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(de) Fauchthunrundmail: 11.9.08 Spitzelgeschichten

Date Thu, 11 Sep 2008 13:40:14 +0200



Die Securitas Affäre zieht seine Kreise. Werden noch weitere Spitzel
auffliegen? Im Anhang die 20-seitige Broschüre vob T'Okup' zum
runterladen und ausdrucken. T?Okup? ist eine Zeitung aus dem Umfeld des
selbstverwalteten Lausanner Kulturzentrum Espace Autogéré. Aus aktuellem
Anlass erscheint diese Ausgabe auch in deutscher Übersetzung. -----
hallo, liebe genossInnen ----- im anhang findet ihr die interessante
broschüre zur aufdeckung des securitas-spitzel. --- bitte meldet euch,
wenn ihr mehr dazu wisst, erfahren habt oder sonstige infos in diese
richtung habt. ---- solidarität ist unsere waffe - auch gegen spitzel

Rote Hilfe


Inhaltsverzeichnis


Einleitung................................................3

Stellungsnahme der Groupe anti-répression (gar)?????????? 4

I Der Weg der Agentin.................................... 5

II Securitas, der nützliche Partner in allen
Belangen...................................... 6

III Politische Bilanz .................................... 10

Der allgegenwärtige Sicherheitsdiskurs ...........^...... 10

Wenn die Macht die Kritik vereinnahmen will ...
................................. 11

Der alte Refrain der Gewaltfrage? ............................... 11

?der von der Sozialdemokratie im Chor angestimmt wird.............. 12

Fragen und Hypothesen
.............................................................. 13

IV Und was können wir daraus lernen?
........................................................ 14

Annex T?oKup?

A. Fanny Decreuze alias Shanti
Muller.................................................. 16

B Gilbert Monneron
.................................................................. 18

C Organigramm Securitas/VSSU/Armee
....................................... 19




Einleitung

Wir publizieren hier einen Text der Anti-Repressions-Gruppe aus Lausanne
(gar), der die Bespitzelung des gar durch eine Securitas-Agentin
enthüllt. Die Affäre flog im Zusammenhang mit dem Nestlégate vom Juni
2008 auf, als bekannt wurde, dass die Securitas-Agentin «Sara Meylan» im
Auftrag des Nestlé-Konzerns die Gruppe attac-Waadt ausspioniert hatte.
In diesem Zusammenhang tauchten andere Namen und Personen auf. Eine
davon ist «Shanti Muller», mit wirklichem Namen Fanny Decreuze.

Ihre Spitzeltätigkeit begann die Seuritas-Angestellte Fanny Decreuze im
Herbst 2002. Sie interessierte sich für die Vorbereitungen der Proteste
gegen den G8-Gipfel in Evian und knüpfte zunächst in Genf, ihrem
angeblichen Wohnort, Kontakte zur Antiglobalisierungs-bewegung. Später
tauchte sie in Lausanne auf, als die Vorbereitungen für die Anti-WEF 03-
und Anti-G8 Evian-Proteste in vollem Gange waren. Nach Evian nahm sie
bis im Sommer 2005 an den Sitzungen des gar teil. Während der ganzen
Zeit verkehrte sie im Espace Autogéré Lausanne, in besetzten Häusern, im
Forum Social Lémanique in Genf, und ging ? von Genf über Lausanne bis
Landquart ? regelmässig an Demos. Man kann sich leicht vorstellen, dass
sie bei diesen Gelegenheiten viele Informationen sowohl über Personen
als auch über die Szene zusammentragen konnte.

Was nun? Der Text des gar ist das Resultat erster Überlegungen und
Recherchen. Er wird hiermit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht ?
gefolgt von Resultaten unserer eigenen Recherchen ? damit die
Auseinandersetzung auf einer breiteren Ebene weitergeführt wer-den kann.

Politische Fichierung hat eine lange Geschichte in der Schweiz. Diese
letzte Episode bestätigt: Wir werden überwacht, und zwar machmal ganz
aus der Nähe. In der heutigen Zeit von Sicherheitshysterie,
Überwachungswahn und dem Willen der Mächtigen, die totale Kontrolle zu
erlangen, überrascht dies wenig. Verfilzung privater Sicherheitsfirmen
mit Polizei und Armee lassen in diesen Bereichen keine Zweifel übrig.

Doch kann es nicht sein, dass wir in dieselbe Paranoia wie unsere Gegner
versinken. Selbstisolation wäre als solche schon ein Sieg für unsere
ÜberwacherInnen. Vielleicht ist dies die Gelegenheit, sich damit
auseinanderzusetzen, dass gewisse Vorsichtsmassnahmen unter Umständen
notwendig sind, wenn wir ihnen die Aufgabe nicht unnötig vereinfachen
wollen.

In diesen schwierigen Zeiten von Sozialattacken aus allen Ecken erinnern
uns solche Affären auch daran, dass unsere sozialen Kämpfe die
Machthabenden noch immer zum Erzittern bringen.

Der Kampf geht weiter!
T?Okup? ? September 2008



UND WIEDER SPIONIERTE SECURITAS EINE POLITISCHE GRUPPE AUS

Das Westschweizer Fernsehen (TSR) strahlte am 12. Juni 2008 in der
Sendung «Temps présent» eine Reportage über die Ausspionierung der
globalisierungskritischen Gruppe attac durch eine Securitas-Angestellte
aus. Diese bespitzelte unter dem Pseudonym «Sara Meylan»,von 2003 bis
2004 eine Arbeitsgruppe von attac-Waadt, und das im Auftrag des Multis
Nestlé. Einige Wochen später erfährt die Anti-Repressionsgruppe von
Lausanne (gar)*, dass auch sie mit einer ähnlichen, unerwünschten
Infiltration beglückt worden ist.

Unter dem Decknamen «Shanti Muller» besuchte die Chefin des
Investigation Service (IS), einem Ermittlungsservice der Lausanner
Filiale von Securitas, die Sitzungen des gar von Herbst 2003 bis Sommer
2005.

Diese Bespitzelung führte uns zu einigen Überlegungen, die wir
nachfolgend aufzeigen ? sie sind einerseits an die Direktbetroffenen
gerichtet, aber auch an eine breite Öffentlichkeit. Zuerst möchten wir
die Fakten darlegen. Wir werden den Verlauf der Bespitzelung beim gar
kurz skizzieren. Anschliessend werden wir versuchen, die weiteren Orte
aufzulisten, die unseres Wissens von dieser Person ausspioniert wurden.
Danach geben wir eine Übersicht über die Aktivitäten von Securitas, über
ihre Band-breite, sowie über die Verbindungen des Unternehmens zu
Partnern in Politik und Wirtschaft. Dies gibt eine Idee darüber, wie
stark das private Sicherheitsunternehmen in unserer institutionellen
Landschaft verankert ist. Danach ziehen wir eine politische Bilanz. Zum
Abschluss schlagen wir einige Betrachtungen vor, die wir als hilfreich
für die Zukunft betrachten.

*Die «groupe anti-répression» (gar) ist eine seit mehreren Jahren
bestehende Gruppe von AktivistInnen, die sich mit Fragen zum Thema
Repression auseinandersetzt, Personen über ihre Rechte, insbesondere
während politischen Demonstrationen, informiert, Gedächtnisprotokolle
von Repressionsopfern und -zeugInnen sammelt und darüber informiert, wie
im Falle einer Personenkontrolle, einer Verhaftung, eines Verfahrens
oder bei Zeugenaussagen zu reagieren ist. Hinzu kommt eine Arbeit vor
Ort und ein Antireptelefon bei grösseren Mobilisierungen (Anti-G8,
Anti-WEF Mobilisierung usw.) in Lausanne oder anderswo.
Ein weiteres Ziel des gar ist, Öffentlichkeitsarbeit zum Thema
Repression zu betreiben, indem die Gruppe Ereignisse und
Gedächtnisprotokolle veröffentlicht, die direkt mit Repression verbunden
sind. Dazu bedient sie sich verschiedener Mittel: Pressemitteilungen,
Berichte mit ZeugInnenaussagen, Chronologie der Ereignisse oder Beiträge
bei Veranstaltungen.

I DER WEG DER AGENTIN


Die Securitas-Mitarbeiterin, die sich «Shanti Muller» nannte, erzählte,
sie komme aus einer Familie von französischen Entwicklungshel-ferInnen,
sei bei Nonnen zur Schule gegangen, und habe den Umgang mit Waffen in
Djibouti gelernt. Noch nicht volljährig sei sie mit ihrem tätowierten
Liebhaber nach Indien abgehauen. Später habe sie dort humanitäre Arbeit
geleistet und sei aus Indien ausgeschafft worden, weil sie ihre Visa
gefälscht habe.

Wir sind weit von der diskreten Persönlichkeit von «Sara Meylan»
entfernt. «Shanti Muller» ist lebhaft, lacht gerne, interessiert sich
für die Menschen und zieht das Freundschaftsregister, besucht zum
Beispiel die Leute, die sie ausspioniert, bei ihnen zu Hause.

«Shanti» beginnt ihre Spitzelarbeit Ende 2002 in Genf. Sie verfolgt
schnell einmal, was sich in Lausanne abspielt, nimmt inbesondere an
Sitzungen zur Vorbereitung der Anti-G8-Mobilisierung teil, ist im
alternativen Dorf während des Gipfeltreffens im Juni 2003. Im Herbst
2003 beginnt sie mit Eifer an den Sitzungen der Anti-Repressionsgruppe
«gar» teilzunehmen und zeigt ein grosses Interesse und viel Motivation.
Aus dem nirgendwo hierher katapultiert mit einer nicht-verifizierbaren
Vergangenheit, doch in einem Kontext, in dem viele Leute zum ersten Mal
aktiv werden, wird beschlossen, nicht paranoid zu sein und ihr einen
Platz im «gar» einzuräumen, trotz dem Verdacht, den sie aufkommen liess.
So nahm sie an den Sitzungen des «gar» teil, Sitzungen, die nicht
öffentlich sind. Sie hatte ausserdem Zugang zu Daten und
Gedächtnisprotokollen von Opfern der polizeilichen Repression, also
vertraulichen Daten.

Im Rahmen der Anti-WEF-Mobilisierung 2004, als im Landquarter Kessel
mehr als 1000 Personen fichiert wurden, wurde sie von der Polizei
geschlagen und oberhalb der linken Augenbraue verletzt. Ein
Arbeitsunfall... Sie wurde dann unter unklaren Umständen per Ambulanz
aus dem Kessel evakuiert.

«Shanti» fischte in allen Gewässer. Ihre Bespitzelung geht weit über den
gar-Rahmen hinaus: Sie nahm an Anti-WEF- und Anti-G8-Demos teil, sowie
an mindestens einer Demo für die Tierbefreiung, sie war in Sanigruppen
aktiv, verkehrte in besetzten Häusern, und nahm oft an Festen und Essen
teil. In Genf stand sie dem Forum Social Lémanique nahe. Sie beteiligte
sich auch an mehreren überregionalen Antirep-Sitzungen in Bern. Sie
zeigte also also an verschiedensten Gruppen und Netzwerken Interesse und
infiltrierte diese mit mehr oder weniger Erfolg. Es ist nun Sache dieser
Gruppen zu entscheiden, ob und wie sie Details darüber veröffentlichen
wollen.

Im Juni 2005 behauptete sie, sie müsse nach Frankreich gehen, da ihre
Mutter an Krebs erkrankt sei. Im Herbst des gleichen Jahres teilte sie
uns mit, dass sie selber auch grosse Gesundheitsprobleme habe und darum
bei ihrer Mutter bleiben müsse. Seither haben wir sie nicht mehr
gesehen. Sie schickte aber ab und an eine kurze Nachricht. Noch Ende
2007, während den Dreharbeiten von «Temps Présent» über die
Nestlé-Bespitzelung, bekamen wir eine nette Postkarte aus Indien, die
fragte, wie es uns gehe und beteuerte, wie sehr sie uns vermisste. Eine
Aufmerksamkeit, die wir heute nicht mehr so richtig schätzen...


II SECURITAS, DER NÜTZLICHE PARTNER IN ALLEN BELANGEN

Securitas ist mehr als der ältere Mann in Blau mit Mütze, der seine
Nachtwachen auf dem Velo schiebt. Dieser Konzern, der vor 101 Jahren als
Familienunternehmen gegründet wurde und im Jahre 2006 einen Umsatz von
800 Millionen ausweist1, hat sein Aufgabenspektrum wesentlich erweitert
? die Bespitzelung im Auftrag von Nestlé ist nur eine von vielen
Facetten. Schaut man genauer hin, so fällt schnell auf, dass Securitas
viele Funktionen in verschiedensten Bereiche erfüllt; einige davon
gehörten früher zum Kompetenzbereich der Polizei.
Amnesty International kritisiert die Delegierung von Polizeikompetenzen
an Privatfirmen als «Risiko für die Menschenrechte» und berichtet von
einigen Fällen von Übergriffen durch Securitas-Angestellte2. Damit wir
uns nicht falsch verstehen: Es geht uns nicht darum, eine stärkere
Polizei einzufordern; unsere Beweggründe haben nichts mit denjenigen der
Polizeigewerkschaft zu tun. Wir denken im Übrigen auch nicht, dass diese
Delegierung an Private der Polizei schadet (höchstens vielleicht dem
Lohn der PolizistInnen), im Gegenteil. Polizei, Armee und Privatfirmen
arbeiten munter Hand in Hand, und dies nicht nur während der EURO 08
oder dem WEF, sondern tagtäglich.

Konkret übernimmt Securitas folgende Aufgaben:

? Für Ruhe und Ordnung im öffentlichen Raum sorgen.
Um Sachbeschädigungen zu verhindern, patrouillieren
Securitas-WächterInnen im Auftrag der Gemeindebehörden zum Beispiel in
Worb (Bern)3 , in Frauenfeld (Thurgau)4 , in Reinach (Baselland)5 , in
Menzingen (Zug)6, in Unterägeri (Luzern)7 oder in Cugy (Waadtland). In
der Gemeinde Uetikon (Zürich) haben die Behörden diesen Frühling
Securitas-Patrouillen mit Hunden engagiert. Diese Massnahme ist ein
Paradigmenwechsel im Sicherheitskonzept «weg von der Kommunikation hin
zu mehr Repression» 8. In diese Kategorie gehören auch die Überwachung
öffentlichen Parkplätze und die Jagd auf AbfallsünderInnen.

? Für Ruhe und Ordnung bei Sportanlässen sorgen.
Securitas-Leute regeln den Verkehr bei Fussballmatchs, Konzerten und
Privatveranstaltungen im Auftrag von Gemeinde- oder Kantonsbehörden. Zum
Beispiel bei der EURO 08: Für diesen Anlass haben Securitas und
Protectas ein Konsortium, PriSecE08, gegründet 9.

? Für Ruhe und Ordnung bei politischen Ereignissen sorgen.
Während dem G8 in Evian arbeitete Securitas sehr eng mit der
waadtländischen Kantonspolizei zusammen. Übrigens: Alain Bergonzoli,
Chef der waadtländischen Polizei, war früher Kader bei Securitas10. Auch
bei anderen Anlässen sind sie präsent; so wurde zum Beispiel ein
Securitas-Mann dabei beobachtet, wie er TeilnehmerInnen der
Anti-WEF-Demonstrationen im Januar 2008 filmte.

? Für Ruhe und Ordnung in öffentlichen Gebäuden sorgen.
Securitas ist immer öfter in Schulgebäuden anzutreffen, so zum Beispiel
im Kollegium Schwyz11, wo sie patrouillieren, um Sachbeschädigungen zu
verhindern. Diese Massnahme hat aber nicht den erwarteten Erfolg
gebracht, so dass die Schulleitung nun auf Videoüberwachung setzt, ohne
natürlich den Securitas ihren Auftrag zu kündigen.
Im Waadtland ist Securitas auch damit beauftragt, den Zutritt zu
mehreren Ämtern zu kontrollieren, zum Beispiel beim Einwohneramt
(Service de la Population) und beim Fürsorge- und Sozialamt (Service de
Prévoyance et Aide Sociale), um nur die zu erwähnen. Einige Spitäler
beschäftigen auch Securitas-Wächter nebst ihren eigenen
Sicherheitsdiensten12. Zum Beispiel im Universitätsspital Zürich oder im
Universitätsspital des Kanton Waadt (CHUV), wo ein Securitas den Zutritt
der Notfallstation kontrolliert (und die Schmuddeligen zurückweist?). Im
Spital St. Gallen sind die Securitas von Hunde begleitet.

? Für Ruhe und Ordnung in den öffentlichen Verkehrsmitteln sorgen.
Bei der SBB natürlich, wo 2001 eine spezielle Firma eigens dafür
gegründet wurde: Securitrans, die zu 51% der SBB und zu 49% der
Securitas gehört. Diese Bahnpolizei verfügt über mehr Kompetenzen als
die anderen Securitas13.
Auch andere Verkehrsbetriebe haben Securitas engagiert, zum Beispiel
Bern Mobil (für die Nachtbusse)14.

? Für Ruhe und Ordnung im Flughafen sorgen.
Custodio AG, eine Tochtergesellschaft von Securitas, ist für die
Sicherheit im Flughafen Zürich zuständig: Gepäck- und
Passagierkontrolle. Bis vor einigen Monaten, war die Crime Investigation
Services (CIS), in der Custodia integriert.

? Gefangenentransporte und -überwachung.
Wieder eine Zusammenarbeit zwischen Securitas und der SBB, diesmal im
Auftrag der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz (KKJPD)
und mit Unterstützung vom Bund, der 34% der Kosten übernimmt. Diese zwei
Firmen haben ein Konzept für den interkantonalen Gefangenentransport
entwickelt (der in «Jail-Transport-System» umbenannt wurde)15. Die SBB
stellen die Wagen zur Verfügung, Securitas übernimmt die Überwachung in
den Zügen sowie den Strassentransport. Das Umsteigen oder die Fesselung
bleiben jedoch ausschliesslich in der Kompetenz der Polizei. Dieses
lukrative Projekt (rund 4 Millionen Franken pro Jahr für Securitas)
wurde zuerst auf 5 Jahre beschränkt und 2005 für 5 weitere Jahre
verlängert. Das Konsortium unterstreicht den Umweltaspekt sowie den
Respekt der Menschenrechte. Letzteres ist besonders zynisch, wenn man
bedenkt, dass die Zellen 1,34 m2 gross sind und die «Familienzellen»
sehr häufig benutzt werden, da ca. ein Drittel der «unfreiwillig
Reisenden» zur Ausschaffung transportiert werden16. Zudem werden
minderjährige «Kleinkriminelle» zusammen mit Erwachsenen im gleichen
Wagen transportiert17.
Securitas scheint eh Erfahrung mit Minderjährigen zu haben, da sie auch
im Foyer de Prêles (BE) tätig sind, einem Erziehungsheim mit
geschlossener Abteilung. Diese InsassInnen verfügen nicht einmal über
Hofgang. Das Anti-Folter-Komitee des Europarats veröffentlichte 2001
einen Bericht18, der diesen Punkt bemängelt; seither dürfen die
Jugendlichen in Begleitung von Securitas nach draussen gehen ? gemäss
dem Antwortbericht des Bundesrats sei dies für sie eine sehr positive
Erfahrung, wobei jedoch nicht erwähnt wird, wie lange und wie oft diese
Spaziergänge stattfinden .
Securitas-Leute wurden 1998 auch während mindestens vier Monaten als
Wächter in Berner Gefängnissen eingesetzt, im Auftrag des Kantons, weil
zu viele Gefangene türmten20. Ausserdem hat Securitron, eine
Tochtergesellschaft von Securitas, das Sicherheitsdispositiv im
Untersuchungsgefängnis Grosshof in Kriens installiert21.

? Überwachung der Asylbewerberheime.
Pikantes Detail: auf der Securitas-Website wird der Asylbereich bei den
Dienstleistungen nicht aufgelistet, sondern nur knapp unter
«Gefangenentransporte» erwähnt ? was die Sichtweise der Securitas gut
zum Ausdruck bringt: AsylbewerberInnen sind alle kriminell.
Die Empfangsstellen werden durch die Firma ORS und Securitas gemeinsam
betrieben, im Auftrag des Bundesamtes für Migration. Viele Fälle von
Übergriffen durch Securitas-Leute (gebrochener Arm, Prellungen usw.)
wurden dokumentiert22, doch übernehmen die Behörden immer die
Argumentationslinie der Securitas, welche die Schuld auf das Opfer schiebt.
Securitas-WächterInnen sind auch in vielen anderen Asylheimen präsent,
sei es auf Mandat der Gemeinde oder des Kantons. Das neue Asylgesetz,
das am 1. Januar 2008 in Kraft getreten ist, gibt ihnen die Gelegenheit,
abgewiesene AsylbewerberInnen noch mehr zu schikanieren. In Zürich
fragte ein Asylbewerber mit NEE (Nicht-Eintretens-Entscheid) den Leiter
des Zentrums in Altstetten, warum sie so oft kontrolliert werden ?
Antwort: «Um euch das Leben schwer zu machen, damit ihr schneller geht.»

Soviel zu den offiziellen Aufträgen von Securitas, die durch
verschiedene Behörden erteilt werden. Zur Erinnerung sei hier noch das
Angebot für Privatfirmen und Privatpersonen aufgelistet:
Objektüberwachung (Gebäude, Baustelle, durch Wachrunde oder mit einen
Wächter permanent vor Ort, Überwachung während den Ferien);
Sicherheitsdienst bei Konzerten und anderen Veranstaltungen,
Verkehrsregelung; Schutz von Gütern und Werten, Transportüberwachung;
Personenschutz; Interventionszentrale.
Nicht zu vergessen die verschiedenen Tochtergesellschaften, die
technische Lösungen anbieten23, insbesondere im Bereich
Sicherheitsanlagen, Alarmanlagen, Brandschutz sowie Zutrittskontrolle
und Aktenvernichtung (sehr nützlich um kompromittierende Dokumente
diskret verschwinden zu lassen...). Darunter fällt Polyright auf, ein
Joint Venture von Securitas und Kudelski24, das Zutrittskontrollsysteme
anbietet. Polyright kümmert sich unter anderem um die Verwaltung der
Legis verschiedener Schweizer Universitäten, um die Zutrittskontrolle
von Spitälern und Kliniken, sowie von Privatfirmen. Pikantes Detail:
Lucien Gani, Mitglied der Geschäftsleitung von Kudelski seit 2006 und
zuständig für die juristischen Belange der Gruppe, war von 1998 bis 2008
Mitglied des Verwaltungsrats von CIS, einer Securitas-Abteilung, die
«Investigation Services» (sprich Bespitzelungen) anbietet.

Hinzu kommen verschiedene Bespitzelungsaufgaben im Auftrag von
Privatfirmen und Behörden. Die politische Bespitzelung ist nur ein
Unterbereich und macht wohl nur einen kleinen Teil des Umsatzes der
Investigation Services, die von der Firma CIS AG mit Sitz in Kloten
angeboten werden, aus: Wirtschaftsspionage ist bestimmt lukrativer. Und
da Securitas-Wächter jede Nacht in Tausenden von Firmen ihre Runden
drehen, muss man sich schon fragen, ob die Firma der Versuchung
widerstehen kann: Es wäre so einfach, den richtigen Schlüssel im
riesigen Schlüsselbund auszuwählen oder das Alarmsystem im richtigen
Moment auszuschalten...
Gemäss verschiedenen Quellen25 schnüffeln Securitas und andere
Privatfirmen ausgiebig im Leben von Einzelpersonen: Sie spüren
Versicherte im Auftrag von Krankenversicherungen, Prekarisierte im
Auftrag der Sozialdienste und Invalide im Auftrag der IV auf. Gewisse
Sicherheitsfirmen infiltrieren auch Firmen, um Diebstähle zu klären und
informieren nebenbei die Geschäftsleitung über politische Überzeugung
und gewerkschaftliche Aktivitäten der Angestellten. Ausserdem
unterstreicht CIS auch ihre Kompetenzen im Bereich «Überwachung und
Beweissammlung» (mit welchen Mitteln?) im Bereich Hooliganismus.

Um erfolgreich und allgegenwärtig zu sein, ist Vernetzung das A und O.
Securitas ist darin besonders gut ? und ein Versuch, diesen
Netzwerkknäuel zu entwirren, führt zu noch mehr Verwirrung. Doch gewisse
Verbindungen stechen ins Auge26. Erstens ist Securitas sehr aktiv im
Verband Schweizerischer Sicherheitsdienstleistungs-Unternehmen (VSSU):
Hans Winzenried, Generaldirektor von Securitas, Verwaltungsratpräsident
von Securitrans und von Custodio AG, ist Präsident des VSSU. Und da man
auch die Beziehungen mit der Privatwirtschaft pflegen muss, ist er auch
Mitglied des Vorstands des Arbeitgeberverbands.
Doch zurück zum VSSU, da gibt es noch was Interessantes: Vizepräsident
ist Urs Hürlimann, ehemaliger Kommandant der Kantonspolizei Zug, jetzt
Chef der Militärischen Sicherheit (MilSich), die dem Departement für
Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) unterstellt ist. Die
Beziehungen zwischen der Armee und Securitas sind aber noch enger: Hans
Winzenried ist Präsident der Rüstungskommission des VBS, einer
Kommission die als Brücke zur Wirtschaft, der Forschung und der
Wissenschaft dient. Reto Casutt ist nicht nur Generalsekretär von
Securitas und Mitglied des Verwaltungsrates von Securitrans und von CIS,
er sitzt auch im Vorstand des VSSU und vor allem ist er Stabschef des
Oberauditors der Militärjustiz. Alle diese Beziehungen mit der Armee
bringen Geld ein: Nicht nur, weil gemäss Blick das VBS 2007 jedem
Kommissionsmitglied 13?000 Franken Taggeld und Spesen bezahlt hat,
sondern vor allem, weil dies sicher nützlich ist, um interessante
Geschäfte abzuwickeln. So zum Beispiel das UewSyst, ein
Überwachungssystem der Armee, das unter anderem beim WEF eingesetzt
wurde27.
Der Verwaltungsratspräsident von CIS, Jörg Stocker, war Polizeichef des
Kantons Luzern28, bevor er 2002 Kommandant der Bahnpolizei Securitrans
wurde, wo er unter nebulösen Umständen im Februar 2008 abgesetzt wurde.
Seine Funktion bei Securitrans ist umso interessanter, als das
Halbtax-Abo von Sara Meylan, der Spitzelin bei attac, an die Adresse von
Pascal Delessert, dem damaligen Chef der Westschweizer Bahnpolizei und
heute freisinnigen Gemeinderat von Prilly und Armeemajor geschickt
wurde. (Es sei hier nebenbei erwähnt, dass dieses Halbtaxabo eine
Fälschung ist und dass Fälschung ein Offizialdelikt ist...) Das dritte
Verwaltungsratmitglied von CIS; Herbert Höck, ist gleichzeitig
Geschäftsführer von Custodio, und er ist auch Verwaltungsratsmitglied
von Securitrans sowie Präsident der IG Flughafen Zürich.
Doch es fehlt noch jemand bei dieser Aufzeichnung der Beziehungen
zwischen Armee, Polizei und Investigation Services der Securitas: der
direkte Vorgesetzte von Sara Meylan, der erfolglos versuchte, Sebastien
S.29 zu rekrutieren. Obwohl er seit 2005 nicht mehr bei Securitas
angestellt ist, ist er es, der Anrufe auf die Nummer des Handys von Sara
Meylan entgegennimmt. Er hat heute eine eigene Sicherheitsfirma in
Fribourg, die sich auf den Krankenkassenbereich spezialisiert hat. Er
legt viel Wert auf seine Anonymität ? droht auch JournalistInnen, die
seinen Namen erwähnen wollen ? weil dieser ehemaliger Offizier der
Freiburger Polizei wegen sexuellen Übergriffen gegenüber
Minderjährigen30 angezeigt wurde und zu einer zweieinhalbjährigen31
unbedingten Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Nach seinem Haftantritt im
Jahre 2003 hat «Shanti Muller» seinen Posten übernommen.
Securitas hat lange Finger und ist zum unverzichtbaren Partner
verschiedener Behörden geworden. Der Skandal um die attac-Bespitzelung
ist zwar unangenehm, aber es ist bei weiten nicht das erste Mal, dass
Securitas ins Kreuzfeuer der Kritik gerät. Dies hat sie nie daran
gehindert, ihren eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Vergessen wir aber
nicht, dass auch wenn Securitas die Nummer eins ist in der Schweiz, sie
nicht die einzige Firma dieser Art ist.
Vergessen wir auch nicht, dass es nicht das erste Mal ist, dass eine
Privatfirma Spitzel beauftragt ? mindestens ein Fall wurde vor ein paar
Jahren öffentlich: Manfred Schlickenrieder, der (wahrscheinlich im
Auftrag von Geheimdiensten) während Jahren revolutionäre Bewegungen in
Deutschland und in der Schweiz bespitzelte, und der durch den
Revolutionären Aufbau im Jahr 2000 entlarvt wurde32, tat dies ebenfalls
im Auftrag einer privaten Sicherheitsfirma: der englischen Hakluyt.
Diese Firma, die einem ehemaligen MI-6-Mitglied (dem englischen
Geheimdienst) gehört, hatte Schlickenrieder unter anderem damit
beauftragt, Greenpeace im Auftrag von Shell zu bespitzeln. Nebenbei:
John Hedley, Sicherheitschef bei Nestlé während dem G8 in Evian, ist
ebenfalls ein ehemaliger Geheimdienstler vom MI-633...


Diese Privatfirma hat also die Antirepgruppe Lausanne (gar) infiltriert.
Und sie hat auch andere Gruppen und Bewegungen in den Kantonen Waadt und
Genf, sowie überregionale Vernetzungskoordinationen infiltriert.

Überrascht uns das? Naja...

Der allgegenwärtigen Sicherheitsdiskurs
Wir gehen davon aus, dass keine Macht, ob sie nun privat oder sog.
öffentlich ist, darauf verzichten wird, diejenigen zu bespitzeln, die
sie in Frage stellen. Es finden sich zahlreiche Beispiele in der
jüngeren Vergangenheit der Schweiz. 1976 wurden die Aktivitäten des
Zürcher freisinnigen Nationalrat Ernst Cincera öffentlich gemacht: Er
sammelte und archivierte auf Eigeninitiative Informationen über Linke
und gab diese den Behörden und Privatfirmen weiter.
1989 kam der Fichenskandal: Unter dem Vorwand, die rote Gefahr zu
bändigen, wurden Unmengen von Daten gesammelt und über 900?000 Menschen
erfasst die ihr Meinungs- und Versammlungsrecht wahrnahmen oder
verdächtigt wurden, dies zu tun. Im Jahr 2000 wurde das
Telecom-Überwachungssystem vom strategischen Nachrichtendienst (SND)
weiterentwickelt ? und der SND-Direktor mit dem Big Brother Awards 2006
verehrt. Dieses System, ein kleiner Bruder von Echelon und heute besser
unter dem Name Onyx bekannt, dient zur Überwachung vom Telefon, Fax und
E-Mail.
Die Überwachungsmittel sind zahlreich und vielfältig: Sie vermehren
sich, insbesondere seit 2001, auf dem reichhaltigen Nährboden des
Antiterrordiskurses. So gibt es immer mehr sog. Präventivmassnahmen, die
als Notwendigkeit im Kampf gegen vermeintliche Gefahren gerechtfertigt
werden.
In der Schweiz sind das Bundesgesetz vom
21. März 1997 über Massnahmen zur Wahrung der inneren Sicherheit (BWIS)
und das Projekt zu dessen Verschärfung
sehr anschauliche Beispiele dieser Entwicklung, die gewisse Leute ohne
mit den Wimpern zu zucken als mit einem sog. Rechtsstaat kompatibel
sehen: Der Dienst für Analyse und Prävention (DAP), der mit dem SND des
VBS verbunden ist, fordert Zusatzmittel, unter anderem die Möglichkeit,
Spitzel zu entlöhnen und ihnen falsche Identitäten zu geben34. Direkt
bei euch um
die Ecke heizen die privaten Sicherheitsfirmen mächtig ein ? um ihren
Aktionären warm zu geben ? indem sie zusätzlich parallele, obskure und
diskrete Hilfsmittel zur Verfügung stellen, um dieses bedrohliche Pack,
das sich mit dem Kapitalismus nicht abfindet, zu überwachen.

Überrascht uns das? Naja. Eigentlich nicht. Das bedeutet aber nicht,
dass wir solch intrigantes Vorgehen als legitime Spielregeln hinnehmen:
Es ist das übliche Recht des Stärkeren im Kapitalismus. Der Kapitalismus
respektiert nichts und niemanden, ausser vielleicht unter Zwang ? er
frisst alles, was ihm im Weg steht, um es als Profit wieder
rauszuscheissen.

Wenn die Macht die Kritik vereinnahmen will...
Bei den Blockaden der WTO-Ministerkonferenz in Seattle 1999 haben die
Wirtschaftskreise die Gefahr, die die radikalen antikapitalistischen
Bewegungen darstellen können, wahrgenommen. Seither haben sie auf zwei
Achsen agiert: Repression und Integration. Die Überwachung und
Fichierung der Bewegungen gehören zur Repression ? hier kann man
anfügen, dass im Verhältnis zu dem, was in anderen Ländern gang und gäbe
ist, wir hier noch Glück haben: Es wird (noch) nicht mit scharfer
Munition auf uns geschossen. Die andere Achse, die Integration, spielt
sich vor unseren Augen als MedienkonsumentInnen ab: Die WTO und das WEF
bemühen sich darum, sich zivilisierter zu geben als sie tatsächlich
sind. Sie tun so, als ob sie ihre Treffen für NGOs öffnen würden und
propagieren den konstruktiven Dialog. Sie vereinnahmen aktuelle Probleme
und führen ihre zerstörerische Politik weiter. Was will man mehr: eine
verantwortungsvolle Wirtschaft, die für allgemeinen Wohlstand und gegen
Armut kämpft...

Ihr glaubt nicht daran? Wir auch nicht. Und darum nehmen wir an Kämpfen
für andere soziale Verhältnisse teil. Wenn wir aber dieses Thema
anschneiden, stört sofort ein anderes die Diskussion: die Gewaltfrage.
Nicht die Gewalt, die das kapitalistische System, die Multis und die
Regierungen Hand in Hand gegen diesen Planeten, ihre BewohnerInnen, ihre
Fauna und Flora anwenden. Nein, diese wird geschickt unterschlagen, sie
wird auf dem Gabetisch des Profits und des «Fortschrittes» geopfert.
Nein, darum geht es nicht, sondern um die «Gewalt» der Menschen, die
versuchen, diesen Schaden in Grenzen zu halten oder gar aus diesem
zerstörerischen System auszusteigen.

Der alte Refrain der Gewaltfrage...
Die Geschichte zeigt, dass alle sozialen Bewegungen, was auch immer sie
tun, immer der Gewalt bezichtigt werden durch ihre GegnerInnen, meistens
mit Unterstützung der Medien. Das Beispiel von attac hat es einmal mehr
deutlich aufgezeigt: Im Rahmen dieses Bespitzelungsfalls, der unserem
ähnlich ist, wurde attac durch die Anwälte von Nestlé und Securitas als
gewalttätige Gruppe dargestellt, weil sie Demonstrationen
mitorganisiert, die «abgehen» könnten, dies obwohl attac sich selber als
gewaltfreie Gruppe definiert und dementsprechend agiert.

Kurz gesagt: wir stehen einer Interessengruppe gegenüber, die sehr gut
Tatsachen umdrehen kann, oder anders gesagt: mani-pulieren kann. Der
Angreifer wird zum Angegriffenen. Der Nestlé-Anwalt sagte während einer
gerichtlichen Anhörung am 23. Juli 2008, dass die attac-Kampagne, die
das Treiben der Firma öffentlich machte, ein gewalttätiger Angriff sei.
Der Securitas-Anwalt geht bei der gleichen Anhörung sogar soweit, dass
er die Antikriegsbewegung 2003 als eine Bedrohung, die in allen
Erdteilen lauerte, darstellte. Ja, es passierte was ? aber es stellt
sich die Frage, was die grössere Bedrohung für die Bevölkerung ist: der
Krieg oder die Antikriegsbewegung? Oder anders: Bedrohung für wen
eigentlich? Eine Bedrohung gegen die selbsternannten Leaders, die sich
das Recht nehmen, ungestört zu zerstören, mit allen Mitteln, inklusive
privaten Milizen, sobald ihnen etwas im Weg steht?

... der von der Sozialdemokratie im Chor angestimmt wird
Ja, es gibt vieles zu sagen über die Gewalt. Doch einiges wird nur
gesagt, um die sozialen Bewegungen zu spalten. Was bei der
Sozialdemokratie bestens ankommt. Es sei hier zum Beispiel an die Worte
von Cesla Amarelle, Präsidentin der waadtländischer SP bei einer
Regierungsratsitzung, erinnert: Mit Recht war sie über die Bespitzelung
von attac durch Securitas schockiert, was sie aber dazu bewegte zu
sagen, dass nicht die Anti-G8-Chaoten bespitzelt wurden, sondern
DoktorandInnen in Geschichte, WissenschaftlicherInnen der Lausanner
Universität35.

Abgesehen davon, dass wir uns wundern, woher Frau Amarelle weiss, dass
es unter den «Chaoten» keine DoktorandInnen und WissenschaftlerInnen
gibt ? was in erster Linie ihre soziologischen Vorstellungen der
sozialen Bewegungen entlarvt ? betrachten wir die Verwendung des
Begriffs «Chaoten» als den Willen, politische Aktionen auf Vandalenakte
zu reduzieren. Zudem stellen wir fest, dass es für die waadtländische SP
nicht schockierend ist, dass politische Bewegungen infiltriert werden,
sondern dass es vom Status der infiltrierten Gruppen abhängt. Wenn also
«Chaoten» infiltriert und bespitzelt werden, wäre das legitim. Schlimm
an dieser Haltung ist, dass sie die Spaltung der sozialen Bewegungen
vorantreibt, zur Freude des herrschenden System.
Wir sind der Meinung, dass man aufhören soll, zu behaupten, dass unsere
GegnerInnen von den Sachschäden oder unbewilligten Demonstrationen
profitieren. Unsere GegnerInnen profitieren von der Spaltung, die aus
solchen Behauptungen hervorgeht.

Wenn es soziale Unruhen gibt, so muss man ihre Herkunft suchen. Da wir
in Gesellschaften leben, die aus dem Gleichgewicht sind, riskiert jeder
und jede, darunter zu leiden, auch wenn er oder sie niemandem was
angetan hat. Sicherheitsdiskurse nachzuplappern ist einer
Widerstandsbewegung unwürdig.

Die Sicherheitsfirmen haben den Profit, den sie aus dem Thema Sicherheit
schlagen können, sehr gut verstanden ? so verkauft sich ihr Schrott viel
besser. Was eigentlich auch ziemlich kohärent ist, bei diesen Gruppen
und der Logik, der sie dienen, die nicht unsere ist.

Fragen und Hypothesen
Die Antirepgruppe Lausanne wurde durch die Securitas infiltriert, andere
Gruppen auch. Die waadtländische Polizei wusste davon36, und das hat sie
mindestens nicht weiter gestört. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir nur
diese Fakten denunzieren und ein paar Überlegungsstränge formulieren,
die Liste ist nicht vollständig.

1. Fragen über die AuftraggeberInnen von Securitas: Wer sind sie? Wer
hat die Bespitzelungen geplant? Mit welchen Zielen? Wer hat bezahlt?

2. Fragen zu den Angestellten, die als Spitzel gearbeitet haben:
Wieviele Personen haben vor Ort gearbeitet? In welchen Regionen und
Kantonen? Wie viele sind jetzt noch an der Arbeit? Wo? Sind diese
Personen bewaffnet ? sei es «nur» mit sog. nicht-lethalen Waffen?

3. Fragen zur Informationssammlung: Haben die Spitzel Ton- oder
Bildaufnahmen gemacht? Wenn ja, wer besitzt die nun?

4. Die «Nestlé-Affäre» hat gezeigt, dass Fichen mit persönlichen Daten
über AktivistInnen angefertigt wurden. Man kann davon ausgehen, dass es
in den anderen Fällen auch so war. Wir stellen darum fest, dass Fichen
angelegt wurden. Wer besitzt die?

5. Die Polizeikräfte wussten Bescheid über die Aktivitäten von
Securitas. Unsere These lautet, dass es sie nicht nur nicht gestört hat,
sondern dass sie von diesen Methoden, die sie selber nicht anwenden
dürfen, profitieren ? oder vielleicht sogar Aufträge an private
Sicherheitsfirmen erteilen, die sie nicht selber ausführen dürfen. Wenn
dies zutrifft: Wie sahen diese Aufträge genau aus? Wo und wie findet die
Zusammenarbeit mit den Wirtschaftskreisen statt?

6. Nebst den lokalen Polizeikräften, so lautet
unsere These, wurden die Fichen auch den kantonalen Polizeien und der
Bundespolizei weitergeben, und vielleicht sogar auch den
Schengen-Datenbanken sowie dem militärischen Nachrichtendienst zur
Verfügung gestellt. Da fragt man sich
natürlich wie diese Daten verwendet werden und was die möglichen
Auswirkungen auf die fichierten Personen sein
können. Wir erinnern uns an Jobs oder Aufenthaltsbewilligungen, die zur
Zeit der Fichenaffäre aufgrund von wahren oder falschen Informationen
verweigert wurden.

7. Unser letzte These lautet, dass die
Behörden auf kantonaler und
Bundesebene über diese Datensammlung und ihrer Erfassung als Fiche auch
informiert waren. Sonst würde es bedeuten, dass die Minister nicht
wissen, was in ihrem Laden läuft...

Am 23. Juli 2008, bei der Anhörung im attac-Fall, hat der
Securitas-Anwalt ähnliche
Hypothesen erwähnt und als Paranoia abgetan. Der Angreifer wurde zum
Angegriffenen, nun wird der Verfolger zum Verfolgten... Wenn wir
paranoid sind, so kann niemand leugnen, dass es gute Gründe dafür gibt.
Und das gibt nicht gerade Lust, den Kapuzenpulli auszuziehen.

Und schliesslich noch ein Wort zu den zwischenmenschlichen Qualitäten
der Spitzelin: Freundschaft vorzutäuschen, das ist widerlich.

Auch in linken Kreisen begegnet uns oft ein müdes Lächeln, wenn wir
Gruppen oder Einzelpersonen Vorsichtsmassnahmen ans Herz legen wollen,
um die Erkennbarkeit und die Fichierung zu vermeiden ? wir werden oft
als paranoid abgestempelt. Leider waren wir es nicht genug... Auch wenn
uns dieser Fall nicht überrascht, so erschüttert er uns doch:
Persönliche Daten waren so in Griffnähe einer Securitas-Mitarbeiterin ?
und unsere Arbeit beruht auf Vertrauen und auf Schweigepflicht.

Diese traurige Geschichte hat uns dazu bewogen, mit befreundeten Gruppen
darüber zu sprechen, darüber, wie man sich schützen
kann und wie wir trotzdem offen für neue interessierte Personen bleiben
können, ohne inquisitorische Methoden anzuwenden. Was damals geschehen
ist ? vergessen wir das nicht ? ist nur ein Kapitel und wir wollen nicht
zu sehr darauf fokussieren. Darüber zu berichten, ermöglicht uns, auf
das Risiko einer Infiltrierung aufmerksam zu machen ? ein reales Risiko,
das immer besteht.
Es ist bestimmt kein Zufall, dass der Dienst für Analyse und Prävention
(DAP) 2005 Spitzel unter Zürcher StudentInnen rekrutieren wollte, und
dies zum gleichen Stundenlohn wie Securitas: 30 Franken die Stunde. Ihr
Auftrag: linksextreme Kreise infiltrieren. Jürg Bühler,
stellvertretender Direktor vom DAP, erwähnte damals übrigens die
Tatsache, dass er Kenntnis davon habe, dass private Sicherheitsfirmen im
Auftrag von Privaten Bewegungen ausspionieren37. Dies lässt darauf
schliessen, dass die Bundespolizei sehr wohl und sehr gut darüber
unterrichtet war... Und es ist sicher kein Zufall, dass der DAP genau
jetzt zusätzliche Mittel verlangt, um Spitzel zu entlöhnen und ihnen
falsche Identitäten zu geben, sowie mehr Möglichkeiten, die Telefone und
E-Mails zu überwachen.

Wir sind also hellhörig geworden und werden es auch bleiben.

Antirepgruppe Lausanne (gar), zusammen mit dem «Collectif des fich-é-s»
(das fichierte Kollektiv), August 2008.


FUSSNOTEN

1 Basler Zeitung, Der Herr der Schlüssel, 15.08.2007

2 Amnesty International: Menschenrechte gelten auch im Polizeieinsatz.
Zusammenfassung des Berichts «Polizei, Justiz und Menschenrechte ?
Polizeipraxis und Menschenrechte in der Schweiz», Juni 2007 Siehe auch:
Die Südostschweiz: Schweiz verletzt Menschenrechte, 26.05.2005,
Tages-Anzeiger: Übergriffe in Asyl-Zentrum angeprangert, 26.05.2005, 24
Heures: A Bâle, entre chiens et gardiens, les requérants d?asile
dégustent, 13.10.1998 und Die Wochenzeitung: Lichtgestalten der
Sicherheit, 07.04.2005

3 Der Bund: Tägliche Präsenz der Securitas, 16.02.2007

4 Thurgauer Zeitung, Juni 2008, zitiert auf der Securitas-Website

5 Basler Zeitung: Einwohner halten Einbrecher auf Distanz, 08.01.2001

6 Zuger Woche, Juni 2008, zitiert auf der Securitas-Website

7 Neue Luzerner Zeitung: «Man fühlt sich unwillkommen», 11.08.2007

8 Zürichsee-Zeitung: SIP wird durch Securitas abgelöst, 27.03.2008

9 ProSecurity (Securitas-Zeitschrift): PriSec08: Securitas à l?EURO 08,
Mai 2008

10 24 heures Région La Côte: Le chef des gendarmes vaudois est un ancien
de Securitas, 26.06.2008

11 Neue Luzerner Zeitung: Kameras zur Abschreckung, 14.03.2008

12 Heute: Prügel für den Notfallarzt, 14.02.2007

13 Zu den Übergriffe der Securitas, siehe u.a.: Die Wochenzeitung: Zug
um Zug zur privaten Polizei, 22.03.2007 und Der Bund: Securitrans
entlässt Prügler, 09.04.2005

14 Der Bund: Kein «Safe Way Home», 08.04.2003

15 Neue Zürcher Zeitung: Häftlingstransporte auf Schiene und Strasse,
16.12.2000; Tages-Anzeiger: Häftlinge reisen ökologisch in der Gruppe,
16.12.2000; ProSecurity (Securitas-Zeitschrift): Sichere
Gefangenentransporte, Juni 2006

16 Die Wochenzeitung: Freund und Entführer, 05.01.2001

17 Point presse du mercredi 23 mars 2005 du Conseil d?Etat genevois

18 CPT: Rapport au gouvernement de la Suisse relatif a la visite
effectuée en Suisse par le comité européen pour la prévention de la
torture et des peines ou traitements inhumains ou dégradants, adopté le
5 juillet 2001

19 Rapport du Conseil fédéral suisse en réponse au rapport du comité
européen pour la prévention de la torture et des peines ou traitements
inhumains et dégradants (cpt) relatif a sa visite en Suisse du 5 au 15
février 2001

20 Der Bund: Mit Securitas gegen Ausbrecher, 15.04.1998

21 ProSecurity (Securitas-Zeitschrift): Prison sécurisée grâce à
Securiton, Mai 2008

22 Amnesty international: Menschenrechte gelten auch im Polizeieinsatz.
Zusammenfassung des Berichts «Polizei, Justiz und Menschenrechte ?
Polizeipraxis und Menschenrechte in der Schweiz», Juni 2007 Siehe auch:
Die Südostschweiz: Schweiz verletzt Menschenrechte, 26.05.2005,
Tages-Anzeiger: Übergriffe in Asyl-Zentrum angeprangert, 26.05.2005, 24
Heures: A Bâle, entre chiens et gardiens, les requérants d?asile
dégustent, 13.10.1998 und Die Wochenzeitung: Lichtgestalten der
Sicherheit, 07.04.2005

23 Siehe Website von Securitas

24 Berner Zeitung: Securitas mit Kudelski, 19.01.2007; ProSecurity
(Securitas-Zeitschrift): Sécurité accrue au siège principal de Kudelski,
Oktober 2007

25 L?Hebdo: Les espions du quotidien, 19.06.2008; Blick: Die
VBS-Connection, 27.06.2008; Le Matin Dimanche: Les espions privés vont
enfin se faire... surveiller!, 29.06.2008

26 Siehe auch: Wie die Securitas um sich greift, Beobachter Nr. 14/08;
Sonntagsblick: Dubiose Drahtzieher, 22.06.2008; 24 Heures: L?armée et
Securitas entretiennent des liens étroits, critiqués pour leur manque de
transparence, 27.06.2008; FSFP : Communiqué de presse du 16 juin 2008

27 Der Verband Schweizerischer Polizeibeamter (VSPB) und die
Tageszeitung 24 Heures fragen sich, ob Securitas der Armee
Überwachungsanlagen verkauft hat, die Zeitschrift von Securitas gibt uns
die Antwort: «Outre les nombreux agents et hôtesses Securitas, trois
systèmes de surveillance «UewSyst» de l?Armée suisse ont été mis à
contribution durant ce WEF 2007. Ces systèmes conçus par la maison
Securiton (...)». ProSecurity: Grande implication humaine et technique
au WEF, Juni 2007

28 Der zukünftige Securitrans-Chef (ab 2009), Harry Wessner, war früher
Sicherheitschef der Kapo Luzern, heute ist er Leiter Militär,
Zivilschutz und Justizvollzug im Kanton Luzern.

29 Die Wochenzeitung: Spion für dreissig Franken die Stunde, 26.06.2008

30 Berner Zeitung, Polizist muss vor Gericht, 9.03.2001

31 Arrêt TF 1P. 158/2003 und Le Temps, 01.07.2003

32 www.aufbau.org

33 L?Hebdo: L?espion aimait trop Nestlé, 17.07.2008

34 La Liberté: Croisade contre les dérives de la société de surveillance
à tous crins, 24. Juli 2008

35 La Liberté: La gauche tire une rafale de questions sur la police, 18.
Juni 2008

36 Gemäss der Sendung «Temps Présent» vom westschweizerischen Fernsehen,
Interview von Jean-Christoph Sauterel, Pressesprecher der waadtländische
Polizei

37 Tagesanzeiger: Studenten sollen Linke bespitzeln, 20.8.2005



Annex A : Fanny Decreuze alias Shanti Muller

Deckname : Shanti Muller

Adresse: Genf / Fleurier (Val de Travers) / Aufenthalte in Frankreich
bei ihrer kranken Mutter in der Umgebung von Lyon

Telefon: 079 442 74 48

Email: shantifree@hotmail.com

Aussehen: Blond, zwei kleine Zöpfchen, blaue Augen, 165 m, zu Beginn ein
bisschen fest, Gewichtszunahme im Laufe des Jahres 2005, trug
Hippie-Accessoires kombiniert mit Militärkleidern, Beaeballmütze und
indischen Schälen.

Lebenslauf: Sagte, sie sei französisch-schweizerischer Herkunft, sei auf
einer Militärbasis in Djibouti aufgewachsen und 16-jährig zusammen mit
ihrem Tätowierer-Freund nach Indien abgehauen, habe Leprakranken in
Varanasi (Ex-Benares) geholfen, von wo sie Ende 2002 ausgewiesen worden
sei. Tauchte während den Anti-G8 Vorbereitungen in Genf auf. Besuchte
die Anti-G8-Dörfer in Frankreich, erschien anschliessend in Lausanne.
Behauptete, weder Aufenthaltsbewilligung noch Versicherungen in der
Schweiz zu haben.

Aktivismus: Besuchte vor allem folgende Orte und Gruppen: Forum social
lémanique in Genf, Oulala c?village in Lausanne, groupe anti-répression
Lausanne (gar), Veranstaltungen in verschiedenen besetzten Häusern,
Veranstaltungen / VoKü im Espace autogéré in Lausanne, engagierte sich
bei den Demo-Sanis, Anti-WEF Mobilisierungen von 2004 und 2005,
überregionalen Anti-Repressionssitzungen, nahm an Gerichtsverhandlungen
gegen AktivistInnen teil (Aubonne-Brücke-Prozess), usw.... und träume
davon, nach Indien zurückzukehren, um den Armen zu helfen.
Augenbrauenverletzung durch Schlagstock im Landquarter Kessel vom
Anti-WEF 2004, anschliessend Evakuation mit der Ambulanz.

Arbeit: Behauptete, in Genf Hunde zu hüten, anschliessend Verkäuferin in
einer Bäckerei in Fleurier im Val de Travers zu sein, dann Sekretärin in
Frankreich.

Besondere Merkmale: Tätowierungen: linker Oberarm: dunkelblau/grün,
dicke Umrandungen, Fratzengesichter; Wade: «shanti» in Hindu von oben
nach unten geschrieben / offen, neugierig, spontan, suchte den Kontakt,
fröhlich / Beherrscht das Hindu-Alphabet, kritzelte während den
Sitzungen ganze Bücher davon voll / Verschenkte grosszügig M-Budget
Schokolade und kleine Weggli.

Interressen: Besitzt und dressiert Kampfhunde. Erzählte von ihren
Erinnerungen und Erfahrungen in Indien. Ausgezeichnete Kenntnisse der
Polizeiarbeit, erklärte die neuen Polizeiwaffen.


Richtiger Name : Fanny Decreuze1

Geburtsdatum: 1975, sehr wahrscheinlich 11.03.

Lebenslauf: Gründete tatsächlich die Vereinigung Back to Life, die sich
Kindern und Leprakranken in Bénarès annimmt. Weiterbildung am Institut
de lutte contre la criminalité économique - ILCE (Institut der
Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität), Fachhochschule Westschweiz
(Haute Ecole Arc), Neuenburg, als Zuhörerin. Erhält 2006 die
Teilnahmebestätigung. (Quelle: Jahresbericht 2006 des l?ILCE)

Aktivismus: Eine gewisse «Fanny Decreuse» (mit «s») ist Mitglied der SVP
Côte Ouest (Region zwischen Nyon und Genf).
Sie träumt von einer Schweiz ohne... Fixerstübli, mit einem liberalen
Waffenrecht und unterstützt die Ständeratskandidatur von Guy Parmelin.
- Hat die SUVA ihren «Arbeitsunfall» vom Landquarter Kessel 2004
(Augenbrauenverletzung) bezahlt?

Emploi: Ab spätestens 1999 bei Securitas tätig.2 Mindestens von
2004-2005 in leitender Position beim Investigation Service, Lausanne
(Unterabteilung von Securitas). Arbeitet heute immer noch bei Securitas
Lausanne.

Interessen: Wahrscheinlich (Kampf)hundetrainerin. Kann mit Waffen umgehen.

1 Bildquelle: Artikel in 24 heures, 3.9.1997
2 Quelle Arbeitsbeginn bei Securitas: Artikel in 24 heures, 14.7.1999


Annex B: Gilbert Monneron


Dass die Securitas Gruppe keinen besonderen Wert auf den Charakter ihrer
Mitarbeitenden legt, zeigt das Beispiel des 52jährigen Gilbert Monneron,
der für die Investigation Services (IS), die Bespitzelung von linken
Gruppierungen von seinem Büro im Lausanner Bahnhof aus leitete, bis er
eine zweieinhalbjährige Gefängisstrafe verbüssen musste.

Bis im August 2000 war Gilbert Monneron Chef der Kantonspolizei im
Freiburger Saanebezirk. Damals wurde er angeklagt wegen sexuellen
Handlungen mit Kindern und mit Abhängigen in einer Notlage und wurde in
der Folge von seinem Posten suspendiert. Ein Pfadfinder warf dem in der
Pfadibewegung aktiven Polizisten vor, ihn während sechs Jahren
wiederholt sexuell ausgebeutet zu haben. Beim letzten Übergriff hat der
Polizeichef den Jugendlichen zu sich nach Hause beordert, um eine Strafe
wegen Haschischkonsums zu regeln. In erster Instanz wurde Monneron im
Sommer 2001 vor dem Strafgericht des Broyebezirks noch freigesprochen.
Das Opfer und die Staatsanwaltschaft akzeptierten den Freispruch nicht
und zogen den Fall weiter. Im Dezember 2002 wurde Monneron dann vor dem
Kantonsgericht zu zweieinhalb Jahren Gefängis unbedingt verurteilt; er
zog den Fall weiter vor Bundesgericht, welches im Juni 2003 das Urteil
bestätigte. Im Zuge der Ermittlungen hat Monneron auch gestanden, drei
minderjährige Frauen missbraucht zu haben. Weil diese Taten aber
verjährt waren, konnte er deswegen nicht verurteilt werden.

Nach seiner Suspendierung bei der Freiburger Polizei begann Monneron bei
Securitas zu arbeiten und war zunächst für den Verkehrsdienst bei der
Expo02 in Neuenburg zuständig. Danach begann er seine Tätigkeit bei den
Investigation Services. Eine seiner Aufgaben war es, Spitzel zu
rekrutieren, um sie in linke Strukturen einzuschleusen. Er engangierte
«Sara Meylan», die bereits in einer and-ren Abteilung der Securitas
arbeitete, für ihren Einsatz bei attac. Ausserdem wurden in den Medien
zwei gescheiterte Anwerbungsversuche von Monneron publik.1

Nach dem Bundesgerichtsurteil im Sommer 2003 musste Monneron seine
Strafe absitzen. Seinen Posten übernahm darauf Fanny Decreuze, alias
Shanti Muller. Nach seiner Entlassung aus dem Knast kehrte Monneron zu
den Investigation Services zurück, allerdings nicht mehr auf den
Chefposten. Kurze Zeit späer kündigte er bei Securitas und gründete sein
eigenes Sicherheitsunternehmen Monneron-Sécurité. Die nötigen
Bewilligungen erhielt er vom zuständigen Kanton Freiburg. Auf seiner
Homepage www.monneron-securite.ch brüstet sich Monneron auch mit seiner
militärischen Laufbahn: Er war unter anderem Oberleutnant beim
Nahschutz-Detachement vom Bundesrat.


1WoZ, 26.6.2008. Seite 3, «Spion für dreissig Franken die Stunde»; La
Liberté, 19.6.2008, Seite 22 «Le chef du service d?infiltration était un
ex-cadre de la police fribourgeoise»

Deutsches PDF: http://ch.indymedia.org/media/2008/09//62886.pdf
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