A - I n f o s
a multi-lingual news service by, for, and about anarchists **

News in all languages
Last 40 posts (Homepage) Last two weeks' posts

The last 100 posts, according to language
Castellano_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement
First few lines of all posts of last 24 hours || of past 30 days | of 2002 | of 2003 | of 2004 | of 2005 | of 2006

Syndication Of A-Infos - including RDF | How to Syndicate A-Infos
Subscribe to the a-infos newsgroups
{Info on A-Infos}

(de) Rebellion Nr. 37: Ein neu zu fuehrender Kampf

Date Thu, 13 Jul 2006 19:24:30 +0200


Artikel aus Rebellion Nr. 37

Ein neu zu führender Kampf:
Die Gleichheits-Illusionen zerstreuen
Der heutige antifeministische Diskurs behauptet gern, dass das
gesellschaftliche Leben sich zu Gunsten der Frauen und zum Nachteil der
Männer komplett gewendet hat: Frauen hätten alle Rechte und Männer wären
in einer Identitätskrise, orientierungslos und abgehängt. Schuld daran
seien das Gleichstellungsgesetz von 1981, der Frauenstreik von 1991, das
Gleichstellungsgesetz (GIG) von 1996: Den Männern bleibt nichts (und vor
allem keine Frau mehr). Diese Sicht der Dinge ist so böswillig, dass es
noch relativ einfach ist, sie zu bekämpfen. Es gibt aber auch eine
andere, weit verbreitetere und perfidere, die davon ausgeht, dass die
Gleichstellung von Frauen und Männern jetzt erreicht ist und kein
Grundsatzproblem mehr darstellt. Aus dieser Sicht wären die
verbleibenden Ungleichheiten nicht mehr ein Strukturproblem und sollten
mit der Zeit von selber verschwinden, je weiter die Gesellschaft ihren
Weg Richtung Gleichheit beschreitet.
Diese Illusion von Gleichheit ist viel perfider als der eingangs
erwähnte primitive Antifeminismus, weil sie mit der Idee einer gerechten
Welt operiert, an die Alle gern glauben wollen. Man beisst an. Mehr
noch, man räumt Ungereimtheiten weg und versucht sie reinzuwaschen: Man
hat das Gefühl, Gleichheit herzustellen und selber im Alltag an ihrer
konkreten Umsetzung mitzuwirken.
Nehmen wir zum Beispiel das Teilen der Haushaltsarbeit. Es ist schon so
viel darüber diskutiert worden, man hat so oft wiederholt "Teilen ist
eine gute Sache", "Es gibt kein Grund dafür, dass die Frauen den
Haushalt alleine schmeissen sollten", "Die Männer sollten doch mehr
machen". Es wird angenommen, dass alle einverstanden sind. In der Praxis
kann man aber feststellen, dass nichts geschieht. Komisch, nicht? Warum
wird diese Idee nicht umgesetzt, wenn sie so gut ist? Es ist nicht,
entgegen der weitverbreiteten Ansicht, das klassische Problem vom weiten
Weg zwischen Theorie und Praxis. Es geht um ein Täuschungsmanöver oder
noch besser, darum, den Schein zu bewahren: Mit der Zustimmung zum
Gleichheitsprinzip zeigt man seine Achtung vor einer gesellschaftlichen
Norm, die allgemein als Richtwert (in der Theorie) akzeptiert wird,
obwohl gleichzeitig an der alten Praxis festgehalten wird. Man findet
sich bestens ab mit den zahlreichen Ungleichheiten, weil man davon
profitiert und Vorteile für sich holt. Die Schlussfolgerung "Ich bin
für Gleichstellung, ergo bin ich gerecht" ist eine Lizenz zu denken,
dass man im Kampf gegen das Patriarchat das Nötige schon getan hat. Die
Gleichheitsillusion wirkt also doppelt. Die Gleichstellungsidee ist kein
Problem mehr - also das Problem des Nichtteilens der Haushaltsarbeit,
wie jegliche andere geschlechtliche Ungleichheit - gibt es nicht mehr
und jeder meint, die Gleichstellung auf seine Art zu fördern, indem
er/sie das Prinzip hochhält.
Eine sehr ähnliche Dynamik lässt sich bei den institutionspolitischen
"positiven" Bestrebungen um die "Chancengleichheit" herstellen, indem
man versucht, ein Gleichgewicht der Geschlechter in Gremien
"wiederherzustellen". Nehmen wir als Beispiel die Ausschreibungen für
Unijobs, wo im Inserat steht: "Bei gleicher Qualifikation, werden
Kandidatinnen bevorzugt". Dieser kleine Satz verpflichtet zu nichts,
nutzt aber viel: Er lässt glauben, dass die Gleichstellung ernst
genommen wird und liefert gleichzeitig ein Alibi für die fehlende
Umsetzung (zur Erinnerung: In der Schweiz machen Frauen zwar eine
Mehrheit der Studierenden aus, jedoch nur 12% der DozentInnen). Mit der
scheinbaren Gleichstellung ändern sich die (patriarchalen) Spielregeln
nicht: Karriere und Kompetenzen bleiben Männersache. In einem solchen
Rahmen kann Gleichstellung nur bedeuten, dass Frauen sich einem
männlichen Modell unterordnen müssen. So werden die Ungleichheiten
negiert, reproduziert und legitimiert.
Angesichts dieser fragwürdigen Folgen der Gleichheitsillusion bieten die
gesetzlichen Auseinandersetzungen kein taugliches Mittel. Gesetzte wie
das GIG stellen höchstens eine formelle Gleichstellung her, die
Illusionen nährt. Diese führen dazu, dass nicht mehr für eine
tatsächliche Gleichstellung gekämpft wird. Es ist darum viel dringender,
eine Bewegung aufzubauen, die sich dem HERRschaftscharakter unserer
Gesellschaft annimmt und damit aufhört, Frauenrechte nach Männerrechten
zu gestalten, sondern im Gegenteil die Menschenrechte im Rahmen eines
Gleichheitsprojektes neu definiert, welches die gesellschaftlichen
Beziehungen real und radikal verändert.
_______________________________________________
A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
http://ainfos.ca/cgi-bin/mailman/listinfo/a-infos-de


A-Infos Information Center