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(de) FdA/IFA - Gai Dào #44 - Kleine Bettlektüre -- Ismail Küpelipelis 'Nelkenrevolution reloaded?' Von: Rudolf Mühland

Date Sat, 30 Aug 2014 14:53:19 +0300


Erfrischenderweise stellt Ismail Küpeli in seinem schmalen Büchlein eher Fragen, als dass er aus dem akademischen Elfenbeinturm heraus Antworten auftischen würde, die wir nur noch in uns hineinstopfen müssten. Auch ist, was auch sehr erfrischend ist, linke Mythenbildung nicht seine Sache. Vielmehr kann die geneigte Leserschaft seinen Beitrag als notwendige Basis sehen für die von ihm aufgeworfen Fragen: ---- Wie werden in der Krise bürgerliche Demokratiemodelle ausgehebelt? ----- Wie und unter welchen Bedingungen können Massenbewegungen entstehen? Und wie sind sie organisiert? ---- Entwickeln sich darin/daraus neue, dauerhafte Organisationsstrukturen und wie sehen diese gegebenenfalls aus? ---- Welche Rolle spielen schon bestehende Parteien, Gewerkschaften und andere "Nicht-Regierungsorganisationen" (NGO)?

Und schließlich, mit einem exemplarischen Blick unter anderem
auf die Kommunistische Partei Portugals (PCP): Wie kann eine
linke Opposition zur "Krisenpolitik" von Europäischer Union
(EU) und Internationalem Währungsfond (IWF) aussehen?

Oder, wie Ismail Küpeli es auf den Punkt bringt: Wie können
Massenmobilisierungen gelingen, ohne in Linkspopulismus und
Standortnationalismus zu verfallen?

Um diese und noch viele andere Fragen überhaupt diskutieren zu
können, muss man natürlich über einen kleinen Grundstock an In-
formationen verfügen. Diesem Auftrag versucht der Autor dadurch
gerecht zu werden, dass er eine eher "journalistisch-akademische"
Position einnimmt.* Auf gut zwei dutzend Seiten wird das histori-
sche Portugal (ab 1910 bis zur Jahrtausendwende) behandelt. Daran
anschließend wird in groben Zügen das politische System und die
gesellschaftlichen Verhältnisse Portugals, der Zeit nach der Nel-
kenrevolution von 1974 bis zum Beginn der Krise in Portugal 2001,
dargestellt. Besonderes hervorheben möchte ich an dieser Stelle die
Abschnitte zur Migration und zur Situation der Roma. Sind doch bei-
de Themenfelder nicht nur in Portugal aktuell. Hinzu kommt bei bei-
den Themenfeldern, und trotz anders lautenden Behauptungen, auch
leider eine gewisse Blindheit und Hilflosigkeit des gesamten linken
Spektrums.

Die zweite Hälfte des Büchleins widmet sich dann der Dauerkrise
(abgedeckt wird der Zeitraum 2001-2013) in Portugal und besonders
der verschiedenen Formen des Widerstandes. Dabei fallen kundigen
Leser*innen durchaus Parallelen zu anderen Regionen in Europa und
der Welt auf. Diese werfen verstärkt die Frage nach der Effektivität
"klassischer" Widerstandsformen auf. Insbesondere die Sinnhaftig-
keit von Wahlen in bürgerlichen
Demokratien, die immer mehr
ausgehebelt werden, aber auch
die Sinnhaftigkeit von (Massen)
Streiks drängt sich geradezu auf.

Das Beispiel einer besetzten Schu-
le in Porto wird ausführlich dar-
gestellt. Bemerkenswert ist die
Verankerung dieser Besetzung in
der Bevölkerung und die interna-
tionale Beteiligung durch "auslän-
dische" Aktivist*innen. Letzteres,
also die internationalistische Per-
spektive des Widerstandes, zieht
sich durch das gesamte Büchlein
- ein weiter Punkt, warum ich es
nur jedem und jeder empfehlen
kann, der/die sich selbst als Aktivist*in begreift.**

Der letzte Teil des Büchleins ist drei Aktivistinnen vorbehalten, die
Ismail Küpeli interviewt hat. Sie schildern ihren beruflichen/öko-
nomischen Hintergrund, wie sie zu Aktivistinnen wurden und wie
sie ihre Aktivitäten in Zeiten der Krise einschätzen. Natürlich feh-
len auch nicht Fragen nach dem Verhältnis zu politischen Parteien,
den Gewerkschaften oder den Medien. Auch hier in den Interviews
schlägt sich eine internationalistische Perspektive nieder. Diese äu-
ßert sich zum einen in der Auswahl der Interviewpartnerinnen und
zum anderen auch in der Frage nach der Rolle von "ausländischen"
Aktivist*innen in Portugal.

Resümee:

Alles in allem liefert Isamil Küpeli auf 90 Seiten einen Einstieg in
Geschichte und Gegenwart Portugals sowie einen Überblick über die
Aktivitäten der verschiedenen Akteure in der Dauerkrise Portugals
im Zeitraum 2001-2013. Dabei liefert er neben Basisinformationen
zahlreich sachdienliche Hinweise, besonders für deutschsprachige
Aktivist*innen, und stellt zum Teil ganz offen, zum Teil verdeckt
zahlreiche Fragen, die teilweise von enormer Bedeutung sind, ins-
besondere für diejenigen Bewegungen, die sich selbst als global (old
school ausgedrückt: internationalistisch) begreifen. Für Portugal-
Spezialist*innen ist sicher nur letztgenannter Aspekt interessant,
da sie sicher über mehr als nur Basisinformationen zu Portugal ver-
fügen. Für alle anderen, und das dürfte die überwiegende Mehrheit
sein, sind es gut angelegte 9,80EUR. Und wenn ihr das Buch gelesen habt,
dann seid ihr auch gut vorbereitet eine Lesung/einen Vortrag von
Ismail Küpeli zum Thema zu besuchen und mit ihm und den anderen
über die zahlreichen Fragen, die es aufwirft, zu diskutieren.

* Er bleibt aber nicht dabei. Vielmehr erklärt er im Buch ausführlich,
welche Position er einnimmt und welche Vor- und Nachteile sich dar-
aus ergeben und wie sich ggf. dadurch Perspektiven verschieben.

** Oder auch "nur" akademisch zu Portugal, der Krise, dem Wider-
stand usw. arbeiten möchte.

Mehr Infos

Ismail Küpeli - Nelkenrevolution reloaded?

Krise und soziale Kämpfe in Portugal
Reihe Systemfehler, Band 4
96 Seiten, 9,80 Euro | WG 973
ISBN 978-3-942885-27-0
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