A - I n f o s
a multi-lingual news service by, for, and about anarchists **

News in all languages
Last 40 posts (Homepage) Last two weeks' posts

The last 100 posts, according to language
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

The First Few Lines of The Last 10 posts in:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
First few lines of all posts of last 24 hours || of past 30 days | of 2002 | of 2003 | of 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2014

Syndication Of A-Infos - including RDF | How to Syndicate A-Infos
Subscribe to the a-infos newsgroups
{Info on A-Infos}

(de) FDA-IFA, Gai Dào #37 - Die christlich-anarchistische Synthese -- Über libertäre Dimensionen im Christentum informiert ein neuer Sammelband -- Eine Rezension von Oliver Rast

Date Mon, 20 Jan 2014 11:41:52 +0200


Die ideengeschichtliche Fusion von Christentum und Anarchismus zu einem christlichen Anarchismus erscheint auf den ersten und zweiten Blick höchst widersprüchlich. Es ist erklärungsbedürftig, wie diese beiden, in sich überaus fragmentierten und heterogenen Weltsichten zueinander finden können, denn atheistische Grundlagen sind nach herkömmlicher Sprachregelung für libertäre Bewegungen wesentlich charakteristischer als religiöse. ---- Diesen Erklärungsversuch hat jüngst der Herausgeber Sebastian Kalicha mit seinem Sammelband "Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung" unternommen. Der Band erschien im Verlag Graswurzelrevolution, der die gleichnamige, seit 1972 existierende gewaltfrei-anarchistische Monatszeitschrift "Graswurzelrevolution" herausbringt.

Zur Intention des Buchprojektes schreibt Kalicha, der Mitherausgeber der
"Graswurzelrevolution" ist: "Dieser Sammelband zum christli-
chen Anarchismus ist als Versuch zu verstehen, einen Eindruck
von dieser Bandbreite christlich-anarchistischer Theorie und
Praxis zu vermitteln, um so - sowohl aus christlicher als auch
aus anarchistischer Sicht - eine neue, alternative Perspektive zu
bieten, die althergebrachte und oft wiederholte Verdikte in Fra-
ge stellt, möglicherweise relativiert oder gar gänzlich aus dem
Weg räumt." Dem Herausgeber geht es um eine differenzierte
Herangehensweise an die Thematik und den Abbau gegenseiti-
ger Skepsis in einem "polemikfreie[n] Diskurs". Demnach steht
nicht die Wiedergabe bekannterer Darstellungen des Anti-Kle-
rikalismus eines Michael Bakunin ("Gott und der Staat") oder
Johann Most ("Die Gottespest") im Vordergrund, sondern die
Ausgrabung und Freilegung von Momenten einer christlich-
anarchistischen Symbiose.

Der knapp 200 Seiten umfassende Band, der Erstveröffentli-
chungen und übersetzte Texte vereint, enthält einschließlich des
einleitenden Beitrags "Dimensionen libertärer Exegese. Reflexi-
onen zum Verhältnis von Anarchismus und Christentum" des
Herausgebers sieben Artikel. Der hier gespannte thematische
Bogen ist beschränkt, vermittelt aber einen recht repräsentati-
ven Überblick über anarchistische Sequenzen in der christlichen
Lehre. Ein christlicher Anarchismus wird in der Regel mit Leo
Tolstoi (1828-1910) personifiziert, auch wenn sich dieser nicht als
christlicher Anarchist bezeichnete. Um allerdings das christ-
lich-anarchistische Beziehungsgeflecht in seiner Komplexität
erfassen zu können, ist ein Rückgriff auf den "Tolstoianismus"
unzureichend. Dies wurde von dem Herausgeber hinsichtlich
der Textauswahl für den Sammelband ausdrücklich bedacht.

Ursprung, Inhalt und Praxis des christlichen Anarchismus

Die Inspirationsquellen des christlichen Anarchismus reichen
bis zu den häretischen Ketzerbewegungen des 13. Jahrhunderts
zurück, die sich wiederum auf das Urchristentum (die Paulus-
briefe, die drei synoptischen Evangelien [das Markus-, Matthä-
us- und Lukasevangelium] und die Apostelgeschichten) bezie-
hen. Sebastian Kalicha und Gustav Wagner skizzieren in dem
Band am Beispiel des "hussitischen Tolstoj" (Gustav Landauer),
Peter Chelcicky (ca. 1390-1460), das Leben und Wirken eines die-
ser Häretiker. Die "subversive Spiritualität" (Dave Andrews) des
christlichen Anarchismus ist dabei ein zentrales Kennzeichen
dieser dissidenten Strömung.

Aufschluss über die wesentlichen Substrate des christlichen
Anarchismus will der Herausgeber geben. In seinem Einlei-
tungsbeitrag bemüht sich Kalicha sichtlich, die (nachvollzieh-
baren) Berührungsängste, die zwischen Christ*innen und
Anarchist*innen bestehen, abzubauen. Hierbei verweist er dar-
auf, dass es auf beiden Seiten Protagonist*innen gab, die sich für
eine gegenseitige

Bezugnahme einsetzten. Auf christlicher Seite waren dies bspw.
Anhänger*innen des Quäkertums und der Catholic-Worker-
Movement oder einzelne Priester bzw. Theolog*innen wie z.B.
Thomas J. Hagerty, der zu den Mitbegründer*innen der Indus-
trial Workers of the World (IWW), den Wobblies, zählte. Auf
anarchistischer Seite fanden bestimmte Inhalte der christli-
chen Lehre (insbesondere die Bergpredigt) viel Anklang, die
selbst durch die klerikale Institutionalisierung der Religion
nicht entwertet werden konnten. Fürsprecher besitzen christ-
liche Anarchist*innen in Gestalt von Peter Kropotkin, Pierre
Ramus [das ist Rudolf Grossmann] und Gustav Landauer. Dar-
in einstimmend äußern sich auch aktuell tätige anarchistische
Autor*innen wie Murray Bookchin, wonach "das Christentum
,nicht nur ein zentralisiertes, autoritäres Papsttum hervor-
gebracht habe, sondern auch ,die Antithese dazu: einen quasi
religiösen Anarchismus", wie Kalicha hervorhebt. Die Ableh-
nungsfront des Anarchismus gegenüber dem Christentum, die
sich u.a. in dem geflügelten Ausspruch "Weder Gott noch Herr!"
manifestiert, ist um einiges durchlässiger als vielerorts unter
Anarchist*innen (und Christ*innen!) vermutet wird.

Im christlichen Anarchismus vereinigt sich eine beachtenswer-
te Schnittmenge der beiden (vermeintlichen) Antipoden: Der
praktizierte Antimilitarismus bzw. Pazifismus wird als allum-
fassende Demilitarisierung des Sozialen begriffen, die funda-
mentale Staatskritik reicht von der Nichtzahlung von Steuern
und der Nichtinanspruchnahme staatlicher Fürsorge bis zur un-
eingeschränkten Staatsverneinung, die kommunalen egalitären
Autarkieprojekte stellen eine Adaption christlicher Urgemein-
den dar und nicht zuletzt findet sich in der dezidierten Abwen-
dung vom Klerikalismus ein libertärer Antiautoritarismus. Vor
diesem Hintergrund kann es auch nicht mehr überraschen, dass
der Gottesbezug kein quasi monarchischer ist, sondern Gott
wird, wie es der Catholic-Worker Ammon Hennacy nach Kali-
cha pointierte, als "ein Prinzip des Guten, wie es von Jesus in dar
Bergpredigt dargelegt wurde", verstanden.

Wie sich Momente eines christlichen Anarchismus in einer
praktischen Haltung in Protestbewegungen ausdrücken, zeigt
der australische baptistische Pastor und Antikriegsaktivist Si-
mon Moyle in seinem kurzen Beitrag "Christlicher Anarchis-
mus. Überlegungen zu Theorie und Praxis". Für Moyle "[ist] die
christlich-gewaltfreie Praxis eine aktive" und ein "konfessionell
motivierter Rückzug" ins stille Kämmerlein "keine gewissen-
hafte Glaubensentscheidung". Gewaltfreie Blockaden vor Mili-
tärbasen, um Manöver zu unterbinden, oder punktuelle Sabo-
tageaktionen von Kriegsgerät, d.h. Schwerter zu Pflugscharen
umzufunktionieren, stellen für das Mitglied der australisch-
neuseeländischen Gruppe "South Pacific Christian Anarchists"
zu rechtfertigende Eingriffe in das Räderwerk des Militärs dar.

Einer der am meisten hervorstechenden christlichen
Anarchist*innen ist zweifellos der 1912 geborene und 1994 ver-
storbene französische Universitätsprofessor und ehemalige
Angehörige der Resistance Jacques Ellul, der von dem Albert
Camus-Spezialisten Lou Marin in diesem Sammelband port-
rätiert wird. Elluls anarchistische Bibelinterpretation basiert
darauf, nicht nur einzelne Teilaspekte zu untersuchen, sondern
eine alt- und neutestamentarische Gesamtschau zu betreiben.
Die Grundlagen für einen solchen biblischen Anarchismus legte
Ellul in seinem Buch "Anarchisme et christianisme" (1988) vor.
Elluls Bezugspunkt ist der frühchristliche Libertarismus, der
mit der sog. Konstantinischen Wende und der Etablierung des
Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich zu seinem
Ende kam: "Mit dem Konzil von 314 endet die christlich-antieta-
tistische, antimilitaristische und - heute würden wir sagen - an-
archistische Bewegung." Für Ellul stellt die Anarchie primär die
umfassendste "Verweigerungshaltung aus Gewissensgründen"
dar, die deutlich anti-staatlich akzentuiert ist. Ellul gilt nach
Marin als "eine gute protestantische Ergänzung zur orthodox-
christlich beeinflussten Interpretation Tolstois."

Ellul, der als Pionier bereits in den 1930er Jahren mehrere li-
bertär-regionalistische und gewaltfrei-ökologische Basisgrup-
pen im Südwesten Frankreichs aufbaute, formulierte mit dem
Aufsatz "Directives pour un manifeste personnaliste" (1935) das
Konzept des "Personalismus". Hiermit sollte ein "dritter Weg"
beschritten werden, der totalitaristische (sic!) und liberalistisch-
individualistische Richtungen explizit ausschließt. "In den Mit-
telpunkt stellten sie [Ellul und sein Mitautor Emmanuel Mou-
nier, Anm. OR]", so Marin, "ein Konzept der ,Person', die mehr
sein sollte als ein liberales, autonomes und marktorientiertes In-
dividuum, nämlich ein Wesen, das sich gerade durch seine Be-
ziehungen zu anderen definiert." Dieses Konzept wird in christ-
lich-anarchistischen Kreisen als eine Art Handlungsanleitung
begriffen. Wirkungsmächtig wurde Ellul darüber hinaus durch
sein Motto "Global denken, lokal handeln", das später von der
Anti-Globalisierungsbewegung aufgegriffen wurde.

Die Bergpredigt als christlich-anarchistisches Manifest

Die Bergpredigt ist in einem weiteren Sammelbandbeitrag zen-
trales Thema. Alexandre Christoyannopoulos, Lehrbeauftragter
einer englischen Universität mit dem Forschungsschwerpunkt
christlicher Anarchismus, liefert mit seinem Text "Die Berg-
predigt - ein christlich-anarchistisches Manifest" eine libertä-
re Interpretation der überlieferten Rede des Jesus von Nazaret,
die in der Bibel im Neuen Testament im Matthäusevangelium
drei Kapitel umfasst. Eine der bekannten Kernaussagen der16

Bergpredigt, dass "dem Bösen" kein Widerstand bzw. - besser-
keine Vergeltung entgegengebracht werden soll, ist konstitutiv
für den christlichen Anarchismus: "Leistet dem, der euch etwas
Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf
die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin."
Durch diese Handlung soll die Gewaltspirale auf eine subtile
Art und Weise unterminiert werden. Indem der Angegriffene
auf den Akt der Gegengewalt bewusst verzichtet, überrascht er
nicht nur durch eine unerwartete Reaktion, sondern lässt den
gewalttätigen Übergriff wirkungslos ins Leere laufen. Es läge
hingegen ein Missverständnis vor, wenn diese Handlungsweise
als ein "inaktives, teilnahmsloses Akzeptieren von Bösen" aus-
gelegt würde.

Christoyannopoulos zufolge findet unter christlichen
Anarchist*innen seit jeher eine kontroverse Diskussion dar-
über statt, welches Widerstehen legitim ist und welches nicht:
"Widerstand gegen bestimmte Arten des Bösen, Widerstand mit
bösen Mitteln, oder jeglicher Widerstand." Diese Auseinander-
setzung wird immer dann virulent, wenn bspw. bei einer poli-
tischen (Massen-) Mobilisierung ein Aktionskonsens unter den
Protestierenden gefunden werden muss, der gezielte Sachscha-
densdelikte ohne Personenangriffe akzeptiert. Grundsätzlich
zielen gewaltlose Aktivist*innen, die sich einem christlichen
Anarchismus verpflichtet fühlen, darauf, aus dem "der Zweck-
heiligt-die-Mittel"-Muster auszubrechen und den "Kreislauf der
Gewalt" zu durchbrechen.

Der von libertär orientierten Christ*innen vertretende Gedan-
ke der Anarchie, der Herrschaftslosigkeit auf allen Ebenen des
Sozialen, ist biblischen Zeugnissen innewohnend: "Da sie die
Worte Jesu der Bergpredigt wörtlich nehmen und sie den Staat
in Theorie und Praxis als einen eklatanten Widerspruch dazu
sehen, glauben christliche Anarchist*innen, dass der Anarchis-
mus eine unausweichliche Konsequenz des Christentums ist."
Somit stellt die Bergpredigt "ein politisches Dokument, ein Ma-
nifest für eine christlich-anarchistische Gesellschaft" dar, wie
Christoyannopoulos resümierend herausstreicht.

Der Einfluss der Catholic Workers auf die IWW

Der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausbilden-
de Linkskatholizismus war innerhalb der proletarischen Bewe-
gung durchaus strukturbildend. Die Organisationsstruktur der
1905 nach einem längeren Vorlauf gegründeten IWW wurde
nach dem "Vater Hagertys Glücksrad"-Modell entworfen. Der
bereits erwähnte Thomas J. Hagerty (1862-1920er Jahre) enga-
gierte sich als römisch-katholischer Priester im Gründungspro-
zess der IWW. Neben des Entwurfs der grafischen Darstellung
des Industrie-Unionismus war Hagerty für die Erstfassung der
Präambel der IWW mitverantwortlich. Kurz nach der Konsti-
tuierung der IWW entfernte er sich von dieser und fristete in
den 1920er Jahren offenbar ein Bettlerdasein in Chicago. Seine
Spuren verloren sich im großstädtischen Moloch am Michigan-
see in Illinois. Der emanzipatorische Grundgedanke der IWW
drückt sich in dem Ideal einer "One big Union" aus, einer Ver-
einigung aller Beschäftigten und Beschäftigungslosen weltweit
unabhängig von beruflicher Situation, ethnischer Herkunft oder
geschlechtlicher Orientierung.

Der römisch-katholische Diakon und Catholic-Workers-Aktivist
Tom Cornell steuert mit "Dorothy Day, Ammon Hennacy und
der Anarchismus" einen eher persönlich gehaltenen Erfahrungs-
bericht über zwei der Hauptvertreter*innen der 1932 konstitu-
ierten Catholic-Workers-Movement bei. Dorothy Day (1897-1980)
zählte neben Paul Maurin (1877-1949) zu den Begründer*innen
der Catholic Workers. Sie hatte als IWW-Mitglied einen klaren
klassenspezifischen Blick auf die herrschenden Verhältnisse,
der sich an der "klassisch gandhische[n] Gewaltfreiheit" aus-
richtete. Ihren Entwicklungsweg zeichnete sie in ihrer bekann-
testen Veröffentlichung "The Long Loneliness" (1952) nach. Ihre
enge Verbundenheit zu den Wobblies machte sich auch daran
fest, dass sie für das rebel girl der IWW, Elizabeth Gurley Flynn
(1890-1964), die Grabrede verfasste.

Die Catholic Workers stellen unter den anarchistisch inspirier-
ten Christ*innen jene dar, die nicht grundsätzlich Formen der in-
stitutionalisierten Religion verwerfen, wobei sie sich auffallend
undogmatisch geben: "Anstelle eines politischen Programms
oder einer Ideologie haben Catholic-Worker-Anarchist*innen
eine Reihe von Grundhaltungen, Werten und Präferenzen. Prin-
zipiell gilt: je weniger Regeln und Vorschriften, desto besser", so
Cornell. Day präferierte in ihren späten Lebenstagen den Be-
griff "Personalismus", um die katholische Arbeiterbewegung zu
kennzeichnen. Cornells charakterliche Anekdote zu Days Reso-
lutheit in der Positionsfindung fällt indes durchaus zwiespältig
aus: "Wenn Dorothy einmal zu einer Entscheidung gelangte,
dann war's das. Sie begrüßte den Anarchismus, solange sie die
Anarchistin sein konnte. Sie nannte es ,das abteiliche Prinzip',
gemäß dem ein Abt ein Kloster leitet,"

Ammon Hennacy (1893-1970), der "viel mehr als eine Fußnote"
in der Geschichte der Catholic-Workers nach Cornells Ansicht
einnehmen müsste, war in erster Linie als friedensbewegter
Aktivist in der McCarthy-Ära in den 1950er Jahren durch die
öffentliche Diskreditierung sogennanter vor-militärischer Zi-
vilschutzübungen bekannt geworden. Hennacys Autobiografie
unter dem Titel "Autobiography of a Catholic Anarchist" (1953),
die 1965 in einer erweiterten und umbenannten Fassung ("The
Book of Ammon") erschien, vermittelt eine Vorstellung von den
verschlungenen Pfaden, auf denen er im Verlauf seiner "One
Man Revolution" wandelte. Hennacys individual-anarchistische
Züge hielten ihn keineswegs davon ab, sich selbstlos in den
Dienst christlicher Barmherzigkeit zu stellen. Als Mitbegründer
des Joe Hill House in Salt Lake City, das nach dem bekannten
IWW-Organizer und Folk-Sänger Joe Hill (1879-1915) benannt
wurde, schuf er eine Stätte für die Armen der Armen.

Christlicher Anarchismus mit Fehlstellen

Da sich die Bandtexte auf den christlichen Anarchismus fokus-
sieren, bleiben andere Richtungen des religiösen Sozialismus,
der als überkonfessionelle Sammelbezeichnung bereits 1906 von
den beiden Schweizer evangelischen Theologen Hermann Kut-
ter (1861-1931) und Leonhard Ragaz (1868-1945) geprägt wurde,
außen vor. Diese Buchpublikation steht auch nicht im Kontext
einer sogennanten Politischen Theologie, die neben ihrer ur-
sprünglich reaktionären Schlagseite (Carl Schmitt) auch eine
progressive linke entwickelte (Johann Baptist Metz).

Die fehlende Vollständigkeit dieser Sammlung ausgewählter
Texte unterschiedlicher Autor*innen zeigt sich vor allem an ei-
ner anderen Stelle schmerzhaft. Die niederländischen Tenden-
zen des christlichen Anarchismus werden komplett übergangen,
was vor dem Hintergrund, dass aus dem Spektrum der christli-
chen Anarchist*innen in den Niederlanden wichtige inhaltliche
und praktische Impulse sowie organisatorische Initiativen des
Antimilitarismus hervorgingen, erstaunlich ist. Der Bund der
Christen-Sozialisten (BCS) mit den Protagonist*innen Annee R.
de Jong (1883-1970) und Bart de Ligt (1883-1938) bleibt ebenso un-
genannt, wie das Bündnis religiöser Anarcho-Kommunist*innen
(BRAC), zu dessen Gründungsmitgliedern u.a. Clara Meijer-
Wichmann (1885-1922) zählte. Die umfangreiche Literatur zum
christlichen Anarchismus aus dem westlichen Nachbarland fin-
det dementsprechend keine Beachtung.

Unbeachtet bleibt in diesem Sammelband auch ein früherer, der
1988 im Athenäum-Verlag aufgelegt wurde. Jens Harms' "Der
Traum von der Autonomie - Anmerkungen zur politisch-ökono-
mischen Theorie des Anarchismus" versammelt u.a. Texte von
Micha Brumlik, Heiner Koechlin, Wolf-Eckart Feiling, Ulrich
Klemm, alles Autor*innen, die sich verschiedentlich mit Frage-
stellungen eines libertären Verständnisses von Religiosität be-
fasst haben. Dass vom Herausgeber zentrale Hintergrund- und
Forschungsliteraturen nicht herangezogen werden, ist ein Man-
ko. Diese Fehlstellen machen sich auch deshalb bemerkbar, weil
durch die Auslassung des christlich-anarchistischen Spektrums
in den Niederlanden der Blickwinkel auf den christlichen Anar-
chismus verengt wird.

Noch eine abschließende Anmerkung: Die in Textbeiträgen des
Bandes mehrmals unternommene Einordnung des revolutionä-
ren Unionismus der IWW unter das Dach des Anarcho-Syndi-
kalismus ist fraglich. Dabei werden nicht nur die spezifischen
Entstehungshintergründe der IWW verkannt, sondern auch
zahlreiche O-Töne von Wobblies, in denen sich "ideologisch"
vom Anarcho-Syndikalismus abgesetzt wird, überhört.

Trotz dieser kritischen Einwände bietet der Sammelband einen
überaus interessanten Einblick in eine eher verborgen gebliebe-
ne Sphäre des Anarchismus, die durch diese Veröffentlichung
aus ihrem Schattendasein geholt werden konnte.

Oliver Rast, zurzeit JVA Tegel, Seidelstr. 39, 13507 Berlin

Sebastian Kalicha (Hg.) Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung
Verlag Graswurzelrevolution, 2013 - 192 S., EUR 14,90 Wegbeschreibung, franz./eng.)
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/cgi-bin/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de


A-Infos Information Center