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(de) DIREKTE AKTION 179 | VERGEWALTIGUNG IM PARADIES

Date Sun, 07 Jan 2007 15:53:15 +0200




Sonne, Meer, idyllische Buchten, Strandtavernen, malerische Dörfer, Gastfreundschaft. Das dieses Ideal aus dem Reisekatalog nicht für alle Fremde in Griechenland Gültigkeit besitzt, konnte dem aufmerksameren Teil der griechischen Bevölkerung in den letzten Jahren nicht verborgen bleiben. Zu häufig waren die fremdenfeindlichen Ausschreitungen ganzer Dorfgemeinschaften, die mit vereintem Volkswillen die "dreckigen Albaner" oder "die klauenden Ausländer" aus ihren Dörfern verjagten. Zu breit der rassistische gesellschaftliche Konsens, der Ausländer in gut - die bezahlenden Touristinnen - und schlecht - die Arbeitsmigranten - einteilte. Wie ekelerregend und manchmal lebensgefährlich das Gemisch aus Rassismus, Sexismus, Patriarchat, Stolz und der Verteidigung der Dorfehre ist, welches in den abgelegeneren Regionen Griechenlands bis heute überdauert hat, zeigen die Ereignisse der letzten zwei Monate in Amarynthos, einem Dorf auf der Insel Euböa.





*Das Verbrechen*



Während sich die Lehrer nach sechswöchigem erfolglosem Streik Mitte Oktober geschlagen geben (DA Nr.176/178), gehen die Universitäts- und Schulbesetzungen gegen die geplante Bildungsreform der konservativen Regierung erst mal weiter. Auch die Schule in Amarynthos ist zu dieser Zeit verbarrikadiert. Während der Besetzung wird eine 16-jährige Schülerin, bulgarischer Abstammung, von vier ihrer Mitschüler auf der Schultoilette vergewaltigt, vier Klassenkameradinnen schauen zu und filmen die Tat mit ihren Handys. Die Mutter des Opfers erstattet Anzeige, die Täter und ihre Eltern behaupten "die Hure ist doch eh mit jedem ins Bett" und habe alles freiwillig mitgemacht. Es riecht nach Sex and Crime, das verkauft sich gut und so belagern diverse Fernsehsender das Dorf. Unterbrochen von Live-Schaltungen ans Schultor, finden Abend für Abend Diskussionsrunden so genannter Fachleute im Fernsehen statt.

Dort wird über "die Gewalttätigkeit der Jugend" oder "die sexuelle Zügellosigkeit unserer Kinder" schwadroniert. Immer wieder dazwischen gestreut angebliche Handyfilmchen mit Pornoaufnahmen.



Auf Grund der Pogromstimmung im Dorf flüchten Mutter und Tochter nach einigen Tagen nach Athen. Staatspräsident Papoulias - ein ehemaliger antifaschistischer Widerstandskämpfer, der im 2. Weltkrieg zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurde - schaltet sich ein, und spricht von schlimmen rassistischen Auswüchsen, die in letzter Zeit sowohl in der griechischen Gesellschaft als auch in der Berichterstattung von Teilen der Medien um sich greife. Er appelliert an alle, diesen Tendenzen entgegen zu wirken und erinnert speziell die Medien an ihre Verantwortung. Volkes Stimme jedoch tendiert eindeutig in Richtung "Sexorgie", nach dem Motto: "Die haben das doch alle so gewollt!"





*Knüppel, Spaten, Hacken* .



Am 19. November demonstrieren ungefähr 120 Frauen und Männer der anarchistischen Bewegung in Amarynthos. Sie wollen ihrer Wut über die Vergewaltigung, sowie die folgenden rassistischen und sexistischen Reaktionen der griechischen Gesellschaft und großen Teilen der Linken, Ausdruck verleihen. Angriffsziel der Demonstration ist auch der scheinbare Konsens der Dorfgemeinschaft, die "in ihrer Gesamtheit das Verbrechen gutheißt indem sie die Täter schützt und das Opfer zur Schuldigen macht". Auf mögliche Provokationen der Dorfbevölkerung will man nicht eingehen. Die aus Thessaloniki und Athen mit zwei Bussen angereisten DemonstrantInnen verteilen Flugblätter, rufen und sprühen Parolen. Nach eigener Einschätzung sind die für den Stand der antipatriarchalischen Diskussion in Griechenland - auch innerhalb der Szene - durchaus revolutionär zu nennen. "In dieser Gesellschaft endet das Patriarchat im Puff und beginnt in der Schule" und bezogen auf die fremdenfeindliche "Ausländer (Fremde) raus" Parole, "Fremde sind nicht die Migranten sondern die Vergewaltiger und ihre Unterstützer", oder auch der alte feministische Slogan, "Vergewaltiger sind keine besondere Rasse sondern ganz normale Männer!" Das nationalistische Dorfdenkmal, das der "toten Helden" gedenkt, die sich im Bürgerkrieg der "kommunistischen Gefahr" entgegengestellt haben, wird in ein "Denkmal, der von griechischen Kleinbürgern ermordeten Migranten" umgestaltet.



Ein Demonstrant berichtet: "Während die Parolen gesprüht wurden, nahmen die Pöbeleien der Dorfbevölkerung zu." Diese beziehen sich jedoch nicht auf die Parolen, sondern auf die Vergewaltigung an sich, über die mittlerweile Sprüche in der ersten Person Plural zu hören sind. "Gut, wie wir`s ihr gegeben haben" und "die hätten wir bis ins Rückenmark ficken sollen". Während die Demo weiterzieht kommt es zu ersten körperlichen Angriffen. "Vor allem die Frauen wurden übelst beschimpft.

Groß und Klein stand auf den Balkonen, alle haben gepöbelt. Aber das war erst der Anfang."



Kurz später wird bekannt, dass die Busse nicht mehr auf dem Parkplatz warten sondern aus dem Dorf gejagt wurden. "Mittlerweile beeilten wir uns wegzukommen. Ungefähr hundert Meter hinter dem Dorfausgang haben sich dann die ersten Dorfbewohner gesammelt. Mit Knüppeln, Spaten, Hacken, Eisenketten und Spießen . Von weitem sah es aus, wie eine parastaatliche Gruppe. Sie fingen an Steine zu schmeißen, wir gingen weiter und die Panik wurde langsam größer. Dauernd flogen Steine, wir versuchten sie mit unseren Fahnen abzuwehren. Die Menge vor uns wurde ständig größer, die hinter uns kamen langsam näher. Die Beschimpfungen und Bedrohungen den Frauen gegenüber wurden immer ekelerregender."





*"Ihr kommt hier nicht lebend raus"*



Die Steine fliegen aus immer kürzerer Distanz und die ersten DemonstrantInnen werden am Kopf getroffen. Einer geht ohnmächtig zu Boden. "Die Genossen haben ihn hochgezogen und mitgeschleppt und dann fingen sie an mit Knüppeln auf uns einzuschlagen. Wir verteidigten uns so gut es ging."



Gespräche sind nicht möglich, es scheint keine Chance zu geben, die völlig durchdrehenden Männer irgendwie zu beruhigen. "Die wollten Rache nehmen. Je mehr einer versuchte sich zu verteidigen desto wilder prügelten sie auf ihn ein." "Ihr kommt hier nicht lebend raus!"



Unter ständigen Schlägen und einem Hagel von Steinen - einzelne werden zu Boden geschlagen und dann zusammengetreten - versuchen die GenossInnen zu entkommen. "Die ganze Demo rannte nur noch." Erst nach mehr als zwei Kilometern erreichen die Flüchtenden die wartenden Busse, sie werden bis zuletzt verfolgt. Unter Flüchen und Gebrüll fahren die Busse los während noch die Letzten hineinspringen. "Bald merkten wir, dass Einige fehlten. Die wurden zum Glück von den Bullen aufgesammelt und später zu den Bussen gebracht. Der Alptraum war vorbei. Wir waren alle total schockiert von dieser mörderischen, vernichtenden Raserei."



Von den 120 DemonstrantInnen sind am Ende des Tages über 60 mehr oder weniger schwer verletzt. Platzwunden, Arm-, Schulter-, Handbrüche, Stauchungen. Es ist reiner Zufall, dass niemand erschlagen wurde. Dem Großteil der griechischen Presse sind die mordlustigen Angriffe keine Meldung wert. Wenn in Randspalten doch über das widerliche Geschehen berichtet wird, sind "anarchistische Provokationen" für die "Auseinandersetzungen" verantwortlich. Das Boulevardblatt «Espresso» berichtet über die "kämpferische Stimmung" im Dorf und zeigt mit Knüppeln bewaffnete Dorfpatroulien, die nachts Wache schieben um "Strafaktionen der Anarchisten" abzuwehren. "Wenn die nachts kommen schlagen wir sie tot", wird ein "Dorfschützer" zitiert. Doch wer will schon noch nach Amarynthos! Auf Indymedia Athen rufen Frauen zum Urlaubsboykott von Amarynthos im nächsten Sommer auf.



(Erschienen in «Direkte Aktion» Ausgabe 179 Januar 2007 --

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