erinnerung der Völker.
In diesem Sinne ist auch klar, dass der obige Theoretiker der Barrikaden
(ob er jemals zu einem solchen wird?) scheinbar dem Historizismus an-
hängt, einer Praxis, derzufolge Geschichte aus einer Erzählung besteht,
die am Folgetag angefertigt wird (ein offizieller Bericht) und bei der es
sich um eine lineare Erzählung handelt, die, um eine tief gehende Ana-
lyse vorzugaukeln, großen Wert auf Daten legt, die von hier und dort
stammen, jedoch weder Tiefe noch weitere Dimensionen haben.

Auf diese Weise negiert Kommandant Knaller jegliche Verbindung zur
Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunf (so wie es auch die Medien
der Inkommunikation und sozialen Manipulation zu tun pfegen) und
würgt erneut die einzig wahrhafe Interpretation des Geschehens her-
vor. Dank dieser Historizität, die sich offizielle Version der Gescheh-
nisse schimpf (typischerweise eine Aneinanderreihung von Gescheh-
nissen, bei der die Bösen immer die Unterdrückten sind), eignet sich
Kommandant K. die Aktionen jener an, die im Laufe der Geschichte
der Völker den Widerstand hochgehalten haben, einschließlich der an-
archistischen Insurrektionalist*innen, was ein Affront gegenüber all
jenen Genoss*innen ist, denen es nicht darum geht, im Lichte der "öf-
fentlichen Meinung" aufzutreten.

4.- Dass wir zur SEXTA gehören, macht uns weder zu Zapatistas, noch
nimmt es uns das Anarchisten-Dasein. Kommandant Knaller maßt
sich an, für alle Insurrektionalist*innen auf dem ganzen Planeten zu
sprechen, in allen Zeitzonen und allen Regionen. Als Anarchist*innen
denken wir, ebenso wie die "Neo-Zapatistas", dass in dieser Welt Platz
für viele Welten ist und dass jede und jeder seiner eigenen Form gemäß
Widerstand leistet. Jedoch selbstverständlich auf Grundlage kollektiv
erarbeiteter Prinzipien, weil wir denken, dass diese Prinzipien unser
Erbe für eine bessere Welt darstellen. Wir behaupten nicht, dass das
ezetelen 2 die Errettung der Welt aus dem patriarchal-bürokratisch-
eurozentristisch-kapitalistischen System darstellt, auch nicht, dass
die Zapa-Genoss*innen Anarchist*innen wären, sondern: dass das
Genoss*innen sind, mit denen wir zusammenarbeiten können beim
Aufau einer neuen Welt (was sie auch selbst sagen).

Wer sich die Zeit genommen hat, die SEXTA 3 zu lesen, wird erkannt
haben, dass es den Genoss*innen nicht um neue Anwerbungen oder
eine Kooptation geht, sondern, dass sie einfach davon erzählen, wie ihr
Kampf gewesen ist, so dass aufgrund der verschiedenen Ähnlichkei-
ten, die wir Unterdrückte miteinander haben, wir zueinander finden,
aber niemals dadurch, dass etwas aufoktroyiert wird. Wir haben diese
Maschine namens EZLN, die angeblich massakriert, um Gehorsam zu
erzeugen und anderen die ANDERE Politik aufzuerlegen, wie es Kom-
mandant Knaller beschreibt, nie gesehen. Weiß denn der Herr Knaller,
dass das EZLN den Völkern Mexikos und der Welt sein Wort gegeben
hat, bezüglich des bewaffneten Kampfes 4 ? Wir warten immer noch da-
rauf, dass die Regierung Mexikos die Waffen abgibt. Weiß denn der
Herr Knaller, dass das EZLN in keinster Weise über die Politik der za-
patistischen Völker bestimmt? Weiß denn der Herr Knaller, dass die
Zapatistas in ihrer Escuelita 5 uns mit ihrem Beispiel lehren, mit ihrem
Wort, aber nie mit Gewalt? Weiß der Herr Knaller, was ein staatliches
Herr und was ein Volk ist? Er kann ja einfach in "yotuve" 6 diese furcht-
erregende Lufwaffe des EZLN suchen und er wird sehen, wozu Völker
in Würde und Rebellion fähig sind.

5.- "Von der Hypergewalt erzeugte Gewalt"? Aber es existiert doch über-
haupt nur die Gewalt des Staates bzw. die von ihm legitimierte, denn
sein Monopol auf Repression ist doch eine seiner grundlegenden Eigen-
schafen. Und davon können die insurrektionalistischen Genoss*innen
ein Liedchen singen, ganz zu schweigen von den zapatistischen
Genoss*innen. Das Volk hat, Kommandant Knaller, als Leitspruch
"Keine Aggression ohne Antwort, angesichts von Repression: legiti-
me Verteidigung...". Sie unterstützen so den medialen Diskurs, der die
Bevölkerung beschwindelt, indem er die Gewalt den Anarchist*innen
zuschreibt. Wir sagen stattdessen, dass diese Gewalt vom Staat und der
Parteienkratie ausgeht, dass die Gewalt immer von oben kommt. Das
ist die Grundlage der Revolte, der Rebellion, der sozialen Revolution:
"Für uns befindet sich der Unterdrückte immer in einem Zustand der
legitimen Verteidigung und hat stets das volle Recht, sich zu erheben",
Malatesta, "Fede", 28. Oktober 1923 (der dem Knalleristen zufolge sein
Chefheoretiker ist). Das einzige "Hyper-", das wir gefunden haben, lag
in seiner unterirdischen Verwendung der Sprache, in der Überhöhung
des medialen Diskurses und im Ego des Knalleristen.

6.- Diese positivistische Vision der Revolte, die der Kommandant Knal-
ler verwendet und überhöht, legt den Anarchismus auf einen Kampf
zwischen Insurrektionalist*innen und der medialen Verbreitung des
Plattformismus fest. Und wo wir schon bei Benennungen sind, Knal-
ler, dieses Gerede von "Anarchist*innen, die keine sind" dient doch nur
dazu, das Argument zu unterfüttern, die anarchistische Bewegung sei
unterwandert, und um unbegründete Anschuldigungen anzubringen.
Angesichts dessen, dass für Sie der Anarchismus mit Cocktails 7 gleich-
zusetzen ist und dort auch bereits aufhört, oder um zu vermeiden, sich
dazu zu äußern, dass der Plattformismus wiedererstarkt ist (was auf
den bürokratischen Apparat und die Massenmanipulationsmedien zu-
rückgeht).

7.- Uns fällt die Verwendung und der Missbrauch von Begriffen wie "Er-
höhung", "Ausdehnung" und "Erweiterung" - in Bezug auf den Anar-
chismus - durch Kommandant Knaller auf. Wir weisen an dieser Stelle
erneut darauf hin, dass der Kommandant (was er wohl tatsächlich gerne
wäre) hier eher auf ureigene Begrifflichkeiten der instrumentellen, ka-
pitalistischen Logik zurückgreif, denn auf den Kern der substanziellen
Logik, die dem anarchistischen Ideal zu Eigen ist. Auch ist das Einzige,
was uns in den Sinn kommt, wenn Knaller das Wort der zapatistischen
Genoss*innen mit dem "externen Konsum" in Verbindungen bringt,
dass er sich nur jene Schrifstücke einrahmt und an die Wand hängt,
die ihm zusagen (sprich: nur seine eigenen). Wo bleiben der Internatio-
nalismus und die gegenseitige Hilfe des Kommandanten? Es scheint so
zu sein, dass der erfahrene Pyrotechniker meint, die Erwähnung der
vom Staat verfolgten Genoss*innen reiche aus, um sich als Internatio-
nalist bezeichnen zu können. Die Predigt des Heiligen Kommandanten
Knaller von den Freien Geistern ist nichts weiter als eine Ode - nicht
einmal an den Insurrektionalismus - sondern an einen positivistischen
Spontaneismus der Revolte (von der Rebellion und der Revolution ist er
allerdings sehr weit entfernt).

8.- Es ist nicht an uns, ein Urteil über den fehlenden Nutzen sozialer
und politischer Akte der Gegenwart zu fällen, sondern an denjenigen,
die später die Verantwortung für das aus der Erinnerung gespeiste
Schreiben der Geschichte der Unterdrückten tragen werden. Hier taucht
wieder das Ego des Kommandanten Knaller auf, der seine eigene Ver-
sion der Geschichte schreibt und sie folgendermaßen zum Besten gibt:
"die leblosen und unnützen Demos nach dem Motto ,Latschen-Skan-
dieren-Rumstehen'". In jedem Fall lässt sich sagen, dass der fehlende
Nutzen nicht für immer galt und auch nicht für immer gelten wird, viel-
mehr erforderte es viele, viele und noch mehr Demos nach dem Motto
"Latschen-Skandieren-Rumstehen", um diesen Zustand überhaupt erst
zu erreichen. Etwas anderes ist es natürlich, wenn einige unserer Grup-
pen (in einem ganz bestimmten Kontext) auf diese Art von Kundgebun-
gen verzichten, d. h., dass wir uns nicht daran beteiligen. Das bedeutet
allerdings nicht, dass wir darin einen Ausdruck von Unzufriedenheit
entdecken könnten, ebenso wie auch bei den spontanen und den weni-
ger spontanen Aufständen. Kommandant, wie heißt es doch so schön in
unseren Breiten: "Um beim Fischessen gleichzeitig sprechen zu können,
muss man sehr vorsichtig sein."

9.- Es stimmt nicht, dass die Führungsgestalten der Linken verdutzt
wären, zumindest soweit wir das lesen können. Denn wir müssen an-
erkennen, dass wir vor einer Verschärfung der Repression gegen den
Anarchismus im Allgemeinen stehen, die vom Staatsapparat forciert
wird und sich insbesondere gegen den Insurrektionalismus richtet,. Die
Repression wird letztendlich jedoch von jener Mittelklasse legitimiert,
die sich links schimpf (links = empört, weil sie jetzt auch von Armut
betroffen ist). Gleichzeitig wird der Plattformismus gestärkt und als ein-
ziger "Anarchismus" propagiert, der perfekt in die aktuelle Zeit passt
(denn auch hier sei gesagt: alle, wirklich alle Mitglieder der Plattform
sehen sich als links und Teil der Mittelklasse an).

10.- Von der Revolte zur Rebellion und von dort zur sozialen Revolution
ist es mehr als nur einen Schritt, Knaller. Gerade dieser Weg, so sehen
wir das jedenfalls in unserer Gruppe, kann nicht allein auf Grundlage
symbolischer Aktionen des Aufstands vollzogen werden - einfach nur
mit einem (Molotov-)Cocktail nämlich. Aus unserer Perspektive ist der
Aufau widerständiger Räume ebenso unverzichtbar: Die Zerstörung
der herrschenden Ordnung soll mit dem Aufau einer neuen Welt ein-
hergehen - oder wie die Zapatistas zu sagen pfegen - vieler anderer
Welten. Oder geht es euch nur um die Fortsetzung der Zerstörung, die
bereits vom patriarchal-bürokratischen-eurozentristisch-kapitalisti-
schen System durchgeführt wird? Zerstören um aufzubauen, um etwas
Neues anstelle des Alten zu errichten, beide Elemente müssen gleich-
zeitig und komplementär zueinander vorangetrieben werden. Noch hat
es kein Volk gegeben, dass von Cocktails allein hat überleben können.

11.- Affinität entsteht nicht einfach spontan und noch weniger durch
Osmose - es ist die Organisierung von unten, die den Anarchismus
prägt. Soziale Beziehungen entstehen nicht zufällig und schicksalhaf,
sie werden aufauend auf der Vorstellungskraf und der Erinnerung
bis hin zur Praxis und zurück geschaffen. Die Behauptung, wonach ein
Anarchismus ohne Organisierung möglich sei, auf Grundlage eines
Hyperindividualismus, stellt lediglich eine Verzerrung des Mottos "Wir
sind stark in der solidarischen Einsamkeit der Gruppe". Die kollekti-
ve Anrufung, die am Ende der Predigt des Kommandant Knaller steht
(Versammelt euch um mich, der euch zur Freiheit führen wird), die Ver-
teidigung der Sabotageakte und der Klandestinität belegen die Sinn-
losigkeit des angeblichen individualistischen Anarchismus. Selbst das
Hyper-Ego des Knalleristen bedarf einer Bestätigung durch Andere.

12.- Darüber, was politisch ist, lässt sich aus unserer Sicht sagen, dass
- genauso wie wir uns im heutigen Anarchismus Konzepte wie die
"Ordnung" aneignen (wobei wir festhalten sollten, dass die aktuelle
Situation eigentlich nur als "etablierte Unordnung" bezeichnet werden
könnte) - wir uns dem widersetzen, die von den Parteienkratie besetz-
ten Räume als politisch zu bezeichnen. Es ist die Anarchie, die sich als
politisch begreif. Sie nimmt sich des Kampfes der Völker an, als ein-
zig wirklich politischer Raum. Aber natürlich handelt es sich um eine
ganz, ganz ANDERE Politik als jene, die Staat und Kapital postulieren.
Es handelt sich um eine Politik - wie die zapatistischen Genoss*innen
sagen würden - der Leute von unten, d. h., wir widersetzen uns der
Gleichgültigkeit und dem Avantgarde-Gedanken, und deswegen un-
terstützen wir die Selbstorganisierung der Völker, insbesondere dann,
wenn sie sich der würdevollsten aller Handlungen widmen - nämlich
dem Treffen ihrer eigenen Entscheidungen.

13.- Unser bereits bekannter Kommandant behauptet, seine großar-
tige Rede vom Anarchismus aus zu halten, dabei verwendet er aller-
dings - in ziemlich herablassenden Ton - patriarchale Begriffe wie
"Showgirl" und "Schreiberling" 8 : Anscheinend ist Knaller der echte
Komödiant (vielleicht auch der Grund, warum er überall sonst lauter
Komödiant*innen sieht), denn genauso wie er seine eigene Version der
Geschichte und des Anarchismus in petto hat, denkt er auch, dass der
Anarchismus eine Sache von Männern ist, echter Männer versteht sich,
weil das Ziel ganz klar darin besteht, möglichst viele Bullenärsche pro
Stunde treten zu können (es geht um befreiende Effizienz und viel Tes-
tosteron, so der Kommandant).

14.- Begrenzen die Zapatistas ihren Diskurs auf bestimmte Sektoren?
"Wir rufen alle dazu auf, nicht zu träumen, sondern etwas viel sim-
pleres und entschiedeneres zu tun. Wir rufen alle dazu auf, aufzuwa-
chen." Wenn Kommandant Knaller sich nicht von der Einladung der
Zapa-Genoss*innen angesprochen fühlt - und das ist wohl einer der
widersprüchlichsten Punkte seiner Predigt -, warum dann diese end-
losen Beleidigungen und Anschuldigungen, die er gegen die Zapatistas
loslässt, gegen die Anarchist*innen in der SEXTA und das Publikum im
Allgemeinen? Liegt es vielleicht daran, dass der Knallerist es nicht für
angebracht hält, dass Anarchist*innen sich an der SEXTA beteiligen,
oder - im Gegenteil - weil er mit diesem Aufruf seine selbsterklär-
te "Hegemonie" über die insurrektionalistische Bewegung gefährdet
sieht?

15.- Kommandant Knaller ist nichts Anderes als ein Autoritärer, der
sich aus einem Trend heraus für insurrektionalistisch erklärt und sich
diesen Kampf aneignet (in seinem ewigen Historizismus hat ihn das
Schleudern eines Molotovs in einen Märtyrer verwandelt, einen The-
oretiker und Patriarch des anarchistischen Kampfes). In diesem Sinne
schließt er - am Ende seiner "Ode an das Zündholz" - die Möglichkeit
einer Antwort aus, eines fundamentalen anarchistischen Prinzips, der
Kritik und der Debatte. Auf gleiche Weise geht dieser Anführer des
Zündelns, der Positionen nie abzuwägen braucht, dazu über, Avantgar-
de-Bestrebungen zu kritisieren, nur um direkt danach sich selbst als
"den Funken, der die Prärie entzünden wird" zu definieren. Wir haben
unsere Zweifel, ob Kommandant Knaller in der Lage wäre, den aktu-
ellen Zustand der Menschheit zu erklären, ohne sich auf alle und jeden
einzelnen der vorhergehenden Momente in diesem langen Widerstand
von 500 Jahren zu beziehen.

16.- Kommandant Knaller überspringt locker und leicht das originäre
Problem der Entstehung von Gesetzen und verfällt dadurch auf den
Unsinn, eine Gesellschaf ohne Prinzipien fordern zu wollen, in der je-
des individualistische Handeln per se legitim ist. Unserem Verständnis
nach geht es allerdings darum, die Inhalte und Prozesse zu hinterfra-

gen, die uns dazu bringen, ein Lebensprinzip als legitim zu fordern,
egal, wie dieses aussehen möge - denn was wäre sonst das Ziel unseres
Kampfes? Wenn wir dem Gedankengang jenes Befreiers folgen - wären
dann also die Praktiken, die Kapitalist*innen in ihrem "Privatleben"
entfalten, legitim? Es scheint notwendig, die soziale Aufösung in per-
sonam zu erleben, die der Konsum und die Drogen des Kapitalismus er-
zeugen, um zu verstehen, dass diese im Widerstand nicht als akzeptabel
gelten können, sprich für diejenigen, die beim Aufau einer neuen Welt
mitarbeiten möchten. Und hier treffen wir auf die inakzeptable hyper-
individualistische These, dass "ich doch niemandem schade".

17.- Das Problem der "machiavellischen Maxime", wonach "der Feind
meines Feindes mein Freund ist" wird nicht dadurch überwunden, dass
wir feststellen, dass "der Feind meines Feindes ebenfalls mein Feind
sein kann", weil es hier nicht um die Diskussion über einen möglichen
militärischen Sieg geht, da wir hier alle verlieren - worauf die Zapa-
tistas richtigerweise hinweisen. Worum es also geht, meinen wir zu-
mindest, ist jene, die für die Autonomie der Völker eintreten, von jenen
unterscheiden zu können, die für die Herrschaf über diese eintreten.
Darin besteht unserer Meinung nach Affinität, nicht einfach in der Aus-
sage: "Hey, mit dem Typ komme ich klar". Es geht also darum, Verant-
wortung für und Kohärenz mit unseren utopischen Ideen festzustellen.

18.- Um sich als Anarchist zu deklarieren, übernimmt Kamerad Knal-
ler - merkwürdigerweise - die These, wonach die Apathie der "Mas-
se" schuld an allem Übel sei. Eine Argumentation, die exakt der Linie
selbsterklärter Avantgarde-Anhänger*innen folgt. Und offensichtlich
sind wir, alle Genoss*innen, die sich als Teil der SEXTA ansehen, so-
wie alle anderen, die nicht in der Figur des Kommandanten den Weg
zur Befreiung inmitten der Herrschaf (Kommet zu mir und ihr werdet
frei sein) anerkennen, Teil desselben Lumpens. Wir allerdings sagen:
Jedem*jeder nach seinen*ihren Möglichkeiten und Verantwortungs-
gefühl. Der Fall des selbsterklärten Kommandanten Knaller, dem be-
kannten Anführer der anarchistischen Horden, ist natürlich ganz an-
ders gelagert: Nachdem er die abscheuliche Sterblichkeit überwunden
hat, gelang ihm dank des reinigenden Feuers die Verwandlung in einen
"sehr freien Geist". Nun schwebt er davon und verlacht uns alle, die wir
hier unten sind.

19.- Als er sich schließlich bis zum "ps" vorgearbeitet hat, ist das aufge-
blähte Hyperego in dieser zündelnden Predigt schon gar nicht mehr zu
ertragen. Die Ansammlung an Werturteilen, die Kommandant Knaller
verschießt und die er als offizielle Version des insurrektionellen An-
archismus zu verkaufen versucht, grenzt beinahe ans Xenophobe: Die
Darstellung der Massaker und des Widerstands, die die Völker Latein-
amerikas und der Welt während der letzten 521 Jahre vorangetrieben
haben, ist also eine "Farce"?

Wir verlangen die sofortige Aufhebung aller Anklagen gegen vom Staat
entführte Genoss*innen, da das Recht auf Protest und die Freiheit der
Gedanken nicht kriminalisiert werden dürfen!
Wir verlangen den sofortigen Stopp aller Angriffe gegen die widerstän-
digen zapatistischen Gemeinschafen!

Wir verlangen ein Ende der manipulierten Fälle, die nur darauf ab-
zielen, die Repression gegen das Volk zu legitimieren und Angst und
Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten!

Wir verlangen ein Ende der politischen Verfolgung der Bevölkerung,
die für ihre Rechte kämpf!

Wir verlangen ein sofortiges Ende des internationalen Projekts zur Kri-
minalisierung von sozialen Bewegungen!

Hoch leben alle, die kämpfen!
Hoch lebe das organisierte Volk!
Unterkunf, Land, Arbeit, Brot, Gesundheit, Unabhängigkeit, Demo-
kratie, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden. Das waren unsere Forde-
rungen in der langen Nacht der 500 Jahre. Das sind, heute noch immer,
unsere Forderungen. 9

Widerstand und Autonomie!
¡No pasarán!
Brüder und Schwestern, seid gegrüßt!

Azamblea del Pueblo
San José, Costa Rica, Mittelamerika, Planet Erde.
Jahr 521 des Widerstands.

ps.: Dafür, dass er sich Anarchist schimpf, schreibt Kommandant Knal-
ler tatsächlich wie ein stolzer Sohn des Systems.

----------------------------------------
[1] Anm. d. Ü.: Zum Originalbegriff "Pueblo" könnte eine ganze Abhandlung geschrieben werden. Kurz zusammengefasst, ließe sich vielleicht sagen, dass dieser Begriff
in Lateinamerika gänzlich andere Konnotationen als in Deutschland hat und er sich wahrscheinlich am ehesten mit "die Bevölkerung" übersetzen ließe. Der Begriff hat jedenfalls, je nach Perspektive, einen eher sozial-revolutionären bzw. sozial-romantischen Charakter. Dies gilt für alle Stellen im vorliegenden Text, wo es um Volk oder Völker geht. Da allerdings viele Anarchist*innen in Lateinamerika diesen Begriff vermeiden, möchten wir die Verwendung markieren, indem wir dennoch "Volk"
bzw. "Völker" schreiben.

[2] Anm. d. Ü.: Gemeint ist das Zapatistische Heer für die Nationale Befreiung EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional).

[3] Anm. d. Ü.: Das Dokument kann in der vorherigen Gaidao, Ausgabe Nr. 39 nachgelesen werden.

[4] Anm. d. Ü.: Eine Chiapas-Soli-Gruppe beschrieb die zapatistische Haltung 2001 so: "Die EZLN hatte immer betont, dass sie eine Armee sei, die das Ziel habe, keine
Armee mehr zu sein. Aber erst nach Erreichung eines würdigen Friedens. Bis dahin ist noch ein weiter Weg."

[5] Anm. d. Ü.: Aktuelles Projekt der Zapatistas. Siehe auch den Bericht zur "Escuelita" in der Gaidao Nr. 34.

[6] Anm. d. Ü.: Gemeint ist "youtube", übersetzt bedeutet "yotuve" aber "ich hatte".

[7] Anm. d. Ü.: Gemeint sind Molotov-Cocktails.

[8] Anm. d. Ü.: Im spanischsprachigen Original ist das Wort doppeldeutig. Es bezeichnet sowohl eine Person, die schreibt, als auch eine Person, die sich sehr aufplustert bzw. mit Federn schmückt.

[9] Anm. d. Ü.: Text aus der "Vierten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald" (1996). Auch Teil eines bekannten Lieds von Manu Chao.
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