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(de) FdA/IFA - Gai Dao #43 - Wanderarbeiter und italienische Anarchisten im Osmanischen Reich (1870-1912) Von: Cemal Selbuz (Dank an Peter Teichert Köster für das Lektorat dieses Beitrags)

Date Wed, 23 Jul 2014 08:48:39 +0300


Anm. der Redaktion: Migration wir in Europa fast ausschließlich als Migration aus dem "armen Süden in den reichen Norden" gedacht. Dabei spielt es fast keine Rolle ob eine innereuropäische oder eine über Europa hinausragende Migration gedacht wird. Tatsache ist aber, das es auch immer eine Migration aus Europa heraus gegeben hat. Oft war dies eine "Armutsmigration" und nicht selten eine politische Flucht-Migration. Cemal Selbuz beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit der Migration italienischer Anarchist*innen in das Osmanische Reich. Wir veröffentlichen diesen Aufsatz in drei Teilen. ---- In dieser Ausgabe drucken wir den Teil2 mit den Kapiteln: "Workers and anarchists of the world" & "Alexandria, Hochburg des Anarchismus". ---- "Workers and anarchists of the world" ---- Die Italiener sind erst nach 1830 als politischen Flüchtlingen in das
osmanische Reich zugewandert. Dagegen wanderten italienische
Wanderarbeiter erst ab 1864 ins Reich ein. Zwischen 1864 und 1902
arbeiteten rund 25.000 italienische Wanderarbeiter in Alexandria,
Kairo und Konstantinopel. Im Zentrum des osmanischen Reiches
wurden die meisten dieser wie die anderen Wanderarbeiter im
Kohlenbergbau, beim Bau der Bahnlinien und auf den Werften ein-
gesetzt. Die europäischen Industriebetriebe, die im Osmanischen
Reich tätig waren, holten die Arbeiter aus Europa, vor allem aus
Italien. Beim Bau des Hafens von Zonguldak wurden 1.500 italieni-
sche Wanderarbeiter beschäftigt, beim Bau der Bahnlinie zwischen
Konya und Afyon 7.000, im Kohlebergbau 300, dazu wurden noch
hunderte Wanderarbeiter auf den Werften in Konstantinopel und
beim Bau der anderen Bahnlinie eingestellt.[14] In Europa, Nord-
afrika und in den osmanischen Hafenstädten Istanbul und Izmir
wurden die massenhaft auftauchenden italienischen Wanderar-
beiter als qualifizierte und Billiglohn-Arbeitskräfte in den Indus-
triebetrieben bevorzugt. Die nach der gescheiterten europäischen
Revolution von 1848/49 zunehmende politischen Unterdrückung
und die daran anschließende Wirtschaftskrise rief in Europa eine
Massenemigration hervor.

"Die Zuwanderung verlief in mehreren Wellen und gehorchte zum
einen der politischen Konjunktur in Europa (in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts), zum anderen der wirtschaftlicher Entwick-
lung im osmanischen Reich (in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun-
derts): polnische, ungarische und vor allem italienische Emigranten
strömten nach niedergeschlagenen Aufständen aus ihrer Heimat
nach Galata-Pera [Altstadt von Istanbul] und Smyrna [Izmir]."[15]

Das Beziehungsnetz der italienischen Wanderarbeiter erstreck-
te sich über Europa und den Mittel- und Schwarzmeerraum, von
Odessa über Istanbul bis Izmir und Thessaloniki im Osten, Beirut
und Alexandria im Süden, schließlich im Westen in die Häfen Süd-
frankreichs, Italiens und Österreichs, in Nordamerika in die gro-
ßen Industriestädte, und in Südamerika bis nach Argentinien, Uru-
guay und Brasilien. Nach Schätzungen sind allein zwischen 1870
und 1914 14 Millionen Arbeiter aus Italien ausgewandert. Deshalb
nannte man die italienische Wanderarbeiter, die fast in der ganzen
Welt unterwegs waren, "workers of the world".[16] Den überwie-
gend in die östliche Mittelmeerregion, nach Ägypten, Syrien und
Libanon zuwanderten italienischen Arbeitern folgten später Wan-
derarbeiter aus den Balkanländern, Polen und Spanien. Obwohl der
größte Teil der italienischen Wanderarbeiter mit ihren Ersparnis-
sen nach Italien zurückkehrte, suchten diejenigen, die keine Arbeit
finden konnten, woanders im osmanischen Reich Beschäftigung
oder wurden in den von einheimischen Armen dicht besiedelten
Stadtteilen ansässig.

Italienische Wanderarbeiter waren aber nicht nur als arbeitsuchen-
de im östlichen Mittelmeerraum unterwegs: im späten neunzehn-
ten Jahrhundert hat sich keine Gruppe bei der Verbreitung anar-
chistischer und radikaler Ideen und als Teilnehmer an radikalen
Bewegungen so effektiv engagiert wie die italienischen Arbeiter.
Besonders Alexandria, das eine Drehscheibe der Bewegung der ita-
lienischen Wanderarbeiter war, hatte große Auswirkungen auf die
Arbeiterbewegung in gesamten östlichen Mittelmeerraum. Wäh-
rend der großen Völkerwanderung im Europa des späten neun-
zehnten Jahrhunderts flohen gleichzeitig auch viele Anarchisten
vor Repression und Verfolgung in die ganze Welt.

"Die Geschichte des italienischen Anarchismus in Ägypten hat
seine Ursprünge in der internationalistischen Phase, als Gruppen
von Flüchtlingen vor der Repression, die in Italien nach den ba-
kunistischen Aufständen von 1874 einsetzte, ins osmanische Reich
kamen."[17]

Vor allem 1898 war ein Jahr der schweren Repressionen und Razzien
gegen Anarchisten in ganz Europa. Deswegen hat sich Anarchis-
mus von Südamerika nach Ostasien schnell ausbreitet. Aufgrund
ständiger Verbindung zwischen Migration und Anarchismus konn-
te man in vielen Teilen der Welt die anarchistischen Ideen verschie-
dener Richtung, insbesondere als Anarcho-Syndikalismus, in der
Arbeiterbewegung zu finden. Die italienischen Zeitschriften, die
in Italien und Ägypten erschienen, basierten auf diesem globalen
Netzwerk. Die Zeitschriften wurden nicht nur lokal verteilt, sie
wurden auch weltweit zu anderen Anarchisten und Arbeitern ge-
schickt, in Teilen des Mittelmeerraum, Italien, Nord- und Südame-
rika.

"Anarchisten waren besonders geschickt im Aufbau transnati-
onaler Netzwerke der Kommunikation und dem Austausch von
Informationen, Propaganda und Militanten. Eine der lebhaftesten
Manifestationen ihres Erfolgs in diesem Bereich waren die italieni-
schen Zeitschriften, die in verschiedene Städten in Italien sowie in
Alexandria, Kairo, Buenos Aires, Montevideo, Paris und Paterson
(New Jersey) zirkulierten."[18]

Wie in Konstantinopel, so bemühten sich auch in Alexandria und
Kairo verschiedene ethnische Gemeinschaften, sich durch Streiks
und andere Aktionen gewerkschaftlich zu organisieren. Auch hier
hatten die italienische Anarchisten und Arbeiter auf der organisa-
torischen Ebene eine Schlüsselrolle. Wo auch immer die italieni-
schen Anarchisten hinkamen oder landeten, fast überall folgten sie
dem gleichen Muster: Propaganda, Zeitschriften und Organisation
der Arbeiter. In einem Brief an Max Nettlau schrieb Malatesta:

"Als die Revolte von Arabi Pascha ausbrach und die Engländer Ale-
xandria bombardierten, befand ich mich in London. Dort waren
Genossen, die lange Zeit in Ägypten gelebt hatten und die Spra-
che und Sitten der Araber kannten. Sie sagten, dass es möglich sei,
die nationalistische Bewegung in eine Soziale zu verwandeln, und
deshalb beschlossen wir nachzusehen, was sich dort machen ließe,
und reisten hin..."[19]

Alexandria, Hochburg des Anarchismus

Die italienischen Anarchisten, die Ende des 19 Jahrhunderts
nach Alexandria, Kairo und Konstantinopel eingewandert wa-
ren und diese Städte als Rückzugsgebiet nutzten, verbreiteten die
anarchistische Ideen zuerst in Ägypten vor allem in Alexandria,
überwiegend unter den italienischen Arbeitern. Der Anarchismus
verbreitete sich in Ägypten zuerst in den 1860er Jahren unter den
italienischen Arbeitern und politischen Flüchtlingen. Arbeit, Rei-
sen und Kommunikation sorgten für die Entwicklung und Pflege
eines internationalen Netzwerks im gesamten Mittelmeerraum. Es
erweiterte sich im östlichen Mittelmeerraum und in Ägypten um
Mitglieder aus verschiedenen ethnischen und religiösen Gemein-
schaften. Ägypten, und vor allem Alexandria, entwickelte sich im
Laufe der Zeit zu einem bedeutenden Zentrum der anarchistische
Bewegung mit engen Verbindungen nach Griechenland und der
Türkei. Diese enge Verbindung zeigte sich auch in der Konfödera-
tion zwischen Anarchisten in Ägypten und Istanbul in den 1880er
Jahren. Regelmäßige Kontakte wurden auch mit Gruppen in Tunis
, Palästina und dem Libanon gehalten. Obwohl die italienische An-
archisten Schwierigkeiten hatten, mit den einheimischen Arbeitern
in Kontakt zu kommen, gibt es viele Anzeichen, die darauf hindeu-
ten, dass sie mit den lokalen Ägyptern, Indigenen und Zugewan-
derten, verschiedene Aktivitäten durchgeführt haben. Eine dieser
Aktivitäten war die Verteilung von mehrsprachigen Broschüren,
Artikeln und Volksdichtungen (auf italienisch, arabisch, grie-
chisch, türkisch, jüdisch-spanisch und französisch):

"Dafür haben die Anarchisten in diesen Jahren zahlreiche soziale
und gewerkschaftliche Initiativen durchgeführt, in der Hoffnung,
das einheimische Proletariat einzubinden und politisch für sich zu
gewinnen: von der Gründung der Università Popolare Libera [Freie
Volkshochschule] von Alexandria im Jahr 1901 über die Bildung
der ,Servizi sanitari d'urgenza' [Gesundheitsnotdienst] zu den
verschiedenen Versuchen, vor allem von P. Vasai und R. De An-
giò, ,Widerstandsbünde' der Arbeiter nach europäischem Modell
zu organisieren. Zu diesen intensiven Aktivitäten gehörte auch die
Gründung der ,anarcho-syndikalistischen' Zeitung L'Operaio [Der
Arbeiter] im Juli 1902, deren Publikationen zu einer Flut von Pole-
miken und erbittertem Widerstand von Seiten der Individualisten
führte."[20]

In Alexandria betrieben zwischen 1890-1908 zwei italienische An-
archisten, Vasai und Parrini, unnachgiebig Propaganda in ver-
schiedenen Sprachen unter Arbeitern. Eines ihrer wichtigsten Ziele
war, Formen der gegenseitigen Hilfe auf anarchistischer Basis ein-
zuführen, damit die Arbeiter bei Streiks und Verhandlungen gegen
die Unternehmer und Streikbrecher durchhalten konnten. Sie ha-
ben Spenden für Arbeiter-Witwen und kranke Arbeiterfamilien ge-
sammelt und halfen den Witwen, finanzielle Entschädigungen zu
bekommen. Während der Cholera-Epidemie organisierten sie Ret-
tungs-, Sanitäts- und Gesundheitsdienste. Für die Arbeiter gründe-
ten Vasai und Parrini in verschiedenen Stadtteilen Bibliotheken. Sie
waren auch in den politischen Kämpfen mit anderen italienischen
Anarchisten sehr aktiv und schrieben in deren Publikationen. In
Alexandria und Kairo gaben verschiedene anarchistische Richtun-
gen mindestens sieben Zeitungen und Zeitschriften heraus:

"In Alexandria warb die Wochenzeitung L'Operaio (1902-03) für
den Anarchosyndikalismus und konzentrierte sich auf Fragen
der Arbeiterassoziationen, Erziehung und öffentlicher Gesund-
heitsversorgung. Als Reaktion darauf nahm Il Domani (»Das Mor-
gen«) (1903) einen scharfen libertären Tonfall an. Lux! (»Licht!«),
ein vierzehntägig erscheinendes literarisches Journal, präsentierte
ausführliche Diskussionen zur anarchistischen Theorie und Praxis,
während die in Alexandria erscheinende Wochenzeitung Risor-
gete! (»Erhebt euch wieder!«) (1908-1910) eine starke antiklerikale
Linie vertrat. Das Erscheinen von O Ergatis (»Der Arbeiter«),»ein
Organ für die Emanzipation der Frauen und der Arbeiter«, im Jahre
1908 wandte sich an eine griechisch sprechende Leserschaft. Ob-
wohl sie in Stil und spezifischer Orientierung kontrastierten - was
besonders auf il Domani und L'Operaio zutrifft - waren diese Publi-
kationen Ausdruck der ideologischen und sprachlichen Vielfalt der
ägyptischen Bewegung. Seit 1909 wurde, durch die Übereinkunft
der Konferenz in Alexandria im selben Jahr, eine besser koordinier-
te anarchistische Presse geschaffen. In den folgenden Jahren rich-
teten sich zwei Zeitungen, L'Idea (1909-1911) und L'Unione (1913-14),
die beide gemeinschaftlich von Komitees in Kairo und Alexandria
herausgegeben wurden, mit Artikeln auf Italienisch, Französisch
und Griechisch an eine breite Öffentlichkeit."[21]

Zwischen 1877 und 1914 erschienen in diesen Zeitschriften neben
Texten von Kropotkin, Bakunin, Reclus und Tolstoi auch Artikel
von italienischen Anarchisten wie Malatesta; sie enthielten aus-
serdem Nachrichten zu lokalen Angelegenheiten und diskutierten
örtliche anarchistische Initiativen wie Vorträge, Tagungen und
Streiks. Es hat auch eine arabische anarchistische Zeitung gegeben:
"Der Titel einer neuen anarchistischen Zeitschrift, Malesc... Bukra!!
(keine Sorge...Morgen!!), die angeblich im März 1904 herausgegeben
wurde (von der aber keine Kopie vorhandenen zu sein scheint), deu-
tet darauf hin, dass sie wahrscheinlich zweisprachig, auf arabisch
und italienisch, erschienen ist."[22]

Um den organisatorischen Ansatz der italienischen Anarchisten im
östlichen Mittelmeerraum, vor allem in Alexandrien und Kairo, hat
es seither - bis über die 1970er Jahre hinaus - immer wieder Dis-
kussionen gegeben. Ich möchte auf die jüngsten entgegengesetzten
Einschätzungen kurz eingehen. Die eine stammt von dem Histori-
ker Leonardo Bettini, der die anarchistische Bewegung in Ägypten
als gescheitert betrachtet und argumentiert, dass die italienischen
Anarchisten ein Modell gefördert hätten, "das tatsächlich für die
europäischen Arbeiterklasse geeignet" gewesen wäre, anstatt ihren
Diskurs und ihre Aktion entsprechend dem einheimischen Bedarf
anzupassen.[23] Gegen diese Ansicht weist Ilham Khuri-Makdisi
darauf hin, dass angesichts aller (auch hier) aufgeführten Beispiele
von mehrsprachigen Publikationen und Vorträgen sowie der Zu-
sammenarbeit zwischen italienischen und nicht-italienischen Ar-
beitern die italienische Anarchisten ihre Ideen und Praxis nicht nur
auf italienische Arbeiter beschränkt hatten.[24] Außerdem hat die
anarchistische Bewegung in Ägypten nicht nur die einheimischen
Arbeiter und Intellektuellen sondern auch muslimische Reformer,
syrische radikale Intellektuelle sowie armenische Nationalisten
und Sozialisten, die in Alexandrien aktiv waren, beeinflusst.

Obwohl Italiener die dominierende ethnische Gruppe unter Anar-
chisten in Ägypten bis zum Ersten Weltkrieg blieben, wurde im
Laufe der Zeit die Bewegung über ihren ursprünglichen italieni-
schen Kern erweitert und nahm einer multiethnischen Charakter
an. Besonders griechische Anarchisten hinterließen eine deutliche
Spur von syndikalistischen Aktivitäten. Auch die Teilnahme von
Juden, Armeniern, Deutschen und einer Vielzahl von osteuropäi-
schen Nationalitäten ist bemerkenswert.
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[14] siehe Schmitt 2005
[15] Schmitt 2005, S. 299
[16] siehe Gabaccia & Ottanelli 2005
[17] Bettini 1976, S. 281 - für die Übersetzung aus dem Italienischen danke ich
Andreas Löhrer.
[18] Khuri-Makdisi 2010, S. 19
[19] Brief von Errico Malatesta an Max Nettlau, London, 22 März 1922; in: Mala-
testa 2009, S. 81-82
[20] Bettini 1976, S. 281
[21] Gorman 2010, S. 15
[22] Khuri-Makdisi 2010, S.128
[23] Bettini 1976 S. 282
[24] Khuri-Makdisi 2010
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