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(de) FdA-IFA, Gai Dào #34 - "Ich habe meine Prinzipien beibehalten und habe nicht vor, ihnen abzuschwören" -- Anarchist Alexander Frantzkewitsch aus dem Gefängnis entlassen Von: Charta97.org / Übersetzung: Ndejra

Date Tue, 12 Nov 2013 23:33:00 +0200


Dieses Interview ist am 03. September auf dem weißrussichen oppositionellen Informationsportal Charta97.org erschienen, als einer der 2010 inhaftierten und 2011 nach
einem fabrizierten Prozess zu drei bis acht Jahren Gefängnis bzw. Strafkolonie verurteilten Anarchisten, Alexander Frantzkewitsch, in die weißrussische "Freiheit" entlassen wurde. Aus dem Russischen übersetzt von Ndejra. ---- Alexander, wir gratulieren zu Ihrer Freilassung. Die Obrigkeit versuchte nach allen Kräften, den Prozess, in den Sie, Nikolaj Dedok und Igor Olinewitsch verurteilt wurden, als einen gewöhnlichen Strafprozess darzustellen. Als Folge wagten viele Bürgerrechtsorganisationen lange nicht, Sie als einen politischen Gefangenen zu bezeichnen. Wie schätzen Sie Ihre Verhaftung und die Verhaftung Ihrer Genossen ein?

Das Ziel der Obrigkeit war nicht, die Schuldigen zu finden, son-
dern die anarchistische Bewegung zu neutralisieren, egal, welchen
Kampfmethoden wir anhängen würden. Z.B. die Tatsache, dass im
Laufe des Prozesses noch ein Angeklagter, Maxim Wetkin, freige-
lassen wurde, und ich, Dedok und Olinewitsch verurteilt wurden,
bedeutet, dass für sie die Überzeugung wichtiger war, an der wir
während des Prozesses festhielten, als der Straftatbestand, den sie
uns anzuhängen versuchten. Der Prozess war absolut politisch, er
hatte nur mit unseren politischen Überzeugungen zu tun. Und wir
sind davon überzeugt, dass in diesem Land eine Diktatur herrscht
und wir gegen sie kämpfen müssen. Je länger ich einsaß, desto mehr
war ich davon überzeugt.

Was meinen Sie, hat man Sie zufällig drei Monate vor den Präsi-
dentschaftswahlen verhaftet?

Als Katalysator diente der Angriff auf die russische Botschaft. Das
hat internationale Resonanz ausgelöst. Lukaschenko sagte, dass da-
hinter russische Geheimdienste stünden. Natürlich auch die näher
rückenden Wahlen spielten ihre Rolle. Wären wir aber nicht im Sep-
tember verhaftet worden, wären wir sowieso im Dezember im Knast
gelandet zusammen mit allen anderen Oppositionellen, die nach den
Wahlen verhaftet wurden. Früher oder später wäre das passiert - mit
oder ohne Straftatbestand - wir wären auf jeden Fall unter die Räder
geraten.

Man mutmaßte, dass Ihre Verhaftung und der Charakter der An-
klage eine geheimdienstliche Operation war, dafür geplant, um
die Opposition am Vorabend der Provokation am 19. Oktober 2010
als militant darzustellen.

Gewissermaßen war das die Vorbereitung zu den Wahlen. Obwohl
an unserer Sache waren z.T. andere Strukturen beteiligt. Der größte
Teil gehörte der GUBOP (die Hauptabteilung der Polizei zur Bekämp-
fung der organisierten Kriminalität), die an den Geschehnissen am
19. Oktober am wenigsten beteiligt war. Aber im Grunde genommen
war es ihr Ziel, unsere symbolischen Aktionen zu stoppen, die der

Obrigkeit auf den Nerv gingen, und die gesamte zivilgesellschaftliche
Aktivität im Lande lahmzulegen. Ich persönlich bin der Meinung,
dass am 19.10.2010 die Obrigkeit nicht nur die gesamte Zivilgesell-
schaft zerdrücken wollte. Lukaschenko setzte sich als Ziel, seinen
eigenen Verwaltungsapparat weiterhin in Hörigkeit zu halten, seine
eigene Bürokratie, die vermutlich zu einem gewissen Moment anfing,
ihn für einen nicht besonders effektiven Herrscher zu halten.

Welche Rolle spielte in Ihrem Prozess der KGB?

Mit mir sprachen meistens die Mitarbeiter der GUBOP. Aber es war
offensichtlich, dass der KGB die Arbeit der GUBOP begleitete und
überprüfte, inwieweit sie ihrer Aufgabe gerecht werden.

Haben die Mitarbeiter der Geheimdienste versucht, Sie anzuwer-
ben?

Ja, während der Untersuchung. Eigentlich, die ganze Anklage gegen
mich fußt darauf, dass ich mich geweigert habe, mit den Behörden
zu kooperieren. Von mir wurden Adressen, Passwörter verlangt. Das
konnte ich ihnen aufgrund meiner Prinzipien nicht geben, deswegen
bin ich auch im Knast gelandet.

Haben Sie irgendwelche Informationen über Igor Olinewitsch? Er
wurde in Moskau entführt, zu einer harten Strafe verurteilt -
8 Jahre Freiheitsentzug.

Igor Olinewitsch war ein starker anarchistischer Anführer, er konnte
überzeugen, war in der anarchistischen Theorie gut bewandert. Dar-
auf war eigentlich die Anklage gegen ihn aufgebaut. In seinem Buch
"Ich fahre nach Magadan" erzählt Oline-
witsch davon, wie ihn die Geheimdienste
anwerben wollten. Das zeugt davon, dass
die Geheimdienste ihn einfach in ihren In-
teressen benutzen wollten. Als er sie aber
zurückgewiesen hatte, haben sie sich an
ihm gerächt, wollten ihn auf diese Weise
innerlich brechen.

Konnten Sie sich mit ihm während der
Gerichtsverhandlung unterhalten?

Ja, während der Verhandlung erzähl-
te mir Igor persönlich, wie er in Moskau
entführt wurde. Er ging zum Treffen mit
einem unserer Genossen, der von den Ge-
heimdiensten angeworben wurde, wie sich
herausstellte. Damit rechnete Igor nicht, er
dachte, im Moskau würden ihn die Repressionen nicht mehr errei-
chen. Aber es stellte sich heraus, dass der weißrussische Staat ziem-
lich lange Hände hat. Sie wurden also verhaftet und mit dem Auto
über die Grenze gebracht. Ein Kilometer von der weißrussisch-russi-
schen Grenze entfernt wurde das Verhaftungsprotokoll erstellt. Dem
Protokoll nach hat angeblich irgendein Leutnant Igor festgenommen.

In drei Jahren der Gefangenschaft waren Sie im Karzer und in
der Haftzelle, man hat Ihnen Pakete, Zeitungen, Bücher und Brie-
fe von Verwandten verweigert. Warum war man so grausam zu
Ihnen?

In gewisser Weise hing das mit dem Begnadigungsprozess zusam-
men, den die weißrussische Obrigkeit gestartet hat. In gewisser
Weise auch mit den Konflikten mit der Gefängnisadministration
selbst. Alle Methoden der Einflussnahme auf die Gefangenen sind ja
bekannt. Ich habe mehrmals davon gehört, was mit Nikolaj Statke-
witsch und Igor Olinewitsch passiert. Solche Methoden werden gegen
diejenigen angewendet, die Prinzipien oder Überzeugungen haben
und nicht vorhaben, angeworben zu werden oder mit der Administ-
ration zu kooperieren.

Wie konkret wurde von Ihnen verlangt, dass sie ein Begnadi-
gungsgesuch schreiben?

Mir wurde zweimal angeboten, das Begnadigungsgesuch zu schrei-
ben. Das tat der Direktor der Strafkolonie. Er sagte, andernfalls wür-
de ich die volle Frist absitzen, was im Prinzip auch passiert ist. Später,
als der Druck anfing, hat man mir gegenüber angedeutet, dass an-
geblich alles, was mit mir passiert, damit zusammenhängen würde,
dass ich ein Begnadigungsgesuch schreiben sollte. Das haben wenn
nicht die Bediensteten angedeutet, dann ihre Agenten unter den Ge-
fangenen.

Und was haben diese Agenten gemacht?

Sie schufen um mich herum unerträgliche Atmosphäre. Nicht alle
Gefangenen kooperieren mit der Administration offen, manche tun
dies heimlich und haben das Vertrauen an-
derer Gefangenen. Also haben sie versucht,
um mich herum eine künstliche Isolation
zu schaffen, mich der Möglichkeit, mich
mit jemand gut zu unterhalten, zu berau-
ben und mich auf diese Weise zu brechen.

Was hat Ihnen geholfen, diese drei Jahre
durchzuhalten? Sie sind ja in den Knast
mit 20 Jahren gekommen.

Meine Überzeugungen und Prinzipien,
meine Genossen, die mich stets unterstützt
haben. Ich habe meine Prinzipien beibehal-
ten und habe nicht vor, ihnen abzuschwö-
ren.

Nikolaj Statkewitsch teilte mit, dass die
Obrigkeit zu allem bereit ist in ihren Versuchen, die Gefangenen
zu brechen - bis zu den Vergewaltigungsdrohungen.

Mir persönlich hat man damit nicht gedroht, aber ich glaube, dass
Statkewitsch in einer sehr komplizierten Situation ist, weil er heu-
te der einzige Präsidentschaftskandidat ist, der im Knast sitzt. Seine
Haltung ist sehr prinzipiell, er hat viel Einfluss in den Massenmedien
und das, natürlich, nervt Lukaschenko selbst und seine Umgebung.

Nun werden Sie ein halbes Jahr unter der Polizeiaufsicht stehen.
Was heißt das?

Ich werde verpflichtet, von 22 bis 6 Uhr zu Hause zu bleiben, die Poli-
zei beim Umzug zu informieren, die Gegend ohne das Einverständnis
des Polizeipräsidiums nicht zu verlassen. Ich darf Bars, Restaurants
und Orte, wo Alkohol verkauft wird, nicht aufsuchen, obwohl die-
ses Verbot mir ein wenig komisch scheint, weil ich keinen Alkohol
trinke.

Was sind Ihre nächsten Pläne in der Freiheit?

Jetzt fahre ich nach Minsk. Dort werde ich mir eine Arbeit suchen.
Nach einer kurzen Adaptationsperiode zu Hause in Nowopolotsk
komme ich zurück. Ich werde in Minsk wohnen, in der anarchisti-
schen Bewegung mitmischen, arbeiten und irgendwie für meinen
Unterhalt sorgen.

Quelle:

http://charter97.org/ru/news/2013/9/3/74985/

Weitere Infos:
http://abc-belarus.org/ und http://belarussolidarity.blogsport.de/
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