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(de) FdA-IFA, Gai Dào #34 - Bücher sind die Software fürs Hirn! -- Über die Anares Föderation anarchistischer Vertriebe -- Von: Gerald Grüneklee

Date Mon, 18 Nov 2013 13:31:08 +0200


Die Anares Föderation anarchistischer Vertriebe wurde 1985 ins Leben gerufen als freiwilliger, basisdemokratischer Zusammenschluss eigenständiger Projekte im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) mit dem Ziel, anarchistische Literatur zu fördern, zu drucken und zu verbreiten. ---- Geschichte ---- Anares (der Name leitet sich ab vom Buch "Planet der Habenichtse" von Ursula K. LeGuin, in dem es einen libertär organisierten Planeten namens "Anarres" gibt) (2) ging zurück auf den um 1975 in Gummersbach gegründeten "Freiheitlichen Buchvertrieb". 1978 wurde der Trotzdem Verlag in Grafenau gegründet, 1981 der dermassen-Buchvertrieb (Vorläufer von Anares Schweiz) in Bern (später Hilterfingen), 1982 der Verlag Monte Verita in Wien. Zusammen mit dem Dachkammer Buchvertrieb in Mannheim und dem später aufgelösten Schwarzmeer-Vertrieb in Stuttgart bildeten diese Projekte die Gründungsmitglieder der Anares Föderation.

1990 tritt die vormalige "AG Selbstorganisation" als "Anares Nord" (angesiedelt in Sehnde bei Hannover, 1998 Umzug nach Uetze, 2000 nach Bremen) der Föderati-
on bei. Ganz im libertären Sinn wurde die Zusammenarbeit in der
Föderation nie durch einen schriftlichen Vertrag o.ä. fixiert.

Die einzelnen Mitglieder der Föderation arbeiteten als autonome
Projekte. Der Rahmen der Kooperation wurde durch Rundbriefe und
gemeinsame Treffen gesteckt. Die Einzelprojekte verfolgten jeweils
auch eigenständige inhaltliche und publizistische Vorhaben. So be-
trieb Anares Nord - ab 2000 fiel der Zusatz "Nord" weg - nach dem
Umzug nach Bremen bis 2006 unter dem Namen "Andere Seiten"
einen Buchladen, der Trotzdem Verlag gab die anarchistische Zeit-
schrift "Schwarzer Faden" heraus und der Schweizer Anares-Ableger
war zeitweilig an der Herausgabe der Zeitschrift "Banal" beteiligt.
Über rund 10 Jahre hinweg (bis etwa 1995) gab es jedoch eine inten-
sive Zusammenarbeit.

Von allen Einzelprojekten gemeinsam wurden die "Anares Bibliogra-
phie lieferbarer anarchistischer Bücher" herausgegeben (3 Ausgaben,
1988/ 1989, 1991/ 1992 und 1995/ 1996) sowie das kostenlos verschickte
"Anares Info" (1985-1999 in 53 Ausgaben, Format zunächst DIN A 5,
ab Nummer 45 dann aufgrund des günstigeren Portos DIN lang, Auf-
lage zunächst 1000, später bis zu 3000 Exemplare, die Nr. 53 wurde
einmalig in 5500 Exemplaren gedruckt)(3). Es gab zudem eine ökono-
mische Kooperation untereinander (Tauschökonomie, d.h. Buchliefe-
rungen innerhalb der Föderation wurden gegeneinander verrechnet).
Auch die "Libertäre Buchmesse" im Rahmen der "Libertären Tage"
1993 in Frankfurt - mit gut 3000 Besucher*innen die größte deutsch-
sprachige libertäre Veranstaltung seit 1933(4) wurde von Anares or-
ganisiert(5).

Ein jahrelanges gemeinsames Ziel war schließlich die Reaktivierung
der "Gilde freiheitlicher Bücherfreunde" der anarchosyndikalisti-
schen Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD), die von 1929-1933
bestand (6) , doch reichten die persönlichen Kräfte zur Umsetzung
dieses ehrgeizigen Vorhabens letztlich nicht aus. Das ist auch deshalb
bedauerlich, da Anares im Nach-68er-Anarchismus vermutlich am
ehesten die Struktur gehabt hätte, eine solche Initiative umzusetzen.
Wünschenswert wäre eine Wiederbelebung weiterhin allemal, zumal
mit handwerklich hochwertig wie inhaltlich sorgfältig lektorierten
Büchern im Zeitalter von e-publishing ein auch bibliophil anspre-
chender libertärer Kontrapunkt gesetzt werden könnte.

Neben den von allen gemeinsam getragenen Vorhaben gab es noch
einzelne Aktivitäten, die von 2 oder 3 Projekten der Föderation rea-
lisiert wurden, so z.B. einige in Kooperation herausgegebene Bücher,
etwa die Bibliographien zu Peter Kropotkin und Gustav Landauer
und die - teilweise mit neuen Vorworten versehenen - Neuausgaben
"Das Recht auf Faulheit" von Paul Lafargue und "Gott und der Staat"
von Michael Bakunin (7) . Ferner erschienen als Kooperationen unter-
schiedlicher Anares-Projekte etliche Antiquariatskataloge.

So wie die Föderation über kein offizielles Gründungsdokument ver-
fügt, so erfolgte auch nie eine öffentliche Auflösung. Die Auflösung
der Föderation war ein schleichender Prozeß: einzelne Gruppen be-
endeten ihre Arbeit, ab Ende der 1990er Jahre gab es keine Treffen
und gemeinsamen Publikationen mehr. Nach der angekündigten
Auflösung von Anares in Bremen für Ende 2013 (dazu untenstehend
mehr) existiert nurmehr das Comenius-Antiquariat in Hilterfingen/
Schweiz als Überbleibsel der ehemaligen Anares Föderation.

Selbstverständnis

Die Zusammenarbeit erfolgte auf der Grundlage eines libertären
Föderalismus, der sich vom staatlich-politischen Föderalismus u.a.
durch seinen strikt basisdemokratischen Charakter unterscheidet
(8) . Betont wurde der dezentrale Charakter: so waren die einzelnen
Projekte als Ansprechpartner als Wiederverkäufer für bestimmte
Verlage sowie als Lieferanten an die Endkunden für bestimmte Post-
leitzahlbereiche zuständig (eine Ausnahme bildeten bei letzterem
antiquarische Bücher, die nur bei
einem einzelnen Projekt verfüg-
bar waren). Durch die dezentrale
Organisation erhoffte man sich
einen besseren, direkteren Kon-
takt zu Lieferanten und Kunden,
zudem sollte dadurch eine stär-
kere regionale Anbindung bei der
politischen Arbeit sowie bei Ver-
anstaltungen und Büchertischen
etc. gewährleistet werden.

Ein weiteres Merkmal der Föde-
ration war der im Rahmen des
anarchistischen Spektrums stark
pluralistische Ansatz: obgleich
die individuellen Schwerpunkte
der einzelnen in der Föderation
organisierten Personen durchaus unterschiedlich waren, begriff man
Anares als Service-Institution für "pazifistische, kommunistische,
individualistische, religiöse, syndikalistische, feministische, sandi-
nistische, undsoweiteristische AnarchistInnen"(9).

Bedeutung

Ohne falsche Bescheidenheit kann man sagen, dass Anares im
deutschsprachigen Nachkriegsanarchismus ein einmaliges Projekt
war und - gerade auch angesichts der Tatsache, dass nie gleichzeitig
mehr als maximal knapp ein dutzend Menschen beteiligt waren -
Beachtliches geleistet hat.

Zum einen haben die beteiligten Einzelprojekte miteinander einen
Ansatz der gemeinsamen Praxis entwickelt, der gerade vor dem ge-
genwärtigen Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrisen seit
2007ff. aktuell wäre. Die publizistischen Forderungen nach koope-
rativen Wirtschafts- und Lebensformen und einer gemeinwohlo-
rientierten Ökonomie sind seit einigen Jahren unüberlesbar (10) . In
diesem Zuge erlebten z.B. auch Genossenschaften in der BRD in den
letzten Jahren eine kleine Renaissance. Ein Projekt wie die Anares-
Föderation wäre insofern hinsichtlich selbstverwalteter Ökonomie
weiterhin ein zeitgemäßes Modell (gerade auch vor dem Hintergrund
der Landauer schen Forderung, den libertären Sozialismus schon vor
der Revolution praktisch zu beginnen)(11), auch wenn dieser Ansatz
heute konsequent weiterentwickelt werden müsste.

Zum anderen hat Anares eine Kontinuität, Qualität und Quantität li-
bertärer Medienproduktion und -distribution erbracht, wie sie in der
deutschsprachigen libertären Bewegung leider allzu selten ist. Allein
das reine Ausmaß dessen, was da unter dem (Anti-)Label von Anares
realisiert wurde, ist beeindruckend: in der gut 10 Jahre andauern-
den Hoch-Zeit der Föderation erschienen 3 Bibliographien, 53 um-
sonst versendete Infos, ungezählte Antiquariatskataloge und wurden
knapp 10 Bücher kooperativ produziert, von den in den eigenständi-
gen Verlagen selbst herausgebrachten Büchern und aus dem Anares-
Zusammenhang entstandenen Publikationen wie der "Antifaschisti-
schen Literaturliste" (Redaktion Anares Nord), der politischen Arbeit
vor Ort, der Beteiligung an Kampagnen z.B. zum Wahlboykott, der
Organisation und Durchführung von Veranstaltungen, Bücherti-
schen etc. ganz zu schweigen.

Bis heute erstaunt mich eigentlich immer wieder, wie bekannt der
Name Anares selbst unter jüngeren Menschen oft heute noch ist,
wenn ich z.B. in andere Städte reise und dort mit Anarchist*innen
in Kulturzentren oder an WG-Tischen beisammensitze. Dass es nicht
gelang, dieses "Kapital" weiter auszubauen bzw. sich bisher keine
Menschen fanden, die hieran anknüpfen würden, ist im Grunde be-
dauerlich (vielleicht aber eben auch Ausdruck des gegenwärtigen Zu-
standes des libertären Spektrums). Und die oft kurzlebige anarchisti-
sche (Projekte-)Szene - Anares gehörte hier ja zu den langlebigeren
Projekten - könnte zweifellos einige kontinuierlichere Strukturen
dringend brauchen.

Zum Ende von Anares (Bremen)

Nicht verschwiegen werden kann, dass die Ökonomie der einzelnen
Anares-Projekte immer wieder auch prekär war. In Relation zum
Umsatz war der finanzielle Aufwand enorm (Druck und kostenloser
Versand von Infos und Katalogen, gebundenes Kapital, dass in neu
gedruckten und aufgekauften Büchern steckte - Anares kaufte z.B.
die Reste von Verlagen auf, um die Titel weiterhin lieferbar halten
und preisreduziert anbieten zu können - etc.).

Hinzu kamen z.T. ökonomische Unkenntnis bzw. Naivität, Buch-
und Infoläden sowie Einzelpersonen, die ihre Rechnungen nicht be-
zahlten etc. Anares blieb für die Beteiligten immer ein finanzieller
Drahtseilakt mit starker "Selbstausbeutung", bei der oft über viele
Jahre hinweg fremdbestimmt gearbeitet werden mußte, um sich das
Anares-Projekt "leisten" und aufrechterhalten zu können. Gerade bei
sinkenden Bestellzahlen war es vor dem Hintergrund dieses perma-
nenten Drucks schwierig, sich immer wieder weiter zu motivieren.
Die stark veränderte Situation der Buchbranche durch das Internet
samt massivem Preisverfall wäre einen eigenen Beitrag wert(12).

Diese hier nur angedeutete Problematik führt auch bei Anares
"Nord" (Bremen) zu mehreren Versuchen der Um- und Neustruk-
turierung. Der Umzug nach Bremen und oben genannte öffentliche
Raum/ Laden gehört ebenso dazu wie das Projekt "Neustart Anares",
bei dem Anares mit der Gründung einer Genossenschaft auf stärkere
finanzielle wie personelle Beine gestellt werden sollte. Leider war das
Feedback auf diese Pläne zu gering. Diese Ernüchterung wiederum
führte dazu, dass der kleinen Genossenschafts-Gründungsgruppe
die Kräfte fehlten, das Genossenschaftsprojekt dennoch zu wuppen.
Aufgrund der schwierigen Entwicklung der Trotzdem-Verlagsgenos-
senschaft waren zudem interne Mindest-Gründungskriterien als Vor-
gabe entwickelt worden, die verfehlt wurden. Um nicht in die klas-
sischen Fallen der Projekte-Szene zu tapsen (chronische personelle
Überforderung aufgrund zu wenig engagierter Menschen, finanzielle
Unterfinanzierung etc.) war es ein Gebot der Vernunft, das Genos-
senschaftsprojekt abzublasen. Ein "weiter wie bisher" jedoch kann es
aus den oben genannten Gründen nicht geben. Vor diesem Hinter-
grund ist die Auflösung des Vertriebes die notwendige Konsequenz.


1) Die ersten Abschnitte dieses Textes orientieren sich am Wikipedia-Eintrag zu Anares

2) Die Neuübersetzung erschien unter dem Titel "Die Enteigneten - Eine ambivalente Utopie", Bellheim 2006

3) Gerald Grüneklee (Hrsg.): Anares Anarchismus Katalog 2013, Bremen 2013, S. 6ff. sowie www.ur.dadaweb.de/dada-p/P0000780.shtml

4) http://deu.anarchopedia.org/Libertäre_Tage

5) Anarchistisches Forum (Hrsg.): Libertäre Tage Ostern ,93 in Frankfurt - Dokumentation, Frankfurt 1994

6) Wolfgang Haug: Zum Thema Anarchismus. Teil 3: Die Gilde freiheitlicher Bücherfreunde. In: Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft, Heft 5, Lübeck 1994

7) Gerald Grüneklee (Hrsg.): Anares Anarchismus Katalog 2013, Bremen 2013, S. 6ff.

8) Helmut Rüdiger: Föderalismus - Beitrag zur Geschichte der Freiheit, Berlin 1979

9) Anares Föderation anarchistischer Vertriebe (Hrsg.): Anares Bibliographie lieferbare anarchistische Bücher 1988/ 89, Bern 1988, zit. nach dem Rückumschlag

10) eine Liste zur neueren Literatur zum Thema würde hier den Rahmen sprengen, genannt seien stellvertretend hier nur Konny Gellenbeck (Hrsg.): Gewinn für alle
Genossenschaften als Wirtschaftsmodell der Zukunft, Frankfurt 2012; Findus, Caterina Metje: Kleine Geschichte der Genossenschaften - Beispiele aus der
Kooperativbewegung, Münster 2013

11) Gustav Landauer: Beginnen - Aufsätze über Sozialismus. Hrsg. von Martin Buber, Köln 1924 (Neuausgabe Wetzlar 1977)

12) Zu den Schwierigkeiten der Gegenöffentlichkeit im digitalen Zeitalter wird in der nächsten Gai Dao ein Beitrag erscheinen.
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