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(de) Fauchthunrundmail: 24.12.06 Bildung:Über die Chancen eines zeitgemäßen Anarchosyndikalismus I. (1/2?
Date
Sun, 24 Dec 2006 17:54:00 +0200
Anti-Aging für die Anarchie? - Über die Chancen eines zeitgemäßen
Anarchosyndikalismus - Konstruktiv-polemischer Essay mit Blick nach vorn
von Horst Stowasser ?
zur Erläuterung: Dieser Essay ist das leicht modifizierte Schlusskapitel
eines 187 Seiten starken Buches über »das libertäre Barcelona - 70 Jahre
nach der spanischen Revolution«. Im Zentrum der Reportage stehen
ausführliche Interviews mit Vertretern der drei in Katalonien aktiven
anarchosyndikalistischen Gewerkschaften. Sowohl dem Autor als auch der
Redaktion ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass diese möglicherweise
zufällige Momentaufnahme aus Barcelona natürlich nicht repräsentativ für
die jeweiligen Gesamtorganisationen ist. Schon gar nicht werden hier
»offizielle« Standpunkte wiedergegeben und reflektiert. So gibt es
beispielsweise innerhalb der CNT-AIT auch völlig abweichende Ansichten,
etwa, was die historische Fixierung oder die Frage des Ausschlusses von
kritischen Syndikaten angeht, wie sie in diesem Text thematisiert
werden. Diese sind in Barcelona allerdings nicht zum Ausdruck gebracht
worden. Es dürfte dennoch klar werden, dass es weder dem Autor noch der
Redaktion darum geht, Gräben zu vertiefen. Im Gegenteil: dieser Text ist
ein Aufruf zum kritischen und konstruktiven Dialog. Strömungen, die sich
- in welcher Organisation auch immer - ebenfalls für einen
undogmatischen Umgang mit der Situation einsetzen, sollen in ihrer
Absicht ausdrücklich ermutigt werden! Es war zudem unvermeidlich, dass
sich der hier abgedruckte Text stellenweise auf den Hauptteil des Buches
bezieht. So werden beispielsweise die Gründung und Entwicklung der CGT
an anderer Stelle ausführlicher behandelt als im Essay, ebenso wie die
Spaltung der katalanischen CNT in zwei rivalisierende Fraktionen oder
die Kontroverse um die Beteiligung an Betriebsratswahlen und
Tarifverhandlungen. In dem Buch, das im Januar 2007 unter dem Titel
»Anti-Aging für die Anarchie?« beim Verlag Edition AV erscheint, sind
die Original-Interviews, auf die der Essay Bezug nimmt, im Wortlaut
abgedruckt.
Kann man als Anarchist durch Barcelona gehen, ohne nostalgisch zu werden?
Ich habe es mir jedenfalls fest vorgenommen: Nicht der Glorie jener
libertären Revolution wollte ich nachspüren, die vor einem Menschenalter
der staunenden Welt bewies, dass Anarchie funktioniert, sondern dem,
was heute ist. Schlägt das Herz der heimlichen Anarcho-Hauptstadt auch
nach 70 Jahren noch? Wo? Und vor allem: wie? Taugt Barcelona noch immer
als libertärer Trendsetter, oder hat sich der Anarchismus dort mit dem
Blick auf die ruhmreiche Vergangenheit abgefunden?
Wie das mit festen Vorsätzen so ist: Mitten auf den Ramblas laufe ich
einem anarchistischen Ausrufer in die Arme, der lauthals Nostalgie
anpreist: »Señoras y Señores, kommen Sie, hier finden Sie das
romantische Barcelona von früher!« Der Mann trägt einen feinen schwarzen
Zweireiher und wirkt wie ein Verschnitt aus Anarcho-Bohème und
Zwischenkriegs-Gigolo, der mit einer schwarzroten Fahne wedelt. Er macht
seine Sache sehr gut, viele Leute bleiben stehen. Auf beiden Seiten
Verkaufsstände der Confederación Nacional del Trabajo mit Anarchokappen,
CNT-Feuerzeugen, Halstüchern, Stickern und Che Guevara-T-Shirts ?
dazwischen Zeitungen, Reprints von alten Postern und Bücher über die
spanische Revolution von 1936 sowie ein paar preiswerte
Agitationsbroschüren. Eine heißt »Die CNT und Spaniens Zukunft«.
Der Stand an dem ich stehe wird belagert von jugendlichen Touris, die
sich eindecken; die Ramblas sind heutzutage Barcelonas folkloristische
Flaniermeile. Die beiden Tische sind strategisch gut postiert, direkt am
Eingang zur Plaza Real, dem schönsten Platz weit und breit. Kaum jemand
kommt ungeschoren durch.
Die gute und die böse CNT
Noch gestern hätte mich diese Cleverness gefreut. Aber mittlerweile weiß
ich, dass hinter jedem Tisch eine andere CNT steht, zum Verwechseln
ähnlich, aber heillos untereinander zerstritten. Sogar ihre Zeitungen
führen den selben Namen: Solidaridad Obrera ? vor langer Zeit ein
populäres Massenblatt und eines der wichtigsten Organe im libertären
Spanien. Zu einer Zeit, als die anarchistische Gewerkschaft noch
millionen Mitglieder zählte und stärkste soziale Kraft Spaniens war...
Mein erster Weg zu den Anarchosyndikalisten hatte mich natürlich schon
vor Tagen zum Sitz der CNT an der malerischen Plaza Medinacelli geführt,
den ich seit den 70er Jahren als einen quirligen Ort lebendiger
libertärer Aktion kannte. Aber inzwischen waren die Öffnungszeiten auf
werktags 19 Uhr reduziert, und selbst da stand ich vor verschlossener
Tür. Es war nicht leicht, schließlich per Telefon einen Interviewtermin
zu bekommen, aber letztlich wurde ich als FAU-Mitglied doch noch
freundlich empfangen ? samt meinem Empfehlungsschreiben. Als erstes
begehe ich einen faux-pas: Ich gratuliere den Genossen zu ihrem neuen
Büro in der Calle Joaquín Costa und dem schicken Buchladen, die ich
zufällig in der Altstadt entdeckt (und ebenfalls verschlossen
vorgefunden) hatte. Betretene Gesichter. »Das ist gar keine CNT, das
sind Usurpatoren, die von uns längst ausgeschlossen sind.«
So erfuhr ich von der CNT desfederada und einem internen Konflikt, der
sich vor über 10 Jahren zutrug und bis heute zu dem ebenso paradoxen
wie fatalen Zustand führt, dass in ganz Katalonien zwei
konkurrierende, wenn nicht gar verfeindete CNTs in der Öffentlichkeit
unter identischen Namen, Fahnen und Zeitungen auftreten, und so das
hässliche Bild von Zerrissenheit und Bruderkampf bieten. Dessen
überaus komplizierte Ursachen kann kein normaler Mensch so recht
nachvollziehen. Mittlerweile interessieren sie auch kaum noch jemand
anderes als die Beteiligten. Das politische Barcelona lacht darüber
oder zuckt die Schultern. Denn in dieser verworrenen Story aus
persönlichen Animositäten, Machtkämpfen zwischen Basisgruppen und
?Apparat? sowie 148 Millionen Peseten, die 1992 als staatliche
Entschädigung flossen, haben seinerzeit angeblich fünf Syndikate
fünfzehn andere aus der Konföderation ausgeschlossen ? mit dem
ausdrücklichen Segen des Nationalkomitees. Und natürlich hat heute
jede Seite Recht. Besonders aber die CNT von der Plaza Medinacelli,
denn die weiß die AIT und die FAI hinter sich und versteht sich daher
?nach Aktenlage? als die einzig ?echte?, als »CNT auténtica«.
An all das muss ich nun wieder denken, als ich auf den Ramblas stehe,
im Gedränge vor dem Büchertisch.
Die Zeit bleibt nicht stehen
Die kleine Broschüre mit dem Titel Die CNT und Spaniens Zukunft, die
ich jetzt, im April des Jahres 2006 in der Hand halte, hat 22 Seiten
und stammt aus dem Jahre 1963. Sie wurde 1965 von der Exil-CNT in
Toulouse verlegt und fand seinerzeit große Verbreitung. Noch im Jahre
1973 haben wir sie in jener deutschen Kleinstadt, in der ich damals
lebte, mit Erfolg an die spanischen »Gastarbeiter« verkauft. Damals
war ich 22 Jahre jung, damals ließ Franco noch Oppositionelle
hinrichten und auf den Äckern Spaniens waren noch immer Ochsenkarren
mit Scheibenrädern unterwegs.
Einundvierzig Jahre nach seinem Erscheinen wurde das Heftchen in
Barcelona nachgedruckt; sein 84jähriger Autor, Abel Paz, hatte es mir
einen Tag bevor ich es auf den Ramblas entdeckte, als Geschenk
verehrt. Natürlich hatte ich mich mit ihm über den Reprint dieses
wichtigen Zeitdokuments gefreut. Und natürlich war ich davon
ausgegangen, dass es eben das sei: ein Zeitdokument. Nicht im Traum
wäre mir eingefallen, dass diese Broschüre im Jahre 2006 vollkommen
unkommentiert, quasi als Antwort der CNT auf Spaniens Zukunftsfragen
unter die Leute gebracht würde. Eine Broschüre, in derem ersten Absatz
der baldige »Bankrott des bürgerlichen Wirtschafts- und
Politiksystems« angekündigt wird, unter anderem mit dem Statement,
dass der Welt jetzt, angesichts der ?neuen Wege zum Sozialismus? und
nach der ?Errichtung des Sozialismus in China? »ein ganzer Fächer von
wirtschaftlichen Transformationen« offen stehe, »der in seinem Schoße
bereits die rudimentären Prinzipien einer neuen Zivilisation trägt.«
Im Kapitel Die Revolution ist unausweichlich steht zu lesen, dass wir
in einer »Periode von Zersetzung und Ruin« leben, in der man
heutzutage in Spanien »in den volkstümlichen Schichten vor Hunger
stirbt«. Unter der Überschrift Die Krise des kapitalistischen Systems
werden Alternativen aufgezeigt: »Im Gegensatz dazu steht die
Planwirtschaft im sowjetischen Block, die, indem sie von anderen
wirtschaftlichen Grundsätzen ausgeht, sich besser vor diesem Abgrund
schützen kann. Die staatliche Koordinierung seiner Wirtschaft, ihr
weiter Markt ohne Konkurrenz bieten eine bessere Perspektive, um sich
gegenüber dem Privatkapitalismus zu behaupten.« Demgegenüber zeichnet
die Broschüre von Spanien ein eher düsteres Bild: »Die Mehrheit der
Spanier bekommt nicht mal jeden Tag eine Mahlzeit und kann sich
niemals richtig sattessen.«
Ich frage mich, was einem Spanier wohl bei der Lektüre durch den Kopf
gehen mag, einem Spanier des Jahres 2006, den vielleicht der Titel Die
CNT und Spaniens Zukunft zum Kauf der Broschüre verleitet hat. Ob er
erkennt, dass es sich um ein historisches Zeitdokument handelt? Oder
wird er einfach nur annehmen, dass die CNT wohl doch noch immer zu den
Ewiggestrigen gehört?
Mir kommen Zweifel und ich schaue noch einmal ganz genau nach: Nein,
die Broschüre wird genau so vertrieben, wie sie 1965 gedruckt wurde.
Kein Vorwort, keine Einleitung, keine Erklärung. Lediglich im
Druckvermerk stehen das Erscheinungsjahr und das des Reprints. In
catalán und auf der letzten Seite.
Es käme mir nicht in den Sinn, dem Autor diese Sätze heute
vorzuhalten. Damals, und vor allem auch im weiteren textlichen
Zusammenhang dieser Streitschrift, war das sicherlich ein guter
Agitationstext, um den Spaniern ihre Rückständigkeit in der Welt vor
Augen zu führen und ihre Empfänglichkeit für Alternativen zu wecken.
Aber heute? Es fällt schwer zu glauben, dass eine Organisation, die
auf der Höhe der Zeit sein und ernst genommen werden will, mit solch
einem Text ihre Zeitgenossen anzusprechen versucht. Vielleicht war es
ja nur ein Zufall, dass die Broschüre auf dem Büchertisch gelandet
ist? Ein Missverständnis? Ich möchte es gerne glauben. Allerdings
fällt mir dies im Laufe der Woche, die ich noch in Barcelona
verbringen werde, mit jedem Tag schwerer. Und auch mit jedem
Interview, das ich mit den Repräsentanten des Anarchosyndikalismus in
dieser Stadt noch führen werde.
Von der Sentimentalität...
Die CNT ist nahezu hundert Jahre alt, meine Interviewpartner im
Gewerkschaftsbüro der CNT auténtica jedoch sind noch ausgesprochen
jung. Und dennoch habe ich immer wieder das Gefühl, mit alten Männern
zu sprechen, die sich nur durch ihr ausgeprägtes Faible fürs Internet
als Kinder des 21. Jahrhunderts auszeichnen. Mir sitzen sympathische,
aktive, dynamische Genossen gegenüber, die »fasziniert« sind von den
alten Arbeiteranarchisten der dreißiger Jahre und heute die »großen
historischen Vorbilder« ihrer Geschichte bewundernd hochhalten, weil,
wie sie meinen, hiervor »der Staat Angst« habe. Junge Anarchisten,
die, wie sie sagen, ihr »Geschichtsbewusstein« dadurch beweisen, dass
sie auf ihren Plenen »immer gern vom Bürgerkrieg reden«. Einer ist
sogar in die Organisation eingetreten, weil schon seine Großeltern in
der CNT waren: »Die Erinnerung ist wichtig, wir müssen uns all dessen
erinnern und das Andenken pflegen.«
So viel nostalgische Sentimentalität erstaunt. Sie wäre nicht weiter
schlimm, vielleicht sogar sympathisch, wenn der Blick zurück nicht auf
so fatale Weise auch den Blick nach vorne trüben würde. Das, was ich
hier über mögliche Zukunftsvisionen des anarchosyndikalistischen
Diskurses zu hören bekomme, lässt nicht viel hoffen ? es ist eine
Mischung aus Kampfbereitschaft, Düsternis und Verelendungsstrategie:
Der bewundernswerte Streik gegen den Supermarktmulti Mercadona, der im
Moment alle beflügelt, korelliert auf bizarre Weise mit der
klammheimlichen Freude über das Image der Gewalttätigkeit, das dem
Anarchismus anhaftet. Der junge Lehrer Eduardo Rodrigo vom
Bildungssyndikat findet das sogar ziemlich gut, weil die Leute dadurch
die CNT respektierten ? »einfach aus Angst«. Seine Strategie besteht
im Durchhalten: »Egal was passiert, egal, wieviele Jahre vergehen, wir
halten durch und sind immer da.« Ihm sekundiert José Jodar, ein
angehender Jurist, mit der frappierenden Feststellung, dass sich der
Kapitalismus nicht gewandelt habe und immer gleich bliebe ? und man
darum auch die Kampfformen nicht zu ändern bräuchte. Deshalb wird es
auch nicht als schlimm empfunden, dass die CNT in den letzten zwanzig
Jahren »fast ihre ganze Mitgliedschaft verloren« hat, denn jetzt könne
man, falls die Arbeiter »nach einer wirklich alternativen Gewerkschaft
suchen«, eine funktionsfähige Option anbieten: die
Gewerkschaftssektionen ? als bewusstes Gegengewicht zu den
Betriebsräten: »Die CNT ist zwar in gewisser Weise untergegangen,«
sagt man mir, »aber sie hat diese Nische für die Zukunft offen
gehalten, und wenn die Menschen eines Tages wollen, haben sie bei uns
die Möglichkeit, sich in Gewerkschaftssektionen zu organisieren.« Zwar
gibt es davon kaum welche, aber auch das macht nichts, denn inzwischen
positioniert sich die CNT erfolgreich als Nischengewerkschaft im
spanischen Prekariat und bei den brutal ausgebeuteten Immigranten.
Dies sei deshalb der »Weg der Zukunft«, weil »Menschen, die nichts
mehr zu verlieren haben, den Weg ebnen werden und eine Bresche
schlagen können.« Dies, so meine Gesprächspartner, sei die wesentliche
politische Bedeutung des Mercadona-Streiks. Obwohl: So ganz scheint
man die Hoffnung auf die Rückgewinnung der klassischen Arbeiterschaft
doch noch nicht aufgegeben zu haben, denn: »Vielleicht finden die
Arbeiter dann ja auch wieder zu ihren eigenen Interessen zurück, wenn
es ihnen dreckig genug geht.« Vielleicht.
Ansonsten scheint die CNT in Barcelona nur eines wirklich zu
beunruhigen: eine neue städtische Verordnung, die wildes Plakatieren
und das Sprayen von Parolen mit harten Strafen belegt?
Soviel zur Aktualität des anarchosyndikalistischen Diskurses beim
»offiziellen« Flügel der Confederación Nacional del Trabajo im
Barcelona des Jahres 2006.
Das Erstaunliche daran ist der trotzige, rückwärtsgewandte Impetus,
der sich offenbar in der historischen Sackgasse auf Dauer eingerichtet
hat. Das Traurige daran ist die Tatsache, dass diese »Linie«
rücksichtslos und mit Vehemenz als die einzige Wahrheit propagiert und
durchgesetzt wird. Notfalls mit Diffamierung und Ausschluss all jener,
die anders denken oder nach zeitgemäßeren Alternativen suchen. Denn
die CNT auténtica, die ihre ungehorsamen Genossen von der CNT
desfederada ohne viel Federlesens aus der Föderation rausgeworfen hat,
vertritt ihren Standpunkt in aller Welt nicht nur mit dem Prestige
ihres großen, geschichtsträchtigen Namens, sondern auch mit dem
exklusiven Segen der anarchosyndikalistischen Internationale AIT.
Wobei das Wörtchen »exklusiv« durchaus wörtlich zu verstehen ist: Wer
anders denkt und handelt, wird ausgeschlossen.
...zum Altersstarrsinn
Monate später sitze ich bei den Recherchen zu diesem Buch spät nachts
daheim am Bildschirm und google durchs Internet, als mich ein Link auf
die Homepage der AIT führt. Ich mag meinen Augen nicht trauen: Als
erster Text begrüßen dort den zufälligen oder interessierten Besucher
völlig unvermittelt diese Sätze:
»Folgendes passierte einige Tage bevor wir im Januar von der NSF zu
Mitgliedern des AIT-Sekretariats gewählt wurden: Eine Person rief an
und sagte, dass die Sekretärin der SAC (in die Marginalspalte:
»Sveriges Arbetares Centralorganisation«, schwedische
anarchosyndikalistische Gewerkschaft, gegründet 1910)
, Hannele Peltonen, ihm eine Mail geschickt habe mit dem Wunsch, sich
mit dem AIT Sekretariat zu treffen, wenn es jetzt in Norwegen wäre.
Die SAC und die AIT könnten sich doch mal zusammenssetzen, um sich in
gleicher Sprache zu unterhalten.« Natürlich wurde dieses Angebot
umgehend im unüberhörbaren Brustton der Empörung abgelehnt, gefolgt
von zweieinhalb eng beschriebenen Seiten, auf denen das ganze
Sündenregister der anarchosyndikalistischen SAC chronologisch
aufgelistet wird ? nämlich ihr Bemühen, mit der
anarchosyndikalistischen AIT einen konstruktiven Dialog zu beginnen.
Das Ganze erscheint auf dem Bildschirm übrigens unter der
kämpferischen Überschrift »Verteidigung der AIT und des
Anarchosyndikalismus«.
In dieser Nacht habe ich keine Zeile mehr geschrieben, ich konnte es
einfach nicht fassen, Tränen drängten sich in meine Augen. Was war nur
aus jener AIT geworden, der ich vor über dreißig Jahren als junger
Anarchist voller Begeisterung beigetreten war! Glaubt man heute
ernsthaft, Menschen für die libertären Ideale zu gewinnen, indem man
sie ungefiltert mit Insider-Klatschgeschichten konfrontiert? Ist es
inzwischen zum Sündenfall geworden, wenn Libertäre unterschiedlicher
Auffassungen miteinander reden? War nicht 1872 der Urahn der AIT
gerade als Antwort der freiheitlich und autonom denkenden Arbeiter auf
die autoritäre Gängelung der 1. Internationale durch Karl Marx und
seinen diktatorischen »Generalrat« entstanden? Damals hatte James
Guillaume gefordert, dass sich die Internationale »nicht durch eine
kleine Clique von Sektierern absorbieren« lassen dürfe und folgende
prophetischen Worte hinzugefügt: »Wie aber sollte eine egalitäre und
freie Gesellschaft aus einer autoritären Organisation hervorgehen? Das
ist unmöglich. Die Internationale, Embryo der künftigen menschlichen
Gesellschaft, ist gehalten, (...) jedes Prinzip, das nach Autorität
und Diktatur strebt, aus ihrem Inneren auszuschließen.«
Harte Worte, aber wahr. Nur, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts die
Rollen vertauscht scheinen: Anarchisten, per Definition eigentlich
Garanten von Offenheit, Vielfalt und undogmatischer
Dialogbereitschaft, profilieren sich heute als bürokratische
Prinzipienreiter und Gralshüter von vermeintlich unantastbaren
Wahrheiten.
Was steckt dahinter?
Einen Teil der Antwort liefert das erwähnte Papier aus Norwegen gleich
mit. Denn bevor irgendjemand aus der AIT mit der SAC auch nur reden
dürfe, so fordert das AIT-Sekretariat in einer an die Stringenz der
Heiligen Inquisition erinnernden Logik, müsse letztere zunächst ihre
Irrtümer widerrufen und ihre Fehler korrigieren. Und die bestehen
konkret, original zitiert, in »Klassenkollaboration«. Klingt ganz
schön schrecklich. Was wirklich hinter diesem Vorwurf stecken mag,
dürfte dem Leser am Beispiel der CGT (In die Marginalspalte:
»Confederación General del Trabajo« -- aus den »Erneuerern« des 5.
Kongresses
der CNT (1979) hervorgegangener pragmatischer Flügel, der sich 1989
als eigenständige anarchosyndikalistische Gewerkschaft konstituierte.)
»Confederación General del Trabajo« -- aus den »Erneuerern« des 5.
Kongresses der CNT (1979) hervorgegangener pragmatischer Flügel, der
sich 1989 als eigenständige anarchosyndikalistische Gewerkschaft
konstituierte.
inzwischen geläufig sein: Die Beteiligung an Betriebsratswahlen und
Tarifverträgen.
Es stimmt, so etwas ist nach den Statuten der AIT nicht erlaubt ?
insofern verhält sich das Sekretariat auch durchaus ?korrekt? bei
seiner »Verteidigung der Prinzipien«. Das Problem liegt aber woanders.
Nämlich darin, dass diese ?Prinzipien? seit 70 Jahren nie wieder
diskutiert werden durften und folgerichtig zu einem ziemlich
geistlosen Dogma verkrustet sind. Ein Dogma, das ? wie weiland
Bundeskanzler Filbinger ? im Grunde nur sagt: »Was damals richtig war,
kann heute doch nicht falsch sein!« Aber genau das ist der Fall: 1936,
als der Anarchosyndikalismus Spaniens mächtigste politische Bewegung
war, waren diese Prinzipien absolut auf der Höhe der Zeit. Und zwar
deshalb, weil man aus einer Position der Stärke heraus natürlich die
?Spielregeln? selbst bestimmen konnte und angesichts einer greifbar
nahen sozialen Revolution sehr gut beraten war, auf solch banale Dinge
wie Tarifverträge zu pfeifen.
Seither aber hat sich die Situation grundlegend verändert, und nicht
gerade zugunsten des Anarchismus. Eine veränderte Situation aber
verlangt auch nach einer veränderten Taktik. Und genau darum geht es.
Die strittigen Fragen berühren nämlich in Wirklichkeit gar keine
?Prinzipien?, sondern taktische Vorgehensweisen zur optimalen
Erreichung eines bestimmten Ziels. Dieses Ziel jedoch und die in ihm
enthaltenen Prinzipien einer libertären Gesellschaft werden von
niemandem in Frage gestellt. Aus einer Position der Schwäche heraus
aber kann der Anarchosyndikalismus nicht mehr ohne Weiteres mit der
Taktik seiner eigenen vergangenen Stärke erfolgreich sein.
Das alles liegt klar auf der Hand und tut jedem aufrechten
Anarchosyndikalisten entsprechend weh. Die einen suchen nach neuen
Wegen, die anderen suchen Schutz beim Dogma. Einem Dogma, das zwar
geistige Geborgenheit im Gewande ewiger Wahrheiten verspricht, aber
mittlerweile nur noch einen ganz bestimmten Menschentyp innerhalb der
Libertären anzusprechen scheint: den des lernresistenten und
kommunikationsfeindlichen Verwalters einer reinen Lehre, der im Dialog
eine prinzipielle Gefahr sieht und in der kritischen Analyse von
Tatsachen einen latenten Verrat am Ideal. Jemand, dem neue Ideen
grundsätzlich suspekt sind, und der Zweifel für ein Zeichen von
Schwäche hält. Solche Menschen ziehen ihre Selbstsicherheit lieber aus
Doktrinen und schöpfen ihre Kraft aus den glorreichen Kämpfen der
Vergangenheit. Offenheit ist ihnen ein Gräuel und jede Art von
Experiment verdächtig.
Was sie hingegen begeistert, das sind Statuten, Akten und
Gummistempel, Kongresse, Deklarationen und Prinzipienerklärungen ?
allesamt beliebte Werkzeuge im Kampf gegen jene Abweichler, denen man,
vom sicheren Posten eines »Regionalsekretariats« oder
»Nationalkkomitees« aus, nur zu gerne »Kollaboration mit der
staatlich-bürgerlichen Bürokratie« vorwirft.
All dies verdichtet sich letztlich in einem einzigen Begriff:
politischer Altersstarrsinn. Das ist übrigens keine Frage des Alters
von Individuen, sondern des Alters einer Bewegung, wenn sie sich
geistig nicht regenerieren kann. In der Tat scheinen junge Aktivisten
dieser Art von Starrsinnigkeit eher zu verfallen als die Älteren, die
in ihrer politischen Biographie auch schon einmal widersprüchliche
Erfahrungen, Zweifel oder neue Perspektiven kennengelernt haben.
Mir ist klar, dass diese Worte mehr als nur polemisch sind. Sie sind
hart. Aber sind sie darum auch falsch? Hart sind sie natürlich
deshalb, weil sie aus Verbitterung geschrieben wurden, aus der
Verzweiflung am gesunden Menschenverstand so mancher Libertärer. Dass
viele dieser Libertären all dies aus tiefster Überzeugung tun und mit
den besten Absichten ? ich kenne eine ganze Reihe von ihnen ?, macht
die Sache indes nicht besser, nur trauriger.
Andererseits kann ich mit meinen deutlichen Worten so falsch nicht
liegen. Denn andere Anarchosyndikalisten, die weit aktiver in der
Bewegung sind als ich es je war, greifen zu noch viel drastischeren
Ausdrücken: »IAA-Granden«, »Subnormale«, »anarchojesuitische
Apparatschiks«?
Weltweiter Umbruch
Die meisten Posten in den anarchosyndikalistischen
Organisationsstrukturen scheinen sich inzwischen fest in der Hand
dieser merkwürdigen Spezies des homo anarchicus zu befinden. Diese
Positionen zu besetzen, war in einer allgemein schwachen Bewegung
nicht weiter schwer ? neigen doch marginalisierte Gruppen ohnehin
gerne zu Purismus, Dogmatik, und Formalismen. Hinzu kam, dass sich die
wenigen Aktivisten, die sich in den letzten zwanzig Jahren mit der
inhaltlichen Erneuerung des Anarchosyndikalismus befasst haben, dies
überwiegend in der Praxis taten. An formalistischen Debatten und
abstrakten Strukturen hatten sie wenig Interesse, an entsprechenden
Posten noch viel weniger. So haben sie dieses Feld vernachlässigt und
es anderen überlassen. Vielleicht ein verhängnisvoller Fehler. Wo sie
sich jedoch gegen den aufkommenden »demokratischen Zentralismus« der
»Apparatschiks« wehrten, wurden sie rasch und effektiv abserviert, wie
es Ignacio Lamata von der CNT desfederada im Interview so lebendig und
emotional geschildert hat.
Wie dem auch sei: das reale Leben geht trotz aller Bannflüche weiter
und mit ihm auch die realen Erfahrungen, die der Anarchosyndikalismus
Tag für Tag macht. In Wirklichkeit befindet sich nämlich das
anarchosyndikalistische Projekt heute weltweit in einem Umbruch, der
sich endlich von der Perspektive des Jahres 1936 zu einem Blickwinkel
der Gegenwart bequemt. Wohin dies führt und wie ?gefährlich? dieser
Umbruch für die revolutionären Ziele des Anarchosyndikalismus werden
könnte, ist zugegebenermaßen noch völlig offen ? aber durch Angst und
Tabuisierung natürlich nicht zu klären. Sicher ist jedenfalls, dass
die anarchistische Gewerkschaftsidee auch im 21. Jahrhundert noch in
der Lage ist, die Arbeiterschaft zu begeistern ? das zeigen der
rasante Aufstieg der CGT ebenso wie der ein oder andere Punktsieg
anderer anarchosyndikalistischer Organisationen in diversen Ländern.
Wie ein ?zeitgemäßer Anarchosyndikalismus? konkret und im Detail
aussehen sollte und welche Chancen er gegen die etablierten
Gewerkschaften haben könnte, hängt von vielen Faktoren ab, die zudem
noch von Land zu Land sehr unterschiedlich sind: von der
sozioökonomischen Lage, der Gesetzgebung, den politischen Traditionen
und nicht zuletzt auch vom Selbstbewusstsein und von der kämpferischen
Mentalität der Menschen. Und da über allem auch noch die globale
neoliberale ?Großwetterlage? schwebt, kann niemand diese Chancen
wirklich prognostizieren. Das ist auch nicht Thema dieses Essays, der
lediglich der Frage nachgeht, ob ein zeitgemäßer Anarchosyndikalismus
überhaupt eine Chance hat, sich zunächst einmal im eigenen Lager
durchzusetzen ? oder ob sich die Libertären doch lieber selbst im Wege
stehen möchten. Selbstverständlich ist es die Aufgabe derjenigen
Aktivisten, die täglich in realen anarchosyndikalistischen Kämpfen
ihres Landes agieren, ihre Chancen selbst einzuschätzen und ihre
Formen und Strukturen selbst zu bestimmen. Deshalb wollen sie ja auch
miteinander darüber reden.
Dass Anarchosyndikalisten in aller Welt inzwischen ebenso interessante
wie differenzierte Erfahrungen mit all den Dingen gemacht haben, die
bei der AIT seit 1936 im Sündenregister stehen, und dass sie diese
Erfahrungen gerne frei und offen diskutieren würden, ist eine
Tatsache. In der AIT ist das zwar nicht erlaubt, dennoch geschieht es.
Und das führt unentwegt zu Spaltungen und Brüchen, zu Tabuisierungen
und Denkverboten, die seit Jahrzehnten wie ein lähmendes Gift durch
die internationale Community des Anarchosyndikalismus sickern und
dessen Schlagkraft dramatisch schwächen.
Insider haben sich mittlerweile schon daran gewöhnt, und die
Spaltungshistorie in ihren alltäglichen Polit-Jargon übernommen.
Ebenso selbstverständlich wie man heute in Barcelona von der CNT
Medinacelli oder der CNT Joaquín Costa spricht, hat man in Italien
lernen müssen, von der USI di Roma zu sprechen oder in Frankreich von
der CNT Vignolles, um sie von den ?echten? Anarchosyndikalisten zu
unterscheiden. Denn inzwischen hat die AIT nicht nur in Spanien,
Italien und Frankreich ?erfolgreich? die Spreu vom Weizen getrennt,
sondern auch in Ländern wie Australien oder Norwegen, wo der
Anarchismus ohnehin äußerst schwache Wurzeln hat. Überhaupt macht die
Arbeit des AIT-Sekretariats zunehmend den Eindruck, als diene sie nur
noch der ?Reinheit der Lehre?.
Auch in Deutschland schwebt das Damoklesschwert des Ausschlusses schon
seit Jahren über der FAU, die sich auch nicht so recht ?auf Linie?
bringen lassen möchte und partout auf ihrer Autonomie besteht ? und
dem Recht, selbst denken zu dürfen. In den internen Debatten dieser
Organisation wird die Attitüde der IAA ? wie die AIT auf deutsch heißt
? mittlerweile als »Bespitzelung durch ein Kontrollkomitee« empfunden
und auch so bezeichnet; die Stimmung in der Internationalen sei
inzwischen gar »von Weltfremdheit und Paranoia« geprägt. Und ein
FAU-Aktivist bringt die Aussichten für die Zukunft treffend auf den
Punkt, wenn er zu bedenken gibt: »? klar ist, dass ohne FAU und USI
die IAA so ziemlich am Ende [wäre]. Und inzwischen scheint diese
Entwicklung auch unausweichlich. Sie bedeutet das Ende der Tradition
und der Nostalgie und man wird ein paar Tränen vergießen, aber sie
bedeutet für uns auch neue Chancen für die Zukunft, eine neue Freiheit
zu agieren und nach adäquaten Konzepten zu suchen, ohne einem neuen
Reformismus zu verfallen.«
Es wäre in der Tat traurig, wenn die AIT zugrunde ginge ? nicht nur
aus Gründen von Tradition und Nostalgie. Denn immerhin ist sie die
einzige real existierende internationale Organisation des
Anarchosyndikalismus ? und zu behaupten, alle ihre Mitglieder und
Organisationen seien ebenso rückwärtsgewandt und verbohrt wie ihre
Repräsentanten, wäre genauso borniert wie deren Urteile über die
»Abweichler«.
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