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(de) FdA-IFA Gai Dao #48 - Eine Reise zu anarchistischen* Projekten von: Carlo L. Negro (Interview) / pavo (Transkription)

Date Fri, 12 Dec 2014 16:51:33 +0200


Projekt A ist der Titel einer Dokumentation, die verschiedenste Projekte in Europa besucht. Manche bezeichnen sich selbst als explizit anarchistisch, andere tun dies - obgleich ihrer anarchistischen Organisation, Methodik und Zielsetzung - nicht. Gemein ist ihnen allen der Wunsch nach einer anderen, einer neuen Gesellschaft, unterschiedlich sind ihre Herangehensweisen. Wir sprachen mit Moritz, einem der Regisseure. ---- cln: Hallo Moritz, stell dich doch einfach kurz vor, erzähl ein paar Sachen über dich. Wie bist du denn jetzt überhaupt zu diesem Projekt und zum Anarchismus gekommen? ---- Moritz/Projekt A: Ich bin Moritz, einer der Regisseure von "Projekt A - ein Reise zu anarchistischen Projekten in Europa" und wir arbeiten inzwischen schon über 4 Jahre an diesem Projekt. Die Idee entstand eigentlich 2008, als ich Horst Stowasser kennengelernt habe, während er auf einem Kongress für partizipative Demokratie über seine anarchistische Ideen erzählte.

Ich komme schon aus einer politischen Ecke, meine Eltern waren politisch unterwegs und
ich wurde in meiner Jugendzeit in München im Punk sozialisiert.
Stowasser hat mir dann erstmals die anarchistischen Theorie näher ge-
bracht und ich habe festgestellt, dass darin viele Sachen stecken, die eini-
ge der brennenden Fragen unserer Zeit beantworten. Ich denke, dass das
anarchistische Gedankenkonzept seit dem zweiten Weltkrieg in Verges-
senheit geraten ist und in Diskussionen in eine Ecke geschoben wird, die
dem eigentlich nicht gerecht wird. Das war der Ausgangspunkt für den
Film, dass ich gesagt habe okay, da gibt es viele Missverständnisse mit
denen man aufräumen kann, es gibt ja auch eine lebendige anarchistische
Szene. Ziel des Films war also einmal zu schauen, was denn auf der einen
Seite heute noch da ist und auf der anderen Seite einen Film zu machen,
der in die anarchistische Theorie einführt. Der Co-Regisseur ist Marcel,
er ist in einem Projekt des Mietshäusersyndikats aktiv und gemeinsam
haben wir das dann entwickelt.

Also seit ihr zwei quasi die Basis?

Genau, wir zwei sind die Basis und dann gab es einen Haufen Leute die
damit assoziiert sind, die in Spanien mit dabei waren. In Griechenland
haben wir einen Freund mitgenommen, der ein Jahr lang dort gelebt und
viele Kontakte hat. Peter Seyferth, der sich viel mit Anarchismustheorie
auseinander gesetzt hat und uns im Hintergrund etwas beraten hat oder
Frank Müller, der Cutter der auch ein Alt-Anarchist ist. Es gibt ein großes
Feld an Menschen, die auf die ein oder andere Art an dem Projekt mit-
wirken.

Ihr hattet also zu zweit diese Idee, wie seit ihr dann weiter vorge-
gangen? Die anarchistische Bewegung in Europa ist ja sehr viel-
schichtig und zahlreich. Seit ihr da einfach auf gut Glück mal losge-
fahren? Wie habt ihr euch da vorher das Konzept überlegt, welche
Projekte wolltet ihr besuchen, wie lief da die Auswahl?

Am Anfang war Horst Stowasser wirklich sehr in dieses Projekt einge-
bunden, hatte natürlich ein großes Netzwerk und stellte dann zum Bei-
spiel einen Kontakt nach Spanien her. Klar, an Barcelona oder Katalonien
kommt man bei dem Thema einfach nicht vorbei und als wir da unten
waren führte immer eins zum anderen. Dann ist Stowasser 2009 leider
verstorben, das war irgendwie schon ein Break für uns, an dem wir uns
dann überlegt haben, was wollen wir eigentlich, wie erzählen wir das
weiter und dann kam es auch so, dass wir uns haben leiten lassen.

Zu dem Zeitpunkt war Griechenland sehr aktuell, die ganze Szene hat
nach Athen geblickt, es war schon fast ein Mythos, die neue anarchisti-
sche Szene. Wir sind dann auch runter gefahren und haben Leute ken-
nen gelernt, so hat auch dort irgendwie eins zum nächsten geführt. In
Griechenland ist es dieses empört sein, dieses durch die Missstände auf
die Straße gehen, Leute die das Gefühl haben sie wollen etwas machen
und aus der Notwendigkeit des repressiven Systems zu schauen, was kann
man an Alternativen aufbauen. In Spanien war es dann so, dass wir auch
den historischen Aspekt hatten, es gibt dort eine ganz lustige Truppe
von Leuten, die anarchistische Stadtführungen machen und wir haben
überlegt, okay wie kannst du diesen historischen Teil filmisch da auch
irgendwie einbetten, ohne dass es nur Archivmaterial wird und nur alte
Männer über die glorreiche Zeit des spanischen Bürgerkriegs sprechen.
Dann haben wir Mariano getroffen, der im Film vorkommt, den man im
Trailer sieht und der auch diese Führungen macht. Wir sind dann im Rei-
sebus durch Barcelona an historischen Plätzen vorbeigefahren, wo er uns
etwas dazu erzählt hat und haben dann auch in Spanien nach Kollektiven
gesucht, weil der anarchosyndikalistische Gedanke natürlich schon ein
spannender Aspekt ist. So wie damals ist es sowieso nicht mehr, aber wir
haben dann gedacht, dass es noch Kollektive gibt, die das weitergeführt
haben, mussten dann aber feststellen, dass der Franco Faschismus in Spa-
nien wahnsinnig viel kaputt gemacht hat und es etwas wie eine Fabrik die
wirklich anarchosyndikalistisch oder kollektiv organisiert ist dann doch
nicht mehr gibt.Wir sind dann durch die Recherche vor Ort auf die CIC1
gestoßen, wo es eigentlich so wie immer gelaufen ist: man fährt hin, trifft
Leute und dann kristallisiert sich raus, was man spannend findet und was
nicht. Es war dann dieser Kollektivgedanke, wo wir auch gemerkt haben,
dass das Projekt auch noch in den Kinderschuhen steckt, wobei der An-
satz der CIC spannend ist, weil sie eine wirklich große Vision haben, die
jetzt aus dem partiellen Widerstand oder einzelnen kollektiven Projekten
in eine Richtung geht, wo das gesamte Leben auf einer Netzwerkebene
kollektiv gestaltet werden kann. In Deutschland haben wir relativ früh
Hanna Poddig kennengelernt und es war schon der Gedanke, dass man
sich in den einzelnen Ländern unterschiedliche Aspekte heraus nimmt.
Bei Hanna ist es vor allem der Anti-Atom Kampf den sie sich auf die Fah-
ne geschrieben hat, wo man aber auch ganz schön sehen kann, wie sich
über längere Zeit Mechanismen und Werkzeuge herausgebildet haben,
wie du effektiv gegen Missstände vorgehen kannst. So sind wir dann auch
letztendlich zum Kartoffelkombinat gekommen, weil wir uns umgeschaut
haben, was gibt es in Deutschland für Kollektive und Betriebe die nicht
nur im kleinen Kreis innerhalb der Szene funktionieren, sondern was für
Ansätze es gibt, die man auch auf ein größeres gesellschaftliches Modell
übertragen könnte. Das Kartoffelkombinat zum Beispiel ist nicht explizit
anarchistisch, aber ich finde es sind sehr viele Gedanken oder Ansätze
darin, die sich letztendlich auf anarchistische Grundprinzipien berufen.

In eurem Film setzt ihr nach anarchistisch auch ein Sternchen, an-
archistisch ist ja erst einmal auch nur ein Label, jeder und alles
kann sich anarchistisch schimpfen und es gibt sehr viele Diskussio-
nen darum, was denn jetzt nun anarchistisch ist und was nicht, oft
auch inner-anarchistische Konflikte. Was waren da eure Kriterien?
Seit ihr auch auf Projekte gestoßen die ihr interessant fandet, wo
ihr aber irgendwann gemerkt habt, das geht nur bis zu einem gewis-
sen Grad? Wie waren da die Diskussionen unter euch?

Wir sind da recht intuitiv herangegangen und haben uns unterschiedliche
Projekte angesehen, dann aber immer relativ schnell gemerkt, okay tritt
das denn auch mit uns in Resonanz und was ist es denn, was wir daraus
ziehen können. So kommt dann auch das Sternchen zustande, wie zum
Beispiel beim Kartoffelkombinat, die sich selbst nicht anarchistisch nen-
nen, aber die in gewisser Weise denke ich viel anarchistischer sind als
einige Projekte, die sich so bezeichnen.Es geht auch darum, dass man sich
nicht so dieses Label aufdrückt, sondern die Grundgedanken wieder mehr
in die Diskussion zu bringen und zu schauen, was funktioniert und was
funktioniert nicht, ob sich das dann anarchistisch nennt oder nicht, ist
letztendlich nicht entscheidend. Dann gab es aber auch Projekte, zu denen
wir gegangen sind und wo wir gemerkt haben, es funktioniert nicht, aber
das war oftmals dann auch beiderseitig so. Also man muss auch ganz
klar sagen, wir sind als wir 2008 angefangen haben den klassischen Weg
der Filmförderung gegangen, weil es uns auch wichtig ist, einen Film zu
machen, der nicht nur für die Szene funktioniert, sondern auch für ein
breiteres Publikum. Wir haben letztlich dann auch Filmförderung bekom-
men, zwar nicht wahnsinnig viel, aber was eben bedeutet, dass jetzt auch
erst einmal eine klassische Kinoauswertung angestrebt ist. Das heißt in
dem Moment aber auch, dass es nicht sofort copyleft ist, also, dass wir
den Film nicht von Anfang an frei zu Verfügung stellen können, son-
dern es erst einmal etwa ein halbes Jahr lang eine Kinoauswertung geben
wird und wir danach den Film frei zu Verfügung stellen können. Da gab
es dann aber auch Projekte, die gesagt haben, nein, dann arbeiten wir
nicht mit, weil es muss von Anfang an jede*r mit dem Material machen
können, was er*sie will, aber Marcel und ich, wir machen halt irgendwie
Film und wir wollen davon auch Leben können und dann muss man sich
auch auf gewisse Sachen einlassen können. Letztendlich finde ich es dann
auch wichtiger viele Leute zu erreichen und wenn das dann heißt, dass
es dann eben das erste halbe Jahr nicht frei im Internet zur Verfügung
stehen kann, aber es danach zur Verfügung steht, dann ist das für mich
entscheidender.

Wie waren denn die Dreharbeiten konkret? Ihr wart ja auch in
Saint Imier, wo es ja wirklich ein massives Presseinteresse gab, was
ja dann auch dazu geführt hat, dass Leute von drei Seite mit Kame-
ras belagert wurden und allgemein gelten Anarchist*innen ja oft
nicht so als zeigefreudig, gerade wenn es um das eigene Gesicht in
einer Dimension geht, die über lokale Projekte hinaus geht. Seit ihr
da oft auf Widerstand gestoßen? Gab es Leute, die nicht mit euch re-
den wollten, zumindest nicht in einer so direkten Kamerasituation?
Wie war da das Feedback?

Das gab es auf jeden Fall, wir haben da immer alles erlebt von totaler
Ablehnung bis zu totaler Offenheit, in Griechenland ist das extrem, was
aber auch mit schlechten Erfahrung zusammenhängt, die in der Bewe-
gung mit Medien gemacht wurde. Es gab da eine Situation, wo sie uns die
Kamera fast aus den Händen geschlagen hätten oder Marcel einmal auch
mit einem Stein beworfen wurde. Es war natürlich auch so, geschuldet
der Situation, dass es einige Leute gab, die gesagt haben, sie wollen nicht
mit ihrem Gesicht auftauchen, oder, dass wir gewisse Sachen auch nicht
drehen konnten - wir konnten zum Beispiel keine Plenas filmen, was ich
sehr schade finde, da das ja ein wichtiger Aspekt in der Bewegung ist.
Dem haben wir uns dann irgendwie angepasst und in Griechenland war
es dann auch wirklich so, dass eine Freundschaft zu den Leuten entstan-
den ist und dann muss man sich eben darauf einstellen und nach Wegen
suchen, wie man damit umgehen kann, also, dass die Leute geschützt
sind und die Dinge die wir erzählenswert finden, trotzdem irgendwie er-
zählt werden. Aber es gab auch Situationen, wo wir uns ein Projekt raus-
gesucht hatten, dort auch gerne gedreht hätten, was aber letztlich nicht
zustande kam. Es ist aber schon ein ambivalentes Thema,
weil ich teilweise auch irgendwie das Gefühl habe, dass da
ein gutes Stück Paranoia vorhanden ist. Es gibt Situation, wo
das wirklich gerechtfertigt ist, aber andere Situationen, wo
es eher ein Dogma ist, dass man gegen Kameras ist und ich
würde mir da wünschen, dass man das eher als eine Chance
sieht. Da gehört aber Vertrauen dazu und ich glaube wir
kommen damit auch irgendwo aus unserer Nische raus,
wenn man eine Offenheit ausstrahlt. Das war etwas, was ich
sehr an Stowasser geschätzt habe, dass er wirklich sehr offen
war und dem nach außen auch ein Gesicht gegeben hat. In
der CIC ist das auch so. Es ist noch ein Interview mit Enric
Duran geplant, mit dem wir auch im Austausch sind und das
ist jemand, der im Untergrund lebt. Trotzdem ist ihm auch
wirklich bewusst, was für eine Strahlwirkung so ein Projekt
hat und wie wichtig es ist, diese Ideen nach außen zu tragen,
deshalb lässt er sich dann auch darauf ein.

Da würde ich direkt mal nachhaken, Enric Duran ist ja auch eine
sehr schillernde Figur, beziehungsweise das, was er gemacht hat.
Willst du uns dazu vielleicht auch noch etwas erzählen? Wie ist
das der Kontakt entstanden? Im Telefonbuch dürfte er ja jetzt nicht
gerade auftauchen.

Wir waren in Spanien und sind dort auf die CIC aufmerksam geworden,
die Cooperativa Integral Catalana, die Enric Duran mitgegründet hat und
da kamen wir dann recht schnell zu dem Punkt, dass es spannend wäre,
mit ihm in Kontakt zu treten. Wir kennen einen Haufen Leute, die mit
ihm zu tun haben, aber letztendlich kann man ihn auch anschreiben: Er
beziehungsweise. die CIC haben eine Seite, da schreibst du hin und dann
meldet er sich auch. Also das ist, was er auch macht, um die Ideen zu
verbreiten. Er hat schon eine ziemlich mediale Aufmerksamkeit und ich
finde das was er tut wahnsinnig konsequent, also zu sagen "Ich beklaue
die Banken um eine halbe Million Euro und stecke sie einfach in autono-
me, solidarische und nicht kommerzielle Projekte und opfere letztendlich
dafür meine persönliche Freiheit".

Er hat ja die Banken nicht klassisch beklaut, wie man sich das in al-
ter expropriatorischer Tradition vorstellt. Kannst du uns dazu noch
etwas erzählen?

Die Aktion hat letztendlich zwei Ansätze, also auf der einen Seite
zu sagen man kommt irgendwie an Geld, das man in Projekte rein-
steckt, wo man auch sagen kann die Projekte sind im öffentlichen
Interesse und das Geld sollte der Öffentlichkeit zu Verfügung stehen.
Das Geld das bei den Banken rumliegt, gehört wohl mehr uns, als es
den Banken gehört. Zweitens aber auch, um aufzuzeigen, wie perfide
dieses Banksystem ist und wie einfach es ist an Geld zu kommen und
wie es im Interesse der Banken ist, Kredite zu vergeben, bei denen
auch klar ist, dass diese nicht funktionieren, weil es in deren Inte-
resse ist, dass sie die Zinsen und Zinseszinsen einfahren. Er hat da
mit mehreren Projekten bei unterschiedlichen Banken Geld geliehen
und dann gesagt, er wird es nicht zurückzahlen. Deswegen wurde er
von Interpol gesucht, hat sich dann aber auch gestellt und es gab eine
Gerichtsverhandlung, bei welcher dann aber recht schnell klar war,
dass das worum es ihm geht und die Nachricht die er nach außen tra-
gen wollte nicht gehört wurde. Er merkte, dass es keinen Sinn macht
sich zu stellen und ist dann in den Untergang gegangen, was jetzt fast
drei Jahre her ist.

Du sagtest, ihr arbeitet seit 4 Jahren an dem Projekt, ihr seit viel he-
rum gekommen, habt viele Projekte und Menschen kennengelernt.
So etwas prägt ja sicherlich auch. Was habt ihr da für euch rausge-
zogen? Hat sich dabei eure Sicht auf den Anarchismus verändert?
Etwas für euch selbst verändert? Oder ist es, ganz polemisch gesagt
einfach ein Filmprojekt, was jetzt dem Ende entgegen geht?

Ja, eigentlich sind es 6 Jahre in denen wir uns mit dem Projekt beschäf-
tigen, ich rede mir das immer schön. Das ist bei mir und denke auch bei
Marcel so, dass die Projekte die wir machen aus einer ganz persönlichen
Motivation heraus entstehen. Es ist nicht der Gedanke, dass man jetzt
einen Film macht, weil er sich verkaufen könnte, sondern weil es einen
thematisch interessiert. Ich habe mich halt lange Zeit mit Gemeinschaft
auseinander gesetzt, wir haben öfters in einer Gemeinschaft gelebt, man
versucht etwas autarkes aufzubauen und macht sich dann in gewisser
Weise unabhängig. Das war aber bei auch der Punkt, wo ich gemerkt
habe, es reicht nicht, sich mit sich selbst zu beschäftigen und die politische
Arbeit wurde auch bei mir irgendwie wieder aktuell und an dem Punkt
habe ich gemerkt, dass ich Lust habe mich selbst wieder mit Anarchismus
auseinander zu setzen und sich zu überlegen, wie kann man sein Umfeld
nachhaltig verändern. Da denke ich auch immer noch, dass im Anarchis-
mus auch ganz viele Ansätze drin sind, die sehr gut funktionieren und
hilfreich sind. Für uns ist es auch wie eine Bildungsreise gewesen, dabei
herauszufinden, wie machen das andere Leute und was kann ich da für
mich persönlich rausziehen. Mich persönlich hat das auf jeden Fall auf
einer Organisationsebene extrem weiter gebracht, also auch die Fragen,
wie geht man mit Gruppen um, wie schaut man, dass eine Hierarchiefrei-
heit auf der einen Seite gegeben ist und man auf der anderen Seite die
Ausstrahlungskraft nach außen hin verändert kann. Wenn man eher aus
einem Gemeinschafts- oder Hippie-Bereich kommt, dreht sich vieles um
die eigene Verwirklichung oder um die Gruppe, aber die Auseinander-
setzung mit der Gesellschaft als Frage der Radikalität findet oft nicht so
und vor allem nicht so konfrontativ statt. Das hat mir Griechenland auch
irgendwie gezeigt, also dass es zum Teil eine Radikalität braucht und dass
wir uns hier oft das Repressive des Systems schön reden, da hat es unse-
re Regierung irgendwo geschafft solche Bewegungen zu vereinnahmen.
Ich glaube, wenn man etwas verändern will, dann braucht es radikale
Gedanken und das finde ich ist das Schöne am Anarchismus, dass halt
nicht nur ein einzelner Aspekt angekreidet und zu verändern versucht
wird, sondern dass das System an sich in Frage gestellt wird. Bei eigentlich
allen unseren Protagonisten finde ich diesen Punkt so bewundernswert,
das ist auch bei Hanna so, die jetzt zwar konkret gegen Atomtransporte
etwas unternimmt, aber das immer im Kontext wie das System an sich
funktioniert. Das ist etwas, was ich für mich da herausgezogen habe und
dann waren da aber auch so Geschichten wie das CIC oder das Kartof-
felkombinat als durchaus inspirierende Beispiele. Ich glaube auch von
Marcel kann ich das sagen, wo wir für uns persönlich auch so Anstöße
bekommen haben, zu schauen, okay, wie läuft das bei uns im Umfeld ab
und wie können wir diese Ansätze integrieren. Letztendlich fände ich es
total schön, wenn der Film es schaffen würde, dass er eine Diskussion bei
den Leuten anstößt oder sie dazu bringt, zu schauen, was für Strukturen
habe ich, in denen ich mich bewege und was für Möglichkeiten gibt es,
diese ganz konkret zu verändern. Wir müssen ja nicht immer wieder ganz
von vorne anfangen, sondern letztlich sind alle Projekte die wir uns ange-
schaut haben wie Blaupausen, wo man sagen kann, da haben Leute etwas
gemacht und dieses System kann man auf die eigenen Verhältnisse über-
tragen und fängt nicht wieder bei Null an. Es gab natürlich auch viele
Momente der Frustration und manchmal ist man dann ein wenig genervt
und denkt sich, wo soll das hinführen und drehen wir uns nicht ständig
im Kreis, aber ich würde schon sagen, dass wir mit mehr Ideen aus diesen
Jahren herausgehen, als dass wir desillusioniert werden.

Die Dreharbeiten sind ja jetzt schon länger beendet, aber ihr habt
jetzt eine Startnext-Kampagne, eben um den weiteren Produktions-
prozess zu finanzieren. Wie geht das denn jetzt weiter? Wann denkt
ihr, wird der Film fertig?

Naja, wir drehen eigentlich ständig noch weiter. Unserem Cutter fällt
dann noch ein, so das bräuchte man noch und wir sitzen dann am Schnitt
und denken uns, ja aber hier das fehlt irgendwie auch noch.Wenn jetzt
alles glatt läuft, dann sind wir im Dezember mit dem Schnitt durch und
mit dem weiteren Produktionsgang, also Farbkorrektur, Sounddesign, Un-
tertitelung und Animation dauert es dann auch noch ein wenig, aber bis
Anfang des Jahres, so in etwa Februar sollte der Film eigentlich fertig sein.
Dafür haben wir auch diese Crowdfunding-Kampagne angestoßen, weil
uns irgendwann zwischen drin schon das Geld ausgegangen ist und Film-
produktion leider auch Geld kostet. Ganz viel haben Leute auch einfach
so gemacht, sowohl bei Übersetzungen, als auch Leute die uns vor Ort
unterstützt haben, als auch Leute wie Frank, der schneidet und zum Teil
seine Arbeit unentgeltlich zu Verfügung gestellt hat, aber es braucht jetzt
einfach mindestens diese 8000EUR auf jeden Fall noch, um den Film auf das
Niveau zu bringen, auf den wir ihn eigentlich gerne hätten.

Wenn der Film fertig ist, wie ist dann der Veröffentlichungsprozess
geplant? Du hast ja am Anfang gesagt, es wird erst einmal eine
Kinoauswertung geben. Vor ein paar Jahren gab es ein zwar nicht
direkt vergleichbares Projekt, aber mit "Noise and Resistance" ja
auch einen Film über die DIY-Bewegung in Europa, der dann auch
durch verschiedene Städte gezogen ist. Habt ihr da auch so etwas
geplant? Wenn ja, wollt ihr euch da auf den deutschsprachigen
Raum beschränken oder sind dann auch Vorführungen an den Or-
ten geplant, an denen ihr gedreht habt?

Also wir gehen da erst einmal den klassischen Weg: Wenn der Film fertig
ist, wollen wir ihn bei Filmfestivals einreichen, dann ist eine Kinoauswer-
tung angestrebt, wobei es dafür noch keinen Verleiher gibt, da muss man
sehen wie die Resonanz auf den fertigen Film ist. Was aber auf jeden Fall
geplant ist, ist eine Tour mit dem Film durch Deutschland, Griechenland
und Spanien, da natürlich unsere Protagonisten auch ziemlich gespannt
sind, alleine dort gibt es bereits genug Plätze wo man den Film zeigen
könnte. Das ist auch das Schöne am Filme machen, wenn man dann mit
dem fertigen Film auch unterwegs ist und mit den Leuten ins Gespräch
kommt. Und dann wird es den Film später natürlich auch einfach so im
Internet oder als DVD geben.

Das klingt doch spannend! Vielen Dank für deine Zeit und viel Er-
folg beim weiteren Fertigstellen.
Danke.

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SPENDEN & ANHÖREN

Zur Fertigstellung des Films benötigen die Regisseure
noch mindestens 8.000EUR. Das Geld soll über eine Start-
next-Kampagne zusammenkommen. Diese läuft noch bis
zum 16. Dezember. Neben dem Wissen ein tolles Projekt
(mit-)realisiert zu haben, gibt's verschiedene kleine "Dan-
keschöns" fürs Spenden.
startnext.de/projekt-a

Die Audio-Version des Interviews findet ihr auf dem Blog
des Anarchistischen Radios Berlin.
aradio.blogsport.de
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