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(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Anarchosyndikalistische Zeitung - Inhalt + Ein Desaster für Lohnabhängige

Date Sun, 26 Jan 2014 18:22:12 +0200


Aus dem Inhalt ---- Betrieb und Gesellschaft ---- Weniger als die Bäckerei heißt immer noch Ausbeutung -- Ein Interview zur Idee des Union Labeling und seiner Bedeutung in den USA 4 ---- Ups, they did it again!--.DGB Gewerkschaften verhindern ,,gleichen Lohn für gleiche Arbeit" in der Leiharbeit 5 ---- Die Isolation durchbrechen.-- Zum Kampf um gesellschaftliche Teilhabe von Flüchtlingen in Rheinland-Pfalz 7 ---- Zeitlupe ---- Die Befreiung der Arbeit.-- Räte und Selbstverwaltung - Eine kritisch-historische Betrachtung (Teil II).8 ---- Globales ---- Sozialer Notstand à la US-Amerika Die Immobilienblase ist schon lange geplatzt - leider nach wie vor nicht nur die 9 ---- Untote Handelsreisende.Ja ja, sie lebt noch - Kommentar zum WTO-Abkommen 9 ---- Die Krise als Katalysator der Reaktion.- In Spanien besteht die Gefahr massiver Rückschritte im Kampf gegen.die patriarchale Gesellschaft 10

Hintergrund

Ein Desaster für Lohnabhängige.- Von der europäischen Finanz und Bankenkrise zur Staatsschuldenkrise 12

Kultur

Robert Brack leistet Detektivarbeit zur Identifizierung eines Rebellen -.KP fragt Robert Brack 14

Invisible - im Schatten Europas - Besprechung des Filmes von Andreas Voigt 15

* * *

Raus aus der Misere - Krise als kapitalistischer Normalvollzug und

Interventionsmöglichkeiten
Krisen Darüber was sie sind,was sie
ausmacht, wie sie entstehen und wie
sie gelöst werden können, gibt es eine
Vielzahl an Theorien und Interpretatio-
nen. Das ist sicherlich mit gutem Grund so,
doch eines sollte klar sein - sie sind kapi-
talistischem Wirtschaften inhärent, immer
wiederkehrend und nur zeitweise lösbar.

Dennoch tritt im Angesicht jeder neu
aufkommenden Krise das große Vergessen
darüber ein, dass es vergleichbare Situ-
ation seit dem Anbeginn kapitalis-
tischer Vergesellschaftung immer
wieder gegeben hat. So partiell
die Suche nach den Verant-
wortlichen geführt wird, so
partiell sind auch die jewei-
ligen Lösungsansätze. Die
gesellschaftlichen Folgen
dieser ,,Lösungen" hingegen
wirken sich mit aller Härte
auf große Teile der Gesell-
schaft aus.

In Deutschland erleben
wir seit einigen Jahren einen
Krisendiskurs, der suggeriert,
dass die vermeintlich Schul-
digen der EU-Schuldenkrise
im europäischen Süden nun
,,zu Recht" in ihren Ansprü-
chen auf ein gutes Leben kür-
zer treten müssten, während
wir im Hier und Jetzt noch ganz gut da-
vonkommen würden. Während der Export-
Weltmeister Deutschland sich selbst feiert
und Politik und Medien stetig bemüht
sind, ein mögliches Ankommen der Krise
bei uns als drohenden Zeigefinger gegen
Forderungen sozialen Ausgleichs zu nut-
zen, sieht die Realität für viele Menschen
auch hierzulande brutal aus.

Zehn Jahre nach Einführung der
Agenda 2010 und den dazugehörigen
,,Reformen des Arbeitsmarkts", von der
Grünen Göring-Eckardt damals ,,Frühling
der Erneuerung" genannt, verdienen acht
Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt
im Niedriglohnbereich. Ein Viertel aller
Beschäftigten lebt mit prekären Arbeits-
verhältnissen. Teilzeit-Beschäftigungen,
befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit und
Minijobs haben die ,,Normal-Beschäfti-
gung" teilweise verdrängt, so dass der

Lohn immer häufiger nicht zum Leben
reicht. So kommt es, dass es in Deutsch-
land 2013 42 Mio.

Beschäf-tigte gab - so viel wie noch n i e
- während gleichzeitig 12 Millionen
Menschen in Armut lebten oder als ar-
mutsgefährdet galten. Fast 20 Prozent
aller Personen unter 18 Jahren sind von
sogenannter Einkommensarmut betroffen.
Würde der Hartz-IV-Regelsatz 50 Euro hö-
her sein als jetzt, hätten eine halbe Million
mehr Menschen Anspruch auf Transferleis-
tungen. Privatisierungen, steigende Mie-
ten und höhere Lebenshaltungskosten tun
ihr übriges, die Situation zu verschärfen.

Unabhängig von der Einkommenssi-
tuation ist praktisch überall ein immens
gestiegener Konkurrenz- und Leistungs-
druck zu verzeichnen, sowie eine steigen-
de Arbeitsdichte. Ein zwanghaftes Bestre-
ben nach einem lückenlosen Lebenslauf
auf der einen Seite und ein Zuwachs an
psychischen (Stress-)Erkrankungen wie
Burnout auf der anderen Seite sind ent-
sprechende Folgen. Die Angst vor dem
sozialen Abstieg ist größer denn je, denn
das soziale Netz besteht inzwischen größ-
tenteils aus Löchern. Die Behauptung, die
Menschen in Deutschland seien von der
Krise kaum betroffen, ist also nicht nur
grob fahrlässig, sondern faktisch falsch.
Trotzdem scheint ein Großteil der
Bevölkerung darauf zu warten, dass die
Krise wie eine Gewitterwolke vorbeizieht
oder sich nur über den Nachbarn
abregnet. Sicherlich ist dies
häufig nicht einmal als Bos-
haftigkeit zu fassen, den
,,Nachbarn" im globalen
Kontext gegenüber, in
Europa, am eigenen
Arbeitsplatz, im Vier-
tel oder in der Super-
marktschlange. Doch
die Hoffnung, sich
irgendwie durchzu-
wuseln, der Versuch,
den Kopf in den Sand
zu stecken oder alle
Probleme auszusitzen,
scheinen
weiterhin
Oberhand zu behal-
ten. Selbst dort, wo
die Krise eigentlich
lange angekommen ist.

Konkrete Interventions-
möglichkeiten gegen die beschriebe-
nen Zustände scheinen deshalb bei einem
Großteil der Bevölkerung wenig Anklang
zu finden. Dies verwundert in Anbetracht
der beschriebenen Situation. Zumal es im
Kapitalismus normal ist, dass es Gruppen
von Menschen gibt, bei denen das vor-
handene Geld nicht zum Leben reicht.
Unterstützung von Kämpfen im europä-
ischen Süden, wo sich mehr Menschen
gegen ihre Lebensbedingungen wehren
als hierzulande, bis hin zur Initiative ei-
nes europäischen Generalstreiks, sollten
deshalb nicht nur aus gelebter Solidarität
heraus unterstützt werden. Vielmehr gibt
es offensichtlich auch hier mehr als genug
Gründe, die alltäglichen Bedingungen
aufzudecken und anzugreifen, um sie zu
verändern. Wann, wenn nicht jetzt!?!

Laura Fischer und Matthias Nicolaus
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