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(de) FdA/IFA - Gai Dao #43 - Kritik an der WM Von: Gruppen gegen Kapital und Nation

Date Wed, 16 Jul 2014 10:06:19 +0300


Wenn im Sport die besten Spieler aus den besten Mannschaften in einer speziellen Auswahl neu zusammengestellt werden und gegeneinander antreten, verspricht das für die Interessierten meist spannend zu werden. Man kann sich zurücklehnen und das sportliche Kunstwerk angucken oder sich entscheiden irgendwie Partei für eine der Mannschaften zu ergreifen. ---- Wie beim Wetten kann man dann ohne Geld zu verlieren mitfühlen, sich also bequem und unanstrengend ein wenig Nervenkitzel ins Leben holen. In den Höhen des Profisports, zumal beim Fußball, kann man weiter davon ausgehen, dass anders als im wirklichen Leben, die Verlierer im Konkurrenzwettbewerb nicht mit einem Hungerlohn oder Hartz IV nach Hause gehen. Mitleid mit den Spielern der WM, abgesehen davon dass diese stupid ihr ganzes Leben dem runden Leder unterordnen, kann man also haben, muss man aber wirklich nicht.

Wenn allerdings mal wieder die Nationalmannschaften in einem Tur-
nier gegeneinander antreten und sowohl die Spieler, die Bürger, die
Politik und die Werbung die Nationalfarben flächendeckend ausbrei-
ten, dann steht viel mehr auf dem Spiel als die Kunst den Ball zu tre-
ten. Sie tragen dann ihre nationale Zusammengehörigkeit zur Schau,
behaupten allesamt eine Gemeinsamkeit - hierzulande deutsch zu
sein - und man entschließt sich nicht erst mit der deutschen Natio-
nalelf mitzufiebern, sondern fiebert mit, weil die deutsche Elf doch
nur stellvertretend für diejenige Gemeinschaft antritt, der man sich
sowieso schon zugehörig fühlt. Das Eintreten für die Nationalelf hal-
ten alle für eine Selbstverständlichkeit, und sofern man selber zum
deutschen Kollektiv dazugerechnet wird, wird man am Kiosk oder
bei der Arbeit genau mit dieser Selbstverständlichkeit angesprochen:
"Den Amis haben wir es aber ganz schön gezeigt, wa?" Begegnet man
dieser Frage mit Gleichgültigkeit ("ist mir doch egal") oder aber sagt
man frei raus, dass man für die Nationalelf nichts übrig hat, sind die
Leute verwundert bis verärgert. Sie vermuten einen übertrieben erns-
ten Umgang mit dem deutschen Nationalismus und selbst so mancher
Linker sieht allenfalls anti-deutsche Reflexe bei denjenigen, die noch
aus der total unschuldigen, weil bloß sportlichen Weltmeisterschaft
einen Gegenstand politischer Auseinandersetzung machen wollen.

Warum soll man denn nicht für die Mannschaft des Landes
sein, in dem man aufgewachsen ist?

Zunächst möchten wir einfach mal zurückfragen: Warum sollte man
es denn sein? Weil "wir" angeblich dasselbe Blut in unseren Adern
haben? Ein Schwachsinn sondergleichen, aber mal angenommen
so wäre es: Warum sollte eine Eigenschaft der Biologie eine gesell-
schaftliche Einheit stiften? Und warum sollte man über eine Naturei-
genschaft in einen Jubel darüber ausbrechen nach dem Motto: "Juhu,
wir haben alle fünf Finger und ich möchte aller Welt demonstrieren,
dass ich für diese Gemeinsamkeit bin"? Soll man für Deutschland
sein, weil es seit mehr als einem Jahrhundert besteht (manche setzen
da ja auch schon bei den germanischen Stämmen an)? Die Dauer des
Ladens, in dem man lebt, soll Anlass für positive Gefühle hergeben?
Warum denn? Soll man sich mit anderen als "wir" betrachten, weil
der Staat manche Menschen mit einem Personalausweis ausgestattet
hat und sie damit als seine Untertanen identifiziert? Weil man in ei-
nem Territorium geboren ist, deren Grenzen der Staat nach einigen
Kriegen festgezogen hat? Die letzten beiden Punkte sind schließlich
die einzigen tatsächlichen Gemeinsamkeiten, die so ein Volk hat.
Ansonsten haben die Menschen hierzulande noch jede Menge All-
tagssorgen, und der Großteil hat genau mit der Gemeinschaft zu tun,
zu der sich so zugehörig fühlen, dass sie sich in ihre Fahnen kleiden
wollen.

Von wegen Gemeinsamkeit! Für Nationalisten leider kein
Problem...

Im ökonomischen Alltag ist von der Gemeinsamkeit, die da behaup-
tet wird, nicht viel zu sehen. Unternehmen versuchen die Löhne zu
drücken, die Arbeitszeit zu verlängern und die Intensität in den Be-
trieben zu erhöhen, wenn sie nicht gleich die Leute wegen Rationa-
lisierung entlassen. Vermieter wiederum versuchen möglichst hohe
Mieten durchzudrücken und hier in Berlin kann man in manchen
Bezirken gut beobachten wie dadurch sogar eine ganze Mieterschaft
durch eine materiell besser ausgestattete ersetzt wird. Diese Gegen-
sätze sind dabei so alltäglich zu erfahren, dass man die Idee der gro-
ßen Gemeinschaft mal wirklich in den Mülleimer schmeißen könnte.
Paradoxerweise sind aber genau diese Erfahrungen für Nationalisten
gar kein Grund den Glauben an die große Gemeinschaft zu verlieren,
sondern ständiger Anlass Elemente ausfindig zu machen, welche sich
an der Gemeinschaft vergehen, die doch eigentlich vorhanden sei
oder zumindest sein sollte. Sie schielen dabei auf den Staat, der doch
mit seinen Gesetzen die Gegensätze so regeln soll, dass angebliche
Egoisten nicht zum Zuge kommen und die Sache daher für alle posi-
tiv aufginge. Wieder so ein großer Irrsinn. Die Gegensätze sollen gar
nicht verschwinden, sondern man akzeptiert sie und findet sie sogar
ganz gut, weil z.B. der Mensch angeblich so ein fauler Sack sei, dass
er ohne Leistungszwang, der ihm durch andere Konkurrenten aufge-
nötigt wird, zu nichts komme. Weiter wird der Nationalist geständig,
dass seine schöne Gemeinschaft ohne einen großen Gewaltapparat
mit Polizei und Justiz und Politikern, welche Gesetze beschließen,
denen sich dann die Bürger zwangsweise unterordnen müssen, gar
nicht auskommt.

Der wirkliche ökonomische Alltag strukturiert sich ja auch nicht
deswegen so auffällig einheitlich, weil alle nur von Deutschland be-
seelt sind. Leute gehen Lohnarbeiten, weil sie sonst keine Einkom-
mensquelle haben. Sie müssen sich auf Löhne einlassen, die vorne
und hinten nicht reichen, weil alleine Unternehmen über diejenigen
Geldmassen verfügen, die es ihnen erlauben, Land, Produktionsmit-
tel, Wissenschaft und Leute einzukaufen, um darüber reicher zu wer-
den. Der Staat mit seiner Gewalt sorgt über Eigentum und Gesetze
dafür, dass den meisten Menschen nichts anderes übrig bleibt als sich
diesen fremden Interessen dienstbar zu machen. Sie müssen sich von
Betriebskalkulationen abhängig machen, in denen ihr Lohn ständig
zu hoch ist und ihre Leistung gesundheitsschädlich strapaziert wird;
mit dem Nebeneffekt, dass man in der Freizeit nicht nur zu wenig
Geld hat, um sie zu gestalten, sondern auch noch zu kaputt ist, um
das vielfältige Warenangebot genießen zu können. Gewalt und da-
raus abgeleitete Abhängigkeiten sind der Grund für den armseligen
Alltag, den die meisten Leute genießen dürfen.

Nationalismus ist das Ja zur Herrschaft

Wenn anlässlich der WM lauter Autos, Balkone und Menschen sich
in Plakatwände für die Nationalfarben verwandeln, dann verleihen
die Untertanen ihrer positiven Einstellung zu dem ökonomischen
und politischen Zwangszusammenhang, dem sie untergeordnet sind,
Ausdruck. Unternehmen, von deren Kalkulationen sie abhängen,
staatliche Institutionen, welche mit Gewalt die Regeln des Zusam-
menlebens vorschreiben, die Nachbarn und Leute, mit denen man
sein ganzes Leben nichts zu tun haben wird, werden in der Nation
als große Einheit zusammengedacht. Vom Staat, der die gewaltsame
Klammer um die hiesige Konkurrenzgesellschaft ist, sind die Men-
schen abhängig gemacht. Sie aber besetzen diese Abhängigkeit vom
Staat positiv und vollziehen in ihren Gefühlen die Erfolge und Miss-
erfolge des Staates nach. Heutzutage anhand der Nationalelf, weil es
vor allem darum geht, "wie unser Land sich repräsentiert." (Merkel,
SZ, 07.06.2008)1

Der Nationalismus der Leute ist also keine Dummheit ohne Kon-
sequenzen. Erstens machen sie damit ihr dauerhaftes Abmühen an
den Konkurrenten und den Gesetzen des Staates auf einer abstrak-
ten Ebene erst gangbar. Mit dem Glauben, dass alles an der richtigen
Einstellung zum Großen und Ganzen, abhängt, gelingt es ihnen auf
höherer Ebene jedem Scheiß, der ihnen passiert (z.B. Arbeitslosig-
keit), noch einen Sinn für sich abzulauschen.2 Über die höheren Ge-
sundheitskosten ärgert sich so
jeder einzelne, weil noch mehr
Belastung auf ihn zukommt.
Dass aber Deutschland für ei-
nen selbst nur funktionieren
kann, wenn alle sich ein we-
nig zurücknehmen, also Opfer
bringen, nimmt so einer Ge-
sundheitsreform die kritikable
Spitze. Zweitens ist der Natio-
nalismus für den Staat unver-
zichtbar, wenn er von seinen
Bürgern ihr Leben verlangt. Im
Krieg oder auch an der Heimat-
front des Kampfes gegen den
Terror ist der Nationalismus
eine wichtige Stütze, wenn Un-
tertanen aus eigener Überzeu-
gung bereit sind, ihr Leben für
das große Ganze aufs Spiel zu
setzen.

Daran denkt wahrscheinlich
keine besoffene Sau, die sich in Schwarz-Rot-Gold eingehüllt irgend-
welchen Leuten auf der Fan-Meile in die Arme schmeißt. Der bruta-
le Inhalt dessen, auf dem die Fußball-Fans gerade ihre große Party
knüpfen, ist das schon.

Warum ausgerechnet ein Fußballtunier als Feier der Nation?
Wegen der tatsächlich vorhandenen Gegensätze im politischen und
ökonomischen Leben, eignen sich Sportveranstaltungen für solche
Demonstrationen der Einheit besonders, da hier das Ereignis selbst
keine direkte materielle Auswirkung auf dieses Leben hat. Auch
wenn die Bahn die Dauer der Bahncard als Werbetrick an gewonnene
Spiele der Nationalelf knüpft, hängt vom Erfolg der Elf kein Arbeits-
platz und auch nicht der Krieg in Afghanistan ab. An jedem Gesetz
aber, das die Politik beschließt, hat irgendein Anteil der Bevölkerung
etwas auszusetzen. Von daher eignet sich z.B. eine Gesundheits-
reform nicht, um die deutsche Einheit herauszukehren. Auch der
Bericht über eine groß angelegte Rationalisierungsmaßnahme bei
BMW oder Daimler zeugt nicht von Einheit und gibt Anlass zum ge-
meinsamen Jubeln.

Sportveranstaltungen illustrieren die Konkurrenz der Nationen und
unterstellen sie als Selbstverständlichkeit

Nicht zuletzt findet aber die Nation zu ihrer Einheit immer noch am
zielsichersten, wenn gegen die Anderen gekämpft werden muss und
Geschlossenheit in den eigenen Reihen gefordert ist. Bei der WM
oder ähnlichen Veranstaltungen treten Repräsentanten der Nationen
gegeneinander an und mindestens ideell fühlt sich da jeder Bürger
berufen, die eigene Mannschaft zu unterstützen und dies allen ande-
ren zu zeigen.

Dass eine Weltmeisterschaft oder sonstige internationale Wettkämp-
fe nicht einfach in Volksbelustigung aufgehen, zeigt sich auch am
folgenden Statement der Bundeskanzlerin:

"Auch wenn mir Fußball ziemlich gleichgültig wäre, würde ich einer
EM oder WM im eigenen Land
als Kanzlerin trotzdem die Ehre
geben, ja sogar geben müssen,
weil es auch darum geht, wie
unser Land sich repräsentiert."
(Merkel, SZ, 07.06.2008)
Die Agenten der Staaten, die an-
sonsten damit beschäftigt sind
gegeneinander, um Handelsbe-
dingungen und politische Ein-
flusssphären zu streiten, die je-
weils ihrem Standort auf Kosten
des anderen zum Vorteil gerei-
chen sollen, fühlen sich genötigt
auf internationalen Sportveran-
staltungen aufzutauchen.
Aus der blöden Gründungsidee
der neuzeitlichen Olympiade,
nach der weniger Kriege herr-
schen würden, wenn die Natio-
nen ideell zum Konkurrenzkampf
antreten würden, hat noch fast jedes Staatspersonal die Gelegenheit
entnommen, auf internationalen Sportwettkämpfen könne die Größe
der Nation ideell gut dargestellt werden. Klar ist, dass z.B. Frank-
reich nicht auf die Idee kommen wird, dass Deutschland keinen Krieg
mehr führen könne, weil die deutsche Elf beim Fußball mal unter-
liegt. Aber wie ein großangelegtes neues Regierungsviertel die bean-
spruchte Größe des neuen Deutschlands ausdrücken soll, so halten
die Regierenden aller Länder es für notwendig auch im Sport Aner-
kennung von den Konkurrenznationen einzusammeln.

Da fiebert der nationalistische Untertan mit und vollzieht gefühlsmä-
ßig - in den Formen des Stolzes die gewonnene Ehre und in den For-
men der Trauer bzw. des Ärgers die entgangene Ehre - die Staaten-
konkurrenz auf der ideellen Ebene nach. Dass Staaten konkurrieren,
dass es schwer um die Anerkennung durch die anderen Nationen an-
kommt, dass man sich von bestimmten Staaten, z.B. Russland, auch
nichts zu sagen haben lassen muss, also eine Hierarchie von Über-
und Unterordnung vorhanden ist, dass man diese Hierarchie auch
letztendlich mit Krieg durchsetzen würde, das ist bei dieser Form der
Völkerfreundschaft als Selbstverständlichkeit unterstellt.

Wegen der Staatenkonkurrenz um politische und ökonomische
Macht, taugt auch die Unterscheidung von Patriotismus und Natio-
nalismus nicht. Erster soll angeblich nur die Liebe zu den Seinigen
sein, während letzterer sich gegen die Anderen richten würde. Die
Liebe zum Vaterland schließt nun mal notwendig die Gegnerschaft
gegen die anderen ein.

Auch das gehört zum brutalen Inhalt des erhofften neuen
Sommermärchens.

Besonderheit in Deutschland: Die Freude über die ungezwungene
Freude über die Nation

Wegen des verlorenen Krieges, hielten es die deutschen Nachkriegs-
Politiker für angebracht, den Nationalismus nicht allzu vehement
zur Schau zu stellen, ja sogar die Scham für die NS-Zeit zu einem
Teilstück des deutschen Nationalismus zu machen. Damit sollte ein
alternativer Weg zur Weltmacht eingeschlagen werden. Nicht gegen
die sonstigen Weltmächte - wie Hitler - sollte die deutsche Nation
groß gemacht werden, sondern mit Hilfe der westlichen Alliierten.
Für diesen politischen Weg sahen sich deutsche Politiker gezwungen
die ständige Läuterung als Moment des deutschen Nationalismus ins
Feld zu führen. Was in anderen Ländern üblich ist, einfach ungebro-
chen stolz auf die Nation zu sein, wurde in der deutschen Öffentlich-
keit zwar durchaus akzeptiert, aber immer mit einem kleinen Kom-
mentar dazu, dass man selbstverständlich nicht übertreiben dürfe.
Seit der vollzogenen Vereinigung allerdings ist der öffentliche Dis-
kurs ein wenig anders. Es wird behauptet, dass die Deutschen heutzu-
tage in eine andere Richtung übertreiben würden, sich zu sehr schä-
men und verstecken würden, obwohl das so nicht nötig wäre. Relativ
zu dieser Einschätzung wurde der WM-Taumel 2006 (das sogenannte
"Sommermärchen") geradezu als Befreiungsschlag gesehen.

Zunächst ist zu bemerken, dass dieser Taumel gar nicht so einmalig
war und das Bild, dass die Deutschen nie so recht ungezwungen ihr
Deutsch-Sein gefeiert hätten, stimmt angesichts des Mauerfalls und
der WM 1974 überhaupt nicht.

These: Der schräge Blick auf den tatsächlichen Nationalismus re-
sultiert vielmehr aus den neuen Ansprüchen, die Deutschland ge-
genüber der Welt stellt, seit es mit der Vereinigung die Souveränität
wiedererlangt hat.

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1 Die Zitate stammen von vergangenen Meisterschaften.

2 "Süddeutsche Zeitung: Klinsmann wollte ,der Welt zeigen, wer wir sind': Eben
kein mutloses Volk, das über zweistellige Arbeitslosenquoten jammert und im Zeit-
alter der Globalisierung den Anschluss verpasst. Wie wichtig sind Siege im Fußball
für den Nationalstolz?

Merkel: Wir haben gefeiert und uns gefreut, obwohl wir gar nicht Weltmeister,
sondern Dritter geworden sind. Ich war über die großartige Stimmung in Deutsch-
land sehr, sehr froh. Sie hatte eine wunderbare Leichtigkeit." (SZ, 07.06.2008)
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