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(de) FdA/IFA - Gai Dao #43 - Brasilien - Interview zur Situation im Kontext der Fußball-WM -- Ein Gespräch mit einem Genossen des Comité Popular da Copa Von: Anarchistisches Radio Berlin

Date Sat, 19 Jul 2014 14:00:56 +0300


A-Radio Berlin: ---- In diesem Interview werden wir über verschiedene Themen reden,
darunter die sozialen Proteste und natürlich auch die Fußball-WM. Bevor wir anfangen, wäre es allerdings schön, wenn du dich vorstellen könntest. Woher kommst du und auf welche Weise bist du an den sozialen Kämpfen in Brasilien beteiligt? ---- Danilo: ---- Mein Name ist Danilo. Ich lebe in Sao Paulo und bin Dozent für Geografie. Bereits seit langem bin ich in den anarchistischen Kreisen in Sao Paulo, in der anarchistischen Bewegung aktiv und beteilige mich da an verschiedenen Gruppen. Aktuell mache ich auch bei einem libertären Zentrum mit, einem Atheneum mit dem Namen "Casa Mafalda". Dieses Zentrum ist wiederum Teil einer Koordinierung sozialer Bewegungen, Gruppen und Einzelpersonen, die sich gegen die Menschenrechtsverletzungen wehren, die im Vorfeld der
WM hier passieren. Diese Koordinierungsstelle nennt sich Comite
Popular de la Copa. In jeder der Austragungsstädte der WM gibt
es ein solches Comite Popular de la Copa. Landesweit gibt es dann
eine Vernetzung all dieser Komitees. In diesem Komitee treffen also
Menschen aus Gruppen zusammen, die für Rechte in den verschie-
densten Bereichen aktiv sind: für Wohnraum, für die Rechte der
Straßenverkäufer*innen, gegen Netzwerke der Kinderprostitution,
gegen die Art und Weise, wie die Polizei in Brasilien organisiert ist.
Das sind Gruppen, die seit langem diese Themen in der Stadt bear-
beiten und die sich jetzt anlässlich der WM zusammengeschlossen
haben, weil die WM diese Probleme in der Stadt noch verschärft.

A-Radio Berlin:

Ich glaube, dass wir später noch konkreter über diese Themen reden
werden. Ich denke allerdings, dass zum Verständnis der aktuellen
Situation in Brasilien auch ein weiterer sozialer und politischer Kon-
text vonnöten wäre, sprich zu wissen, was in den letzten Jahren unter
der Regierung von Dilma Roussef passiert ist. Was ist also passiert,
wie hat sich das Land in den letzten Jahren entwickelt?

Danilo:

Ich glaube nicht, dass es möglich ist, über die aktuelle Regierung von
Dilma zu reden, ohne über die vorherigen Regierungen zu sprechen.
Seit seiner Gründung, ja Erfindung durch Portugal, waren in Bra-
silien immer die selben Personenkreise an der Macht. Diese Leute
hielten sich bis 2002 an der Macht, als zum ersten Mal ein Präsident
gewählt wurden, der einen Arbeiterhintergrund hatte. Seine Partei,
die Arbeiterpartei PT, war in den 80er Jahren zu Zeiten der Diktatur
entstanden. Der Kampf der ehemals kommunistischen, am ehesten
dem Trotzkismus zuneigenden Partei richtete sich gegen die Dikta-
tur. In der Zeit zwischen den 1980ern und 2002 ist die PT allerdings,
im Rahmen dieses politischen Wahlschauspiels, immer wieder Bünd-
nisse mit rechten Parteien und solchen der Mitte eingegangen, so
dass sie heute am ehesten als sozialdemokratische Partei bzw. Mitte-
links-Partei bezeichnet werden kann, denn als linke Partei.

Was also seit 2002 in Brasilien mit dieser Partei an der Regierung
passierte, lässt sich als der Beginn, also zumindest als Anfänge eines
Wohlfahrtsstaats charakterisieren. Die Ärmsten erhielten von der
Regierung Geld-Boni. Gleichzeitig steckte die Regierung sehr viel
Geld in die wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung der
Region, damit ausländische Investitionen ins Land gelockt werden
konnten. Der Regierung gelang auch eine Diversifizierung der Wirt-
schaft, die vorher sehr stark an den US-Dollar gekoppelt war. Jetzt
ist die eigene Wirtschaft breiter aufgestellt und hat Umsätze in Euro,
in chinesischen Yuan oder japanischen Yen - also von allem etwas.
Auf diese Weise war das Land wirtschaftlich stabiler. Als in den USA
dann alles den Bach runterging, wurde das Land nicht in gleicher
Weise mitgerissen. Um an die Regierung zu gelangen, setzte diese
Partei lange Zeit auf die sozialen Bewegungen. Als sie schließlich an
die Regierung gelangte, versuchte sie, alle Führungspersonen dieser
Bewegungen in die Regierung zu integrieren. Das Ergebnis war na-
türlich eine Befriedung, eine Befriedung der Klassengegensätze. Die
sozialen Bewegungen von unten waren also in der Regierung vertre-
ten und erreichten so Erfolge, wenn diese auch klein waren.

Währenddessen scheffelten die Oberschichten weiter Geld: die Ban-
ken, die Baufirmen, die Erdölkonzerne. Sie machten alle weiter fette
Gewinne. Es handelte sich um eine klassisch sozialdemokratische
Regierung in einem armen Land. Es vergingen die Jahre und diese
Regierung, von der alle gedacht hatten, dass sie anders sein würde
als die anderen, weil sie aus der Arbeiterschicht kam, machte schließ-
lich genau den gleichen Mist wie die davor. Es kam zu Korruption, es
gab viele Korruptionsskandale. Sie setzte mehr Geld zur Entwick-
lung des Landes im Sinne des Kapitals ein als für eine echte Reform
der sozialen Strukturen des Landes, wie es eine Agrarreform, eine
urbane Reform, eine Reform der Kommunikationsmedien gewesen
wären. Nichts davon passierte. Es gab nur diese Geldboni und kleinen
Finanzhilfen.

Vor diesem Hintergrund wuchs eine neue Generation junger Leute
auf, für die diese Arbeiterpartei für alles Schlimme auf dieser Welt
stand, weil die Medien sie natürlich so hinstellten: "Diese Typen sind
Kommunisten, sie sind Freunde Kubas, sie sind korrupt, es sind Die-
be." Als ob die vorherigen nicht derselbe Mist gewesen wären. Wir
haben also die Jugend, der diese Partei kein bisschen gefällt und eine
ältere Schicht, der gar keine Partei mehr gefällt, da ihnen die Rechte
sowieso nicht schmeckte und die Linke, die mal als Alternative er-
schien, machte in diesen 12 Jahren auch nur Müll.

In 2012, nein, 2013, sorry, sah es dann so aus, als ob es der Wirtschaft
nicht mehr so gut gehen würde. Denn im Kapitalismus ist es ja so,
dass alle Ökonomien, mit denen es aufwärts geht, irgendwann wie-
der abwärts strudeln. Die untere Mittelschicht, die ein wenig mehr
Geld zur Verfügung hatte, mehr Zeug hatte kaufen können und Zu-
gang zum Konsummarkt erhalten hatte, begann bereits Schwierig-
keiten zu bekommen in einer Situation, die noch einige Jahre zuvor
für sie wie das Paradies erschienen war. In der Mittelschicht passierte
dasselbe. Viele waren unzufrieden, weil die Räume, zu denen sie zu-
vor in privilegierter Weise Zugang gehabt hatte, wie etwa Flughäfen,
die Shopping-Center, Räume also, in denen die Mittelschicht ein- und
ausging, während die Ärmeren ausgeschlossen blieben. Diese Räume
musste sie jetzt mit den ärmeren Klassen teilen. So kommt es ins-
gesamt zu einer großen sozialen Unzufriedenheit, und bei den aller
ärmsten Schichten gab es, von den Geldboni abgesehen, keinerlei
Veränderungen. Sie sind weiterhin sehr arm. Beispielsweise ist das
Wohnproblem, das von dieser Regierung geschaffen wurde, eins, das
mit dem Privateigentum zusammenhängt.

Wir sind gerade dabei, Menschen Privateigentum zu auszuhändigen,
die nicht einmal eine feste Anstellung haben. Sie sind daher gar nicht
in der Lage, die Schulden für die eigene Wohnung abzubezahlen. Im
Gegensatz zu den Favelas kommen bei den neuen von der Regierung
gestellten Wohnungen auch Steuern, Wasser, Strom dazu. Und so ver-
lassen sie die Wohnung, die die Regierung ihnen gegeben hatte, und
verkaufen sie an andere Leute, die die Schulden übernehmen - Leute
aus der Mittelschicht, die etwas weniger arm sind. Dann kehren sie
zu einer anderen Favela zurück. Die Regierung löste also keines der
grundsätzlichen sozialen Probleme in Brasilien - eine Regierung, die
von links nur die Geschichte hat, weil ihre Praktiken denen einer
rechten oder sozialdemokratischen Regierung gleichen. Deswegen
erfährt diese Regierung heute Widerstand. Dies natürlich sowohl
von der Rechten, die ihren Arbeiterhintergrund ablehnt und auch,
weil sie nicht neoliberal, sondern so-
zialdemokratisch ist, von der Mittel-
klasse, die konsumieren und ihre pri-
vilegierten Räume zurückhaben will,
aber auch von der Linken, weil sie eben
nicht links ist. So gibt es zum ersten
Mal seit langer Zeit ein Klima in Brasi-
lien, eine Perspektive der Selbstorgani-
sierung für die sozialen Bewegungen.
Kollektive und Gruppen, die früher
ganz klein waren, oder Praktiken, die
früher nicht sehr verbreitet waren, wie
die Selbstverwaltung, die Besetzung
von Räumen oder die horizontale Or-
ganisierung, erhalten jetzt eine andere
Stellung bei den sozialen Bewegungen
und der Bevölkerung.

Das wird offensichtlich im Jahr 2013,
als die Bewegung für Freie Fahrt, die
bereits seit 2005 Proteste gegen die
hohen Fahrpreise organisiert und für
einen kostenlosen öffentlichen Nahver-
kehr als soziales Recht eintritt, sprich
dem Recht auf Stadt für die gesamte
Bevölkerung, mit Demonstrationen
gegen die jährliche Fahrpreiserhöhung
begann. Dieses Mal kamen sehr viel
Menschen zusammen. Die starke Polizeirepression führte schließlich
zum Ausbruch eines Volksaufstands, der dann auch andere Themen
umfasste - die WM, die Bildung usw. - dessen Geist allerdings wei-
ter lebendig ist. Mancherorts mehr, mancherorts weniger. Es scheint,
als ob die Arbeiterklasse, die Mittelschicht und die allgemeine Bevöl-
kerung plötzlich etwas erkannt hätten, was die Armen schon lange
wussten: nämlich, dass kleine Siege und Errungenschaften erkämpft,
auf der Straße erkämpft werden. Es ist beileibe nicht so, dass es in
Brasilien nie soziale Kämpfe gegeben hätte. Es gab immer Kämpfe
von den Armen und den Unsichtbaren. Jetzt ist dieser Kampf sichtbar.
Es gab gesellschaftliche Schichten, die die Regierung unterstützten,
die sich aber nach und nach von der Regierung entfremdeten, weil
die Regierung nichts veränderte. Es gab lediglich minimale Ände-
rungen an ganz bestimmten Punkten, aber es kam nicht einmal zu
einer Reform, ganz zu schweigen von etwas, das revolutionären Cha-
rakter gehabt hätte. Ich denke, dass das in etwa der soziale Kontext
Brasiliens heute ist.

A-Radio Berlin:

Du hast bereits die sozialen Aufstände von 2013 erwähnt. Bei uns
wird die Situation in Brasilien auch im Kontext der Aufstände im
Mittelmeer beschrieben. Beispielsweise scheint es in Brasilien den
Ausspruch gegeben zu haben: "Die Buspreise sind unser Taksim-
Platz". Siehst du auch eine Verbindung in diesem Sinne - vielleicht
eine allgemeinere, globale Entwicklung, die sich auch in Brasilien
manifestiert?

Danilo:

Auf jeden Fall. Mir scheint, dass es heu-
te einen großen Konflikt zwischen Re-
gierten und Regierenden gibt. Die Be-
völkerung scheint nicht mehr so regiert
werden zu wollen, wie sie zurzeit regiert
wird. Und obgleich dieser Unwille, regiert
zu werden, deutlich ist, verfügt sie nicht
über eine politische Perspektive. Wenn
wir uns die "Indignados" in Spanien oder
Occupy in New York oder eben diese Pro-
teste in Brasilien anschauen oder was auf
dem Taksim-Platz passiert ist... Die Leute
wissen, dass sie nicht mehr auf diese Wei-
se regiert werden möchten. Sie sind diese
repräsentative Demokratie Leid, aber es
gibt keine politische Perspektive. Es gibt
einfach diese immense Unzufriedenheit
mit dem vorhandenen Modell einer re-
präsentativen Demokratie. In diesem Sin-
ne haben diese Proteste sehr viel mit dem
zu tun, was auf dem Taksim-Platz passiert
ist und in anderen Orten des Planeten.
Wir können aber auch eine Bewegung in
die andere Richtung beobachten. Wenn
nämlich Städte in Deutschland, Öster-
reich und der Schweiz sich dagegen ent-
scheiden, wenn die Bevölkerung die Ausrichtung von Olympischen
Sommer- oder Winterspielen ablehnt, dann scheint mir das ganz klar
auch eine Spiegelbild dessen zu sein, was in Brasilien passierte. Die
ganze Welt kann sehen, dass das Land des Fußballs sich gegen den
Fußball wendet. Natürlich nicht gegen den Fußball an sich, sondern
gegen die FIFA, gegen eine Regierung, die ein Turnier ausrichtet, bei
dem ein Mega-Konzern mit dem Land macht, was er will. Was natür-
lich zulasten der Arbeiter*innen und der Armen geht. Mir scheint
also, dass die Tatsache, dass diese Länder in Europa "Nein" sagen zu
diesen Mega-Events, direkt das widerspiegelt, was in Brasilien pas-
siert und auch was auf dem Taksim-Platz passierte.

Wenn wir Revue passieren lassen, wie sich das Ganze entwickelt
hat: mit dem zapatistischen Aufstand 1994, Seattle 1999, Argentinien
2001 - so glaube ich, dass es eine Unzufriedenheit gibt, die sich global
verbreiten wird. Jetzt wo wir soziale Netzwerke haben und die Welt
insgesamt viel vernetzter ist, erreichen diese Informationen sehr viel
schneller andere Orte, womit die Aufstände zeitlich sehr viel näher
beieinander liegen. Früher lagen Jahre zwischen den einzelnen Län-
dern, auch wenn sie miteinander in Beziehung standen. Heute ge-
schieht alles beinahe gleichzeitig. Der Gedanke heute ist daher: In
welchen Land findet es demnächst statt? Dazu kommt, dass es vieler-
orts soziale Aufstände gibt, von denen wir in Brasilien gar nichts mit-
bekommen. Letztens habe ich bspw. ein Video zur Situation in Bosni-
en-Herzegowina gesehen. Was in der Ukraine passierte, kommt hier
natürlich im Fernsehen, weil es riesig ist. Was wiederum in Island
passierte, wo es wohl auch einen größeren sozialen Aufstand mit öf-
fentlichen Versammlung usw. gab, wurde hier in Brasilien überhaupt
nicht wahrgenommen. In Kolumbien gab es vor ein paar Tagen eine
Präsidentschaftswahl, glaube ich, und 49 Prozent der Bevölkerung
hat sich der Wahl enthalten. Diese Unzufriedenheit mit der reprä-
sentativen Demokratie kann ich daher überall erkennen. Aber ich
fürchte, dass es an einem politischen Projekt dafür fehlt, was an ihre
Stelle treten sollte. Natürlich gibt es kleine Gruppen, die eine solche
Idee haben und die dafür kämpfen. Ich denke, in Griechenland gibt
es ein organisiertes Beispiel. Aber hier scheint mir zu gelten: Ich bin
unzufrieden, ich will was anderes, weiß aber nichts was.

A-Radio Berlin:

Du erwähntest einige der Themen der Proteste wie die Buspreiserhö-
hungen oder das Thema der Korruption und du sagtest, dass du nicht
denkst, dass die Leute eine klare politische Perspektive haben... Was
sind da die anderen Themen der Proteste? Worum geht es den Leuten,
bspw. im Zusammenhang mit der Polizeigewalt und der Militarisie-
rung der Städte? Sind das auch wichtige Themen der Proteste?

Danilo:

Chronologisch gesprochen lässt sich sagen, dass die Proteste gegen
die Fahrpreiserhöhung am Anfang standen. Gegen diese Proteste gab
es eine sehr starke Repression seitens der Polizei, nachdem die Me-
dien, die alle von rechten Kräften kontrolliert sind, quasi gemeinsam
dazu aufgerufen haben, dass die Polizei für ein Ende der Proteste sor-
gen möge. Die großen Medien haben praktisch eine Kampagne dafür
gefahren, dass die Polizei die Proteste beendet. Danach ginge sie dazu
über die Proteste zu unterstützen, stellten sie allerdings so dar, als
wenn es Jugendliche wären, die für ein besseres Land auf die Straße
gehen würden und gegen die Korruption. Das war eine Methode, um
die Bundesregierung der Arbeiterpartei anzugreifen. Dieser Korrup-
tionsskandal bekam derartige Aufmerksamkeit, als ob das der einzi-
ge derartige Fall in der brasilianischen Geschichte gewesen wäre. Am
17. Juni 2013 gab es so zu großen Demos mit 200.000 Menschen in Sao
Paulo, einer halben Million in Rio. Und es gab eine große Vielfalt an
Themen, viele davon von den Medien gesetzt - gegen die Korruption,
für eine Rückkehr des Militärs an die Macht und anderen solchen
Blödsinn - und es gab immens viele Brasilien-Fahnen. Denn die Leu-
te, die demonstrierten, hauptsächlich die Mittelschicht, war zuvor
nie auf die Straße gegangen und so war das für sie das erste Mal. Ich
glaube, in solche Fällen ist es sehr verbreitet, auch bei den Protesten
in der Türkei wurden viele Türkei-Fahnen mitgenommen, in Argen-
tinien 2001 die argentinische Fahne. Es ist ein wenig ein Ausdruck
der Bevölkerung für "Ich nehme mir mein Land zurück!". In Brasilien
waren aber eben viele der Themen von der Rechten und der Mittel-
schicht gesetzt worden.

Der Slogan "Gegen die Korruption" lässt sich beispielsweise ultra-
leicht aneignen, denn wer wird schon offen für Korruption eintreten?
Niemand. Die Aussage, dass dies eine Bewegung gegen die Korrupti-
on sagt genau soviel aus, wie wenn es eine Bewegung für das Wasser
wäre. Natürlich sind alle für Wasser. So konnte sich die Rechte sehr
leicht dieses Themas annehmen. Es kam zu einer internen Spaltung
der Proteste: Die Linke unterstützte die sozialen Forderung nach
Wohnungen, Transport, gegen die Militarisierung der Polizei und die
Polizeigewalt. Die Rechte setzte eher auf Themen, die von den Medien
gepusht wurden, wie die Ablehnung der Korruption, für ein besseres
Land oder für eine Absetzung der Präsidentin. Viele Leute riefen auch
nach einer Rückkehr des Militärs an die Macht. Nach den Protesten
gegen die Tariferhöhungen kamen die Proteste gegen den Confedera-
tions Cup. In Sao Paulo hatten wir keine Spiele im Confed Cup. Aber
dort, wo es welche gab, blieb dieser Geist der öffentlichen Revolte
lebendig. Es kam zu riesigen Protesten, wo die Frage gestellt wurde,
warum die FIFA hier solche Gewinne einfahren kann, während es
der Bevölkerung dreckig geht in ihren Krankenhäusern und ohne
Bleibe und dazu noch höhere Tarife für den Transport zu bezahlen
hat. So begann die Infragestellung von FIFA und Fußball-WM. In Rio
wurden die Protesten dann von den Lehrer*innen weitergeführt, die
seit langer Zeit bereits im Streik waren. Dort kamen dann auch der
Schwarze Block auf. Der Black Bloc wurde dann zum Hauptthema
und dann hieß es überall: Wer sind diese Typen? Was wollen die?
Die wollen alles kaputtmachen und so weiter. So wurde versucht,
den Schwarzen Block zum bösen Teil der Demos zu machen und
die anderen zum guten. Die Medien betrieben an dieser Stelle eine
Spaltung der Demonstrationen, was ihr zum Teil auch gelang. Nicht
völlig, aber zum Teil durchaus. Dieses Jahr ging's weiter mit den
Protesten der Straßenkehrer*innen. Die organisierten in Rio einen
riesigen Streik zum Karneval, der sehr viel Aufsehen erregte, weil
dann beim Karneval allen Straßen voller Müll waren und die Leute
im Streik. Vor einem Monat kam es dann zu Streiks im Transportsek-
tor, darunter die Fahrer*innen von Bussen, Metros und Zügen. Un-
mittelbar folgten Streiks von Lehrer*innen und anderen Sektoren. Ich
habe deshalb den Eindruck, dass die WM sehr viel Kämpfe beflügelte,
hauptsächlich von der Linken, die sich in Brasilien gewissermaßen
in Wartestellung befunden hatte. Oder besser gesagt: die unsichtbar
waren. Die Kämpfe gab es an der Peripherie, aber es schien etwas
viel Ferneres. Jetzt ist alles im Offenen. Alle können sehen, dass die
WM die Situation jener Menschen verschlechtert, die bereits unter
schwierigen Bedingungen leben. Auch beim Thema der Polizei ist es
so, dass zum ersten Mal mit lauter Stimme die Demilitarisierung der
Polizei gefordert wird. Wir haben in Brasilien eine Polizei, die diesel-
be Polizei ist, die bereits zu Zeiten der Militärdiktatur aktiv war. Und
die Polizist*innen haben eine militärische Ausbildung, d. h. sie sind
für den Krieg ausgebildet worden. Nun ist sie dauernd in Kontakt mit
der Bevölkerung, quasi im Krieg gegen die Bevölkerung. Denn wenn
man die Polizei zum Krieg gegen die Bevölkerung ausbildet, ist eben
Krieg, was man bekommt. In der brasilianischen Peripherie sind die
Zahl Jugendlicher, insbesondere schwarzer Jugendlicher, die durch
die Hand der Polizei sterben, immens hoch. Seit jenem Juni wird aber
eben sehr laut die Demilitarisierung der Polizei gefordert. Es gibt
dazu jetzt auch ein Gesetzesvorhaben. Ich habe den Eindruck, dass
das diskursive, politische Feld in Brasilien so weit geöffnet wurde
wie nie zuvor in seiner Geschichte, auch nicht vor der Diktatur. Die
Menschen sind jetzt auf der Straße, aber mit dem Bewusstsein, dass
ihre Erfolge von ihrer Anwesenheit auf der Straße abhängen, von ih-
rem Druck, weil Wählen keine neuen Dinge hervorbringen wird. Es
sind unglaublich viele Leute auf der Straße, die beispielsweise nie in
ihrem Leben das Wort Anarchismus gehört hatten, die aber während
der Demos zu uns kommen uns sagen: "Wir müssen diese Stadt am
Wahltag zum Stillstand bringen. Niemand soll wählen gehen. Wir
können nicht länger auf das Wählen setzen." Denn es setzt sich die
Erkenntnis durch, dass der Wahlakt eine Legitimierung darstellt und
dass wir mit unserer Teilnahme an den Wahlen zu Kompliz*innen
dieser Legitimierung werden. Deswegen sehen wir diese große Un-
zufriedenheit in der Bevölkerung mit all diesen Themen.

In Wahrheit weiß ich aber nicht, was passieren wird. Weil der Staat
auf der anderen Seite immer mehr Repression auffährt. Die Repres-
sionskräfte verfügen über neue Waffen, neuartige Munition, mehr
Beamte, die zum Teil von der israelischen Armee und Polizei ausge-
bildet werden. Deswegen ist unklar, wie das mit den Protesten wei-
tergehen wird. Es gibt bereits jetzt zahlreiche Leute, die ohne irgend-
etwas getan zu haben, verhaftet wurden und quasi in Präventivhaft
genommen wurden, und es ist möglich, dass dies auch in Sao Paulo
passiert. Wir wissen also nicht, was in puncto Repression passieren
wird, aber wir bleiben auf der Straße. Ich denke, dass wenn die WM
etwas Positives bringt, dann diesen Perspektivenwechsel der Bevöl-
kerung, dass die Kämpfe auf der Straße ausgetragen werden und dass
wir gemeinsam sehr viel mehr Kraft haben, wie wenn wir vereinzelt
kämpfen. Wir hoffen daher, dass die Kämpfe nach der WM fortge-
führt werden, und zwar mit viel Energie.

A-Radio Berlin:

Mich würde trotzdem interessieren, wie die Stimmung der breiten
Bevölkerung zum Thema WM ist. Ist diese Euphorie vorhanden, oder
kannst du sie beobachten, die sich meiner Meinung nach immer im
Kontext diese sportlichen Mega-Events breit macht? Wie viele Men-
schen sind es tatsächlich, die die WM ablehnen?

Danilo:

In der letzten Umfrage, die von den Medien durchgeführt wurde, ha-
ben 48 Prozent der Menschen die WM unterstützt, 52 Prozent lehn-
ten sie ab. Ist also praktisch genau die Hälfte jeweils. In Brasilien
ist es beispielsweise üblich, bei diesen Turnieren die Straßen in den
Landesfarben zu bemalen, Fähnchen aufzuhängen. Und das passiert
gerade nicht. Es gibt Straßen, die bemalt sind und mit Fähnchen, aber
es sind sehr viel weniger als das normalerweise der Fall ist. Heute
morgen war ich für einen Vortrag über das Comité an einer öffentli-
chen Schule in der Peripherie im Norden der Stadt eingeladen. Und
ich fragte dort die Schüler*innen, ob ihre Straßen bemalt waren oder
nicht. Etwa die Hälfte sagte "Ja", die andere Hälfte "Nein". Warum
ist das so? Ich denke, dass viele Menschen sehr unzufrieden mit der
WM sind. Die WM ist zwar hier, aber niemandem wird etwas erlaubt.
Von den Armen wird niemand zum Stadion gehen, weil sie für den
Eintritt kein Geld haben, die Straßenhändler*innen können nicht ar-
beiten. Die Spiele können nicht einmal in den Bars am Fernsehen ver-
folgt werden, weil die FIFA eine Reihe von Begriffen patentieren ließ
"WM 2014", "WM Brasilien 2014", "Pagode", was ein brasilianischer
Musikstil ist. Sie patentierte eine Reihe von Dingen, die brasilianisch
sind. Es wird also nicht nur verhindert, dass die Leute zum Stadion
gehen, es wird auch verhindert, dass sie mit ihren Worten in ihrem
Stadtviertel feiern. Die Unzufriedenheit ist groß. Als Brasilien in 2007
zum Ausrichter der WM gewählt wurde, dachten viele Leute, dass
die WM den Menschen viele gute Dinge bringen würde. Jetzt wissen
sie, dass das Gegenteil wahr ist. Alles, was diese WM den Armen
bringt, ist eine Verschlimmerung ihrer Situation. Die Profiteure der
WM sind die Reichen, die FIFA, die Sponsoren, die Bauunternehmen.
Die Unlust zur WM ist in der Bevölkerung zu spüren. Ich denke den-
noch, dass sobald die WM beginnt, viele Leute die Spiele verfolgen
werden und hoffen, dass Brasilien gewinnt. Aber es wird auch vie-
le Menschen auf der Straße geben. Als das Finale des Confed-Cups
2013 im Maracaná-Stadion ausgerichtet wurde, gab es mehr Men-
schen, die vor dem Stadion protestierten als Leute, die drin waren
und das Spiel anschauten. Das ist für brasilianische Verhältnisse ein
Schock, einfach verrückt. Weil hier natürlich alle denken: Hey, es
geht um Fußball, alle mögen Fußball. Selbst die ärmeren Leute, die
bspw. auch gerne auf Fußballspiele wetten oder diesen ganzen Mist
des modernen Fußballs, haben Zweifel bekommen. Er herrscht eine
generelle Unzufriedenheit mit der WM. Was wird passieren? Mit all
diesen Kämpfen und Streiks auf der Straße weiß ich nicht, wie die
Bevölkerung reagieren wird. Bspw. werden die Metroangestellten
am 5. Juni, eine Woche vor der WM einen Streik durchführen. Und
sie spielen mit der Idee, der gesamten Bevölkerung freie Fahrt in der
Metro zu ermöglichen. Wenn sie das wirklich durchziehen, werden
sie enorme Unterstützung durch die Bevölkerung erfahren. Stell dir
vor, es gibt einen ganzen Tag lang kostenlosen öffentlichen Nahver-
kehr für alle, in einer Stadt wie Sao Paulo mit ihren 11 Millionen
Einwohner*innen! Daher: Sollten sie das machen, wird die Unter-
stützung für ihren Kampf massiv ansteigen. Ähnlich gab's ja bereits
eine enorme Unterstützung der Straßenkehrer*innen, die für höhere
Löhne und bessere Arbeitsbedingungen kämpften. Nicht einmal die
Mittelschicht lehnte ihren Kampf ab, sondern sie applaudierten ih-
nen und gaben ihnen Recht. Das ist ein neues Phänomen in Brasilien.
Dass die Mittelschicht die Arbeiterklasse unterstützt, ist etwas völlig
Neues in Brasilien. Wir wissen natürlich nicht, wie weit das reicht.

-Radio Berlin:

Du denkst also tatsächlich, dass wir mit Protesten größeren Ausma-
ßes während der WM erwarten können?

Danilo:

Ich glaube schon. Ich glaube schon. Gerade läuft beispielsweise die
Tour der WM-Schale. Die FIFA stellt die Schale etwa 2-3 Tage in jeder
ausrichtenden Stadt aus, und an jedem dieser Orte hat es bislang Pro-
teste gegeben. Um einen konkreten Eindruck zu erhalten: Erst ges-
tern war die Schale in Brasilia und viele Indigene, Leute aus der Be-
wegung der Wohnungslosen, Lehrer*innen usw. kamen hin. Es kam
zu Auseinandersetzungen mit vielen verletzten Demonstrant*innen,
aber auch ein Polizist wurde verletzt. Ein Indigener schoss ihm einen
Pfeil ins Bein. Das ist wie ein Bild aus dem Mittelalter, aber das ist ge-
rade so. Das ist der Grad der Unzufriedenheit zurzeit. Und das bezieht
sich nur auf die Tour der WM-Schale.

Wir wissen natürlich, dass die WM ein Riesenaufgebot an Sicher-
heitskräften bedeuten wird. Daher gehe ich von großen Protesten aus,
denen es jedoch nicht gelingen wird, dem Stadion nahezukommen.

A-Radio Berlin:

Glaubst du, dass es sich die Polizei wird erlauben können, vor den
versammelten Kameras aus aller Welt mit massiver Gewalt gegen die
Leute vorzugehen?

Danilo:

Das ist eine Frage, die wir uns auch gestellt haben. Das ist der Grund,
warum für uns die Kontakte zu den internationalen Medien sehr
wichtig sind. Damit sie wissen, was hier passiert und auch darüber
berichtet wird. Ich glaube schon, dass es großer Repression jenseits
der Kameras kommen kann, näher dran, keine Ahnung. Wenn wir
beispielsweise anschauen, wie das in Südafrika war, dann gab es dort
einen Jungen, der wegen des Diebstahls eines Handys zu 7 Jahren
Gefängnis verurteilt wurde, ein anderer wurde wegen des Diebstahls
einer Uhr oder einer Digitalkamera, ich weiß es nicht mehr, zu 4
Jahren Gefängnis verurteilt. Das war fernab der Kameras. Niemand
hat sich um diese Fälle gekümmert. Und solche Sachen passieren in
Brasilien konstant. Dafür braucht es keine WM. Es gibt Tote, es gibt
Verhaftete, ohne dass niemand das je wissen wird, weil dort keinerlei
Kameras sind.

Ich glaube allerdings, dass die Präsenz der kompletten internationa-
len Medien dazu führen wird, dass sich die Polizei ein wenig in Acht
nehmen wird und vielleicht etwas weniger gewaltsame Repressions-
maßnahmen einsetzen wird. In Brasilien werden noch immer Gum-
migeschosse eingesetzt, Tränengas und Pfefferspray und weitere Din-
ge, die als "nicht-tödliche Waffen" bezeichnet werden. Wir nennen sie
hingegen "weniger tödliche Waffen". Es gab beispielsweise den Fall
einer älteren Dame, die 2003 zu Tode kam, weil sie zuviel Tränengas
eingeatmet hatte und im Krankenhaus dann einen Herzstillstand er-
litt und starb. Es handelt sich also nicht um "nicht-tödliche Waffen",
höchstens um "weniger tödliche Waffen". Ein Gummigeschoss, der
dich ins Auge trifft, kann dich genauso töten.

Die Polizei kündigt konstant neue Ausrüstung an, wie beispielsweise
Schallwellenwaffen, die dazu führen, dass Leute in Ohnmacht fallen
und sich mit Krämpfen am Boden winden. Neue Wasserwerfer etc.
Es scheint so, als ob sie viele neue Techniken für teures Geld aus
Europa importieren, die weniger schlimme Auswirkungen haben, die
aber sehr effektiv in ihrer Anwendung sind, etwa beim Brechen von
Blockaden. Im Endeffekt habe ich aber keinen Zweifel, dass sie neben
Gummigeschossen am Ende auch echte Kugeln einsetzen würden.
Das passierte bereits 2013. Es waren nicht alle Medien vor Ort, aber
es passiert schon. Auch 2014 geschah das bereits, nämlich am 25. Ja-
nuar 2014, als im Rahmen von Protesten in Sao Paulo ein Typ mit zwei
Kugeln in die Brust auf der Straße niedergestreckt wurde. Er starb
nicht, musste aber lange Zeit im Krankenhaus verbringen.


A-Radio Berlin:

OK, um das Interview zu einem Ende zu führen, fände ich es gut,
noch ein wenig über die FIFA zu reden. Auf den Transparenten wäh-
rend der Demonstrationen ist häufiger "FIFA go home" oder Ähnli-
ches zu lesen. Was ist die Rolle der FIFA in aktuellen Kontext?

Danilo:

Die FIFA ist ein Mega-Konzern, nicht wahr? Eine NGO, die vor ei-
niger Zeit eine Internetumfrage durchführte, um den schlimmsten
Konzern der Welt wählen zu lassen kam zum folgenden Ergebnis: An
erster Stelle kam Gazprom, an zweiter der Chemiekonzern Syngenta
und an dritter kam schon die FIFA. Wenn wir nur die Stimmen aus
Brasilien berücksichtigen, dann wurde die FIFA an die erste Stelle
gewählt, mit einem Vorsprung von 20.000 Stimmen. Die Leute wis-
sen also, dass die FIFA einfach ein Unternehmen ist, dass hier ist,
um Geschäfte zu machen. Und die Leute geben keinesfalls einfach
nur der FIFA die Schuld. Der Blick richtet sich nicht allein auf die
FIFA, sondern auch auf die Regierung. Die FIFA hat der brasiliani-
schen Regierung nichts übergestülpt, die Regierung hat das Angebot
angenommen.

Die Proteste richten sich daher sowohl gegen die FIFA als auch gegen
die Regierung. Gegen die FIFA wegen ihres Modells sportlicher Me-
ga-Events, die elitär ausgerichtet sind, sich an die Reichen wenden,
die Situation armer Menschen nur noch verschlimmern und die der
Bevölkerung sehr viele kommerzielle und politische Regeln aufzwin-
gen, die allen Leuten der Welt fremd vorkommen würden. Denn im
Grunde genommen machen sie Profite aus der Misere von Brasilien.
Beim Bau der Stadien starben insgesamt 9 Arbeiter*innen, und da
die FIFA sich ja jedem Scheiß verpflichtet fühlt, wird sie ja nie im
Traum auf die Idee kommen, wegen neun Toten ein Event abzusagen.
Für mich zählen neun Leben mehr als jedes Event der Welt, aber wir
wissen natürlich, dass der Kapitalismus so ist. Die Proteste richten
sich gegen die Regierung, weil sie all dem zugestimmt hat, wie sie
der FIFA das Land einfach so übergeben hat, ohne beispielsweise
überhaupt Steuern zu erheben. Was nämlich ganz klar wurde bei der
näheren Betrachtung dieses Events war, dass diejenigen, die davon
profitieren und die auch ganz enge Beziehungen zur Regierung ha-
ben, die Bauunternehmen sind. Diese Leute verdienen sich eine gol-
dene Nase beim Bau von Stadien, Straßen etc., nicht nur in Brasilien,
sondern in ganz Südamerika, weil Brasilien ein kleines Imperium ist.
Das ist völlig offensichtlich - egal, welche Partei an der Macht ist, sie
wird den Interessen der Baubranche und der Banken entsprechend
handeln. Die Kritik an der FIFA ist die an einem Mega-Konzern, der
sich kein bisschen um Menschenrechte schert und dem völlig klar ist,
dass sein WM-Konzept zur Verletzung von Menschenrechten führt.
Ihre Vertreter geben zum Beispiel Erklärungen ab, in denen es heißt,
dass Brasilien Demokratie im Übermaß hat, so dass es vielleicht sinn-
voller wäre, die WM in Ländern mit weniger Demokratie wie etwa
Russland auszurichten. Jerome Valcke sagte das. Ich denke, dass den
Leuten diese Rolle der FIFA bewusst ist. Ich glaube allerdings, dass
sich die Kritik viel stärker an die eigene Regierung richtet, denn an
die FIFA.

Mir scheint das auch sinnvoll zu sein, nicht weil mir die FIFA gefallen
würde. Es scheint mir zutreffender zu sein, dass die Regierung das
akzeptiert, was die FIFA vorbringt.

A-Radio Berlin:

In jedem Fall. Nun, vielen Dank für das Interview. Wir gehen in je-
dem Fall davon aus, dass ihr einen heftigen Kampf in den kommen-
den Wochen ausfechten werdet. Wir wünschen euch das Beste, ins-
besondere auch dem Comité.

Danilo:

Vielen Dank. Ich sage dir schon mal, dass es sehr wahrscheinlich
ist, dass wir viele Verhaftungen haben werden. Wir bereiten da-
her seit einer Weile eine Solidaritätskampagne vor, bei der wir die
Genoss*innen aus aller Welt aufrufen, Soli-Veranstaltungen zu or-
ganisieren, um die Freilassung der Verhafteten auch finanziell zu
unterstützen. Es gibt ja bereits Verhaftete, aber es werden sehr viel
mehr werden. Schließlich möchte ich auch darauf hinweisen, dass die
internationale Website der Comités Populares "portalpopulardacopa.
org" lautet. Auf dieser Website findet ihr viele Artikel sowie Texte
darüber, was wir denken und tun. Viele davon finden sich in spani-
schen, englischen, französischen und deutschen Übersetzungen vor.
Wer also mehr Informationen sucht, kann vielleicht auf dieser Seite
fündig werden. Ihr findet dort auch alle Links zu den Comités in al-
len Städten mitsamt der Kontaktdaten, so dass ihr sie auch einfach
anschreiben könnt. Und wir danken euch herzlich für die den Raum,
den uns euer Radio hier zur Verfügung stellt. Auch wir wünschen
euch viel Kraft.

Ich möchte als Fußballfan noch sagen, dass wir hierzulande sehr in-
spiriert sind von den Ultras in Deutschland, den antifaschistischen
Fußballfans in Deutschland, die Fans, die gegen den modernen Fuß-
ball kämpfen. Uns scheint, dass die WM 2006 einige Ansatzpunk-
te für Fußballfans bot, jenseits der Politik bzw. dem Frage, ob es
Anarchist*innen sind oder nicht, für den Kampf um die Rechte der
Fans gegen eine bestimmte Klasse.

Was bleibt sonst noch zu sagen? Schaut weiterhin auf Brasilien, denn
hier werden wahrscheinlich einige sehr hässliche Sachen passieren
und wir werden dringend internationale Unterstützung benötigen.

A-Radio Berlin:

Wir werden uns definitiv um eine Verbreitung dieser Infos küm-
mern.

Nachzuhören unter:
aradio.blogsport.de/2014/06/06/libertaerer-podcast-mairueckblick-2014/
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