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(de) FdA-IFA, Gai Dào #34 - "so was habe ich in meinem ganzen leben noch nicht gesehen." ---- ein interview mit einer brasilianischen anarchistin über das land und die proteste im juni 2013 - Von: nigra

Date Wed, 13 Nov 2013 14:51:51 +0200


Anm. d. Red.: In dieser Ausgabe haben wir auf expliziten Wunsch von nigra dessen Interview in Kleinschreibung übernommen. Wir möchten die Gelegenheit ergreifen und ein wenig Feedback unserer Leser*innen einholen: Spielt die Schreibweise für euch eine Rolle? ---- enila dor lebt in porto alegre in brasilien. sie ist seit vielen jahren politisch aktiv und organisiert sich zu verschiedenen themen wie feminismus und anarchismus in gruppen und netzwerken und in der anarchopunkszene. ---- die proteste und den widerstand in porto alegre hat sie aus nächster nähe miterlebt. ---- das interview wurde von mitte juli bis mitte august 2013 auf englisch per email geführt. ---- nigra: hallo enila. erstmal danke, dass du dir die zeit nimmst, meine fragen zu beantworten. ---- enila: ich danke dir. es ist eine gute gelegenheit, darüber zu berichten, was hier los ist. zeit ist auch eine frage der prioritäten.

wenn ich an brasilien denke, dann kommen mir begriffe wie ama-
zonas, regenwald, yanomami, rio de janeiro, zuckerhut, karneval
und favelas in den sinn. strenge ich mein hirn stärker an, tauchen
da auch chico mendez, die landlosenbewegung, roberto freire und
ein paar coole anarchopunkbands auf. wie würdest du brasilien
beschreiben?

das ist wirklich eine schwere frage. brasilien ist all das, was dir in
den sinn kam, eine mischung aus der realität und dem, was sich gut
an nichtbrasilianer_innen verkaufen lässt. brasilien ist ein riesiges
land mit verschiedenen kulturen, so dass wir sagen können, dass
hier viele länder in einem existieren. was in all diesen gleich ist, sind
die gesetze: alle bundesstaaten haben die gleichen mehrheitsrechte.
die großen medien, die sieben reichen familien gehören, formen und
kontrollieren die öffentliche meinung (ähnlich wie in anderen län-
dern). es gibt viele gesellschaftsschichten und sehr große unterschie-
de zwischen ihnen. die reichtümer sind im besitz einer sehr kleinen
minderheit. die natur ist großartig, aber in den großstädten ist sie
weit weg und der größte teil des wassers, der flüsse und meere rund
um die städte ist sehr verschmutzt. gentrifikation ist groß im kom-
men, vor allen dingen wegen der fußballweltmeisterschaft der män-
ner im kommenden jahr. es ist auch wichtig, sich daran zu erinnern,
dass brasilien eine sehr hohe rate von gewalt gegen frauen hat. sie
werden diskriminiert: frauen bekommen weniger gehalt für die glei-
chen jobs. viele mädchen und frauen prostituieren sich und während
der weltmeisterschaft wird der sex-tourismus noch mal zunehmen.
brasilien ist auch ein rassistisches land. wir leben in einer art apart-
heid: grundsätzlich leben schwarze menschen in ärmlichen gegen-
den. sie werden öfter von der polizei ins visier genommen und erfah-
ren mehr polizeibrutalität. sie haben weniger zugang zu schulen und
jobs. schwarze frauen leiden darunter doppelt.

indigene menschen werden immer noch von ihrem land vertrieben
und umgebracht.

es ist eine pessimistische darstellung, aber ich sehe keinen grund da-
rin, hervorzuheben, dass es hier wunderschöne plätze in der natur
gibt, die menschen herzlich sind, usw. usf. jede_r weiß das.

wie steht es um die anarchistische bewegung in brasilien? gibt es
gruppen, netzwerke oder föderationen?

es gab eine starke anarchistische bewegung am anfang des 20. jahr-
hunderts, beeinflusst von europäischen einwanderer_innen. es gab
einige anarchistische zeitungen, anarchist_innen waren an zwei ge-
neralstreiks beteiligt und es gab kommuneexperimente. all das ver-
schwand, als die repression und verfolgung während der diktaturen
in den 1930er, 1950er und 1960er jahren zunahmen. in den letzten 20
jahren gewann der anarchismus an stärke und sein wiedererwachen
ist teilweise auf die punkbewegung zurückzuführen. dort war er the-
ma in der mitte der 1980er jahre. seit da entstehen föderationen, an-
archopunkbands, netzwerke, verlage und buchmessen. es gibt auch
organisierte anarchafeministische gruppen. und obwohl ich nicht an
einen anarchismus ohne feminismus glaube, hebe ich den anarcha-
feminismus hervor, da er für viele anarchist_innen kein hauptthema
ist. und ich sage das, während ich mir vorstelle, wie das einige leute
lesen und sagen: "das ist überflüssig. es ist nicht notwendig, anarcha-
feminismus so zu betonen." ich sage aber, dass es sehr wohl notwen-
dig ist, den anarchafeminismus auch unter anarchist_innen immer
zum thema zu machen, weil es leider auch in der libertären szene viel
machismus und gewalt gibt.

bist du organisiert und wenn ja in welcher form?

ja, ich versuche organisiert zu sein, haha. nein, im ernst, ich bin in
anarchistischen kollektiven organisiert, ich habe eine kleine bezugs-
gruppe und bin teil eines anarchafeministischen kollektives. ich ar-
beite in einem feministischen netzwerk und bin teil einer selbstver-
teidigungsgruppe für frauen. meine kleine bezugsgruppe und mein
feministisches kollektiv organisieren veranstaltungen und aktionen
mit anderen anarchistischen gruppen oder libertären sozialen bewe-
gungen. und im nächsten november organisieren wir die vierte anar-
chistische buchmesse von porto alegre.

die proteste begannen am 14.06.2013. ich war von der intensität und
größe völlig überrascht. als ich dann aber nachgeforscht habe, lern-
te ich schnell, dass sie nicht in einem vakuum entstanden, sondern
eine vorgeschichte haben.

hier in porto alegre begannen die proteste im februar dieses jahres.
jedes jahr im februar steigen die preise der bustickets und über viele
jahre gab es schon proteste in großen städten. aber klar, dieses jahr
waren die intensität und quantität viel größer und es fanden auch in
vielen kleinstädten proteste statt.

gab es anarchistische beteiligung an den protesten und wenn ja,
konnte diese sich inhaltlich einbringen?

sie wurden hauptsächlich von anarchist_innen und einigen linken
parteien initiiert. überraschenderweise kamen anarchistische ideen
in die öffentlichkeit. die leute begannen über anarchismus zu reden.
die medien und die regierung konnten nicht leugnen, dass anarchist_
innen beteiligt waren. es gab einige ermittlungen gegen anarchist_
innen und z.b. die anarchistische föderation (fag) hier wurde von der
polizei ohne durchsuchungsbefehl gerazzt.

der höhepunkt der proteste scheint überschritten zu sein, der cup
ist zu ende. wie sieht es aktuell aus?

es ist noch nicht vorbei. die proteste gehen an vielen orten weiter,
hauptsächlich in rio de janeiro, aber mit weniger intensität. es ist
wichtig zu sagen, dass die leute nun (in einem positiven sinn) an die
proteste gewöhnt sind. das macht es leicht möglich, wenn nicht sogar
unumgänglich, dass neue proteste aufkommen.

in irgendeinem interview habe ich gelesen, dass es kein zufall war,
dass die proteste genau mit dem cup zusammenfielen: heute schaut
die welt auf uns! dort wurde auch prophezeit, dass rechtzeitig zum
world cup eine neue phase des protests anstehen wird. wie siehst
du das?

ich denke, dass die proteste größer wurden, als der cup begann. die
zwangsräumungen, die abschottung der innenstadt, die krankenh-
ausschließungen und die armee in den straßen machten eine antwort
dringlicher. wenn die fußballweltmeisterschaft der männer beginnt,
das glaube ich auch, werden die proteste stark wiederkommen.

wie sahen die proteste in deiner heimatstadt porto alegre aus?

die proteste waren sehr intensiv. es gab viel polizeigewalt und sehr
viele riots. so was habe ich in meinem ganzen leben noch nicht gese-
hen. eigentlich begannen die proteste hier in porto alegre radikaler
zu werden, dann in sao paulo und dann an anderen orten. es war
unglaublich zu sehen, wie jeden tag proteste stattfanden und wie ein
protest in einer stadt die menschen in der anderen motivierte und
umgekehrt. es war wie eine verbindung und auch ein netzwerk. der
alltag veränderte sich sehr stark. banken und läden schlossen früher,
die leute beendeten ihre schichten auch früher. nach den kämpfen
der ersten nacht verrammelten die banken und läden ihre fenster
und viele mussten das wieder und wieder tun. die polizei war sehr
gewalttätig und setzte eine menge tränengas ein. das tränengas ging
aus und der staat musste mehr bestellen. es wurde auch abgelaufe-
nes gas eingesetzt. anderes gas war dafür bestimmt, in kriegsgebiete
geschickt zu werden, erreichte diese länder aber nie, sondern wurde
hier eingesetzt. es hatte eine andere zusammensetzung und darf hier
in brasilien nicht eingesetzt werden (aber in einigen afrikanischen
ländern...). einige menschen starben durch den einsatz von tränengas.
es wurden auch gummigeschosse benutzt, pfefferspray, wasserwerfer
und scharfe munition. es wurden menschen gefoltert und menschen
verschwanden. nicht zu vergessen die menschen, die später tot auf-
gefunden wurden. frauen haben sexualisierte gewalt erfahren und
wurden vergewaltigt. favelas (slums; d.ü.) wurden auch öfter über-
fallen und es gab dort massaker: im erwähnenswertesten fall in der
favela da mare in rio de janeiro wurden zehn menschen erschossen.
viele demonstrant_innen wurden von autofahrer_innen überfahren,
da diese es nicht abwarten konnten, bis die demonstration vorüber-
gezogen war. einige menschen starben. hier ist es wichtig zu erwäh-
nen, dass brasilien eine starke autokultur hat und fahrer_innen, die
jemanden verletzen oder töten, werden selten bestraft.

in europa erleben wir u.a. in frankreich und ungarn einen krassen
rechtsruck. eine zeit lang wurde berichtet, dass rechte gruppen die
proteste für sich instrumentalisieren würden und ihnen das auch
gelänge. gibt es eine nennenswerte rechte bewegung in brasilien
und konnte diese wirklich in den letzten wochen punkten?

ich denke, dass die rechte unterschiedliche tendenzen hat. nationa-
lismus ist immer dabei, aber in verschiedenen ausprägungen. eine
ist militaristisch, eher traditionell und konservativ, inspiriert von
faschistischen und imperialistischen ideen. die andere ist nationalis-
tisch in ihrer verehrung für brasilien. beide waren bei den protesten
präsent. ich denke, dass die letztere erfolgreicher war. sie versuchte
die proteste zu entpolitisieren und die menschen abzuschrecken.

ich bin immer wieder davon überrascht, dass bei solchen bewe-
gungen, die jeweiligen nationalflaggen des entsprechenden landes
zuhauf geschwenkt werden. so auch auf vielen fotos und in vielen
videos aus brasilien. als anarchist sehe ich patriotische tendenzen
immer mit sorgen. was würdest du an den protesten kritisieren?

die proteste begannen wegen der erhöhung der busticketpreise und
auch wegen der anderen dinge bezogen auf den cup und die ausga-
ben der regierung für die nächste die fußballweltmeisterschaft. es
war eine totale überraschung für die gesellschaft, dass sich so viele
menschen beteiligten und mit engagement und stärke protestierten.
so war es eine offene tür für die opportunist_innen, die meisten von
ihnen aus der mittelschicht, engagiert gegen korruption, und rechte
parteien und organisationen. die medien spielten eine wichtige rolle
dabei, die proteste zu befrieden und die protestierenden zu verfolgen,
die an den riots beteiligt waren. die medien verbrachten die ganze
zeit damit, einen unterschied zwischen den "guten" und den "bösen"
protestierenden zu konstruieren. sie begannen zu behaupten, dass
die proteste sich nur gegen die korruption richten würden. sie ver-
suchten so, die ursprünglichen themen unter den teppich zu kehren.
nationalist_innen und moralisierende pazifist_innen kamen zu den
protesten. brasilianische flaggen wurden geschwenkt und nationalis-
mus wurde in die szenerie eingebracht. es tat weh zu beobachten, wie
leute die polizeigewalt entschuldigten. es war abscheulich, friedens-
bewegte menschen zu beobachten, wie sie militante protestierende
angriffen, die an den riots teilnahmen oder nur graffitis sprühten.
die gewalt nahm zu, als neonazis auftauchten und anarchist_innen,
punks, leute von mst (movimento dos trabalhadores sem terra; bewe-
gung der landlosen arbeiter_innen) und menschen von linken par-
teien angriffen. es wurde sehr chaotisch und groß, so dass wir nicht
wussten, in welche richtung sich die dinge entwickeln würden. wir
hatten angst vor einem staatsstreich. die atmosphäre war seltsam ge-
fährlich und schwer.

siehst du parallelen zum arabischen frühling oder der gezi-park-
bewegung in der türkei? auch dort fing ja alles ganz "harmlos" an
und breitete sich dann wie ein feuer übers ganze land aus.

die gemeinsamkeiten, die ich sehe, sind, dass die menschen das
vertrauen in die demokratie verloren haben und dass das internet
geholfen hat die dinge leicht und wie einen virus zu verbreiten. in
dieser zeit musst du nicht teil einer politischen bewegung sein, um
an kämpfen teilzunehmen, sondern du folgst gruppen und blogs. das
hat positive und negative seiten, mit denen wir klar kommen müssen.

du lebst in porto alegre. die millionenstadt im süden brasiliens
wurde bei uns hauptsächlich dadurch bekannt, dass dort über jahre
hinweg das weltsozialforum stattfand. zusätzlich wurde porto aleg-
re hierzulande dafür gelobt, dass ein bis in die stadtteile reichen-
des system der mitbestimmung und selbstverwaltung eingerichtet
wurde, z.b. über bauvorhaben und den gemeindehaushalt sollte so
von möglichst vielen menschen mitentschieden werden. inwieweit
spiegelt sich das in deiner lebensrealität wider?

ich denke, dass diese sebstverwaltung nicht so funktioniert, wie es
den anschein hat. die beweise dafür sind z.b. die zwangsräumungen,
die wachsende anzahl von einkaufszentren, die immer größeren
straßen und brücken, die die stadtteile durchschneiden. eigentlich
ist "selbstverwaltung" nicht die richtige bezeichnung dafür, sondern
"bevölkerungsberatung" und es bedeutet nicht, dass die von den
menschen als dringlich betrachteten themen in die realität umge-
setzt werden. es gibt das ganze nun schon seit mehr als 20 jahren und
es gibt immer noch viele stadtviertel ohne abwasserentsorgung und
viele gemeinwesen haben keine schulen und öffentlichen verkehrs-
mittel, wie sie sie gerne hätten.

enila, ich danke dir und wünsche euch alles gute für eure kämpfe.
vielen dank. die fragen waren sehr interessant. ich hoffe, dass meine
ausführungen den leuten bei euch etwas sagen werden.
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