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(de) Fauchthunrundmail: 24.12.06 Bildung:Über die Chancen eines zeitgemäßen Anarchosyndikalismus II. (2/2?

Date Sun, 24 Dec 2006 18:43:38 +0200


Ob aber die Internationale noch zu retten ist, steht dahin. Im
Augenblick jedenfalls befindet sie sich mit Volldampf auf dem direkten
Kurs zu einer weltanschaulichen Sekte, die sich vor lauter
Prinzipientreue hartnäckig weigert, sich der Welt des 21. Jahrhunderts
zu stellen und sich der realen Probleme der Menschen im Hier und Heute
anzunehmen. Solange andere Sichtweisen nicht einmal zur Kenntnis
genommen und offen diskutiert werden dürfen, besteht indes wenig
Hoffnung, den vergreisten Patienten AIT von seinem Altersstarrsinn noch
kurieren zu können.
Anti-Aging für die Anarchie?
Abhilfe dürfte allerdings kaum aus den sklerotischen und verkrusteten
Strukturen selbst erwachsen; sie kann wohl nur aus den konkreten
Erfahrungen realer Kämpfe in wirklichen Gewerkschaften und aktiven
Bewegungen entstehen. Was hat uns Barcelona heute in dieser Hinsicht an
Erfahrungen und Alternativen zu bieten?

Vielleicht finden wir ja hier schon einige Zutaten für eine wirksame
?Anti-Aging-Kur? gegen die Senilität der Konzepte und die
pathologische Fixierung auf die Vergangenheit? Nicht nur für den
kriselnden syndikalistischen Bereich der anarchistischen Bewegung,
sondern für die Gesamtheit des libertären Lagers. Eine Art
Frischzellenkur, die dem stagnierenden Diskurs für eine befreite und
selbstverwaltete Gesellschaft zu neuer Dynamik verhelfen könnte?? Denn
das ist schließlich die Quintessenz des »anarchosyndikalistischen
Projekts«: die Verwirklichung jenes positiven Gesellschaftsentwurfs
namens Anarchie, einer Welt ohne Herrschaft, ohne Ausbeutung, ohne
Lohnsklaverei. Einer Welt übrigens, in der man dann auch keine
Gewerkschaften mehr bräuchte ? bei deren Verwirklichung sie jedoch die
zentrale Rolle spielen könnten. Vorausgesetzt, sie sind wirklich
revolutionär und vernetzen sich gemeinsam mit all den vielen anderen
libertären Projekten zu einer starken, virulenten Bewegung, die sich
Schritt für Schritt verdichtet, die nicht nur träumt, sondern neue
Realitäten schafft.

Schauen wir uns also an, was der Streifzug durch die anarchophilen
Winkel Barcelonas in dieser Hinsicht gebracht hat. Welche
?therapeutischen Elemente? könnten die einzelnen Gruppen,
Gruppierungen und Szenes, die wir kennengelernt und die sich
vorgestellt haben, zu einer Anti-Aging-Kur beisteuern? Und wie ließe
sich am Ende aus all diesen ?Anwendungen? vielleicht ein gescheiter
?Therapieplan? aufstellen, der der Anarchie nicht nur die Runzeln aus
dem Gesicht vertreibt, sondern sie auch fit genug macht, um auf dem
Tanzboden der sozialen Kämpfe wieder den heißesten Befreiungs-Rock ?n?
Roll zu tanzen?

Was die CNT auténtica angeht, so hatten wir bereits gesehen, dass sie
? zumindest in Barcelona ? nicht gerade mit einer bestechenden
Zukunftsstrategie aufwarten kann und wohl eher auf ?bessere Zeiten? zu
warten scheint, in der die Arbeiter endlich ?aufwachen?. Dass sie
indes nicht passiv abwartet, sondern sich mutig und engagiert den
deklassierten ?Randgruppen? zuwendet und sich hier mit radikaler
Kampfeslust einen guten Ruf als radikal andere Gewerkschaft
erstreitet, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden! Denn der Sektor
des ?klassischen? Arbeiters, des gut bezahlten Angestellten mit
anständigem Arbeitsvertrag, bröckelt überall in der globalisierten
Welt des Neoliberalismus ? das Prekariat wird allenthalben wachsen und
zu einer bedeutenden sozialen Realität werden, die große Mengen an
sozialem Sprengstoff in sich birgt. Auch die Versuche der CNT, sich
nach Jahren des Niedergangs wieder vermehrt ihrer traditionellen Rolle
als Gewerkschaft zuzuwenden ? etwa im Hotel- und Gaststättengewerbe ?,
ist ein positiver Ansatz. Hier könnte sich in praktischem Experiment
und offenem Wettstreit zeigen, welches Konzept tauglicher ist: die
Gewerkschaftssektionen der CNT oder die Betriebsräte der CGT. Im
besten Fall könnten aus gemeinsamen Aktionen und kritischer Bilanz
sogar neue, kämpferischere Formen entwickelt werden ? vorausgesetzt,
man betrachtet sich nicht länger als ?Feinde?, sondern tauscht die
Erfahrungen offen miteinander aus ? als ?Genossen mit
unterschiedlichen Konzepten?.

Der wichtigste Beitrag, den die CNT auténtica jedoch zum Anti-Aging
beisteuern könnte, ist sicherlich die Power ihrer Aktivisten, die
ungetrübte jugendliche Radikalität ihres kämpferischen Elans. Würde
diese Energie doch nur nicht in sterilen, rückwärtsgewandten
Fraktionskämpfen so sinnlos verpulvert!

Wenn diese CNT bei all ihrer Hingabe an die glorreiche Geschichte
ihrer Organisation auch endlich die geschichtliche Dialektik der
historischen CNT verstehen wollte, müsste sie eigentlich begreifen,
dass sie heute zum klassischen ?Rezept? des Anarchosyndikalismus genau
jene Zutaten beisteuern könnte, ohne die sich die anarchistische Pizza
nicht backen lässt: das radikale Element ? oder, um im Bild zu
bleiben: die Peperoni, die Salami, das Salz, den Chili und den
Majoran. Denn ohne diesen Part bliebe der gewerkschaftliche
?Hefeteig?, den die im Vergleich zur CNT eher beschauliche CGT
inzwischen angerührt hat, nur die sterile notwendige, aber eben nicht
hinreichende Voraussetzung für eine Revolution, die den Leuten auch
wirklich schmecken würde.

Bei der CNT desfederada hadert man offenbar intensiv mit der
Vergangenheit und sitzt schimpfend auf einem Scherbenhaufen, redlich
bemüht zu beweisen, dass man am Ende doch Recht hatte und die anderen
Unrecht. Das ist vermutlich sogar richtig, führt aber nirgends hin.

Dabei waren die wirklich relevanten Gründe für die Spaltung ? nicht
die zahlreichen vorgeschobenen rhetorischen Nebelkerzen ? durchaus
interessante Indizien für einen vorausschauenden und modernen
anarchosyndikalistischen Diskurs bei den desfederados. Ging es dabei
doch um so wichtige Fragen wie die interne Demokratie, die Autonomie
der Syndikate und das Primat horizontaler Strukturen gegenüber der
Macht der Komitees. Allesamt Strukturelemente, die, wenn sie in einer
kämpferischen Gewerkschaft konsequent angewandt würden, diese auch
heute noch für Arbeiter und Angestellte attraktiv erscheinen ließe ?
und sich so zu einer ernsten Konkurrenz für die reformistischen
Gewerkschaften entwickeln könnten. Sogar bei uns in Deutschland. Aber
leider werden hieraus offenbar keine wirklichen Konsequenzen gezogen,
keine innovativen Schritte eingeleitet, keine vorausschauenden
Strategien entwickelt. Stattdessen wartet man lieber auf eine
?Entschuldigung? ? und alles verliert sich dadurch irgendwie im
rückwärtsgewandten Groll. Dem aber immerhin solch ebenso apodiktischen
wie zutreffenden Urteile zu verdanken sind wie die Einschätzung der
heutigen FAI, deren einzige Funktion Genosse Lamata darin sieht, »sich
die Komitees unter den Nagel zu reißen, um sie zu kontrollieren«.

Auch was die angeblichen anarchosyndikalistischen Todsünden angeht,
zeigte sich zumindest mein Interviewpartner erstaunlich nachdenklich
und offen für neue Wege. Denn Ignacio Lamata weiß als erfahrener
Veteran der Bewegung natürlich, dass die Präsenz im Betriebsrat
keinesfalls automatisch in Reformismus und Korruption enden muss,
sondern gerade einer radikalen Gewerkschaft wie der CNT ein ganzes
Bündel von Vorteilen bieten könnte: den Schutz der Aktivisten vor
Repression, die Agitationsfreiheit im Betrieb, eine solidere Basis für
die direkte Aktion. Und vor allem: den direkten Kontakt zur realen
Arbeiterschaft, der beiden Fraktionen der CNT in den letzten Jahren
Schritt für Schritt abhanden gekommen ist. Ignacio tritt sogar offen
dafür ein, dass die Betriebsräte »eine Option« sein müssten, stößt in
seiner Organisation jedoch noch überwiegend auf Skepsis.
Bezeichnenderweise aus Angst davor, dass sich einmal gewählte
Betriebsräte quasi automatisch zu korrupten Monsterfunktionären
entwickeln müssten, zu »Lebemännern«, wie er sagt. Ist das Vertrauen
in die Integrität der eigenen Genossinnen und Genossen wirklich so
schwach? Hat man sich wirklich noch keine Gedanken darüber gemacht,
wie dieser Gefahr durch entsprechende Gegenmaßnahmen und Strukturen zu
begegnen wäre? Bei der CGT ist dies längst geschehen und dort verfügt
man inzwischen über einen Erfahrungshorizont von einem
Vierteljahrhundert. Aber mit denen redet selbst ein so undogmatischer
CNTista wie Ignacio Lamata nicht gerne?

Was bei alldem erstaunt, ist die tiefsitzende Angst vor Risiken. Man
scheint ganz allgemein den Kontakt mit der realen Gesellschaft zu
scheuen, weil man hier ja mit allem Bösen, was in Staat, Kapital,
Medien und Konsum steckt, in Berührung kommen könnte! Und überall dort
lauert ganz verführerisch die Gefahr der Korrumpierung. Von einem
virtuosen und listigen Umgang mit der bürgerlichen Welt, einer
taktischen Ausnutzung der Ressourcen unserer Gegner, wie sie bei der
CGT mit geradezu subversivem Vergnügen betrieben wird, ist man hier
noch weit entfernt. Andererseits ist alles, was mir bei der CNT
desfederada aus der täglichen Praxis berichtet wird, ebenfalls
inmitten der bürgerlichen Welt angesiedelt und Teil der legalen
staatlichen Strukturen: die gewerkschaftliche Rechtsberatung ebenso
wie die selbstverwalteten Betriebe oder der Kampf um höhere
Abfindungen. Seit wann aber hält denn das bloße Risiko, eventuell zu
scheitern oder sich zu irren, die Anarchosyndikalisten davon ab, zu
handeln?! Fast bin ich geneigt zu fragen, ob man aus derselben Angst
vor ?Ansteckung? nicht auch grundsätzlich ein Bankkonto ablehnen
müsste oder die staatliche Rentenversicherung.

Ansonsten herrscht in der Calle Joaquín Costa eher Ratlosigkeit. »Wie
schafft man es«, werde ich gefragt, »überhaupt an das Bewusstsein von
Leuten heranzukommen, die von den Medien auf Konsum und
Individualismus getrimmt und entsolidarisiert worden sind? Weiß die
FAU das? Sagt es mir!« Einstweilen versuchen es die desfederados mit
kleinen Schritten und engem Schulterschluss: Nahziel ist der
gemeinsame Auftritt auf der traditionellen Demo zum 1. Mai.
Angesprochen sind nicht nur »alle Schwarzroten« (einschließlich der
CGT!), sondern auch die zahlreichen antiautoritären und
emanzipatorischen Bewegungen Barcelonas. Immerhin! Denn die
?offizielle? CNT pflegt zur übrigen libertären Szene der Stadt eher
ein distanziertes Verhältnis. Aber auch dieser Bloque Negro ist wohl
nicht der Knaller gewesen, den Ignacio Lamata sich gewünscht hätte.
Eine gemeinsame Demo aller Anarchosyndikalisten kam auch in diesem
Jahr nicht zu stande ? und im Sommer erschien eine Sondernummer der
dissidenten Solidaridad Obrera, in der seitenlang die interne
Manöverkritik zwischen den verschiedenen beteiligten Gruppen
zelebriert wurde.

Nach dem großen, zukunftsweisenden Entwurf sieht auch das alles nicht
aus. Aber immerhin nach einer gewissen selbstkritischen Offenheit,
bereit, eventuell auch neue Wege jenseits der alten Dogmen zu gehen.

Damit wäre die CNT desfederada prädestiniert, Brücken zu bauen. Mit
der großen praktischen Erfahrung ihrer Aktivisten aus der mittleren
Generation, ihrem geschärften Gespür für Gerechtigkeit und Anstand in
den internen Strukturen der Organisation, ihrem Mix aus radikalem
Denken und pragmatischem Realismus, was die Realität in den Betrieben
angeht. Sie scheint heute ziemlich genau zwischen dem kämpferischen
aber etwas reflexionsarmen Aktionismus der CNT auténtica und der
soliden aber etwas routinierten Gewerkschaftsarbeit der CGT zu stehen.
Und: sie unterhält zu beiden immerhin noch Kontakte. Somit könnte sie,
sofern sie zum Dialog bereit ist, bei der Anti-Aging-Kur quasi für ein
ausgewogenes peeling im verschrumpelten Gesicht der Anarchie sorgen,
ohne gleich die ganze Haut mit abzurubbeln.

Beim Besuch der CGT erlebte ich im Vergleich zu all der Rat- und
Perspektivlosigkeit bei Barcelonas traditionellen Anarchosyndikalisten
die positivste Überraschung. Vor allem aus dem einfachen Grund, weil
hier eine anarchosyndikalistische Organisation tatsächlich
gewerkschaftliche Arbeit leistet. Nicht im Wolkenkuckucksheim von
Historie und Theorie, sondern ganz real im Leben von millionen
arbeitender Menschen. Mit zehntausenden von Mitgliedern überall im
Land. Und ganz offenbar mit Lust und Dynamik, mit Kraft und
undogmatischer Offenheit für Experiment und Risiko.

Ich habe mich seit meiner Rückkehr oft gefragt, ob ich mich in der Vía
Layetana nicht habe blenden lassen. Ich weiß, ich bin ein
begeisterungsfähiger Typ, der bisweilen zur Jovialität neigt, was
nicht unbedingt von Vorteil ist wenn es darum geht, kritisch zu sein.
Natürlich hat mir die freundliche und lockere Atmosphäre gefallen;
auch die quirlige Geschäftigkeit in den Räumen der einzelnen Syndikate
hat mir imponiert. Und ohne Frage habe ich mich in einem
anarchistischen Archiv außerordentlich wohl gefühlt ? fast wie zu Hause?

Es kann natürlich sein, dass mich all das in meinem revolutionären
Standpunkt »korrumpiert« hat ? ganz so, wie sich das die AIT-Hardliner
in ihren schlimmen Albträumen vorstellen. Hat die CGT tatsächlich so
viele Mitglieder wie sie angibt? Schafft sie es wirklich, das Primat
der betrieblichen Basisdemokratie gegen den Einfluss der ?Funktionäre?
durchzuhalten? Stimmt es, dass ihre Gewerkschaftsarbeit radikaler ist
als die der Reformisten ? und vor allem: verändert sie die
Gesellschaft oder wird sie von der Gesellschaft geschluckt? Offene
Fragen, die letztlich nur dann beantwortet werden können, wenn die
anderen Anarchosyndikalisten in aller Welt sich dazu bequemen, die
Erfahrungen der CGT überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und ihre Arbeit
über längere Zeit genauso unvoreingenommen und solidarisch zu
beobachten, wie sie das mit anderen libertären Organisationen tun. Ich
selbst war nur eine Woche in Barcelona. Auch halte ich mich weder für
einen ?Gewerkschaftsfachmann?, noch fühle ich mich dazu berufen, den
Weg der CGT als ?den richtigen? darzustellen. Ob es ein zielführender
Weg zu einer libertären Gesellschaft ist, kann ich nicht wissen,
ebensowenig, wie ich das bei der CNT oder der FAU weiß. Aber ein
interessanter, ein vielversprechender Weg ist das, was diese
Gewerkschaft auf die Beine stellt, allemal.

Eigentlich glaube ich auch nicht, dass ich so naiv bin, mich von ein
paar chicen Büros, modernen Computern und schwarzroten Fahnen derart
beeindrucken zu lassen, dass man mir mal eben einen ?potjemkinschen
Anarchosyndikalismus? unterjubeln könnte. Aber letztlich ist das ohne
Belang. Denn für die CGT wie für die CNTs gilt gleichermaßen, dass ich
mich bei meiner Reportage nur auf den Augenschein verlassen konnte ?
und auf das, was man mir in den Interviews sagte. Und was das angeht,
so gaben mir Auge und Ohr bei der CGT übereinstimmend dasselbe Signal:
Was ich hier erfuhr, war sowohl das Innovativste wie auch das
Plausibelste, was ich vom anarchosyndikalistischen Barcelona zu sehen
und zu hören bekam. Wer die Interviews liest und vergleicht, mag sich
sein eigenes Urteil bilden.

Überzeugend wirkte auf mich vor allem, dass Ángel Bosqued, mein
Interviewpartner bei den CGTistas, nicht einmal den Versuch unternahm,
die Kritiken aus dem anarchistischen Lager abzutun; sie werden nämlich
durchaus ernst genommen. Und die Antworten, die er mir im Einzelnen
gab, zeigten, dass manche Kritiken punktuell berechtigt sind, andere
hingegen als törichter Humbug angesehen werden müssen. Am
beeindruckendsten jedoch war die Offenheit, mit der man bei der CGT
auch über Misserfolge spricht ? und gleichzeitig im Detail erläutert,
wie man in der Praxis versucht, die gefährlichen Klippen von
Reformismus, Korrumpierung und Saturiertheit zu umschiffen. Hieraus
ergab sich das Gesamtbild einer funktionierenden
anarchosyndikalistischen Struktur, bei der es zwar stellenweise im
Getriebe knirscht, die aber mit Sicherheit transparenter und
basisdemokratischer ? sprich: anarchistischer ? ist, als die
kläglichen Intrigenspielchen in den Komitees der CNT, von denen die
desfederados so anschaulich zu berichten wussten. Zu guter Letzt hat
mich als Journalist natürlich gefreut, dass ich in der Vía Layetana
auf klare Fragen auch klare und kohärente Antworten bekam. Von meinen
anderen Interviewpartnern lässt sich das nicht unbedingt behaupten.

Ohne Frage ist die CGT eine in der Wolle gefärbte
anarchosyndikalistische Organisation, die sich selbst als Teil der
libertären Bewegung versteht, in der sie auch bestens verankert ist.
Das sieht man in Barcelona fast in jeder einschlägigen Lokalität.
Gewiss entspricht ihr Konzept des Anarchosyndikalismus nicht den
gegenwärtigen Statuten der AIT, aber gerade das scheint ihre Virulenz
auszumachen und ihre Stärke zu begründen. Denn die CGT sieht sich
exakt in der Tradition der historischen CNT in den Jahren vor der
revolutionären Situation von 1936, als das Zusammenspiel von
gewerkschaftlichen und revolutionären Kräften innerhalb einer
einzigen, starken Konföderation überhaupt erst die Kraft generierte,
die dann die Revolution möglich machte.

Entsprechend klar sind die Vorstellungen, die man hier für die Zukunft
des Anarchosyndikalismus entwickelt hat: Überwindung der Spaltungen
mit Hilfe jener jungen Aktivisten der neuen Generation, die von den
endlosen Polemiken die Nase voll haben ? und schrittweiser Einstieg
sowohl in den konstruktiven Dialog über die Theorie als auch in die
punktuelle Zusammenarbeit in der Praxis. All dies in dem klaren
Bewusstsein, dass das anarchosyndikalistische Projekt die Power der
radikaleren Kräfte, wie sie in der CNT und anderswo zu finden sind,
genau so nötig braucht wie die solide gewerkschafliche Aufbauarbeit,
wie sie die CGT leistet. Erst aus der Kombination beider Elemente
könne jene Mischung entstehen, die im geeigneten Augenblick zur
?kritischen Masse? kulminiert.

Unverzichtbarer Bestandteil dieses Szenarios aber sei die Restauration
der libertären Alltagskultur jenseits der Syndikate ? jene virulente,
an-archische Gegengesellschaft aus kulturellen, ökonomischen und
politischen Projekten in den Städten und auf dem Lande, in jedem
Viertel und in allen gesellschaftlichen Gruppen. Hier pflegt die CGT
nicht nur den Kontakt, hier ist sie selbst seit Jahren aktiv und
unterstützt beharrlich und unspektakulär die verschiedensten
Iniativen, weit weg von der eigentlichen gewerkschaftlichen Arbeit.
Denn schließlich, so ist Ángel Bosqued überzeugt, müssten »alle unsere
Kämpfe in der Praxis und in der Theorie auf ein einziges Projekt
zusammenlaufen, das jeder Mensch verstehen kann, ohne dass er vorher
Bakunin oder Malatesta lesen muss.«

Klar, dass Organisationen wie die CGT in einem nach vorne schauenden
anarchosyndikalistischen Zukunftskonzept die Funktion eines
kraftvollen und zuverlässigen Motors bestens ausfüllen könnten. Ohne
Motor fährt kein Auto, ohne Teig gibt?s keine Pizza und ohne
Gewerkschaften keinen Syndikalismus. Die CGT ist jung, sie ist stark,
sie ist dynamisch. Und sie ist ? entgegen allen Gerüchten ? libertär
aus vollster Überzeugung. Da sie darüber hinaus auch offen ist und
(ganz im Gegensatz zu vielen anderen Anarchoorganisationen) fähig zur
kritischen Selbstreflexion, wäre es ebenso arrogant wie töricht, auf
die ausgestreckte Hand zu spucken und diese innovative Kraft weiterhin
zu ignorieren, wie das in manchen Anarchokreisen nach wie vor angesagt
scheint.

Und wenn wir noch einmal die Metapher vom Anti-Aging
bemühen wollen: Die CGT scheint mir im Moment der einzige Körper im
anarchosyndikalistischen Lager zu sein, der als Spender für eine
Frischzellenkur überhaupt in Frage käme.

Jene libertäre Alltagskultur, deren Bedeutung bei der CGT so stark
betont wird, bildete die letzte Station meiner Reportage ? und
zugleich die angenehmste. Nach all den Geschichten voller Ränke und
Kabale, Spaltereien und Ausschlüssen tat es gut, tief durchzuatmen und
einen intrigenfreien Raum zu betreten, in dem die verschiedensten
Projekte und Initiativen sich offenbar nicht als Konkurrenten sehen,
sondern als komplementäre Alternativen im gemeinsamen Bestreben für
eine freie Gesellschaft.

Da ich hier nicht über anarchistische Exegese und Fraktionskriege
berichten muss, fällt das Resümé dieses Besuches kurz aus:

Auch im ?alternativen Barcelona? sehen sich viele Menschen durchaus
noch in der Tradition des klassischen anarchosyndikalistischen
Diskurses ? als aktiver Teil in der Dualität aus gewerkschaftlichem
Kampf und dem zeitgleichen Aufbau einer aktiven, subversiven und
virulenten Gegengesellschaft im Alltag der Menschen. Das zeigt sich
nicht zuletzt an vielen gemeinsamen Aktionen, Projekten und
Demonstrationen ? naturgemäß am intensivsten mit der CGT, aber auch
mit der CNT desfederada. Allerdings hat das Vertrauen auf die
Durchschlagskraft des anarcosindicalismo in den letzten Jahrzehnten
verständlicherweise sehr gelitten ? man hat diese Krise zur Kenntnis
nehmen müssen und sich mit ihr arrangiert. Aber nicht resigniert. Wenn
sich die sindicalistas untereinander zerfleischen, muss es halt auch
ohne sie weitergehen. Und dass es weitergegangen ist, habe ich bei
meinem Besuch immer wieder feststellen können. Die meisten Projekte,
die ich zuletzt auf meinen Reisen in den neunziger Jahren gesehen
hatte, haben sich gut entwickelt und nachhaltig in ihrem sozialen
Umfeld verankert. Einige haben sich beachtlich vergrößert und bei
manchen hat eine zweite Generation inzwischen ?Ableger? gebildet. Und
viele neue sind hinzugekommen, so dass der urbane Raum von immer mehr
formellen und informellen Netzwerken durchzogen wird.

Natürlich gibt es auch in Barcelona offene und hermetische Projekte,
innovative und sterile, undogmatische und dogmatische ? manche
erreichen die Menschen der Stadt, andere kapseln sich lieber in ihren
jeweiligen Szene-Ghettos ab. Aber in ihrer Gesamtheit scheint sich das
alternative Barcelona unumkehrbar auf den Weg gemacht zu haben: weg
von einer politfolkloristischen ?Nischenkultur?, hin zu einer
selbstbewussten ?Gegengesellschaft?, die zunehmend auch in der Lage
ist, die ?Normalbürger? anzusprechen. Als Franco 1974 starb, gab es
von all dem nicht einmal eine Spur ? inzwischen ist eine Dichte
erreicht, die es zunehmend schwerer macht, diese soziale Realität zu
ignorieren.

Auffallend ist, wie unverkrampft sich hier politisch unterschiedlich
gefärbte Gruppen begegnen, die in Deutschland vermutlich im Clinch
miteinander lägen, fleißig bemüht, herauszufinden und zu
kommunizieren, was sie trennt und warum diese Unterschiede so enorm
wichtig sind? Hier scheint man ? so war wenigstens mein Eindruck ?
eher das Gemeinsame zu suchen, nicht das Trennende. Eine junge Frau
aus dem Projekt-A-Dunstkreis hat das in frappierender Schlichtheit so
begründet: »Warum sollte ich meine knappe Zeit damit vergeuden, den
anderen ständig in den Topf zu gucken und ihnen sagen, was sie alles
anders machen müssten, weil ich es anders machen würde!? Ich hab? doch
genug damit zu tun, meine eigene Suppe zu kochen. Und weiß ich denn,
ob ich alles richtig mache? Wichtig ist doch, dass überhaupt jemand
kocht!« Dem möchte ich nichts mehr hinzufügen. Außer vielleicht, dass
eine solche Sichtweise zum Anti-Aging der Anarchie mehr beitragen
würde als alles peeling, alles politische Make-up und alle
Frischzellenkuren zusamengenommen.

Wer eine Pizza backen will, braucht nicht nur Hefeteig und Belag,
sondern auch einen heißen Backofen. Und wer eine anarchistische
Gesellschaft anstrebt, braucht das richtige soziale Umfeld. Ein
Milieu, in dem die Alternativen gedeihen, wo die Menschen ihre Ängste
vor der Utopie verlieren können, weil sie in kleinen Schritten
beginnen, das Utopische schon hier und heute im Alltag zu leben. Ein
lebendige ?Gegenkultur?, in der die neue Gesellschaft in der Gestalt
vieler kleiner ?Embryos? ebenso heranreifen kann, wie in einer
revolutionären Gewerkschaft, in der die Arbeiter ebenfalls Schritt für
Schritt lernen, dass sie ihre Arbeit und ihre Interessen tatsächlich
selbst und direkt in die eigenen Hände nehmen können.

Therapieplan für eine nachhaltige Anti-Aging-Kur

Auf beiden Baustellen ? Gegengesellschaft und Gegengewerkschaft ? wird
in Barcelona seit Jahren fleißig gearbeitet. Nur scheint irgendwie der
gemeinsame Bauplan abhanden gekommen zu sein. Die einen gießen das
Fundament, während die anderen sich darüber zerstreiten, wie die
Dachsparren aussehen sollen ? derweil wieder andere schonmal anfangen,
eine Suppe zu kochen, damit wenigstens was zum Essen da ist. Es
herrscht Chaos auf der Baustelle?

Um den gemeinsamen Bauplan wiederzufinden und den krankhaften Streit
zu beenden, braucht es einen Therapieplan, den alle akzeptieren. Und
der ist im Prinzip ganz einfach.

Jeder, der im libertären Barcelona mitmischt, hat wertvolle Zutaten,
die er in die Therapie einbringen kann. Keiner kann auf Dauer ohne die
Zutaten des Anderen auskommen ? und schon gar nicht erfolgreich sein.
Das Rezept liegt auf dem Tisch und besteht im Grunde nur darin, die
Zutaten vernünftig zusammenzubringen. Dem steht eigentlich nur ein
Hindernis entgegen: der fehlende Blick auf?s Große und Ganze ? der
mangelnde Wille, die Gemeinsamkeiten auf der großartigen Baustelle des
anarchistischen Gesamtprojekts zu suchen und zu erkennen ? und
folgerichtig auch die Begrenztheiten des jeweils eigenen Gewerks zu
begreifen.

Ich weiß, das klingt ebenso schwülstig wie naiv. Aber das haben
Metaphern so an sich. Trotzdem glaube ich, dass ein anschaulicher
Vergleich ? ebenso wie eine treffende Polemik ? bisweilen mehr
Klarheit schafft als jedes theoretische Manifest. Und obwohl ich die
Verbissenheit und Intransingenz meiner anarchistischen Genossinnen und
Genossen nur allzu gut kenne, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass
hin und wieder doch der gesunde Menschenverstand über die ideologische
Rechthaberei zu siegen vermag. Vielleicht gerade deshalb, weil jemand
es wagt, ein völlig verfahrenes Problem im richtigen Moment mit der
frechen und erfrischenden Naivität eines Kindes zu betrachten.

Der Stufenplan der Therapie wäre also abgesteckt: Dialog ? Vertrauen
schaffen ? schrittweise Annäherung in Praxis und Theorie ? offene
Debatte der Erfahrungen ? Wiedervereinigung aller Anarchosyndikalisten
in einer gemeinsamen Konföderation aller Strömungen? Und parallel dazu
den Aufbau und die intensive Pflege einer Vernetzung mit allen
Gruppen, Initiativen und Projekten, die ebenfalls im weitesten Sinne
eine libertäre Gesellschaft anstreben. Ein erstes hoffnungsvolles
Indiz für die Möglichkeit dieses Weges flatterte mir übrigens kurz vor
Fertigstellung dieses Buches auf den Schreibtisch: das gemeinsame
Manifest libertärer Gewerkschaften aus dem Gesundheitsbereich gegen
die Privatisierung der Krankenhäuser von Madrid. Einträchtig
unterschrieben von CGT, CNT und der ebenfalls dissidenten madrider
Gruppe Solidaridad Obrera. Es geht also.

Voilà?! Mit den Anwendungen unserer Anti-Aging-Kur könnten wir also
alle noch heute beginnen. Der erste Schritt, der bekanntlich immer am
schwersten fällt, bestünde ja nur in einer ganz simplen Übung: Einfach
die Erfahrungen, die andere Gesinnungsgenossen in anderen
Zusammenhängen mit anderen Strategien gemacht haben, unvoreingenommen
anzuschauen.
**

Postskriptum: Ich fürchte, man könnte den Eindruck gewinnen, ich
hätte in diesem Essay versucht, den Anarchistinnen und Anarchisten von
Barcelona Nachhilfeunterricht zu erteilen, um ihnen als typisch
deutscher Besserwisser mal zu zeigen, wo?s lang geht. Das war
natürlich nicht meine Absicht; weder in der Reportage, noch in meinen
Reflexionen. In der Hauptsache wollte ich die deutsche Leserschaft
informieren und inspirieren, im Besonderen natürlich die deutschen
Libertären und meine Weggefährtinnen und -gefährten in der wackeren,
kleinen FAU. Gerade uns Deutschen stünde es schlecht zu Gesicht, zum
spanischen Anarchismus mal fix ein Urteil abzusondern. Vergessen wir
nicht, dass es alleine in Barcelona vermutlich mehr libertäre Menschen
gibt als in ganz Deutschland, die ? trotz aller Querelen und Probleme
? jeweils auf ihre Weise versuchen, die Idee der Anarchie
voranzubringen. Genau aus diesem Grunde bin ich auch der Meinung, dass
wir in Deutschland viel aus den Erfahrungen lernen können, die in
Spanien gemacht wurden und werden. Und deshalb habe ich mir im Essay
das Recht zugestanden, den Gedanken, die sich mir als Libertärer aus
Deutschland zur Situation in Spanien aufdrängten, frei zu folgen und
ihnen keinen diplomatischen Maulkorb zu verpassen.

Falls aber die Libertären in Spanien oder anderswo auch Anregungen aus
diesen Gedanken eines forastero curioso ziehen, sollte mich das
natürlich freuen.

Vorabdruck aus dem Buch »Anti-Aging für die Anarchie? ? Das libertäre
Barcelona und seine anarchistischen Gewerkschaften 70 Jahre nach der
Spanischen Revolution« (187 S.), das in Kürze im Verlag Edition AV
erscheint.






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