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(de) Fauchthunrundmail: 24.12.06 Bildung:Über die Chancen eines zeitgemäßen Anarchosyndikalismus II. (2/2?

Date Sun, 24 Dec 2006 18:17:02 +0200


Ob aber die Internationale noch zu retten ist, steht dahin. Im Augenblick jedenfalls befindet sie sich mit Volldampf auf dem direkten Kurs zu einer weltanschaulichen Sekte, die sich vor lauter Prinzipientreue hartnäckig weigert, sich der Welt des 21. Jahrhunderts zu stellen und sich der realen Probleme der Menschen im Hier und Heute anzunehmen. Solange andere Sichtweisen nicht einmal zur Kenntnis genommen und offen diskutiert werden dürfen, besteht indes wenig Hoffnung, den vergreisten Patienten AIT von seinem Altersstarrsinn noch kurieren zu können.
> Anti-Aging für die Anarchie?
Abhilfe dürfte allerdings kaum aus den sklerotischen und verkrusteten Strukturen selbst erwachsen; sie kann wohl nur aus den konkreten Erfahrungen realer Kämpfe in wirklichen Gewerkschaften und aktiven Bewegungen entstehen. Was hat uns Barcelona heute in dieser Hinsicht an Erfahrungen und Alternativen zu bieten?

Vielleicht finden wir ja hier schon einige Zutaten für eine wirksame ?Anti-Aging-Kur? gegen die Senilität der Konzepte und die pathologische Fixierung auf die Vergangenheit? Nicht nur für den kriselnden syndikalistischen Bereich der anarchistischen Bewegung, sondern für die Gesamtheit des libertären Lagers. Eine Art Frischzellenkur, die dem stagnierenden Diskurs für eine befreite und selbstverwaltete Gesellschaft zu neuer Dynamik verhelfen könnte?? Denn das ist schließlich die Quintessenz des »anarchosyndikalistischen Projekts«: die Verwirklichung jenes positiven Gesellschaftsentwurfs namens Anarchie, einer Welt ohne Herrschaft, ohne Ausbeutung, ohne Lohnsklaverei. Einer Welt übrigens, in der man dann auch keine Gewerkschaften mehr bräuchte ? bei deren Verwirklichung sie jedoch die zentrale Rolle spielen könnten. Vorausgesetzt, sie sind wirklich revolutionär und vernetzen sich gemeinsam mit all den vielen anderen libertären Projekten zu einer starken, virulenten Bewegung, die sich Schritt für Schritt verdichtet, die nicht nur träumt, sondern neue Realitäten schafft.

Schauen wir uns also an, was der Streifzug durch die anarchophilen Winkel Barcelonas in dieser Hinsicht gebracht hat. Welche ?therapeutischen Elemente? könnten die einzelnen Gruppen, Gruppierungen und Szenes, die wir kennengelernt und die sich vorgestellt haben, zu einer Anti-Aging-Kur beisteuern? Und wie ließe sich am Ende aus all diesen ?Anwendungen? vielleicht ein gescheiter ?Therapieplan? aufstellen, der der Anarchie nicht nur die Runzeln aus dem Gesicht vertreibt, sondern sie auch fit genug macht, um auf dem Tanzboden der sozialen Kämpfe wieder den heißesten Befreiungs-Rock ?n? Roll zu tanzen?

Was die CNT auténtica angeht, so hatten wir bereits gesehen, dass sie ? zumindest in Barcelona ? nicht gerade mit einer bestechenden Zukunftsstrategie aufwarten kann und wohl eher auf ?bessere Zeiten? zu warten scheint, in der die Arbeiter endlich ?aufwachen?. Dass sie indes nicht passiv abwartet, sondern sich mutig und engagiert den deklassierten ?Randgruppen? zuwendet und sich hier mit radikaler Kampfeslust einen guten Ruf als radikal andere Gewerkschaft erstreitet, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden! Denn der Sektor des ?klassischen? Arbeiters, des gut bezahlten Angestellten mit anständigem Arbeitsvertrag, bröckelt überall in der globalisierten Welt des Neoliberalismus ? das Prekariat wird allenthalben wachsen und zu einer bedeutenden sozialen Realität werden, die große Mengen an sozialem Sprengstoff in sich birgt. Auch die Versuche der CNT, sich nach Jahren des Niedergangs wieder vermehrt ihrer traditionellen Rolle als Gewerkschaft zuzuwenden ? etwa im Hotel- und Gaststättengewerbe ?, ist ein positiver Ansatz. Hier könnte sich in praktischem Experiment und offenem Wettstreit zeigen, welches Konzept tauglicher ist: die Gewerkschaftssektionen der CNT oder die Betriebsräte der CGT. Im besten Fall könnten aus gemeinsamen Aktionen und kritischer Bilanz sogar neue, kämpferischere Formen entwickelt werden ? vorausgesetzt, man betrachtet sich nicht länger als ?Feinde?, sondern tauscht die Erfahrungen offen miteinander aus ? als ?Genossen mit unterschiedlichen Konzepten?.

Der wichtigste Beitrag, den die CNT auténtica jedoch zum Anti-Aging beisteuern könnte, ist sicherlich die Power ihrer Aktivisten, die ungetrübte jugendliche Radikalität ihres kämpferischen Elans. Würde diese Energie doch nur nicht in sterilen, rückwärtsgewandten Fraktionskämpfen so sinnlos verpulvert!

Wenn diese CNT bei all ihrer Hingabe an die glorreiche Geschichte ihrer Organisation auch endlich die geschichtliche Dialektik der historischen CNT verstehen wollte, müsste sie eigentlich begreifen, dass sie heute zum klassischen ?Rezept? des Anarchosyndikalismus genau jene Zutaten beisteuern könnte, ohne die sich die anarchistische Pizza nicht backen lässt: das radikale Element ? oder, um im Bild zu bleiben: die Peperoni, die Salami, das Salz, den Chili und den Majoran. Denn ohne diesen Part bliebe der gewerkschaftliche ?Hefeteig?, den die im Vergleich zur CNT eher beschauliche CGT inzwischen angerührt hat, nur die sterile notwendige, aber eben nicht hinreichende Voraussetzung für eine Revolution, die den Leuten auch wirklich schmecken würde.

Bei der CNT desfederada hadert man offenbar intensiv mit der Vergangenheit und sitzt schimpfend auf einem Scherbenhaufen, redlich bemüht zu beweisen, dass man am Ende doch Recht hatte und die anderen Unrecht. Das ist vermutlich sogar richtig, führt aber nirgends hin.

Dabei waren die wirklich relevanten Gründe für die Spaltung ? nicht die zahlreichen vorgeschobenen rhetorischen Nebelkerzen ? durchaus interessante Indizien für einen vorausschauenden und modernen anarchosyndikalistischen Diskurs bei den desfederados. Ging es dabei doch um so wichtige Fragen wie die interne Demokratie, die Autonomie der Syndikate und das Primat horizontaler Strukturen gegenüber der Macht der Komitees. Allesamt Strukturelemente, die, wenn sie in einer kämpferischen Gewerkschaft konsequent angewandt würden, diese auch heute noch für Arbeiter und Angestellte attraktiv erscheinen ließe ? und sich so zu einer ernsten Konkurrenz für die reformistischen Gewerkschaften entwickeln könnten. Sogar bei uns in Deutschland. Aber leider werden hieraus offenbar keine wirklichen Konsequenzen gezogen, keine innovativen Schritte eingeleitet, keine vorausschauenden Strategien entwickelt. Stattdessen wartet man lieber auf eine ?Entschuldigung? ? und alles verliert sich dadurch irgendwie im rückwärtsgewandten Groll. Dem aber immerhin solch ebenso apodiktischen wie zutreffenden Urteile zu verdanken sind wie die Einschätzung der heutigen FAI, deren einzige Funktion Genosse Lamata darin sieht, »sich die Komitees unter den Nagel zu reißen, um sie zu kontrollieren«.

Auch was die angeblichen anarchosyndikalistischen Todsünden angeht, zeigte sich zumindest mein Interviewpartner erstaunlich nachdenklich und offen für neue Wege. Denn Ignacio Lamata weiß als erfahrener Veteran der Bewegung natürlich, dass die Präsenz im Betriebsrat keinesfalls automatisch in Reformismus und Korruption enden muss, sondern gerade einer radikalen Gewerkschaft wie der CNT ein ganzes Bündel von Vorteilen bieten könnte: den Schutz der Aktivisten vor Repression, die Agitationsfreiheit im Betrieb, eine solidere Basis für die direkte Aktion. Und vor allem: den direkten Kontakt zur realen Arbeiterschaft, der beiden Fraktionen der CNT in den letzten Jahren Schritt für Schritt abhanden gekommen ist. Ignacio tritt sogar offen dafür ein, dass die Betriebsräte »eine Option« sein müssten, stößt in seiner Organisation jedoch noch überwiegend auf Skepsis. Bezeichnenderweise aus Angst davor, dass sich einmal gewählte Betriebsräte quasi automatisch zu korrupten Monsterfunktionären entwickeln müssten, zu »Lebemännern«, wie er sagt. Ist das Vertrauen in die Integrität der eigenen Genossinnen und Genossen wirklich so schwach? Hat man sich wirklich noch keine Gedanken darüber gemacht, wie dieser Gefahr durch entsprechende Gegenmaßnahmen und Strukturen zu begegnen wäre? Bei der CGT ist dies längst geschehen und dort verfügt man inzwischen über einen Erfahrungshorizont von einem Vierteljahrhundert. Aber mit denen redet selbst ein so undogmatischer CNTista wie Ignacio Lamata nicht gerne?

Was bei alldem erstaunt, ist die tiefsitzende Angst vor Risiken. Man scheint ganz allgemein den Kontakt mit der realen Gesellschaft zu scheuen, weil man hier ja mit allem Bösen, was in Staat, Kapital, Medien und Konsum steckt, in Berührung kommen könnte! Und überall dort lauert ganz verführerisch die Gefahr der Korrumpierung. Von einem virtuosen und listigen Umgang mit der bürgerlichen Welt, einer taktischen Ausnutzung der Ressourcen unserer Gegner, wie sie bei der CGT mit geradezu subversivem Vergnügen betrieben wird, ist man hier noch weit entfernt. Andererseits ist alles, was mir bei der CNT desfederada aus der täglichen Praxis berichtet wird, ebenfalls inmitten der bürgerlichen Welt angesiedelt und Teil der legalen staatlichen Strukturen: die gewerkschaftliche Rechtsberatung ebenso wie die selbstverwalteten Betriebe oder der Kampf um höhere Abfindungen. Seit wann aber hält denn das bloße Risiko, eventuell zu scheitern oder sich zu irren, die Anarchosyndikalisten davon ab, zu handeln?! Fast bin ich geneigt zu fragen, ob man aus derselben Angst vor ?Ansteckung? nicht auch grundsätzlich ein Bankkonto ablehnen müsste oder die staatliche Rentenversicherung.

Ansonsten herrscht in der Calle Joaquín Costa eher Ratlosigkeit. »Wie schafft man es«, werde ich gefragt, »überhaupt an das Bewusstsein von Leuten heranzukommen, die von den Medien auf Konsum und Individualismus getrimmt und entsolidarisiert worden sind? Weiß die FAU das? Sagt es mir!« Einstweilen versuchen es die desfederados mit kleinen Schritten und engem Schulterschluss: Nahziel ist der gemeinsame Auftritt auf der traditionellen Demo zum 1. Mai. Angesprochen sind nicht nur »alle Schwarzroten« (einschließlich der CGT!), sondern auch die zahlreichen antiautoritären und emanzipatorischen Bewegungen Barcelonas. Immerhin! Denn die ?offizielle? CNT pflegt zur übrigen libertären Szene der Stadt eher ein distanziertes Verhältnis. Aber auch dieser Bloque Negro ist wohl nicht der Knaller gewesen, den Ignacio Lamata sich gewünscht hätte. Eine gemeinsame Demo aller Anarchosyndikalisten kam auch in diesem Jahr nicht zu stande ? und im Sommer erschien eine Sondernummer der dissidenten Solidaridad Obrera, in der seitenlang die interne Manöverkritik zwischen den verschiedenen beteiligten Gruppen zelebriert wurde.

Nach dem großen, zukunftsweisenden Entwurf sieht auch das alles nicht aus. Aber immerhin nach einer gewissen selbstkritischen Offenheit, bereit, eventuell auch neue Wege jenseits der alten Dogmen zu gehen.

Damit wäre die CNT desfederada prädestiniert, Brücken zu bauen. Mit der großen praktischen Erfahrung ihrer Aktivisten aus der mittleren Generation, ihrem geschärften Gespür für Gerechtigkeit und Anstand in den internen Strukturen der Organisation, ihrem Mix aus radikalem Denken und pragmatischem Realismus, was die Realität in den Betrieben angeht. Sie scheint heute ziemlich genau zwischen dem kämpferischen aber etwas reflexionsarmen Aktionismus der CNT auténtica und der soliden aber etwas routinierten Gewerkschaftsarbeit der CGT zu stehen. Und: sie unterhält zu beiden immerhin noch Kontakte. Somit könnte sie, sofern sie zum Dialog bereit ist, bei der Anti-Aging-Kur quasi für ein ausgewogenes peeling im verschrumpelten Gesicht der Anarchie sorgen, ohne gleich die ganze Haut mit abzurubbeln.

Beim Besuch der CGT erlebte ich im Vergleich zu all der Rat- und Perspektivlosigkeit bei Barcelonas traditionellen Anarchosyndikalisten die positivste Überraschung. Vor allem aus dem einfachen Grund, weil hier eine anarchosyndikalistische Organisation tatsächlich gewerkschaftliche Arbeit leistet. Nicht im Wolkenkuckucksheim von Historie und Theorie, sondern ganz real im Leben von millionen arbeitender Menschen. Mit zehntausenden von Mitgliedern überall im Land. Und ganz offenbar mit Lust und Dynamik, mit Kraft und undogmatischer Offenheit für Experiment und Risiko.

Ich habe mich seit meiner Rückkehr oft gefragt, ob ich mich in der Vía Layetana nicht habe blenden lassen. Ich weiß, ich bin ein begeisterungsfähiger Typ, der bisweilen zur Jovialität neigt, was nicht unbedingt von Vorteil ist wenn es darum geht, kritisch zu sein. Natürlich hat mir die freundliche und lockere Atmosphäre gefallen; auch die quirlige Geschäftigkeit in den Räumen der einzelnen Syndikate hat mir imponiert. Und ohne Frage habe ich mich in einem anarchistischen Archiv außerordentlich wohl gefühlt ? fast wie zu Hause?

Es kann natürlich sein, dass mich all das in meinem revolutionären Standpunkt »korrumpiert« hat ? ganz so, wie sich das die AIT-Hardliner in ihren schlimmen Albträumen vorstellen. Hat die CGT tatsächlich so viele Mitglieder wie sie angibt? Schafft sie es wirklich, das Primat der betrieblichen Basisdemokratie gegen den Einfluss der ?Funktionäre? durchzuhalten? Stimmt es, dass ihre Gewerkschaftsarbeit radikaler ist als die der Reformisten ? und vor allem: verändert sie die Gesellschaft oder wird sie von der Gesellschaft geschluckt? Offene Fragen, die letztlich nur dann beantwortet werden können, wenn die anderen Anarchosyndikalisten in aller Welt sich dazu bequemen, die Erfahrungen der CGT überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und ihre Arbeit über längere Zeit genauso unvoreingenommen und solidarisch zu beobachten, wie sie das mit anderen libertären Organisationen tun. Ich selbst war nur eine Woche in Barcelona. Auch halte ich mich weder für einen ?Gewerkschaftsfachmann?, noch fühle ich mich dazu berufen, den Weg der CGT als ?den richtigen? darzustellen. Ob es ein zielführender Weg zu einer libertären Gesellschaft ist, kann ich nicht wissen, ebensowenig, wie ich das bei der CNT oder der FAU weiß. Aber ein interessanter, ein vielversprechender Weg ist das, was diese Gewerkschaft auf die Beine stellt, allemal.

Eigentlich glaube ich auch nicht, dass ich so naiv bin, mich von ein paar chicen Büros, modernen Computern und schwarzroten Fahnen derart beeindrucken zu lassen, dass man mir mal eben einen ?potjemkinschen Anarchosyndikalismus? unterjubeln könnte. Aber letztlich ist das ohne Belang. Denn für die CGT wie für die CNTs gilt gleichermaßen, dass ich mich bei meiner Reportage nur auf den Augenschein verlassen konnte ? und auf das, was man mir in den Interviews sagte. Und was das angeht, so gaben mir Auge und Ohr bei der CGT übereinstimmend dasselbe Signal: Was ich hier erfuhr, war sowohl das Innovativste wie auch das Plausibelste, was ich vom anarchosyndikalistischen Barcelona zu sehen und zu hören bekam. Wer die Interviews liest und vergleicht, mag sich sein eigenes Urteil bilden.

Überzeugend wirkte auf mich vor allem, dass Ángel Bosqued, mein Interviewpartner bei den CGTistas, nicht einmal den Versuch unternahm, die Kritiken aus dem anarchistischen Lager abzutun; sie werden nämlich durchaus ernst genommen. Und die Antworten, die er mir im Einzelnen gab, zeigten, dass manche Kritiken punktuell berechtigt sind, andere hingegen als törichter Humbug angesehen werden müssen. Am beeindruckendsten jedoch war die Offenheit, mit der man bei der CGT auch über Misserfolge spricht ? und gleichzeitig im Detail erläutert, wie man in der Praxis versucht, die gefährlichen Klippen von Reformismus, Korrumpierung und Saturiertheit zu umschiffen. Hieraus ergab sich das Gesamtbild einer funktionierenden anarchosyndikalistischen Struktur, bei der es zwar stellenweise im Getriebe knirscht, die aber mit Sicherheit transparenter und basisdemokratischer ? sprich: anarchistischer ? ist, als die kläglichen Intrigenspielchen in den Komitees der CNT, von denen die desfederados so anschaulich zu berichten wussten. Zu guter Letzt hat mich als Journalist natürlich gefreut, dass ich in der Vía Layetana auf klare Fragen auch klare und kohärente Antworten bekam. Von meinen anderen Interviewpartnern lässt sich das nicht unbedingt behaupten.

Ohne Frage ist die CGT eine in der Wolle gefärbte anarchosyndikalistische Organisation, die sich selbst als Teil der libertären Bewegung versteht, in der sie auch bestens verankert ist. Das sieht man in Barcelona fast in jeder einschlägigen Lokalität. Gewiss entspricht ihr Konzept des Anarchosyndikalismus nicht den gegenwärtigen Statuten der AIT, aber gerade das scheint ihre Virulenz auszumachen und ihre Stärke zu begründen. Denn die CGT sieht sich exakt in der Tradition der historischen CNT in den Jahren vor der revolutionären Situation von 1936, als das Zusammenspiel von gewerkschaftlichen und revolutionären Kräften innerhalb einer einzigen, starken Konföderation überhaupt erst die Kraft generierte, die dann die Revolution möglich machte.

Entsprechend klar sind die Vorstellungen, die man hier für die Zukunft des Anarchosyndikalismus entwickelt hat: Überwindung der Spaltungen mit Hilfe jener jungen Aktivisten der neuen Generation, die von den endlosen Polemiken die Nase voll haben ? und schrittweiser Einstieg sowohl in den konstruktiven Dialog über die Theorie als auch in die punktuelle Zusammenarbeit in der Praxis. All dies in dem klaren Bewusstsein, dass das anarchosyndikalistische Projekt die Power der radikaleren Kräfte, wie sie in der CNT und anderswo zu finden sind, genau so nötig braucht wie die solide gewerkschafliche Aufbauarbeit, wie sie die CGT leistet. Erst aus der Kombination beider Elemente könne jene Mischung entstehen, die im geeigneten Augenblick zur ?kritischen Masse? kulminiert.

Unverzichtbarer Bestandteil dieses Szenarios aber sei die Restauration der libertären Alltagskultur jenseits der Syndikate ? jene virulente, an-archische Gegengesellschaft aus kulturellen, ökonomischen und politischen Projekten in den Städten und auf dem Lande, in jedem Viertel und in allen gesellschaftlichen Gruppen. Hier pflegt die CGT nicht nur den Kontakt, hier ist sie selbst seit Jahren aktiv und unterstützt beharrlich und unspektakulär die verschiedensten Iniativen, weit weg von der eigentlichen gewerkschaftlichen Arbeit. Denn schließlich, so ist Ángel Bosqued überzeugt, müssten »alle unsere Kämpfe in der Praxis und in der Theorie auf ein einziges Projekt zusammenlaufen, das jeder Mensch verstehen kann, ohne dass er vorher Bakunin oder Malatesta lesen muss.«

Klar, dass Organisationen wie die CGT in einem nach vorne schauenden anarchosyndikalistischen Zukunftskonzept die Funktion eines kraftvollen und zuverlässigen Motors bestens ausfüllen könnten. Ohne Motor fährt kein Auto, ohne Teig gibt?s keine Pizza und ohne Gewerkschaften keinen Syndikalismus. Die CGT ist jung, sie ist stark, sie ist dynamisch. Und sie ist ? entgegen allen Gerüchten ? libertär aus vollster Überzeugung. Da sie darüber hinaus auch offen ist und (ganz im Gegensatz zu vielen anderen Anarchoorganisationen) fähig zur kritischen Selbstreflexion, wäre es ebenso arrogant wie töricht, auf die ausgestreckte Hand zu spucken und diese innovative Kraft weiterhin zu ignorieren, wie das in manchen Anarchokreisen nach wie vor angesagt scheint.

Und wenn wir noch einmal die Metapher vom Anti-Aging bemühen wollen: Die CGT scheint mir im Moment der einzige Körper im anarchosyndikalistischen Lager zu sein, der als Spender für eine Frischzellenkur überhaupt in Frage käme.

Jene libertäre Alltagskultur, deren Bedeutung bei der CGT so stark betont wird, bildete die letzte Station meiner Reportage ? und zugleich die angenehmste. Nach all den Geschichten voller Ränke und Kabale, Spaltereien und Ausschlüssen tat es gut, tief durchzuatmen und einen intrigenfreien Raum zu betreten, in dem die verschiedensten Projekte und Initiativen sich offenbar nicht als Konkurrenten sehen, sondern als komplementäre Alternativen im gemeinsamen Bestreben für eine freie Gesellschaft.

Da ich hier nicht über anarchistische Exegese und Fraktionskriege berichten muss, fällt das Resümé dieses Besuches kurz aus:

Auch im ?alternativen Barcelona? sehen sich viele Menschen durchaus noch in der Tradition des klassischen anarchosyndikalistischen Diskurses ? als aktiver Teil in der Dualität aus gewerkschaftlichem Kampf und dem zeitgleichen Aufbau einer aktiven, subversiven und virulenten Gegengesellschaft im Alltag der Menschen. Das zeigt sich nicht zuletzt an vielen gemeinsamen Aktionen, Projekten und Demonstrationen ? naturgemäß am intensivsten mit der CGT, aber auch mit der CNT desfederada. Allerdings hat das Vertrauen auf die Durchschlagskraft des anarcosindicalismo in den letzten Jahrzehnten verständlicherweise sehr gelitten ? man hat diese Krise zur Kenntnis nehmen müssen und sich mit ihr arrangiert. Aber nicht resigniert. Wenn sich die sindicalistas untereinander zerfleischen, muss es halt auch ohne sie weitergehen. Und dass es weitergegangen ist, habe ich bei meinem Besuch immer wieder feststellen können. Die meisten Projekte, die ich zuletzt auf meinen Reisen in den neunziger Jahren gesehen hatte, haben sich gut entwickelt und nachhaltig in ihrem sozialen Umfeld verankert. Einige haben sich beachtlich vergrößert und bei manchen hat eine zweite Generation inzwischen ?Ableger? gebildet. Und viele neue sind hinzugekommen, so dass der urbane Raum von immer mehr formellen und informellen Netzwerken durchzogen wird.

Natürlich gibt es auch in Barcelona offene und hermetische Projekte, innovative und sterile, undogmatische und dogmatische ? manche erreichen die Menschen der Stadt, andere kapseln sich lieber in ihren jeweiligen Szene-Ghettos ab. Aber in ihrer Gesamtheit scheint sich das alternative Barcelona unumkehrbar auf den Weg gemacht zu haben: weg von einer politfolkloristischen ?Nischenkultur?, hin zu einer selbstbewussten ?Gegengesellschaft?, die zunehmend auch in der Lage ist, die ?Normalbürger? anzusprechen. Als Franco 1974 starb, gab es von all dem nicht einmal eine Spur ? inzwischen ist eine Dichte erreicht, die es zunehmend schwerer macht, diese soziale Realität zu ignorieren.

Auffallend ist, wie unverkrampft sich hier politisch unterschiedlich gefärbte Gruppen begegnen, die in Deutschland vermutlich im Clinch miteinander lägen, fleißig bemüht, herauszufinden und zu kommunizieren, was sie trennt und warum diese Unterschiede so enorm wichtig sind? Hier scheint man ? so war wenigstens mein Eindruck ? eher das Gemeinsame zu suchen, nicht das Trennende. Eine junge Frau aus dem Projekt-A-Dunstkreis hat das in frappierender Schlichtheit so begründet: »Warum sollte ich meine knappe Zeit damit vergeuden, den anderen ständig in den Topf zu gucken und ihnen sagen, was sie alles anders machen müssten, weil ich es anders machen würde!? Ich hab? doch genug damit zu tun, meine eigene Suppe zu kochen. Und weiß ich denn, ob ich alles richtig mache? Wichtig ist doch, dass überhaupt jemand kocht!« Dem möchte ich nichts mehr hinzufügen. Außer vielleicht, dass eine solche Sichtweise zum Anti-Aging der Anarchie mehr beitragen würde als alles peeling, alles politische Make-up und alle Frischzellenkuren zusamengenommen.

Wer eine Pizza backen will, braucht nicht nur Hefeteig und Belag, sondern auch einen heißen Backofen. Und wer eine anarchistische Gesellschaft anstrebt, braucht das richtige soziale Umfeld. Ein Milieu, in dem die Alternativen gedeihen, wo die Menschen ihre Ängste vor der Utopie verlieren können, weil sie in kleinen Schritten beginnen, das Utopische schon hier und heute im Alltag zu leben. Ein lebendige ?Gegenkultur?, in der die neue Gesellschaft in der Gestalt vieler kleiner ?Embryos? ebenso heranreifen kann, wie in einer revolutionären Gewerkschaft, in der die Arbeiter ebenfalls Schritt für Schritt lernen, dass sie ihre Arbeit und ihre Interessen tatsächlich selbst und direkt in die eigenen Hände nehmen können.

Therapieplan für eine nachhaltige Anti-Aging-Kur

Auf beiden Baustellen ? Gegengesellschaft und Gegengewerkschaft ? wird in Barcelona seit Jahren fleißig gearbeitet. Nur scheint irgendwie der gemeinsame Bauplan abhanden gekommen zu sein. Die einen gießen das Fundament, während die anderen sich darüber zerstreiten, wie die Dachsparren aussehen sollen ? derweil wieder andere schonmal anfangen, eine Suppe zu kochen, damit wenigstens was zum Essen da ist. Es herrscht Chaos auf der Baustelle?

Um den gemeinsamen Bauplan wiederzufinden und den krankhaften Streit zu beenden, braucht es einen Therapieplan, den alle akzeptieren. Und der ist im Prinzip ganz einfach.

Jeder, der im libertären Barcelona mitmischt, hat wertvolle Zutaten, die er in die Therapie einbringen kann. Keiner kann auf Dauer ohne die Zutaten des Anderen auskommen ? und schon gar nicht erfolgreich sein. Das Rezept liegt auf dem Tisch und besteht im Grunde nur darin, die Zutaten vernünftig zusammenzubringen. Dem steht eigentlich nur ein Hindernis entgegen: der fehlende Blick auf?s Große und Ganze ? der mangelnde Wille, die Gemeinsamkeiten auf der großartigen Baustelle des anarchistischen Gesamtprojekts zu suchen und zu erkennen ? und folgerichtig auch die Begrenztheiten des jeweils eigenen Gewerks zu begreifen.

Ich weiß, das klingt ebenso schwülstig wie naiv. Aber das haben Metaphern so an sich. Trotzdem glaube ich, dass ein anschaulicher Vergleich ? ebenso wie eine treffende Polemik ? bisweilen mehr Klarheit schafft als jedes theoretische Manifest. Und obwohl ich die Verbissenheit und Intransingenz meiner anarchistischen Genossinnen und Genossen nur allzu gut kenne, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass hin und wieder doch der gesunde Menschenverstand über die ideologische Rechthaberei zu siegen vermag. Vielleicht gerade deshalb, weil jemand es wagt, ein völlig verfahrenes Problem im richtigen Moment mit der frechen und erfrischenden Naivität eines Kindes zu betrachten.

Der Stufenplan der Therapie wäre also abgesteckt: Dialog ? Vertrauen schaffen ? schrittweise Annäherung in Praxis und Theorie ? offene Debatte der Erfahrungen ? Wiedervereinigung aller Anarchosyndikalisten in einer gemeinsamen Konföderation aller Strömungen? Und parallel dazu den Aufbau und die intensive Pflege einer Vernetzung mit allen Gruppen, Initiativen und Projekten, die ebenfalls im weitesten Sinne eine libertäre Gesellschaft anstreben. Ein erstes hoffnungsvolles Indiz für die Möglichkeit dieses Weges flatterte mir übrigens kurz vor Fertigstellung dieses Buches auf den Schreibtisch: das gemeinsame Manifest libertärer Gewerkschaften aus dem Gesundheitsbereich gegen die Privatisierung der Krankenhäuser von Madrid. Einträchtig unterschrieben von CGT, CNT und der ebenfalls dissidenten madrider Gruppe Solidaridad Obrera. Es geht also.

Voilà?! Mit den Anwendungen unserer Anti-Aging-Kur könnten wir also alle noch heute beginnen. Der erste Schritt, der bekanntlich immer am schwersten fällt, bestünde ja nur in einer ganz simplen Übung: Einfach die Erfahrungen, die andere Gesinnungsgenossen in anderen Zusammenhängen mit anderen Strategien gemacht haben, unvoreingenommen anzuschauen.
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Postskriptum: Ich fürchte, man könnte den Eindruck gewinnen, ich hätte in diesem Essay versucht, den Anarchistinnen und Anarchisten von Barcelona Nachhilfeunterricht zu erteilen, um ihnen als typisch deutscher Besserwisser mal zu zeigen, wo?s lang geht. Das war natürlich nicht meine Absicht; weder in der Reportage, noch in meinen Reflexionen. In der Hauptsache wollte ich die deutsche Leserschaft informieren und inspirieren, im Besonderen natürlich die deutschen Libertären und meine Weggefährtinnen und -gefährten in der wackeren, kleinen FAU. Gerade uns Deutschen stünde es schlecht zu Gesicht, zum spanischen Anarchismus mal fix ein Urteil abzusondern. Vergessen wir nicht, dass es alleine in Barcelona vermutlich mehr libertäre Menschen gibt als in ganz Deutschland, die ? trotz aller Querelen und Probleme ? jeweils auf ihre Weise versuchen, die Idee der Anarchie voranzubringen. Genau aus diesem Grunde bin ich auch der Meinung, dass wir in Deutschland viel aus den Erfahrungen lernen können, die in Spanien gemacht wurden und werden. Und deshalb habe ich mir im Essay das Recht zugestanden, den Gedanken, die sich mir als Libertärer aus Deutschland zur Situation in Spanien aufdrängten, frei zu folgen und ihnen keinen diplomatischen Maulkorb zu verpassen.

Falls aber die Libertären in Spanien oder anderswo auch Anregungen aus diesen Gedanken eines forastero curioso ziehen, sollte mich das natürlich freuen.

Vorabdruck aus dem Buch »Anti-Aging für die Anarchie? ? Das libertäre Barcelona und seine anarchistischen Gewerkschaften 70 Jahre nach der Spanischen Revolution« (187 S.), das in Kürze im Verlag Edition AV erscheint.





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