A - I n f o s
a multi-lingual news service by, for, and about anarchists **

News in all languages
Last 40 posts (Homepage) Last two weeks' posts

The last 100 posts, according to language
Castellano_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement
First few lines of all posts of last 24 hours || of past 30 days | of 2002 | of 2003 | of 2004 | of 2005 | of 2006

Syndication Of A-Infos - including RDF | How to Syndicate A-Infos
Subscribe to the a-infos newsgroups
{Info on A-Infos}

(de) Fauchthunrundmail: 24.12.06 Bildung:Über die Chancen eines zeitgemäßen Anarchosyndikalismus I. (1/2?

Date Sun, 24 Dec 2006 17:54:00 +0200


Anti-Aging für die Anarchie? - Über die Chancen eines zeitgemäßen Anarchosyndikalismus - Konstruktiv-polemischer Essay mit Blick nach vorn von Horst Stowasser ?
zur Erläuterung: Dieser Essay ist das leicht modifizierte Schlusskapitel eines 187 Seiten starken Buches über »das libertäre Barcelona - 70 Jahre nach der spanischen Revolution«. Im Zentrum der Reportage stehen ausführliche Interviews mit Vertretern der drei in Katalonien aktiven anarchosyndikalistischen Gewerkschaften. Sowohl dem Autor als auch der Redaktion ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass diese möglicherweise zufällige Momentaufnahme aus Barcelona natürlich nicht repräsentativ für die jeweiligen Gesamtorganisationen ist. Schon gar nicht werden hier »offizielle« Standpunkte wiedergegeben und reflektiert. So gibt es beispielsweise innerhalb der CNT-AIT auch völlig abweichende Ansichten, etwa, was die historische Fixierung oder die Frage des Ausschlusses von kritischen Syndikaten angeht, wie sie in diesem Text thematisiert werden. Diese sind in Barcelona allerdings nicht zum Ausdruck gebracht worden. Es dürfte dennoch klar werden, dass es weder dem Autor noch der Redaktion darum geht, Gräben zu vertiefen. Im Gegenteil: dieser Text ist ein Aufruf zum kritischen und konstruktiven Dialog. Strömungen, die sich

- in welcher Organisation auch immer - ebenfalls für einen undogmatischen Umgang mit der Situation einsetzen, sollen in ihrer Absicht ausdrücklich ermutigt werden! Es war zudem unvermeidlich, dass sich der hier abgedruckte Text stellenweise auf den Hauptteil des Buches bezieht. So werden beispielsweise die Gründung und Entwicklung der CGT an anderer Stelle ausführlicher behandelt als im Essay, ebenso wie die Spaltung der katalanischen CNT in zwei rivalisierende Fraktionen oder die Kontroverse um die Beteiligung an Betriebsratswahlen und Tarifverhandlungen. In dem Buch, das im Januar 2007 unter dem Titel »Anti-Aging für die Anarchie?« beim Verlag Edition AV erscheint, sind die Original-Interviews, auf die der Essay Bezug nimmt, im Wortlaut abgedruckt.

Kann man als Anarchist durch Barcelona gehen, ohne nostalgisch zu werden?

Ich habe es mir jedenfalls fest vorgenommen: Nicht der Glorie jener libertären Revolution wollte ich nachspüren, die vor einem Menschenalter der staunenden Welt bewies, dass Anarchie funktioniert, sondern dem, was heute ist. Schlägt das Herz der heimlichen Anarcho-Hauptstadt auch nach 70 Jahren noch? Wo? Und vor allem: wie? Taugt Barcelona noch immer als libertärer Trendsetter, oder hat sich der Anarchismus dort mit dem Blick auf die ruhmreiche Vergangenheit abgefunden?

Wie das mit festen Vorsätzen so ist: Mitten auf den Ramblas laufe ich einem anarchistischen Ausrufer in die Arme, der lauthals Nostalgie

anpreist: »Señoras y Señores, kommen Sie, hier finden Sie das romantische Barcelona von früher!« Der Mann trägt einen feinen schwarzen Zweireiher und wirkt wie ein Verschnitt aus Anarcho-Bohème und Zwischenkriegs-Gigolo, der mit einer schwarzroten Fahne wedelt. Er macht seine Sache sehr gut, viele Leute bleiben stehen. Auf beiden Seiten Verkaufsstände der Confederación Nacional del Trabajo mit Anarchokappen, CNT-Feuerzeugen, Halstüchern, Stickern und Che Guevara-T-Shirts ?

dazwischen Zeitungen, Reprints von alten Postern und Bücher über die spanische Revolution von 1936 sowie ein paar preiswerte Agitationsbroschüren. Eine heißt »Die CNT und Spaniens Zukunft«.

Der Stand an dem ich stehe wird belagert von jugendlichen Touris, die sich eindecken; die Ramblas sind heutzutage Barcelonas folkloristische Flaniermeile. Die beiden Tische sind strategisch gut postiert, direkt am Eingang zur Plaza Real, dem schönsten Platz weit und breit. Kaum jemand kommt ungeschoren durch.

Die gute und die böse CNT

Noch gestern hätte mich diese Cleverness gefreut. Aber mittlerweile weiß ich, dass hinter jedem Tisch eine andere CNT steht, zum Verwechseln ähnlich, aber heillos untereinander zerstritten. Sogar ihre Zeitungen führen den selben Namen: Solidaridad Obrera ? vor langer Zeit ein populäres Massenblatt und eines der wichtigsten Organe im libertären Spanien. Zu einer Zeit, als die anarchistische Gewerkschaft noch millionen Mitglieder zählte und stärkste soziale Kraft Spaniens war...

Mein erster Weg zu den Anarchosyndikalisten hatte mich natürlich schon vor Tagen zum Sitz der CNT an der malerischen Plaza Medinacelli geführt, den ich seit den 70er Jahren als einen quirligen Ort lebendiger libertärer Aktion kannte. Aber inzwischen waren die Öffnungszeiten auf werktags 19 Uhr reduziert, und selbst da stand ich vor verschlossener Tür. Es war nicht leicht, schließlich per Telefon einen Interviewtermin zu bekommen, aber letztlich wurde ich als FAU-Mitglied doch noch freundlich empfangen ? samt meinem Empfehlungsschreiben. Als erstes begehe ich einen faux-pas: Ich gratuliere den Genossen zu ihrem neuen Büro in der Calle Joaquín Costa und dem schicken Buchladen, die ich zufällig in der Altstadt entdeckt (und ebenfalls verschlossen vorgefunden) hatte. Betretene Gesichter. »Das ist gar keine CNT, das sind Usurpatoren, die von uns längst ausgeschlossen sind.«

So erfuhr ich von der CNT desfederada und einem internen Konflikt, der sich vor über 10 Jahren zutrug und bis heute zu dem ebenso paradoxen wie fatalen Zustand führt, dass in ganz Katalonien zwei konkurrierende, wenn nicht gar verfeindete CNTs in der Öffentlichkeit unter identischen Namen, Fahnen und Zeitungen auftreten, und so das hässliche Bild von Zerrissenheit und Bruderkampf bieten. Dessen überaus komplizierte Ursachen kann kein normaler Mensch so recht nachvollziehen. Mittlerweile interessieren sie auch kaum noch jemand anderes als die Beteiligten. Das politische Barcelona lacht darüber oder zuckt die Schultern. Denn in dieser verworrenen Story aus persönlichen Animositäten, Machtkämpfen zwischen Basisgruppen und ?Apparat? sowie 148 Millionen Peseten, die 1992 als staatliche Entschädigung flossen, haben seinerzeit angeblich fünf Syndikate fünfzehn andere aus der Konföderation ausgeschlossen ? mit dem ausdrücklichen Segen des Nationalkomitees. Und natürlich hat heute jede Seite Recht. Besonders aber die CNT von der Plaza Medinacelli, denn die weiß die AIT und die FAI hinter sich und versteht sich daher ?nach Aktenlage? als die einzig ?echte?, als »CNT auténtica«.

An all das muss ich nun wieder denken, als ich auf den Ramblas stehe, im Gedränge vor dem Büchertisch.



Die Zeit bleibt nicht stehen



Die kleine Broschüre mit dem Titel Die CNT und Spaniens Zukunft, die ich jetzt, im April des Jahres 2006 in der Hand halte, hat 22 Seiten und stammt aus dem Jahre 1963. Sie wurde 1965 von der Exil-CNT in Toulouse verlegt und fand seinerzeit große Verbreitung. Noch im Jahre 1973 haben wir sie in jener deutschen Kleinstadt, in der ich damals lebte, mit Erfolg an die spanischen »Gastarbeiter« verkauft. Damals war ich 22 Jahre jung, damals ließ Franco noch Oppositionelle hinrichten und auf den Äckern Spaniens waren noch immer Ochsenkarren mit Scheibenrädern unterwegs.

Einundvierzig Jahre nach seinem Erscheinen wurde das Heftchen in Barcelona nachgedruckt; sein 84jähriger Autor, Abel Paz, hatte es mir einen Tag bevor ich es auf den Ramblas entdeckte, als Geschenk verehrt. Natürlich hatte ich mich mit ihm über den Reprint dieses wichtigen Zeitdokuments gefreut. Und natürlich war ich davon ausgegangen, dass es eben das sei: ein Zeitdokument. Nicht im Traum wäre mir eingefallen, dass diese Broschüre im Jahre 2006 vollkommen unkommentiert, quasi als Antwort der CNT auf Spaniens Zukunftsfragen unter die Leute gebracht würde. Eine Broschüre, in derem ersten Absatz der baldige »Bankrott des bürgerlichen Wirtschafts- und Politiksystems« angekündigt wird, unter anderem mit dem Statement, dass der Welt jetzt, angesichts der ?neuen Wege zum Sozialismus? und nach der ?Errichtung des Sozialismus in China? »ein ganzer Fächer von wirtschaftlichen Transformationen« offen stehe, »der in seinem Schoße bereits die rudimentären Prinzipien einer neuen Zivilisation trägt.« Im Kapitel Die Revolution ist unausweichlich steht zu lesen, dass wir in einer »Periode von Zersetzung und Ruin« leben, in der man heutzutage in Spanien »in den volkstümlichen Schichten vor Hunger stirbt«. Unter der Überschrift Die Krise des kapitalistischen Systems werden Alternativen aufgezeigt: »Im Gegensatz dazu steht die Planwirtschaft im sowjetischen Block, die, indem sie von anderen wirtschaftlichen Grundsätzen ausgeht, sich besser vor diesem Abgrund schützen kann. Die staatliche Koordinierung seiner Wirtschaft, ihr weiter Markt ohne Konkurrenz bieten eine bessere Perspektive, um sich gegenüber dem Privatkapitalismus zu behaupten.« Demgegenüber zeichnet die Broschüre von Spanien ein eher düsteres Bild: »Die Mehrheit der Spanier bekommt nicht mal jeden Tag eine Mahlzeit und kann sich niemals richtig sattessen.«

Ich frage mich, was einem Spanier wohl bei der Lektüre durch den Kopf gehen mag, einem Spanier des Jahres 2006, den vielleicht der Titel Die CNT und Spaniens Zukunft zum Kauf der Broschüre verleitet hat. Ob er erkennt, dass es sich um ein historisches Zeitdokument handelt? Oder wird er einfach nur annehmen, dass die CNT wohl doch noch immer zu den Ewiggestrigen gehört?

Mir kommen Zweifel und ich schaue noch einmal ganz genau nach: Nein, die Broschüre wird genau so vertrieben, wie sie 1965 gedruckt wurde. Kein Vorwort, keine Einleitung, keine Erklärung. Lediglich im Druckvermerk stehen das Erscheinungsjahr und das des Reprints. In catalán und auf der letzten Seite.

Es käme mir nicht in den Sinn, dem Autor diese Sätze heute vorzuhalten. Damals, und vor allem auch im weiteren textlichen Zusammenhang dieser Streitschrift, war das sicherlich ein guter Agitationstext, um den Spaniern ihre Rückständigkeit in der Welt vor Augen zu führen und ihre Empfänglichkeit für Alternativen zu wecken. Aber heute? Es fällt schwer zu glauben, dass eine Organisation, die auf der Höhe der Zeit sein und ernst genommen werden will, mit solch einem Text ihre Zeitgenossen anzusprechen versucht. Vielleicht war es ja nur ein Zufall, dass die Broschüre auf dem Büchertisch gelandet ist? Ein Missverständnis? Ich möchte es gerne glauben. Allerdings fällt mir dies im Laufe der Woche, die ich noch in Barcelona verbringen werde, mit jedem Tag schwerer. Und auch mit jedem Interview, das ich mit den Repräsentanten des Anarchosyndikalismus in dieser Stadt noch führen werde.



Von der Sentimentalität...



Die CNT ist nahezu hundert Jahre alt, meine Interviewpartner im Gewerkschaftsbüro der CNT auténtica jedoch sind noch ausgesprochen jung. Und dennoch habe ich immer wieder das Gefühl, mit alten Männern zu sprechen, die sich nur durch ihr ausgeprägtes Faible fürs Internet als Kinder des 21. Jahrhunderts auszeichnen. Mir sitzen sympathische, aktive, dynamische Genossen gegenüber, die »fasziniert« sind von den alten Arbeiteranarchisten der dreißiger Jahre und heute die »großen historischen Vorbilder« ihrer Geschichte bewundernd hochhalten, weil, wie sie meinen, hiervor »der Staat Angst« habe. Junge Anarchisten, die, wie sie sagen, ihr »Geschichtsbewusstein« dadurch beweisen, dass sie auf ihren Plenen »immer gern vom Bürgerkrieg reden«. Einer ist sogar in die Organisation eingetreten, weil schon seine Großeltern in der CNT waren: »Die Erinnerung ist wichtig, wir müssen uns all dessen erinnern und das Andenken pflegen.«

So viel nostalgische Sentimentalität erstaunt. Sie wäre nicht weiter schlimm, vielleicht sogar sympathisch, wenn der Blick zurück nicht auf so fatale Weise auch den Blick nach vorne trüben würde. Das, was ich hier über mögliche Zukunftsvisionen des anarchosyndikalistischen Diskurses zu hören bekomme, lässt nicht viel hoffen ? es ist eine Mischung aus Kampfbereitschaft, Düsternis und Verelendungsstrategie:

Der bewundernswerte Streik gegen den Supermarktmulti Mercadona, der im Moment alle beflügelt, korelliert auf bizarre Weise mit der klammheimlichen Freude über das Image der Gewalttätigkeit, das dem Anarchismus anhaftet. Der junge Lehrer Eduardo Rodrigo vom Bildungssyndikat findet das sogar ziemlich gut, weil die Leute dadurch die CNT respektierten ? »einfach aus Angst«. Seine Strategie besteht im Durchhalten: »Egal was passiert, egal, wieviele Jahre vergehen, wir halten durch und sind immer da.« Ihm sekundiert José Jodar, ein angehender Jurist, mit der frappierenden Feststellung, dass sich der Kapitalismus nicht gewandelt habe und immer gleich bliebe ? und man darum auch die Kampfformen nicht zu ändern bräuchte. Deshalb wird es auch nicht als schlimm empfunden, dass die CNT in den letzten zwanzig Jahren »fast ihre ganze Mitgliedschaft verloren« hat, denn jetzt könne man, falls die Arbeiter »nach einer wirklich alternativen Gewerkschaft suchen«, eine funktionsfähige Option anbieten: die Gewerkschaftssektionen ? als bewusstes Gegengewicht zu den Betriebsräten: »Die CNT ist zwar in gewisser Weise untergegangen,« sagt man mir, »aber sie hat diese Nische für die Zukunft offen gehalten, und wenn die Menschen eines Tages wollen, haben sie bei uns die Möglichkeit, sich in Gewerkschaftssektionen zu organisieren.« Zwar gibt es davon kaum welche, aber auch das macht nichts, denn inzwischen positioniert sich die CNT erfolgreich als Nischengewerkschaft im spanischen Prekariat und bei den brutal ausgebeuteten Immigranten. Dies sei deshalb der »Weg der Zukunft«, weil »Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, den Weg ebnen werden und eine Bresche schlagen können.« Dies, so meine Gesprächspartner, sei die wesentliche politische Bedeutung des Mercadona-Streiks. Obwohl: So ganz scheint man die Hoffnung auf die Rückgewinnung der klassischen Arbeiterschaft doch noch nicht aufgegeben zu haben, denn: »Vielleicht finden die Arbeiter dann ja auch wieder zu ihren eigenen Interessen zurück, wenn es ihnen dreckig genug geht.« Vielleicht.

Ansonsten scheint die CNT in Barcelona nur eines wirklich zu beunruhigen: eine neue städtische Verordnung, die wildes Plakatieren und das Sprayen von Parolen mit harten Strafen belegt?



Soviel zur Aktualität des anarchosyndikalistischen Diskurses beim »offiziellen« Flügel der Confederación Nacional del Trabajo im Barcelona des Jahres 2006.

Das Erstaunliche daran ist der trotzige, rückwärtsgewandte Impetus, der sich offenbar in der historischen Sackgasse auf Dauer eingerichtet hat. Das Traurige daran ist die Tatsache, dass diese »Linie« rücksichtslos und mit Vehemenz als die einzige Wahrheit propagiert und durchgesetzt wird. Notfalls mit Diffamierung und Ausschluss all jener, die anders denken oder nach zeitgemäßeren Alternativen suchen. Denn die CNT auténtica, die ihre ungehorsamen Genossen von der CNT desfederada ohne viel Federlesens aus der Föderation rausgeworfen hat, vertritt ihren Standpunkt in aller Welt nicht nur mit dem Prestige ihres großen, geschichtsträchtigen Namens, sondern auch mit dem exklusiven Segen der anarchosyndikalistischen Internationale AIT.

Wobei das Wörtchen »exklusiv« durchaus wörtlich zu verstehen ist: Wer anders denkt und handelt, wird ausgeschlossen.



...zum Altersstarrsinn



Monate später sitze ich bei den Recherchen zu diesem Buch spät nachts daheim am Bildschirm und google durchs Internet, als mich ein Link auf die Homepage der AIT führt. Ich mag meinen Augen nicht trauen: Als erster Text begrüßen dort den zufälligen oder interessierten Besucher völlig unvermittelt diese Sätze:

»Folgendes passierte einige Tage bevor wir im Januar von der NSF zu Mitgliedern des AIT-Sekretariats gewählt wurden: Eine Person rief an und sagte, dass die Sekretärin der SAC (in die Marginalspalte: »Sveriges Arbetares Centralorganisation«, schwedische anarchosyndikalistische Gewerkschaft, gegründet 1910)

, Hannele Peltonen, ihm eine Mail geschickt habe mit dem Wunsch, sich mit dem AIT Sekretariat zu treffen, wenn es jetzt in Norwegen wäre. Die SAC und die AIT könnten sich doch mal zusammenssetzen, um sich in gleicher Sprache zu unterhalten.« Natürlich wurde dieses Angebot umgehend im unüberhörbaren Brustton der Empörung abgelehnt, gefolgt von zweieinhalb eng beschriebenen Seiten, auf denen das ganze Sündenregister der anarchosyndikalistischen SAC chronologisch aufgelistet wird ? nämlich ihr Bemühen, mit der anarchosyndikalistischen AIT einen konstruktiven Dialog zu beginnen. Das Ganze erscheint auf dem Bildschirm übrigens unter der kämpferischen Überschrift »Verteidigung der AIT und des Anarchosyndikalismus«.

In dieser Nacht habe ich keine Zeile mehr geschrieben, ich konnte es einfach nicht fassen, Tränen drängten sich in meine Augen. Was war nur aus jener AIT geworden, der ich vor über dreißig Jahren als junger Anarchist voller Begeisterung beigetreten war! Glaubt man heute ernsthaft, Menschen für die libertären Ideale zu gewinnen, indem man sie ungefiltert mit Insider-Klatschgeschichten konfrontiert? Ist es inzwischen zum Sündenfall geworden, wenn Libertäre unterschiedlicher Auffassungen miteinander reden? War nicht 1872 der Urahn der AIT gerade als Antwort der freiheitlich und autonom denkenden Arbeiter auf die autoritäre Gängelung der 1. Internationale durch Karl Marx und seinen diktatorischen »Generalrat« entstanden? Damals hatte James Guillaume gefordert, dass sich die Internationale »nicht durch eine kleine Clique von Sektierern absorbieren« lassen dürfe und folgende prophetischen Worte hinzugefügt: »Wie aber sollte eine egalitäre und freie Gesellschaft aus einer autoritären Organisation hervorgehen? Das ist unmöglich. Die Internationale, Embryo der künftigen menschlichen Gesellschaft, ist gehalten, (...) jedes Prinzip, das nach Autorität und Diktatur strebt, aus ihrem Inneren auszuschließen.«

Harte Worte, aber wahr. Nur, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Rollen vertauscht scheinen: Anarchisten, per Definition eigentlich Garanten von Offenheit, Vielfalt und undogmatischer Dialogbereitschaft, profilieren sich heute als bürokratische Prinzipienreiter und Gralshüter von vermeintlich unantastbaren Wahrheiten.



Was steckt dahinter?



Einen Teil der Antwort liefert das erwähnte Papier aus Norwegen gleich mit. Denn bevor irgendjemand aus der AIT mit der SAC auch nur reden dürfe, so fordert das AIT-Sekretariat in einer an die Stringenz der Heiligen Inquisition erinnernden Logik, müsse letztere zunächst ihre Irrtümer widerrufen und ihre Fehler korrigieren. Und die bestehen konkret, original zitiert, in »Klassenkollaboration«. Klingt ganz schön schrecklich. Was wirklich hinter diesem Vorwurf stecken mag, dürfte dem Leser am Beispiel der CGT (In die Marginalspalte: »Confederación General del Trabajo« -- aus den »Erneuerern« des 5. Kongresses
der CNT (1979) hervorgegangener pragmatischer Flügel, der sich 1989 als eigenständige anarchosyndikalistische Gewerkschaft konstituierte.) »Confederación General del Trabajo« -- aus den »Erneuerern« des 5. Kongresses der CNT (1979) hervorgegangener pragmatischer Flügel, der sich 1989 als eigenständige anarchosyndikalistische Gewerkschaft konstituierte.

inzwischen geläufig sein: Die Beteiligung an Betriebsratswahlen und Tarifverträgen.

Es stimmt, so etwas ist nach den Statuten der AIT nicht erlaubt ? insofern verhält sich das Sekretariat auch durchaus ?korrekt? bei seiner »Verteidigung der Prinzipien«. Das Problem liegt aber woanders. Nämlich darin, dass diese ?Prinzipien? seit 70 Jahren nie wieder diskutiert werden durften und folgerichtig zu einem ziemlich geistlosen Dogma verkrustet sind. Ein Dogma, das ? wie weiland Bundeskanzler Filbinger ? im Grunde nur sagt: »Was damals richtig war, kann heute doch nicht falsch sein!« Aber genau das ist der Fall: 1936, als der Anarchosyndikalismus Spaniens mächtigste politische Bewegung war, waren diese Prinzipien absolut auf der Höhe der Zeit. Und zwar deshalb, weil man aus einer Position der Stärke heraus natürlich die ?Spielregeln? selbst bestimmen konnte und angesichts einer greifbar nahen sozialen Revolution sehr gut beraten war, auf solch banale Dinge wie Tarifverträge zu pfeifen.

Seither aber hat sich die Situation grundlegend verändert, und nicht gerade zugunsten des Anarchismus. Eine veränderte Situation aber verlangt auch nach einer veränderten Taktik. Und genau darum geht es. Die strittigen Fragen berühren nämlich in Wirklichkeit gar keine ?Prinzipien?, sondern taktische Vorgehensweisen zur optimalen Erreichung eines bestimmten Ziels. Dieses Ziel jedoch und die in ihm enthaltenen Prinzipien einer libertären Gesellschaft werden von niemandem in Frage gestellt. Aus einer Position der Schwäche heraus aber kann der Anarchosyndikalismus nicht mehr ohne Weiteres mit der Taktik seiner eigenen vergangenen Stärke erfolgreich sein.



Das alles liegt klar auf der Hand und tut jedem aufrechten Anarchosyndikalisten entsprechend weh. Die einen suchen nach neuen Wegen, die anderen suchen Schutz beim Dogma. Einem Dogma, das zwar geistige Geborgenheit im Gewande ewiger Wahrheiten verspricht, aber mittlerweile nur noch einen ganz bestimmten Menschentyp innerhalb der Libertären anzusprechen scheint: den des lernresistenten und kommunikationsfeindlichen Verwalters einer reinen Lehre, der im Dialog eine prinzipielle Gefahr sieht und in der kritischen Analyse von Tatsachen einen latenten Verrat am Ideal. Jemand, dem neue Ideen grundsätzlich suspekt sind, und der Zweifel für ein Zeichen von Schwäche hält. Solche Menschen ziehen ihre Selbstsicherheit lieber aus Doktrinen und schöpfen ihre Kraft aus den glorreichen Kämpfen der Vergangenheit. Offenheit ist ihnen ein Gräuel und jede Art von Experiment verdächtig.

Was sie hingegen begeistert, das sind Statuten, Akten und Gummistempel, Kongresse, Deklarationen und Prinzipienerklärungen ? allesamt beliebte Werkzeuge im Kampf gegen jene Abweichler, denen man, vom sicheren Posten eines »Regionalsekretariats« oder »Nationalkkomitees« aus, nur zu gerne »Kollaboration mit der staatlich-bürgerlichen Bürokratie« vorwirft.

All dies verdichtet sich letztlich in einem einzigen Begriff: politischer Altersstarrsinn. Das ist übrigens keine Frage des Alters von Individuen, sondern des Alters einer Bewegung, wenn sie sich geistig nicht regenerieren kann. In der Tat scheinen junge Aktivisten dieser Art von Starrsinnigkeit eher zu verfallen als die Älteren, die in ihrer politischen Biographie auch schon einmal widersprüchliche Erfahrungen, Zweifel oder neue Perspektiven kennengelernt haben.



Mir ist klar, dass diese Worte mehr als nur polemisch sind. Sie sind hart. Aber sind sie darum auch falsch? Hart sind sie natürlich deshalb, weil sie aus Verbitterung geschrieben wurden, aus der Verzweiflung am gesunden Menschenverstand so mancher Libertärer. Dass viele dieser Libertären all dies aus tiefster Überzeugung tun und mit den besten Absichten ? ich kenne eine ganze Reihe von ihnen ?, macht die Sache indes nicht besser, nur trauriger.

Andererseits kann ich mit meinen deutlichen Worten so falsch nicht liegen. Denn andere Anarchosyndikalisten, die weit aktiver in der Bewegung sind als ich es je war, greifen zu noch viel drastischeren Ausdrücken: »IAA-Granden«, »Subnormale«, »anarchojesuitische Apparatschiks«?



Weltweiter Umbruch



Die meisten Posten in den anarchosyndikalistischen Organisationsstrukturen scheinen sich inzwischen fest in der Hand dieser merkwürdigen Spezies des homo anarchicus zu befinden. Diese Positionen zu besetzen, war in einer allgemein schwachen Bewegung nicht weiter schwer ? neigen doch marginalisierte Gruppen ohnehin gerne zu Purismus, Dogmatik, und Formalismen. Hinzu kam, dass sich die wenigen Aktivisten, die sich in den letzten zwanzig Jahren mit der inhaltlichen Erneuerung des Anarchosyndikalismus befasst haben, dies überwiegend in der Praxis taten. An formalistischen Debatten und abstrakten Strukturen hatten sie wenig Interesse, an entsprechenden Posten noch viel weniger. So haben sie dieses Feld vernachlässigt und es anderen überlassen. Vielleicht ein verhängnisvoller Fehler. Wo sie sich jedoch gegen den aufkommenden »demokratischen Zentralismus« der »Apparatschiks« wehrten, wurden sie rasch und effektiv abserviert, wie es Ignacio Lamata von der CNT desfederada im Interview so lebendig und emotional geschildert hat.

Wie dem auch sei: das reale Leben geht trotz aller Bannflüche weiter und mit ihm auch die realen Erfahrungen, die der Anarchosyndikalismus Tag für Tag macht. In Wirklichkeit befindet sich nämlich das anarchosyndikalistische Projekt heute weltweit in einem Umbruch, der sich endlich von der Perspektive des Jahres 1936 zu einem Blickwinkel der Gegenwart bequemt. Wohin dies führt und wie ?gefährlich? dieser Umbruch für die revolutionären Ziele des Anarchosyndikalismus werden könnte, ist zugegebenermaßen noch völlig offen ? aber durch Angst und Tabuisierung natürlich nicht zu klären. Sicher ist jedenfalls, dass die anarchistische Gewerkschaftsidee auch im 21. Jahrhundert noch in der Lage ist, die Arbeiterschaft zu begeistern ? das zeigen der rasante Aufstieg der CGT ebenso wie der ein oder andere Punktsieg anderer anarchosyndikalistischer Organisationen in diversen Ländern. Wie ein ?zeitgemäßer Anarchosyndikalismus? konkret und im Detail aussehen sollte und welche Chancen er gegen die etablierten Gewerkschaften haben könnte, hängt von vielen Faktoren ab, die zudem noch von Land zu Land sehr unterschiedlich sind: von der sozioökonomischen Lage, der Gesetzgebung, den politischen Traditionen und nicht zuletzt auch vom Selbstbewusstsein und von der kämpferischen Mentalität der Menschen. Und da über allem auch noch die globale neoliberale ?Großwetterlage? schwebt, kann niemand diese Chancen wirklich prognostizieren. Das ist auch nicht Thema dieses Essays, der lediglich der Frage nachgeht, ob ein zeitgemäßer Anarchosyndikalismus überhaupt eine Chance hat, sich zunächst einmal im eigenen Lager durchzusetzen ? oder ob sich die Libertären doch lieber selbst im Wege stehen möchten. Selbstverständlich ist es die Aufgabe derjenigen Aktivisten, die täglich in realen anarchosyndikalistischen Kämpfen ihres Landes agieren, ihre Chancen selbst einzuschätzen und ihre Formen und Strukturen selbst zu bestimmen. Deshalb wollen sie ja auch miteinander darüber reden.

Dass Anarchosyndikalisten in aller Welt inzwischen ebenso interessante wie differenzierte Erfahrungen mit all den Dingen gemacht haben, die bei der AIT seit 1936 im Sündenregister stehen, und dass sie diese Erfahrungen gerne frei und offen diskutieren würden, ist eine Tatsache. In der AIT ist das zwar nicht erlaubt, dennoch geschieht es. Und das führt unentwegt zu Spaltungen und Brüchen, zu Tabuisierungen und Denkverboten, die seit Jahrzehnten wie ein lähmendes Gift durch die internationale Community des Anarchosyndikalismus sickern und dessen Schlagkraft dramatisch schwächen.

Insider haben sich mittlerweile schon daran gewöhnt, und die Spaltungshistorie in ihren alltäglichen Polit-Jargon übernommen. Ebenso selbstverständlich wie man heute in Barcelona von der CNT Medinacelli oder der CNT Joaquín Costa spricht, hat man in Italien lernen müssen, von der USI di Roma zu sprechen oder in Frankreich von der CNT Vignolles, um sie von den ?echten? Anarchosyndikalisten zu unterscheiden. Denn inzwischen hat die AIT nicht nur in Spanien, Italien und Frankreich ?erfolgreich? die Spreu vom Weizen getrennt, sondern auch in Ländern wie Australien oder Norwegen, wo der Anarchismus ohnehin äußerst schwache Wurzeln hat. Überhaupt macht die Arbeit des AIT-Sekretariats zunehmend den Eindruck, als diene sie nur noch der ?Reinheit der Lehre?.

Auch in Deutschland schwebt das Damoklesschwert des Ausschlusses schon seit Jahren über der FAU, die sich auch nicht so recht ?auf Linie? bringen lassen möchte und partout auf ihrer Autonomie besteht ? und dem Recht, selbst denken zu dürfen. In den internen Debatten dieser Organisation wird die Attitüde der IAA ? wie die AIT auf deutsch heißt ? mittlerweile als »Bespitzelung durch ein Kontrollkomitee« empfunden und auch so bezeichnet; die Stimmung in der Internationalen sei inzwischen gar »von Weltfremdheit und Paranoia« geprägt. Und ein FAU-Aktivist bringt die Aussichten für die Zukunft treffend auf den Punkt, wenn er zu bedenken gibt: »? klar ist, dass ohne FAU und USI die IAA so ziemlich am Ende [wäre]. Und inzwischen scheint diese Entwicklung auch unausweichlich. Sie bedeutet das Ende der Tradition und der Nostalgie und man wird ein paar Tränen vergießen, aber sie bedeutet für uns auch neue Chancen für die Zukunft, eine neue Freiheit zu agieren und nach adäquaten Konzepten zu suchen, ohne einem neuen Reformismus zu verfallen.«

Es wäre in der Tat traurig, wenn die AIT zugrunde ginge ? nicht nur aus Gründen von Tradition und Nostalgie. Denn immerhin ist sie die einzige real existierende internationale Organisation des Anarchosyndikalismus ? und zu behaupten, alle ihre Mitglieder und Organisationen seien ebenso rückwärtsgewandt und verbohrt wie ihre Repräsentanten, wäre genauso borniert wie deren Urteile über die »Abweichler«.


_______________________________________________
A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
http://ainfos.ca/cgi-bin/mailman/listinfo/a-infos-de
http://ainfos.ca/de


A-Infos Information Center