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(de) FdA/IFA - Gai Dào #44 - Eine Richtigstellung Von: Sebastian Kalicha

Date Fri, 29 Aug 2014 08:08:46 +0300


Es gäbe vieles zu sagen über Rudolf Mühlands Ausführungen zum Buch Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung - auch viel Grundsätzliches. Mir geht es aber hier um keine Grundsatzdebatte zum christlichen Anarchismus oder ob er nun gemäß Mühland'schen Kategorien eine libertäre Strömung darstellt oder nicht (diese Meinung kann sich zum Glück ja jede*r selbst bilden), sondern lediglich darum, offensichtlich Falsches und Irreführendes in seinen Ausführungen nicht unwidersprochen im Raum stehen zu lassen. Ich will mit Rudolf Mühland auch nicht über sein Hauptthema, die Gottesfrage im christlichen Anarchismus, diskutieren. Letztendlich bin ich ja selbst nicht-gläubig. Eine Bemerkung sei mir diesbezüglich jedoch erlaubt: ---- - Für Mühland "reduziert" sich der christliche Anarchismus, dessen "ideologischer Kern", auf die Gottesfrage, die er in altbekannter atheistisch-anarchistischer Manier mit der recht simplen Gleichung "Gott
= übergeordneter Herrscher = unanarchistisch" beantwortet. Mit
einer derartig pauschalen Herangehensweise macht er es sich sehr
einfach und sie passt wohl schlicht recht gut zu Mühlands langen
Ausführungen zur Gottesfrage, die ihm als Vehikel dienen, um den
christlichen Anarchismus, als Idee und Strömung des Anarchismus,
zu diskreditieren. Dass Mühland diesen Hebel gewählt hat, um den
christlichen Anarchismus in ein schlechtes Licht zu rücken bzw. ihn
überhaupt als Strömung im Anarchismus zu leugnen, ist nicht über-
raschend, weshalb im Sammelband auch christlich-anarchistische
Alternativen zum "herkömmlichen" Gottesbegriff erörtert werden
(auf die Mühland nur sehr oberflächlich eingeht). Im christlichen
Anarchismus wird vieles diskutiert - wenig überraschend auch Gott
-, aber auf Gott "reduziert", wie Mühland es schildert, wird hier gar
nichts, weder in meinem Buch, noch im breiteren christlich-anar-
chistischen Diskurs.

Bevor ich zu meinem Hauptanliegen komme, sei noch eine
Sache erwähnt:

- In Mühlands Einstiegssatz liest man, dass es weder den Autoren
noch "dem Herausgeber Christian Kalicha [sic!]" gelungen sei dar-
zustellen, "inwieweit es tatsächlich so etwas wie einen ,christlichen
Anarchismus' gibt oder gegeben hat". Es ist schade, dass Mühland
nach Lektüre des Buches dieser Ansicht ist. Um jedoch dem Eindruck
vorzubeugen, dass dieses Thema im Sammelband nicht oder nur un-
genügend behandelt wird, sei gesagt, dass die Frage, was christlicher
Anarchismus ist, warum es sich hier tatsächlich um Anarchismus
handelt (und deshalb auch nicht nur für Leute interessant ist, die
Mühland als "irgendwie links" bezeichnet), und auch weshalb der
christliche Anarchismus - historisch, theoretisch, praktisch - sehr
wohl Teil der anarchistischen Bewegung und somit eine libertäre
Strömung ist, im Buch ausführlich behandelt wird.

Nun will ich aber zu meinem Hauptanliegen kommen und auf einige
Passagen hinweisen, in denen Mühland Inhalte meines Buches ent-
weder schlicht falsch wiedergibt oder verzerrt darstellt:

- Laut Mühland hätten die in dem Sammelband "vorgestellten Per-
sonen und Organisationen [...] ihre Wurzeln fast ausschließlich in
der Arbeiterbewegung Nordamerikas". Wie er nach Lektüre des Bu-
ches zu dieser Ansicht kommt, erschließt sich mir nicht. Tatsächlich
sind aus den dutzenden Personen, die in dem Buch näher behandelt
werden, gerade einmal drei aus der Arbeiterbewegung Nordameri-
kas: Dorothy Day und Ammon Hennacy sowie Thomas J. Hagerty.
Diese Aussage wäre nur dann korrekt, wenn sie sich ausdrücklich
auf den Artikel von Tom Cornell zu Dorothy Day und Ammon Hen-
nacy beziehen würden (ein Artikel aus sieben). Das tut sie aber nicht,
insofern ist sie falsch.

- Da Thomas J. Hagerty und Dorothy Day als Vertreter*innen der
IWW vorgestellt werden, weist Mühland (mit Verweis auf Oliver
Rasts Rezension) darauf hin, dass die IWW "keine anarchistische
oder anarcho-syndikalistische Organisation oder Bewegung" sei.
Richtig, nur: Diese Behauptung habe ich auch nie aufgestellt. Mein
Zitat zu Hagerty und zur IWW lautet: "Der katholische Priester Tho-
mas J. Hagerty (ca. 1862-1920) aus den USA war einflussreicher Ak-
tivist und Gründungsmitglied der [...] IWW, in der zwar nicht nur,
aber auch viele Anarchist*innen und Anarchosyndikalist*innen
mitwirken." (S. 23) Tom Cornell schreibt in seinem Artikel, dass
die IWW "vom Anarchosyndikalismus beeinflusst" (S. 117 f.) sei.
Beide Aussagen sind völlig korrekt und behaupten nicht, die IWW
sei eine anarchistische oder anarchosyndikalistische Organisati-
on oder Bewegung. Sie weisen lediglich auf die Tatsache hin, dass
Anarchist*innen und Anarchosyndikalist*innen in der IWW aktiv
waren/sind und folglich auch einen Einfluss auf die Organisation
hatten/haben. Beides ist unleugbar. Lediglich einmal ist in einem
Nebensatz von "den Anarchosyndikalist*innen der IWW" (S. 131)
die Rede, was diesen Eindruck, den Mühland schildert, vermitteln
könnte. Hier wurde eventuell etwas unsauber formuliert. Die beiden
zuvor getätigten und signifikanteren Aussagen über die IWW sollten
jedoch klar machen, dass in dem Buch die IWW nicht falsch darge-
stellt wird. Zudem hat die IWW sehr wohl ihren Platz in einem Buch,
das sich mit (christlichem) Anarchismus beschäftigt, zumal es eben
diese erwähnenswerte und unübersehbare Verbindung zwischen der
IWW und Anarchismus/Anarchosyndikalismus gab und gibt. Daher
erachte ich den Einwand Mühlands als unbegründet.

- Mühland meint, es seien "relativ wenige Bibelstellen [...], auf die
sich die CA'S/AC's allesamt beziehen." Obwohl mir nicht ganz klar
ist, ob er hier vom besprochenen Sammelband oder vom christlichen
Anarchismus generell spricht, sehe ich es in beiden Fällen anders. In
dem von mir herausgegeben Buch selbst, das als knappe Einführung
in den christlichen Anarchismus konzipiert ist, kann natürlich kei-
ne flächendeckende Exegese betrieben werden. Das zu verlangen ist
unrealistisch, das zu kritisieren unredlich (deshalb gibt es Literatur-
hinweise!). In einem einführenden Sammelband wie diesem kann es
nur um einen repräsentativen exegetischen Überblick gehen, und der
wird geboten. Diverse Autor*innen beschäftigen sich mit zahlreichen
Teilen aus dem Alten Testament, den Evangelien und anderen Teilen
des Neuen Testaments.

Trifft Mühland hier aber eine generelle Aussage über den christlichen
Anarchismus? Dass sich christliche Anarchist*innen also generell
auf "relativ wenige Bibelstellen" bezögen? Oder geht er davon aus,
dass es abseits der in meinem Einführungsband erwähnten Referen-
zen keine weiteren Bezugspunkte mehr gäbe? Spielt er darauf an und
ist man mit christlich-anarchistischer oder libertär-christlicher Lite-
ratur und Exegese vertraut, wirkt diese Aussage wie blanker Hohn.
Alexandre Christoyannopoulos (ebenfalls Autor des Sammelbandes)
ackert in seinem Buch Christian Anarchism. A Political Commentary
on the Gospel das gesamte Neue Testament durch und bezieht sich
dabei u. a. auf über 30 christlich-anarchistische Theoretiker*innen,
Aktivist*innen und libertäre Theolog*innen. Jacques Ellul bezog sich
immer wieder ausdrücklich und ausführlich auf das Alte Testament
(dessen Rezeption als Befreiungsnarrativ Bibliotheken füllt!) und
schrieb z. B. auch Artikel und Bücher zur Offenbarung des Johannes,
zum Römerbrief, etc. Dave Andrews beschäftigt sich mit den Paulus-
briefen. Ched Myers geht in seinem Buch Binding the Strong Man. A
Political Reading of Mark's Story of Jesus minutiös das gesamte Mar-
kusevangelium durch. Auf 500 Seiten wird hier Absatz für Absatz al-
les besprochen, nicht nur "wenige Bibelstellen", wie Mühland meint.
Diese Liste könnte hier noch sehr lange weitergeführt werden. Aber
mein Punkt ist klar: Dieses quantitative Defizit, das Mühland hier in
den Raum stellt, ist für den christlichen Anarchismus schlicht nicht
zutreffend. Genauer betrachtet ist das diametrale Gegenteil der Fall.

- Zu guter Letzt kritisiert Mühland, dass "Judentum, Islam, Hindu-
ismus, Taoismus, Shintoismus, Animismus, Schamanismus usw. [...]
nicht mal im Ansatz" Erwähnung fänden. Dies zu kritisieren bei ei-
nem Buch, das den recht eindeutigen Titel "Christlicher Anarchis-
mus" trägt (nicht "Religiöser Anarchismus", dann wäre dieser Ein-
wand berechtigt!) ist unfair und wäre ungefähr so, als würde ich bei
einem Buch zum Anarchosyndikalismus auf die kritisierenswerte
Lücke hinweisen, die die Nichtbeschäftigung mit dem Anarchopri-
mitivismus hinterlassen hätte. Von dem einmal abgesehen ist diese
Aussage vor allem aber auch falsch. In Fußnote 30 auf Seite 22 wird
nämlich genau das angesprochen, was Mühland als "weiteren blin-
den Fleck in diesem Sammelband" geißelt.
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