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(de) Fauchthunrundmail 28.6.07 G8 und Polizeiverhalten
Date
Fri, 29 Jun 2007 07:53:26 +0300
1."Was geschah in Heiligendamm?" ---- 2. Amnesty zu Polizeigewalt in der Schweiz
3. Rechtsextreme überfallen JUSO 23.6.07
1.Von Deeskalation kann keine Rede sein --- Parlamentarische Untersuchung des
Polizeiverhaltens während des G8-Gipfels gefordert --- Berlin, 27.06.2007 ----
Nach dem fünfstündigen Hearing "Was geschah in Heiligendamm?" erheben die
Veranstalter massive Vorwürfe gegen Polizei und Politik und fordern Konsequenzen
zur Bewahrung der Bürger- und Freiheitsrechte. Bei der gestrigen Anhörung in den
Räumen der Gewerkschaft ver.di in Berlin kamen über 30 Zeuginnen und Zeugen zum
Ablauf der G8-Protestwoche zu Wort. --- Die Planung des Polizeieinsatzes war von
Anfang an auf Eskalation ausgelegt. Politische Zielvorgabe war die weiträumige
und totale Abschottung der Gipfelteilnehmer von ihren Kritikerinnen und Kinder.
Dabei kam es zu einer weit reichenden Außerkraftsetzung von rechtsstaatlichen
Schutzstandards und bürgerlichen Freiheitsrechten. Die Folge war die Behinderung
und Unterbindung von politischem Protest.
Die polizeiliche Sonderbehörde Kavala setzte diese Vorgaben in einem
obrigkeitsstaatlichen Einsatzkonzept um. Geheimdienste, Bundeswehr und die
Länderpolizeien wurden gegen das verfassungsrechtliche Trennungsgebot in den
Planungen und ihrer Umsetzung integriert.
Das Versammlungsrecht wurde mit den weiträumigen Demonstrationsverboten schwer
beschädigt. Den Demonstranten blieb es in Heiligendamm überlassen,
Meinungsfreiheit und Versammlungsrecht zu verteidigen und sich dazu auch über
rechtswidrige Verbote hinwegzusetzen. Die unzähligen polizeilichen Maßnahmen im
Vorfeld, bei den Grenzkontrollen und der Anreise, Schikanen gegenüber den
Campenden, willkürliche Kontrollen und Platzverweise verschärften die
Einschüchterung weiter. Der Datenschutzbeauftragte des Landes
Mecklenburg-Vorpommern, Karsten Neumann, bezeichnete die massiven
Datenerhebungen, die zu keinen Verfahren führten, im Hearing zutreffend als
"rechtswidrigen Überwachungsdruck".
Die Behörde Kavala bediente sich der Propaganda und Provokation. Die vielen
gezielten Falschmeldungen z.B. über Vermummungen und Steinewerfer in absolut
friedfertigen Demonstrationen oder die angebliche "Säureattacke" durch Clowns
führten auch zur weiteren Aufladung des Feindbildes bei den eingesetzten
Beamten. Vielfach kam es zu willkürlichen Übergriffen auf Demonstrierende. Eine
Gruppe von Fahrradfahrern wurde auf dem Heimweg ohne jeden Anlass mit
Pfefferspray und Schlagstöcken attackiert.
Mindestens zwei Personen erlitten schwere Augenverletzungen, hervorgerufen durch
den harten Strahl von Wasserwerfern. Dies muss nach Ansicht der Veranstalter
aufgeklärt werden und zu Strafverfahren führen.
Durch die eidesstattliche Versicherung eines Zeugen wurde beim Hearing auch der
gezielte Einsatz von Zivilbeamten als agents provocateurs untermauert.
Deeskalation ging immer wieder von besonnenen Demonstrierenden aus - nicht von
der Polizei. Das gilt auch für die Auseinandersetzungen während der
Großdemonstration am Samstag, bei dem sich Hunderte an den Straßenschlachten mit
der Polizei beteiligt hatten und viele Unbeteiligte durch prügelnde Polizei,
Reizgas- und Wasserwerfereinsätze an Leib und Leben bedroht waren. Ein Symbol
dafür ist der vielfache Einsatz der selbständig agierenden Beweis- und
Festnahmeeinheiten (BFE), die bei den Auseinandersetzungen am Rande der
Rostocker Großdemonstration maßgeblich beteiligt waren. Die Beruhigung kam erst
nach intensiven Bemühungen eigener Ordner und Demonstranten zustande.
Die Polizeieinheiten mussten mühselig (auch durch Kollegen) überzeugt werden,
deeskalierende Absprachen zwischen Demonstrationsleitung und Polizeiführung
einzuhalten.
Betont wurde beim Hearing, dass es durchaus besonnene Polizeiführer und
-einheiten gab, die sich korrekt, freundlich und deeskalierend verhielten - und
auch bei Kavala gegen unsinnige Befehle intervenierten.
Bei den Ingewahrsamnahmen und in den Gefangenensammelstellen wurde den
Betroffenen seitens Kavala systematisch der Rechtsbeistand verweigert.
Anwältinnen und Anwälte wurde der Zugang verweigert, obwohl die Inhaftierten
nach anwaltlicher Unterstützung verlangten. Dabei wurde das Prinzip der
Gewaltenteilung verletzt. Die Polizei bestimmte darüber, ob Anwältinnen und
Anwälte Zugang zu den in den Gefangenensammelstellen tätigen Richtern gewährt
wurde oder nicht. Die Richter waren mit einem Schild "Kavala Justiz"
gekennzeichnet. Sie präsentierten sich damit als Teil der Exekutive.
Die rechtswidrige Ingewahrsamnahme unter fadenscheinigen Gründen war kein
Einzelfall, sondern die Regel. Die Situation in den Gefangenensammelstellen war
menschenunwürdig. Die oftmals tagelange Unterbringung in Käfigen bei permanenter
Überwachung und Beleuchtung, die stundenlange Verzögerung der Freilassung trotz
richterlichen Beschlusses und die Durchsuchung der Inhaftierten unter völligem
Entkleiden verletzen die Menschenrechte von Gefangenen.
Die Veranstalter des Hearings fordern daher parlamentarische
Untersuchungsausschüsse zum Verhalten der Polizei. Es muss ermittelt werden, wer
für Planung und Einsatz bei Polizei, Bundeswehr und Politik verantwortlich war.
Darüber hinaus ist endlich eine durchgehende Kennzeichnungspflicht für
Polizeibeamte einzuführen, um die Polizei bei rechtswidrigem Verhalten
identifizieren zu können. Die Veranstalter betonen, dass letztlich die Politik
für die Wahrung der Freiheitsrechte und ein rechtsstaatliches Vorgehen der
Sicherheitsbehörden verantwortlich ist. Wer von der Polizei einen absolut
störungsfreien G8-Gipfel ohne Wahrnehmung von Protest fordert, verlangt die
Verletzung der Verhältnismäßigkeit.
Ansprechpartner für die Veranstalter:
* Manfred Stenner, Netzwerk Friedenskooperative, Tel. 0177-6014894
* Matthias Monroy, Gipfelsoli Infogruppe, Tel. 0160-95314023
* Michael Hiller, Rote Hilfe e.V., Tel. 0178-1489738
* Peer Stolle, Republikanischer Anwältinnen- und Anwälteverein, 01577-4704760
* Sven Giegold, Attac Deutschland, Tel. 0163-5957590
2. Amnesty zu Polizeigewalt in der Schweiz
Menschenrechtsverletzungen durch Polizistinnen und Polizisten bleiben in der
Schweiz meist unbestraft. Bemängelt werden von Amnesty International
unverhältnismässige Einsätze und rassistisches Verhalten. Die Untersuchung der
Menschenrechtsorganisation stelle fest, dass Schweizer Polizisten in den letzten
drei Jahren zahlreiche Menschenrechtsverletzungen begangen hätten, teilte AI am
Montag mit. Der Bericht enthalte die Schilderung von 30 Fällen, die in 14
Schweizer Kantone vorgefallen seien.
«In den meisten Fällen blieben die Verantwortlichen dieser Verletzungen
straflos». Die fehlbaren Polizeibeamten seien fast nie bestraft worden, weil es
keine unabhängige und umfassende Untersuchung gegeben habe, erklärte Denise
Graf, Juristin bei der Schweizer Sektion von AI.
Tod oder schwere Verletzungen
Zu den Übergriffen der Polizei sei es insbesondere bei Einsätzen gegen
Asylsuchende, gegen Schwarze, gegen Mitglieder der Anti-
Globalisierungs-Bewegung, Fussballfans und Minderjährige gekommen.
Belege für rasistische Übertretungen gebe es zuhauf. (siehe Box). Wie verankert
diese Haltung sei, wird am Beispiel einer Telefonistin der Polizei geschildert.
Die nannte einen bekannten Treffpunkt von Schwarzen ganz unverblühmt den
«Affenfelsen».
AI habe schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen festgestellt, die den Tod oder
schwere Verletzungen von Menschen zur Folge hatten. Weiter seien Vorfälle
entdeckt worden, die weniger gravierend waren, für die Betroffenen und die
Respektierung der Grundrechte aber von Bedeutung seien.
Strenge Kriterien für private Firmen
Die Menschenrechtsorganisation fordert in ihrem Bericht «Schweiz: Polizei,
Justiz und Menschenrechte» eine Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen.
Sie empfiehlt unter anderem die Schaffung von unabhängigen Untersuchungs- und
Beschwerdeinstanzen, um Klagen gegen die Polizei schnell und unparteiisch zu
untersuchen.
Besonders kritisch betrachtet AI auch die Delegation von staatlichen Aufgaben an
private Sicherheitsfirmen. Für die Erteilung solcher Bewilligungen müssten
strenge Anforderungen erfüllt sein.
Quelle: SDA
Der seit über 10 Jahren in der Schweiz lebende A.K. (seit vier Jahren mit
Schweizer Lebenspartnerin) befand sich auf einer Jogging-Runde durch Zürich.
Kurz vor dem Ziel, Höhe Platzspitz/Landesmuseum, telefonierte er mit seiner
Freundin. Während des Gespräches hörte sie mit, wie ihr Freund von Polizisten
barsch zur Ausweiskontrolle aufgefordert wurde.
Kurz darauf wurde die Verbindung unterbrochen. A.K. wurde auf den Polizeiposten
Urania gebracht und dort nackt in einer Zelle eingesperrt. Es wurde Anzeige
gegen ihn erstattet, weil er sich angeblich gegen die Ausweiskontrolle gewehrt habe.
Die Freundin, die noch während der rund vier Stunden dauernden Aktion die
Stadtpolizei anrief, erklärte am Telefon, wo ihr Lebenspartner festgenommen
worden sei, worauf die Telefonistin antwortete: «Ah, beim Affenfelsen» (ein
Treffpunkt von Schwarzen). Während eines Gesprächs mit VertreterInnen der
Stadtpolizei Zürich am 16. März 2005 wurde die Verwendung dieser Ortsangabe
durch die Telefonistin von der Delegation von Amnesty International thematisiert.
Die PolizistInnen rechtfertigten sich damit, dass dieser Ort oft «Affenfelsen»
genannt werde. Als die Lebenspartnerin später auf dem Polizeiposten eintraf,
wurde ihr vorerst jede Information verweigert. A.K. soll ein Protokoll zur
Unterschrift vorgelegt worden sein, das nicht seinen Aussagen entsprochen habe.
Quelle: Auszug aus der Kurzversion des Amnesty International-Polizeiberichts
«Schweiz - Menschenrechte gelten auch im Polizeieinsatz», erschienen im Juni 2007.
3. Rechtsextreme überfallen JUSO 23.6.07
Gewalttätige Rechtsextreme überfallen am Samstagabend die bewilligte Kundgebung
der JUSO. Diese demonstriert mit gleichgesinnten für ein buntes Glarnerland ohne
Rassismus. Es werden Waffen eingesetzt und Personen verletzt.
Etwa 30-40 Rechtsextreme tauchten unvermittelt, vor Beginn der Veranstaltung um
18:00 Uhr, im Glarner Volksgarten auf. Die mit Brillen, Kappen und Schälen
vermummten Rechtsextreme griffen KundgebungsteilnehmerInnen und zufällig
Anwesende brutal und massiv an. Die Angreifer waren mit Wasserballonen, gefüllt
mit Reizstoffen, Flaschen und mit Sand gefüllten Handschuhen bewaffnet. Diese
Waffen wurden ohne Rücksicht eingesetzt.
Dabei wurden mehrere Personen verletzt, auch schon am Boden liegende Personen
wurden weiter mit Schlägen und Tritten traktiert. Die vier am Ort anwesenden
Zivilpolizisten griffen sofort ein und versuchten, die Angreifer mit
Pfefferspray abzuwehren, wurden dabei jedoch auch sofort angegriffen und
verletzt. Mindestens zwei Polizisten musste anscheinend ins Krankenhaus
eingeliefert werden. Die JUSO dankt diesen Beamten für ihr mutiges eingreifen
und wünscht gute Besserung.
Es ist festzuhalten, dass sich alle Kundgebungsteilnehmer jederzeit friedlich
und provokationslos verhalten haben. Bevor Verstärkung der Polizei eintraf,
zogen sich die Rechtsextremen zurück und verschwanden mit Autos. Die JUSO dankt
der Glarner Polizei und den anwesenden Beamten für ihren Einsatz.
Unter den Angreifern waren sowohl Glarner, als auch Personen aus anderen
Kantonen. Anscheinend mobilisierten Glarner ?Kameraden" aus anderen Teilen der
Schweiz als Unterstützung für ihren gewalttätigen Angriff.
Trotz der Attacke wurde die Kundgebung und die geplanten Konzerte unter
Polizeischutz durchgeführt. Bis zu 70 Personen waren gleichzeitig anwesend,
viele nutzten die Möglichkeit vorbei zu schauen und auch spontan ihre Ablehnung
gegen das Vorgefallene zu äussern. Es kann davon ausgegangen werden, dass viele
potentielle Teilnehmer zum Schutze ihrer eigenen Sicherheit der Veranstaltung
fernblieben. Vom Angriff abgesehen kann die Kundgebung aber als Erfolg
betrachtet werden.
Die Geschehnisse zeigen, dass solche Aktionen nötiger sind als je zuvor. Es kann
nicht sein, dass es im Glarnerland nicht mehr möglich ist, eine friedliche
Aktion für Solidarität und gegen Rassimus anzukündigen und durchzuführen ohne
angegriffen zu werden. Die Rechtsextremen verbreiten ein Klima der Angst in der
Bevölkerung und vor allem unter der Glarner Jugend.
Die Rechtsextremen geben vor, sich für eine bessere Schweiz einzusetzen. Ist
dies das Zusammenleben, welches sie sich wünschen, bei dem man aufs brutalste
überfallen und verprügelt wird? Jede und jeder, die/der eine andere Meinung
vertritt, wird zum entmenschlichten Feind. Ein menschliches Zusammenleben
erfordert die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und miteinander zu sprechen
und sich auch bei anderen Ansichten immer gegenseitig als Menschen zu sehen.Der
Angriff zeigt, dass die rechtsextreme Szene auch im Glarnerland äusserst
gewaltbereit ist und ihre Exponenten nicht davor zurückschrecken, schlimmste
Verletzungen zu riskieren. Woher kommt ein solcher Hass auf andere Menschen?
Dies ist die Ideologie des Rechtsextremismus: Was nicht in ihr Weltbild passt,
hat keine Daseinsberechtigung. Vielen Glarner Jugendlichen wird diese Ideologie
tagtäglich von den organisierten Rechten Gruppen eingeimpft. Dies ist
Brandgefährlich. Diese ?Sprache" der Brutalität wollen wir mit der Sprache der
Solidarität und der gegenseitigen Hilfe beantworten.
Die JUSO lässt sich von solchen Übergriffen nicht entmutigen, sie fördern nur
unsere Bemühungen uns zusammenzuschliessen und uns für eine menschliche
Gesellschaft einzusetzen. Alle sind aufgefordert, dieser Ideologie des Hasses
und der Gewalt mit Wort und Tat entgegenzutreten. Rassismus und
Rechtsextremismus beginnen im Alltag, eine solidarische und menschliche
Gesellschaft, die wir ihnen entgegenstellen müssen, auch.
Die Glarner Behörden müssen nun reagieren. Rechtsextreme stellen klar eine
Bedrohung in unserem Kanton dar. Die JUSO hält an ihrer Forderung fest, dass
eine offizielle und kompetente Arbeitsgruppe mit Fachpersonen zum Thema
eingesetzt werden muss. Es müssen Strategien und Projekte zur Lösung des
Problems von Rechtsextremismus und der davon ausgehenden Gewalt erarbeitet werden.
fotos der faschos http://www.juso.ch/glarus/
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