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(de) Berlin, 6.Woche beim CNH-Streik in Berlin-Spandau (Bericht 28.03.2006)

Date Tue, 28 Mar 2006 17:50:58 +0200


Tag 35. war gestern und nun sind wir schon in der 6.Woche. Die Kollegen
werden mürrischer gegenüber der IG-Metall. Solidarität ausdrücklich
erwünscht.

Gestern war Tag 36. Nun sind wir in der 6. Woche des Streiks beim
ehemaligen o&k Werk. Das Unternehmen heisst Case New Holland. Es besteht
aus den Firmen Case und New Holland. Case New Holland gehört FIAT, einem
Autohersteller aus Turin (Torino) in Italien (Die Stadt der
Winterolympiade).

Case New Holland hieß früher in Spandau Orenstein und Koppel. Es wurden
vor allem High-Tech-Bagger, aber auch Rolltreppen und so weiter in
Spandau produziert.

Die Bauweisen sind in Italien und so müssten die Kollegen würden sie die
Bagger weiter bauen wollen, ganz neue entwickeln...

Orenstein und Koppel war "deutsche Markenqualität" und da der böse
Kapitalist diesmal kein deutscher ist "steht" die deutsche
Medienöffentlichkeit wie "ein Mann" hinter den ehemaligen Orensteinern.
Genutzt hat es den Kolleg_Innen bisher nicht. Vorletzte Woche waren
Lafontaine und Bisky da, sogar Berlins Regierender Oberbürgermeister
Klaus Wowereit hat sich solidarisch gezeigt.

Genutzt hat es den Kolleg_Innen bisher nicht.

Letzte Woche haben sich die Kolleg_Innen einiges Einfallen lassen, von
der "Held der Arbeit - Streikbrecherwand" mit Fotos vermeintlicher
Streikbrecher_Innen, neben dem Haupteingang über Konfetti und
Sektempfang bis hin zum Nebelmaschinen-Empfang bis hin zur
Öffentlichkeitsaktion an der
Weltzeituhr und die Eröffnung des letzten "Aufständischen" Ounkarum oder
auch Zihnätsch-Dorfes inmitten von Gallien (das im Jahre 35 nach Bretton
Woods von Marktradikalen besetzt ist) zwischen Globelirtum,
Neoliberalum, Sowiesoverkehrtherum und Turinpunto.

Eugene Delacroix Revolutionsgemälde über die Französische Revolution
wurde für O&K Neugestaltet usw usf

Die Industrie Gewerkschaft Metall gibt alles für die Orensteiner_Innen?

Ich habe es ja bewusst bisher ausgeklammert aber der Unmut der
Kolleg_Innen gegenüber der IG-Metall ist bereits so enorm, das man nicht
mehr einfach so drüber hinwegsehen kann, wie über ein kleinen Makel.

Es gibt natürlich zum Beispiel die Auseinandersetzungen darüber, das
Gewerkschafter_In sich doch nicht alles und jeden einladen kann. Versus
"Wir brauchen doch Öffentlichkeit". So waren Leute wie Friedbert Pflüger
(Bürgermeisterkandidat der CDU) sehr umstritten.

Diese Diskussion findet nicht nur aufm Streik, sondern auch ausserhalb
des Betriebes in vielen anderen IG-Metall-Gliederungen statt.

Luis Sergio, der Streikleiter, sagte dass Solidarität erwünscht sei,
aber nicht von Jedem und JedeR und erklärte, er meine die Westerwelles
von der FDP.

Heute wurde mir von einem Kollegen erzählt, von dem ich es nie erwartet
hätte und mit dem ich auch sonst nie "politisch" geredet hatte "das mal
wieder 50 Autonome vorbeikommen sollten, diesmal aber Vormittags" das
das wäre was sie bräuchten. Ich wollte ihn von unserer Demo "Raus aus
der Szene und Rein in den Klassenkampf!" erzählen. Doch er hatte
offenbar das Posting im Internet gelesen. Ich erzählte ihm trotzdem
nochmal von den Problemen die es gab, doch die waren ihm auch teilweise
bekannt.

Wir paar Autonome (meist 3-4) die relativ unregelmässig da vorbeikommen,
werden auch wahrgenommen und jeder weiß eigentlich WER ich bin. Ich kann
mich also auch nicht "verstecken". Und so sind die Gespräche sehr
politisch und über dringendste Gesellschaftliche/Persönliche Probleme.

Die Gespräche reichen von Marxismus über Kommunismus, bis hin zu
Kritiken der einzelnen "Politiker"-Auftritte über Gesellschaftliche
Probleme, insbesondere der Arbeitslosigkeit und des sozialen Elends, der
Rentenversicherung und der für uns schlechten Lebensperspektiven, bis
hin zur Geschichte der Arbeiter_Innenbewegung und die Erkämpfung des
Acht Stunden Tages. Ohne jetzt explizit gegen die IG-Metall hetzen zu
wollen gibt es auch sehr arge Kritiken gegen sie...

Über gewisse Vorkommnisse schreibe ich allerdings wahrscheinlich erst
nach dem Streik.

Letztendlich sind viele Kolleg_Innen echt sauer und verbittert. Von der
Menschlichen Seite her ist das Krass wie die Geschäftsleitung mit den
Menschen umspringt, die sie mehr als 25 Jahre lang beschäftigt und nach
5 Wochen gibt es immernoch keine richtigen Verhandlungen, sondern nur
Gespräche über sogenannte "Investoren". Abgesehen von der kaum
vorhandenen Streikerfahrung als IG-Metall in Berlin (keine Ahnung
inwieweit man es vorwerfen kann) gibt es doch ein paar Sachen, die nach
Meinung vieler Kolleg_Innen anders laufen könnten. Dabei kommt die
IG-Metall der Nicht-Gewerkschafts-Seite zu vielen Kollegen zu sehr
entgegen. 5 Maschinen wurden schon heraustransportiert. Ich will nicht
sagen das Autonome als Streikleitung oder irgendeine andere politische
Strömung in diesen Gremien ein Hauch besser wäre. Aber Autonome haben
auch nicht das IG-Metall Konzept eines Streiks. Selbst
Anarcho-Syndikalist_Innen gehen da ganz anders vor.
Auf jeden Fall ist bei Autonomen und Syndikalist_Innen die
Entscheidungsgewalt bei den Streikenden, während einige Streikende
kritisieren: "75% brauchst du für einen Streik und 25% um ihn abzubrechen."

Es geht mir nicht darum die IG-Metall oder den CNH-Streik
schlechtzumachen oder Autonome oder Syndikalist_Innen als die Cooleren
darzustellen, denn schließlich sind die Arbeiter_Innen nicht autonom
oder syndikalistisch, sondern eben IG-Metallisch organisiert. Selbst bei
dem IG-BAU Streik 2002 liefen viele Sachen schief aber einige eben
anders. Da wurden von den Arbeiter_Innen viele "gerichtliche
Anordnungen" bis zur Unkenntlichkeit verbogen, auch lief vieles über
mehr "Eigeninitiative" und etwas dezentraler. Was bei einem einzigen
Werk mit drei Straßentoren und einem Eisenbahntor nur anders laufen kann
und muß?!? Beim IG-BAU Streik gab es soweit ich mich erinnere (kann mich
auch irren) Passierscheine. Trotzdem war es ein knallharter Kampf das
niemand, auch nicht die Polizei, die Streikposten überquert.

Aber aufm BAU ist ja auch wegen oft wechselnden Arbeitsplätzen alles ein
bisschen rabiater und radikaler als bei einem 130 Jährigen
Traditionsbetrieb, wo nicht jeder einfach so reinkommt wie er/sie/es möchte.

Auf jeden Fall wollen sich die Kolleg_Innen von den Werks-Bossen nicht
länger verarschen lassen. Von beiden Seiten der Streikpostenkette aus
gesehen wird kräftig Fotografiert (Beweismaterial gesichert) und MEINER
Meinung nach ist von beiden Seiten vieles nur "Symbolisch". Das wiederum
liegt an den "gezügelten" Klassenkampfverhältnissen. Ob das gut oder
schlecht sei, maß ich mir HIER kein Urteil an. Auf jeden Fall SCHEINT
die andere Seite KLAR im Vorteil. IST SIE ABER NICHT!!!!

Die Bosse spekulieren ja mit allen möglichen Untergrabungsversuchen auf
Streikabbruch, vergessen aber offensichtlich das es um die EXISTENZ der
Meisten Kolleg_Innen geht und da hört der Spass auf, da ist pure
Verzweiflung. Andererseits ist die Geschäftsleitung noch mehr
verzweifelt, weil alle möglichen Aufträge geplatzt sind, storniert
wurden und Kunden abgesprungen sind (ohne die geschäftliche Praxis von
CNH schlecht machen zu wollen).

Da es im Kapitalismus nicht um die Existenz der Arbeiter_Innen oder
deren Arbeitsplätze, sondern um den Umsatz (re-finanzierung) und mehr
noch den Profit geht, sind die "Schlacht-Felder" klar abgesteckt. Wird
nicht produziert (und zwar qualitativ, nicht quantitiv) gibt es keine
"Wertschöpfung" oder "Wertschaffung" und das System der Investion und
Profitmaximierung ist in Frage gestellt, ja ALLES wird in Frage
gestellt. Eigentlich alle Gesellschaftlichen Mechanismen und das sie nix
alleine als einzelne Reißen können wissen die Arbeiter_Innen sehr genau.
Sie suchen nach Lösungen und Alternativen. Die Nazis haben da schon
deshalb keine Chance, weil es viele Migrant_Innen gibt. Klar gibt es
oberflächlich Rassismus, aber wieviel ist davon noch da wenn mensch ein
bisschen dran kratzt. Sexismus gibt es alleine schon wegen dem Mangel an
Frauen, aber wieviel ist davon ernst gemeint und nicht einfach
Unsicherheit oder Gesprächsersatz. Eines ist sicher das nix Statisch ist
im Streik. Weder die Verhandlungskompetenzen noch die
Handlungsmöglichkeiten.

Das ist wie ich gerade die Lage (vielleicht falsch) einschätze.
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