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(de) FdA-IFA Gai Dao #38 - Einführendes zur Grossman-Roschtschins Kritik an Kropotkin Von: Ndejra

Date Sat, 15 Feb 2014 14:53:44 +0200


Es werden wohl einige erklärenden Worte nötig sein, um die Grossman-Roschtschins Kritik an P. A. Kropotkins Begründung des Anarchismus einzuordnen. Es scheint mir nicht besonders sinnvoll, darauf eine "Antwort" oder eine "Entgegnung" zu schreiben. Es macht keinen Sinn, gegen einen längst Verstorbenen zu polemisieren. Jedoch eine Erklärung oder Deutung dieses durchaus interessanten Dokuments scheint mir angebracht. ---- Es handelt sich nämlich um eine Art kritische Würdigung von Kropotkins Werk, obwohl es dem Autor deutlich daran liegt, eine scharfe Kritik an Kropotkins umstrittener "patriotischer" Wende im 1. Weltkrieg zu formulieren und sie eben aus dessen Theorie abzuleiten. ---- Jehuda Grossman-Roschtschin erklärt sich zum alten Opponenten Kropotkins, sein Beitrag ist in der Broschüre zum Andenken Kropot- kins im russischsprachigen syndikalistischen Verlag "Goloss truda" 1922 erschienen.

Zu diesem Zeitpunkt war Grossman-Roschtschin
bereits ein überzeugter Bolschewik, zählte somit zu jenen sogenann-
ten "Sowjet-Anarchisten", die die bolschewistische Partei als revolu-
tionäre Avantgarde begrüßten und eifrig an der Errichtung des jun-
gen Sowjetstaates mitarbeiteten.

Wie kommt es, dass dieser "Übergelaufene" in der Gedenkschrift er-
scheint? Grossman-Roschtschin (1883-1934) hatte nämlich in der an-
archistischen Bewegung einen Namen1. Als ein früheres Mitglied des
sozialdemokratischen Vereins in Elissawetgrad (jetzt - Kirowohrad),
flieht er vor Repression in die Schweiz, wo er mit anarchistischen Ide-
en in Berührung kommt. Er kehrt in die Ukraine zurück und mischt
kräftig mit: Unter anderem in der militanten anarchistischen Bewe-
gung in Bialostok und später in der berühmt-berüchtigten Gruppe
"Schwarzer Banner", die zwar auf anarcho-kommunistischen Po-
sitionen stand, aber wahllosen Terror und gewaltsame Enteignun-
gen praktizierte. Diese eine der einflussreichsten anarchistischen
Gruppierungen zu der Zeit (um die 1. Russische Revolution herum)
stand eher unter dem Einfluss der Ideen Bakunins und vermutlich
auch Jan Watzlaw Machajski2. So war es möglich, dass Grossman-
Roschtschin anarchistisch-kommunistische Positionen beziehen
konnte, ohne ein Anhänger Kropotkins zu sein. Zudem war die
russische (nennen wir sie lieber russischsprachige) anarchistische
Bewegung um den 1. Weltkrieg herum (und besonders danach)
sehr daran interessiert, Kropotkins Einfluss in Frage zu stellen
und zurückzudrängen. Dieses theoretisch fruchtbare, aber immer
noch kaum erschlossene Unterfangen wird zuweilen als "postklas-
sischer Anarchismus" bezeichnet, als viele junge Anarchist*innen
versuchten, weg vom Positivismus Kropotkins hin zur philosophi-
scher Negativität Stirners und Bakunins zurückzukommen 3. Die-
se Tendenz ist zum Teil auch für den Aufstieg des Syndikalismus
in Russland verantwortlich: Der alte Kropotkin wurde zwar im-
mer mit viel Respekt behandelt, aber auch sehr kritisch rezipiert.
Gewissermaßen gehört auch die Kritik Grossman-Roschtschin
hierher. Schließlich wurde er nach seinem "Überlaufen" immer
noch als Anarchist wahrgenommen; Einzelheiten über seinen
Sinneswandel sind mir nicht bekannt, überliefert ist allerdings,
dass er versuchte, eine anarchistische Theorie der Diktatur des
Proletariats zu entwickeln4.

Später, in den 1920ern, arbeitet er für die RAPP (Russländische
Assoziation proletarischer Schriftsteller*innen), einen offiziö-
sen Zusammenschluss von Künstler*innen, der über die ideo-
logische Komponente der Kunst in
der Sowjetrepublik wachte und gegen
"Linksabweichler*innen" polemisierte.

Nun, worum geht es dem Kropotkin-Ken-
ner bei seiner Kritik? Er zielt, wie gesagt,
eher auf eine Erklärung für Kropotkins
"Kriegsbegeisterung", die am offensten
im "Manifest der Sechszehn" zutage tritt.
Dieser für Grossman-Roschtschin wich-
tige Punkt scheint mir hier nicht wirk-
lich von Belang: Es liegt im Ermessen der
Menschen, die in konkreten historischen
Situationen und Machtkonstellationen
handeln müssen, ob, mit wem und wie
5sie verbandeln. Außerdem wäre es inte-
ressant zu erfahren, wie der Bolschewik
Grossman-Roschtschin den peinlichen,
gegen den linken Parteiflügel durch-
gesetzen, aber von Lenin politisch ge-
schickt ausgespielten Frieden von Brest-
Litowsk (1918)6 sich erklärt hat.

Schließlich sind sowohl der im Positivismus begründete Fortschritts-
und Wissenschaftsglaube Kropotkins, als auch der "wissenschaft-
liche Sozialismus" des Arbeiterbewegungsmarxismus, dem Gross-
man-Roschtschin frönt, beide Kinder der bürgerlichen Epoche. Beide
wurden durch die ausbleibende Weltrevolution und den Ausbruch
des Krieges herausgefordert und zeigten sich hilflos vor der Reali-
tät. Auch wenn der eine seine antimilitaristischen Ideale "verraten"
haben soll, bleibt so ein Verrat für den Anderen unerklärlich, es sei
denn die neue glorreiche "Wissenschaft" begründet auch die eigene
Abkehr vom Antimilitarismus.

Viel wichtiger ist jedoch Grossman-Roschtschins Auseinanderset-
zung mit den wichtigsten Elementen der Kropotkinschen Lehre: Das
ist zum einen die positivistische naturwissenschaftliche Methode
selbst, die sich auf die bloße Beobachtung und nüchterne Beschrei-
bung in der Umwelt gegebener Tatsachen beschränken will - als wäre
das schon nicht die Verblendung genug, muss
mensch doch zwangsläufig bei Erscheinungen
bleiben, ohne zum Wesen der Dinge vorzudrin-
gen. Doch kann Kropotkin nicht einmal das
einhalten: Er muss, er will den Menschen gut
sehen. Das positivistische "es ist so wie es ist"
gerät in Konflikt mit dem, was sein soll, dieser
Konflikt will möglichst schlüssig aufgelöst wer-
den und so vermenschlicht Kropotkin die Natur
und "naturalisiert" den "guten Menschen". Für
diejenigen, die nicht gut sind, hat er eine Erklä-
rung - durch den Staat, durch die Regierung,
durch die kapitalistische Konkurrenz verdor-
ben. Wenn der Mensch aber von Natur aus gut
sein soll, wäre er denn überhaupt korrumpier-
bar? Wie kam es zu diesem "Sündenfall"? Zum
anderen, es ist der inhaltslose, formelle Födera-
lismus, den Grossman-Roschtschin sehr gelun-
gen anhand des Beispiels mit dem Geschwore-
nengericht auseinander nimmt.

Eben jene positivistische Liebe zu oberflächlichen Erscheinungen ge-
paart mit dem formellen Föderalismus reißt letzten Endes dem revo-
lutionären Anarchismus Kropotkins die Zähne aus dem Maul: Ohne
es zu merken, kommt er in seiner Faktenaufzählung, was denn so
alles jetzt schon gut ist und noch besser sein könnte, würde der Staat
aufhören, spontane Kreativität der Menschen auszubremsen, der bür-
gerlichen Gesellschaft so nah, dass mensch meinen könnte, Anarchie
wäre bürgerliche Gesellschaft minus Staat. Neben der Post, den Le-
bensrettungsgesellschaften, der Eisenbahn, gelten auch wirtschaftli-
che Kartelle und sogar deutsche Freikops (sic!) als Beispiele für freie,
nichtstaatliche Vereinbarungen. Da schießt Grossman-Roschtschins
Kritik über das Ziel hinaus: Die freie Vereinbarung bei Kropotkin ist
eben ein Vertrag, wie er im bürgerlichen Recht existiert. Da ist das
Naturrecht an seinem Platz - als "naturalisiertes" Abbild der bürger-
lichen Gesellschaft; für Kropotkin ist es die menschliche, anthropo-
logische Utopie.7

Hier fehlt jedoch etwas: Über jene "objektiven Entwicklungsgesetze",
von denen Grossman-Roschtschin schwadroniert, über den Kapita-
lismus wird im Text kaum ein Wort verloren.8 So bleibt Kropotkin bei
der zwar großartigen, aber schließlich nur moralisierenden Denunzi-
ation des Kapitalismus in "Die Eroberung des Brotes" stehen. Bei aller
berechtigten Kritik an proudhonistischen und bakuninschen Wirt-
schaftsvorstellungen - verbleibt er beim wohlwollenden Pluralismus
der Wirtschaftsformen, obwohl der Tausch, Ware, Geld, Markt nicht
nur aus eigener Logik den Kapitalismus wieder installiert, sondern
- Achtung! - auch den Staat.9 Dessen stete Anwesenheit auf dem
Markt, im Waren- und Geldverkehr kann die naturwissenschaftliche
Faktensammlerei nicht erkennen.

Über Grossman-Roschtschins halb richtige Einwände kann mensch
sich streiten, über seine proletarische Kraftmeierei schmunzeln,
jedoch muss mensch sich der Frage stellen: Wie hat das Erbe des
"Kropotkinismus", zur falschen Sicherheit verleitende "Wissenschaft-
lichkeit", der naive Fortschritts- und Technikglaube, die Verklärung
bürgerlicher Verkehrsformen zum Kommunismus sich auf den An-
archismus, auch in der Praxis, ausgewirkt? Die theoretische Aufhe-
bung und Weiterführung seiner Lehre wurde damals im bolschewis-
tischen Terror vereitelt. Es läge an uns, diesen großen Denker und
Revolutionär auf diese Weise zu würdigen.
------------------------------------------------------------------
1 Der junge Nestor Makhno äußert sich in seinen "Erinnerungen" sehr positiv zu Grossman-Roschtschin: http://socialist.memo.ru/lists/shtrihi/l125.htm

2 Machajski (1866-1926) kam aus dem linken Flügel der polnischen Sozialdemokratie und entwickelte ein nihilistisches, sehr an Bakunin erinnerndes Theoriegebäude.
Es war ihm zwar nicht vergönnt, direkt die Revolution zu beeinflussen, seine Theorie der "Arbeiterverschwörung" wurde allerdings breit rezipiert.

3 Zu den bedeutenden Autor*innen dieser Tendenz würde ich Alexej Borowoj, Aba Gordin und Lew Tschornyj zählen

4 Zitat von Viktor Serge von Paul Avrich in "The Russian Anarchists" zitiert.

5 Ihre Gründe für die Unterstützung der Entente haben Kropotkin und Co im Manifest immerhin dargelegt und diese sind nicht bar jeglicher Plausibilität, fußen sie doch
auf einer richtigen Einschätzung Deutschlands, dieser zur Nation geronnenen Gegenrevolution, und ihrer Arbeiterklasse. Zu einer ähnlichen Einschätzung ähnlich
ekelhafter historischer Situationen vgl. Sam Dolgoffs Überlegungen zu Spanien und Israel in "Anarchistische Fragmente", 2011 (http://bildungdiskutieren.blogsport.
de/2012/03/04/gruesse-von-unkle-sam-ihr-nasen/), und israelsolidarische Positionen in der Kritischen Theorie, der mensch übrigens die Freundlichkeit zum Beste-
henden noch weniger nachsagen kann, als dem Anarchismus - Stephan Grigat, "Befreite Gesellschaft und Israel", in: Grigat S. (Hg.): "Feindaufklärung und Reeducation",
2006 (http://www.isf-freiburg.org/verlag/leseproben/grigat-feindaufklaerung.reeducation_lp.html)

6 Der im März 1918 beschlossene Frieden machte große Zugeständnisse an eben jenes imperialistische Deutschland und leitete bereits damals das Abdriften Russlands
vom revolutionären Kurs ein. Und das nach dem im Februar 1918 erlassenen Dekret "Das sozialistische Vaterland in Gefahr!" Der Streit um Fragen wie um den Frieden
von Brest-Litowsk und den Einmarsch der sowjetischen Armee in Afghanistan 1979 bildet immer noch eine eigene Disziplin in der Special Olympics in trotzkistischen
und ML-Gruppen.

7 Die Begeisterung fürs "Volk" als Subjekt der Befreiung, das mit Vorliebe gegen den Staat in Stellung gebracht wird, lasse ich an dieser Stelle beiseite: Kropotkin kann
mensch dafür nicht belangen; die Begeisterung fürs "Volk", "the people"",el pueblo", oder gar für die "Nationen" und "primitiven" Stämme ist ein Erbe der bürgerlichen
Revolution, das von den Anarchist*innen noch gerne hochgehalten wird. Ich hoffe, dass wir diese Vorliebe an anderer Stelle auf den Zahn fühlen.

8 Was wiederum nicht wundert: Dieser lässt sich auf der Basis der Leninschen Imperialismus-Schrift, dazu noch durch die von der Partei beschlossenen Neuen öko-
nomischen Politik verwirrt, schwer kritisieren.

9 Das sei allen libertären Freund*innen nichtkapitalistischer Marktwirtschaft, autonomer Geldschöpfung und sonstiger Brechung der Zins- und Zinseszinsknecht-
schaft gesagt.
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