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(de) FDA/IFA, Gai Dào #47 - Von der Geschichte lernen: Anarchismus heute - von: José María Fernández Paniagua (Tierra y Libertad Nr. 232) / Übersetzung: G.N.

Date Tue, 02 Dec 2014 08:53:10 +0200


Wir leben in einer Zeit einer vielversprechenden Rückaneignung und des Aufschwungs libertärer Ideen. Den wiederkehrenden Vorwürfen, wonach die Anarchist*innen in einer anderen Zeit leben und einer "glorreichen" Vergangenheit anhängen würden, setze ich entgegen - und ich bin wahrlich kein Freund irgendwelcher "Glorie", ich bevorzuge das Wort "Stolz", - dass die Anarchist*innen zurückschauen können, ohne dabei eine unheilvolle Vergangenheit zu erblicken. ---- Ganz im Gegenteil - ich frage mich angesichts einer derartigen Dreistigkeit: ,Kann man etwa ohne ein historisches Gedächtnis leben? Kann man so einfach die Personen über Bord werfen, die in einer anderen Zeit gelebt haben, aber deren Bedürfnisse die gleichen waren wie die unseren? Personen, die über ihre elementaren Fragen des Lebens reflektiert haben, die versucht haben, ein Bewusstsein zu entwickeln, um frei und in vollen Zügen zu leben und eine gerechtere Welt zu schaffen?' Denn diese Vorwürfe enthalten die Anschuldigung eines Anachronismus, der überkommene Ideen fördert, die längst überholt sind.

Dabei sollte klar sein, dass das, was die liber-
tären Ideen beinhalten, seit der Frühaufklärung 1 in der Zivilisation
anzutreffen sind. Es sind Vorschläge, die es zu jeder Zeit gegeben hat.
Unglücklicherweise leben wir jedoch in einer banalisierten Zeit mit
einem spärlichen Gedächtnis, wo gerade die Kommunikation und die
Reflektion nicht gefördert werden.

Im Gegensatz zu anderen politischen Ideen, die eine wissenschaft-
liche und deterministische Grundlage zu haben behaupten und die
eine geschlossene Ideologie darstellen, die bereits alle Antworten
enthält, will der Anarchismus nicht aufhören Fragen zu stellen - im
Sinne des Lebens der einzelnen Personen und einer Gesellschaft, die
freier und gerechter sein und mit weniger Bevormundung auskom-
men soll. Natürlich ist das System (Warum eigentlich System? Nen-
nen wir das Ding beim Namen: Staat und Kapitalismus - und wenn
sie sich noch so sehr in ihren mehr oder weniger "liebenswürdigen"
Formen zeigen) in der Lage, sich der edelsten Konzepte anzunehmen
und sich diese anzueignen. Die Freiheit und die Gerechtigkeit, die
uns dargeboten werden, sind lediglich formale Konzepte, die schlicht
und einfach in Produkte des Marktes verwandelt werden.

Die schönsten Ideale der Menschheit werden einem Wirtschaftssys-
tem untergeordnet, das seiner Ablehnung der Gleichberechtigung
sowie seiner Förderung von Autoritarismus und Konkurrenz klar
Ausdruck verleiht, wo am Ende jede*r ein Stück vom Kuchen erhält.
Dieses System zeichnet sich aus durch seine Hingabe zur Vermark-
tung ("Marketing" ist ein Wort, das bis zum Erbrechen auf dem so
genannten freien Markt gebraucht wird, aber wir haben auch dieses
andere Wort mit der gleichen Bedeutung in unserer mächtigen Spra-
che, welches "die Ausweitung des Handelns, speziell der Nachfrage"
deutlicher zum Ausdruck bringt), seine Verbreitung von Banalitäten
und seine inkonsistente Form Bürger*innen hervorzubringen (ein
anderes Konzept, das sehr respektabel sein könnte, die "zivilgesell-
schaftliche Erziehung", erscheint heute in Form eines mehr als frag-
würdigen Unterrichtsfachs, nämlich "Staatsbürgerkunde").

Wie einst Fernando Savater gezeigt hat (dessen Denken ich in gro-
ßem Maße noch immer viel Respekt entgegenbringe, trotz sei-
ner politischen Tiraden, die das Produkt einer Störung sein mö-
gen, die durch eine Bande von Mörder*innen und selbsternannten
Befreier*innen des Baskenlands hervorgerufen wurde), erwartet man
von uns, dass wir uns in Konsument*innen, Untertan*innen oder
Kirchgänger*innen verwandeln. Ich vermute, dass die Einordnung
als Konsument*innen keiner großen Erklärungen bedarf: Es ist wohl
die offensichtlichste Negierung unseres Daseins als verantwortungs-
bewusste Mitglieder der Zivilgesellschaft. Was nun die Einordnung
als Untertan*innen angeht, so mögen als Hinweis die neuesten und
arg gekünstelten Kontroversen rund um die Figur des Monarchen die-
ses Landes 2 genügen; Pseudopolemiken, die auf der Unmöglichkeit
gründen, über unsere Zukunft zu entscheiden - unterstützt durch
mediale Debatten, die mit der Meinung auf der Straße rein gar nichts
zu tun haben. Ich habe einem grausigen Moderator in einer Diskus-
sion auf TeleMadrid zugehört, der ohne Scham gesagt hat, dass es
deswegen keine Diskussion gäbe, weil 98 von 100 Spanier*innen die
Monarchie unterstützten. Das Problem liegt erneut in einer verzerr-
ten und durch die Herrschaft vereinnahmten Geschichte versteckt,
wo so etwas Offensichtliches wie die Erinnerung, dass es ein Dikta-
tor war, der entschieden hat, dass ein bestimmtes Subjekt über dieses
Land herrschen soll, unter einer absoluten Verehrung der Transition 3
begraben ist, die auch nach drei Jahrzenten nicht in Zweifel gezo-
gen werden darf. Für die dritte Kategorie der Kirchgänger*innen ist,
wie sollte es anders sein, die Religion verantwortlich, und es ist die
logische Tendenz aller Kirchen, ethisch und intellektuell überwun-
den zu werden, sofern sie nicht durch politische oder wirtschaftliche
Interessengruppen gestützt werden. Unglücklicherweise bleibt uns
noch ein langer Weg in diesem Land, wo die Rechte Hand in Hand
mit den reaktionären katholischen Institutionen zusammenarbei-
tet. Eine Rechte, die scheinbar entschieden ist, weiterhin ihr wahres
Antlitz zu zeigen (vielleicht im Versuch, ihre ureigenen ideologischen
Wähler*innen nicht zu verlieren). Das belegen die neuesten Aussagen
des Europaabgeordneten und Ex-Ministers von Aznar, Mayor Ore-
ja, und der Anführerin der Partido Popular im Baskenland, María
San Gil, die sich weigern, das Franco-Regime zu verurteilen und von
einer "außergewöhnlichen gelassenen Ruhe" der Diktatur sprechen.
Und daran solle man besser nicht rütteln, da sie Teil der Geschichte
Spaniens sei. Eine gelassene Ruhe, die franquistische nämlich, die
einige wenige genossen haben, auf den Leichen der hunderttausend
Spanier*innen, die an eine bessere Gesellschaft glaubten und deren
Familienangehörige weiterhin auf die Ablehnung der Erben der Hen-
ker stoßen, ihre Schuld zu tilgen und ihnen den Tribut zu erweisen,
der ihnen zusteht. Wieder finden wir eine schändliche Perversion der
Vergangenheit vor (die Vergangenheit unserer neueren Geschichte,
die durch die Reaktion gebrochen
wurde und die uns doch als Richt-
schnur für eine bessere Zukunft in
Erinnerung bleiben sollte), wo der
Faschismus, im Gegensatz zu ande-
ren Ländern, nicht besiegt werden
konnte, wo die Erb*innen vermutlich
den Hauptteil der Politik in diesem
Land ausmachen und wo nach dem
Tod des Diktators, in mehrerer Hin-
sicht, eine Kontinuität besteht.

Kehren wir zurück zur Frage des
Anarchismus und seine Sicht auf die
Geschichte sowie zur Frage nach der
Vergangenheit, mit der dieser Text
begonnen hat. Rudolf Rocker hat
es vor Jahrzehnten (und ihr werdet
sehen, wie seine Analyse genau unseren Zeitgeist trifft) auf wun-
derbare Weise mit den Worten formuliert 5 , wonach der Anarchis-
mus " eine bestimmte Richtung in der historischen Entwicklung der
Menschheit" und kein "bestimmtes, geschlossenes soziales System"
sei: " Auch Freiheit", so der Deutsche weiter, "ist nur ein relatives,
kein absolutes Ziel, da sie dauernd dazu neigt, ihren Bereich zu er-
weitern und auf weite Kreise in mannigfaltiger Weise einzuwirken."
Es ist die Aufgabe anarchistischer Männer und Frauen, an jedem Ort
und zu jeder Zeit, vor jeder Art von politischer, wirtschaftlicher oder
kirchlicher Vormundschaft zu fliehen und das Konzept der Freiheit
zu konkretisieren, verstanden als die vollständige Entwicklung jedes
einzelnen Individuums zum Wohle der Gesamtgesellschaft. Der An-
archismus kann nie primitiv oder utopisch sein, weil er die Formen
der Unterdrückung jeder Zeit und jeder Gesellschaft analysiert und
neue Antworten entwickelt (diese können und müssen die Vergan-
genheit verstehen, aber niemals deren Sichtweisen und Formen zu
einer sozialen Doktrin erklären). Deshalb tragen die libertären Ideen
die Zukunft bereits in sich - obwohl es notwendig ist zu betonen,
wenn wir die Geschichte der Klassenkämpfe Revue passieren lassen,
dass es nicht darum geht, einen wissenschaftlichen oder determinis-
tischen Charakter der Analyse anzustreben (das Wort Sozialismus
ist bereits stark von der Sichtweise getrübt, dass es sich dabei um
ein Paradies handelt, dass am Ende erreicht werden soll). Vielleicht
wollte Rocker mit seinen Ausführungen von der "historischen Ent-
wicklung" und "der Richtung der Menschheit" klarstellen, dass der
Anarchismus in jeder Epoche und in jedem Gesellschaftsmodell als
konstantes Spannungsmoment funktionieren solle, um jede Zwangs-
autorität und alle Formen der Unterdrückung zu beenden.

Trotz aller technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen,
scheint unser Wissen über die menschliche Natur nicht großartig vo-
rangeschritten zu sein (vielmehr scheint sich die Abwesenheit eines
irgendwie gearteten biologischen Determinismus immer deutlicher
abzuzeichnen). Bereits der Vater des Anarchismus, William Godwin,
der gemeinsam mit dem Franzosen Proudhon, der als erster das Wort
"Anarchismus" verwendete, der Aufk lärung verbunden war und des-
sen Ideen (trotz der Vorwürfe, der Anarchismus wäre zu optimistisch
im Bezug auf die Natur des Menschen) später wieder aufgegriff en
wurden, hatt e darauf hingewiesen, dass es keine menschliche Natur
vor dem sozialen Leben gibt - weder in ihrer positiven (Rousseau 6 )
noch in ihrer negativen Variante (Hobbes 7 ). Wenn wir erstmal die
Determinismen - egal welcher Natur sie sein mögen - beiseite legen,
die der Frühaufk lärung durchgerutscht sind (erinnern wir uns, dass
der Anarchismus mit der Aufk lärung entstanden ist), können wir die
Klarheit des Autors von "Politische Gerechtigkeit" 8 schätzen lernen
und die Idee berücksichtigen, dass der Mensch durch die Gegenwart
einer sehr realen Welt determiniert wird. Das sind Premisen, die
noch immer für gültig halte - wie sollte es auch anders sein? - das
Vertrauen in die intellektuelle Entwicklung des Menschen und in die
Fähigkeit der Vernunft (hier treff en wir eine andere Wurzel des An-
archismus, bei Kant als grundsätzlichen Reformator der praktischen
Philosophie).

Ich habe all diese Beispiele der libertären Tradition nicht mit der Ab-
sicht vorgebracht, übermäßig zu intellektualisieren oder zu theore-
tisieren (dafür gibt es Platz in anderen Texten), sondern um kurz zu
zeigen, dass das anarchistische Grundgerüst sehr solide ist. Es han-
delt sich nicht um eine "tausendjährige" Doktrin (eine Konzeption,
die im Übrigen religiös ist und auf den Sachverhalt anspielt, dass ein
vorgeblich glückliches Ende nach dem Triumpf der Revolution be-
vorsteht) von Verrückten oder Erleuchteten, wie von ihren Feinden
gerne behauptet. Der Anarchismus ist eine Art und Weise, wie wir
Geschichte betrachten und von ihr lernen können statt "in der Ver-
gangenheit zu leben", zu wissen, was wir sind - nämlich ein Produkt
dieser "sehr realen Welt", in der wir leben, was in unserer Gesell-
schaft - der sogenannten "Ersten Welt" - leider mit einer erheblichen
Infantilisierung, einer Verneinung der Vergangenheit (zuweilen so-
gar der ganz unmitt elbaren Vergangenheit, ohne gleich wieder vom
grundlegenden "historischen Gedächtnis" sprechen zu wollen) und
einer konstanten Bekräft igung einer leeren Gegenwart einhergeht.
Die großen Fragen der Menschheit scheinen daher praktisch unbe-
rührt in einer Zivilisation, die vor zwei Jahrhunderten ihre ganze
Hoff nung auf die technische und wissenschaft liche Entwicklung
gerichtet hatt e und die leider einen Irrweg in den Händen des Kapi-
talismus eingeschlagen hat. Die anarchistischen Werte (die sich auf
die Entwicklung der Vernunft stützen und die darauf setzen, dass
Wissenschaft und Technik in der Lage sind, der Gesellschaft größe-
ren Wohlstand zu bescheren), die - eng gefasst - zu eben jenem Zeit-
punkt geboren wurden, aber schon zuvor in latenter Weise während
der gesamten Menschheitsgeschichte präsent waren, können stolz
auf ihre Vergangenheit blicken und aufzeigen, dass ihr Weg noch im-
mer der beste ist.

[1] Anm. d. Ü.: Der Text bezieht sich hier auf die "Ära der Vernunft" (Age of Reason) im 17. Jahrhundert, dem Vorläufer der Aufklärung.

[2] Gemeint ist der damals noch
herrschende König Juan Carlos I., siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Juan_Carlos_I.

[3] Anm. d. Ü.: Juan Carlos I. wurde vom Diktator 1969 per Gesetz zum König über Spanien ernannt, der nach seinem Tod herrschen sollte. Dem König wird in der bürger-
lichen Sichtweise eine fast mythische Rolle beim Übergang ab 1975 (der "Transition") zum heutigen System einer parlamentarischen Monarchie zugeschrieben.

[4] Anm.d. Ü.: Die nationalkonservative Volkspartei, die aus dem Franquismus hervorgegangen ist.

[5] Rudolf Rocker (1947): Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus (zitiert
aus: http://www.anarchismus.de/medien/rocker.htm)

[6] Jean-Jacques-Rousseau, siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Jacques_Rousseau#Menschenbild

[7] Thomas Hobbes, siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hobbes#Ethik

[8] William Godwin (1792): Enquiry Concerning Political Justice

Weitere Informationen

Ursprünglich veröffentlicht: November 2007 in
der Zeitschrift der Anarchistischen Iberischen
Föderation, Tierra y Libertad Nr. 232

Internetquelle:
http://acracia.org/Acracia/Aprender_de_la_historia
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