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(de) FdA-IFA Gai Dao #38 - "Die Freiheit des Menschen ist bedingt durch die Anerkennung seiner Verschiedenheit"

Date Wed, 12 Feb 2014 16:51:45 +0200


Zur Lebensgeschichte des Schweizer Anarchisten Heiner Koechlin (1918-1996) Von: Siegbert Wolf ---- Endlich ist die Biograpie des Basler Libertären und Antiquars Heinrich Eduard (genannt "Heiner") Koechlin erschienen. Die mit zahlreichen Fotografien ausgestattete zweibändige Ausgabe - Band 1: Porträt, Band 2: Ausgewählte Schriften - leuchtet die zahlreichen Facetten seines Lebens aus und ermöglicht, auf der Grundlage seiner umfangreichen Lebenserinnerungen, einen genauen Einblick in das öffentlichen Wirken eines der bedeutendsten Schweizer Anarchist*innen. Der Autor vorliegender Zeilen hatte selber Gelegenheit, Heiner Koechlin 1986 im Rahmen einer Tagung der Evangelischen Akademie Arnoldshain in der Nähe von Frankfurt am Main über "Anarchismus. Theorie - Kritik - Utopie", als er über "Anarchismus und Christentum" sprach, kennenzulernen - ein bescheidener und zugleich imposanter libertärer "Querdenker", dessen analytischer Scharfsinn mich nachhaltig beeindruckte.

Am 21. Januar 1918 in Basel geboren und aufge-
wachsen in einer sozialdemokratischen Familie,
fand der Arztsohn - ebenso wie sein jüngerer
Bruder Felix (1920-1999) - Anschluss an die so-
zialistische Jugendbewegung: "Damit erschloss
sich für mich eine neue Welt politischer Aktivi-
täten, die meinem Ideal sozialer Gleichheit ent-
sprach." Bis an sein Lebensende blieb Heiner
Koechlin der libertären Linken eng verbunden.
Ab Ende der 1930er Jahre, als die stalinistischen
,Säuberungen' in der Sowjetunion bekannt wur-
den, gehörte er zu den frühen, lautstarken Kritiker*innen des auto-
ritären Kommunismus. Zugleich enttäuschte ihn der ,Pragmatismus'
der Sozialdemokratie zutiefst. Seine Sympathien galten stattdessen
den anarchistischen Kollektivierungen während des Spanischen

Bürgerkrieges - für ihn ein Beispiel gelebter Anarchie. Annähernd
fünfzig Jahre später veröffentlichte er seine noch heute lesenswerte
Studie "Die Tragödie der Freiheit. Spanien 1936-1937. Die Spanische
Revolution. Ideen und Ereignisse".

In den 1930er Jahren begann seine inhaltlich-theoretische Auseinan-
dersetzung mit dem Anarchismus. Begeistert las er Schriften Michael
Bakunins, Gustav Landauers, Fritz Brupbachers und vor allem die
Lebenserinnerungen Peter Kropotkins: "Dieses menschliche Wärme
ausstrahlende Buch machte mich zum Anarchisten." Bedeutsam für
Heiner Koechlins libertäre Überzeugung war
nicht zuletzt der enge Kontakt zu den italieni-
schen Anarchisten Ferdinando Balboni (1893-
1986), Inhaber einer Bäckerei in Basel, und dem
Typografen Luigi Bertoni (1872-1947) aus Genf,
Protagonist des Schweizer Anarchismus in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit dem
spanischen Anarchisten Antonio García Bir-
lán (1891-1984), Mitglied der FAI und der CNT,
verband ihn ebenfalls eine langjährige Freund-
schaft.

Während des Zweiten Weltkriegs leistete Heiner
Koechlin von Basel aus konkrete Hilfe für die
vor den Nationalsozialist*innen in die Schweiz
geflüchteten Emigrant*innen. Vor allem empör-
te ihn die restriktive eidgenössische Aufnahme-
praxis von Flüchtlingen: "Das ,rote Basel' mag in
Einzelfällen humaner gehandelt haben als Bern und andere Kantone.
Im Ganzen gesehen aber fällt dieser Unterschied wenig ins Gewicht.
Einzelne Persönlichkeiten haben sich für die Flüchtlinge eingesetzt.
Behörden, Organisation und Kirchen haben alle versagt." Was ihn
im Rückblick nachhaltig beschämte, betraf das seiner Meinung nach
unzureichende eigene Engagement "gegen die Rückweisungen von
Juden an der Schweizer Grenze."

Ab 1944 gab Heiner Koechlin illegal politische Flugblätter und Pam-
phlete gegen den Krieg und den vorherrschenden eidgenössischen
Patriotismus heraus, die im Rahmen der von ihm mitinitiierten Bas-
ler "Arbeitsgemeinschaft Freiheitlicher Sozialisten" verteilt wurden.
Dazu gehörte auch die Flugschrift "Die kommende Revolution" - ein
Aufruf zur grundlegenden Veränderung der Gesellschaft von unten
nach oben. Seit Anfang 1947 veröffentlichte er, gemeinsam mit sei-
nem Bruder Felix, die Zeitschrift "Der Freiheitliche Sozialist", die bis
1949 mit insgesamt zehn Ausgaben erschien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierte Heiner Koechlin Vorträge
u.a mit Augustin Souchy (1892-1984) sowie Erste Mai-Ansprachen in
Basel mit der prominenten spanischen Anarchistin Federica Montse-
ny (1905-1994), dem französischen Anarchosyndikalisten Gaston Le-
val (1895-1978) und dem spanischen Anarchisten und Historiker José
Peirats (1908-1989). Vor allem aber verband ihn mit dem befreundeten
jüdisch-anarchistischen Emigranten Isak Aufseher (1905-1977) , ehe-
maliges Mitglied der "Deutschen Anarcho-Syndikalisten" (DAS), eine
langjährige enge politische und berufliche Zusammenarbeit.

1950 schloss Heiner Koechling sein Geschichtsstudium mit einer u.a.
von Hannah Arendt (1906-1975) rezipierten Studie über "Die Pariser
Commune im Bewusstsein ihrer Anhänger" an der Universität Basel,
wo er auch Vorlesungen des dort lehrenden Philosophen Karl Jaspers
(1883-1969) besucht hatte, ab. Ein Jahr später, im Herbst 1951, eröffne-
te er gemeinsam mit Isak Aufseher in seiner Geburtsstadt ein florie-
rendes Antiquariat. Zugleich engagierte er sich viele Jahre lang für
den genossenschaftlichen Wohnungsbau und begründete drei Wohn-
genossenschaftssiedlungen. Außerdem führte er seine während des
Zweiten Weltkriegs begonnene Flüchtlingssolidarität für spanische
Migrant*innen fort. Damals beschäftigte er sich intensiv mit den
Schriften des libertären Schriftstellers Albert Camus, vor allem mit
dessen philosophischer Essaysammlung "L'Homme Revolté" ("Der
Mensch in der Revolte").

Die "Neue Linke" ab 1968 begrüßte Heiner Koechlin zunächst erwar-
tungsvoll. Allerdings forderte sie rasch seinen lautstarken Wider-
spruch heraus, als er dort dogmatische und freiheitsfeindliche Ten-
denzen beobachtete. Seine Antwort darauf war die von 1974 bis 1981
herausgegebene libertäre Zeitschrift "Akratie", in der er in insgesamt
15 Ausgaben scharfsinnig linkes, auch anarchistisches Denken, re-
flektierte und gegen den Strich bürstete. Anschließend publizierte er
in "Die Freie Gesellschaft. Vierteljahresschrift für Gesellschaftskritik
und freiheitlichen Sozialismus" (Neue Folge, 1981-1986) und veröffent-
lichte von 1982 bis 1990 insgesamt vier Ausgaben der Schriftenreihe
"Sisyphos". Neben seinen zahlreichen Reisen - u.a. nach Israel und
Lateinamerika -, engagierte er sich für den israelisch-palästinensi-
schen Dialog und die Menschenrechte im diktatorischen Kuba. Zu
Beginn der 1990er Jahre zog er sich völlig aus dem Antiquariatsge-
schäfts zurück und widmete sich nun ganz dem Schreiben: "Der rote
Faden in Koechlins Schaffen ist sein Nachdenken über Freiheit, Ge-
rechtigkeit und Wahrheit. Mit seiner unbequemen und hinterfragen-
den Haltung fiel er, der in der Zeit der großen Ideologien [...] gelebt
hatte, zwischen Stuhl und Bank." Trotz zahlreicher Enttäuschungen
und Ernüchterungen blieb Heiner Koechlin lebenslang Anarchist:
"Fragt man mich heute", vertraute er seinen Lebenserinnerungen an,
"ob ich noch Anarchist sei, was häufig vorkommt, so fällt mir die
Antwort nicht leicht. Sie kann nur ,Nein' und ,Ja' lauten. So lange
Menschen Menschen sind, können wir auf einen Rechtsschutz, auch
einen gewaltsamen, nicht verzichten. Doch liegt in diesem Schutz
selbst wiederum eine tödliche Gefahr für das Recht, das er schützen
soll. Ich bin darum nach wie vor Anarchist, indem ich kein Gesetz
anerkenne, und wäre es von einer Volksmehrheit beschlossen, das
meinem moralischen Empfinden widerspricht."

Heiner Koechlin verstarb am 7. Mai 1996 im Alter von 78 Jahren in
seiner Geburtsstadt.
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Franziska Schürch/Isabel Koellreuter: Heiner Koechlin
1918-1996. Porträt eines Basler Anarchisten. Basel 2013:
Friedrich Reinhardt Verlag. 2 Bände, Hardcover in Schu-
ber, 491 S., 40.- EUR, 48.- CHF.
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