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(de) Der Flächenbrand vom November (fr)

Date Mon, 10 Apr 2006 07:30:54 +0200


Warum haben die französischen Vorstädte gebrannt? Wer sind die
Verantwortlichen?

MAN HAT EUCH NICHT DIE GANZE WAHRHEIT GESAGT!

[Der Artikel ist vom Dezember, hab's angesichts seines Umfangs leider
nicht schneller geschafft, ihn zu übersetzen ? aber inzwischen ist er ja
schon wieder aktuell, hehe. Üs]

Anfang November 2005 erfaßte ein Flächenbrand Frankreich: Autos,
Schulen, Turnhallen, Busdepots, Kinderhorte, Autovertretungen,
Polizeiposten wurden angezündet. Hunderte Millionen Euro gingen in Rauch
auf. Teilgenommen an diesen Aufständen (denn darum handelte es sich
gewiß) haben hauptsächlich Jugendliche afrikanischer Abstammung,
"Blacks" und "Beurs" [Schwarz- bzw. NordafrikanerInnen, Üs.]; aber es
war auch ein beträchtlicher Anteil von EuropäerInnen festzustellen.
Allerdings gehört dort, wo sie herkommen, die überwältigende Mehrheit
der Jugendlichen den benachteiligten Schichten an.

Es wurde viel geschrieben, mehr oder weniger zutreffend, über die
Verantwortlichen des Flächenbrandes. Grob zusammengefaßt: die
Einwanderung, der islamische Fundamentalismus, die Arbeitslosigkeit, die
polizeiliche Repression, das Fernsehen und die Videospiele, die zur
Gewalt anstacheln, der Rückzug bzw. das Versagen der Eltern, die
Vielehe, die Stadtentwicklungspolitik, die seit den 60er Jahren Ghettos
geschaffen hat, die Schule, die ihren Auftrag nicht mehr erfüllt, das
Schulversagen, das Schwänzen...

Im großen und ganzen erscheinen die Analysen von der linken Seite
konsequenter. Die reformistische Linke betont zu Recht die
ultra-liberale Politik der Rechten, die alles abgeschafft hat: Die
Kontaktpolizei, den öffentlichen Dienst, die Arbeitsplätze für
Jugendliche, die Subventionen für die Vereine, die für die Vorstädte
arbeiten. Diese Linke war allerdings, als sie an der Macht war, weit
davon entfernt, die zunehmende Ausgrenzung zu bremsen; sie stellte
einfach nur ein paar Brandwände auf.

Mit Verweis auf die Notwendigkeit, das "Gesindel" loszuwerden, die
Vorstädte mit dem "Dampfstrahler" zu reinigen, hat [Innenminister, Üs.]
Sarkozy, der zündelnde Feuerwehrmann, der sich zum Kampf der Kulturen
bekehrt hat, nur einige Funken geschlagen, die ausreichten, um das
Pulver zu entzünden... Aber das Pulver war schon vorher da, und nicht zu
knapp; seit einer ganzen Weile hatte es sich angesammelt. Die radikale
Linke ihrerseits geht weiter als die reformistische Linke, indem sie bei
diesem Thema zutreffenderweise die zerstörerischen Effekte des
kapitalistischen Systems benennt.

Oft herrscht Einigkeit darüber, daß solche Ereignisse anderswo nicht
vorkommen. Darum spricht man vom Scheitern des Modells der französischen
Republik. Aber das ist höchstens die halbe Wahrheit: das Scheitern hat
eine ganz andere Dimension, Frankreich hat kein Monopol auf Ausgrenzung
und Gewalt. In anderer Form gab es Aufstände auch in Britannien und
Deutschland; auch in den USA, wo sie während der 60er Jahre besonders
brutal waren (vor allem in Los Angeles und Detroit).

Andererseits ist es nicht gesagt, daß solche Ereignisse oder noch
gewalttätigere sich nirgendwo anders wiederholen könnten. Die Geschichte
geht weiter; sie ist nicht in den Vorstädten der französischen Städte
stehengeblieben. Denn es geht um unsere Geschichte.

Und alle AnalystInnen des Flächenbrandes vom November 2005 haben sich
als unfähig erwiesen, dieses Ereignis mit der nötigen Abstand zu
analysieren. In der Endabrechnung stellt es nichts besonderes dar; zwei,
drei Tote werden beklagt, wenn ihr direkter Bezug nachgewiesen werden
kann. Zum Vergleich: Der Krieg, den die US-Führung auch heute noch gegen
den Irak führt, hat Zehntausende von Opfern verursacht; der Bürgerkrieg
in Jugoslawien vor zehn Jahren forderte 200.000 Tote; diese beiden
Konflikte haben ganze Länder ruiniert.

Es gibt jedoch keine direkte Verbindung zwischen den Kriegen im Irak und
in Jugoslawien und dem französischen Flächenbrand vom November 2005...
keine offensichtliche, aber sie stehen auf einer gemeinsamen Grundlage.
Mit vielen anderen stellen sie oberflächliche Zeichen einer
tiefgreifenden Krise dar, die schon seit zwei Jahrhunderten andauert. Es
liegt uns fern, davon hier eine umfassende Beschreibung oder auch nur
eine summarische Analyse zu bieten.

Es soll uns genügen, festzustellen, daß diese Megakrise ein sehr
widersprüchliches, bisher ungekanntes Szenario darstellt: Hier eine
gewaltige Ansammlung von Reichtum, dort bitterste Not und Ausgrenzung;
hier übermäßig ausgebeutete, erschöpfte ArbeiterInnen und Böden, dort
Arbeitslosigkeit und subventionierte Brachen; hier ein
schwindelerregender Fortschritt von Wissenschaft und Technik, Unmengen
von Werbung jeder Art, freizügig zur Schau gestellter Sex, das ständige
Spektakel, dort Analphabetismus, archaische religiöse Praktiken,
eingemauerte Frauen, Fortschritt- und Bildungsfeindlichkeit.

Es soll uns genügen, festzustellen, daß genau diese Krise die größten
und bevölkerungsreichsten Imperien, die je errichtet wurden, ruiniert
hat; in zwei Jahrhunderten soviele wie in den ersten fünf Jahrtausenden
der Geschichte, die sich bis dahin abgespielt hatten; überall erzeugt
sie wachsende Ungleichheiten, eine Verschärfung der Gegensätze und
schließlich Gewalt, in vielen Formen, so allgemein, daß es heute viele
Intellektuelle gibt, die sich weigern, ihre schreckliche Kohärenz
wahrzunehmen (obwohl sie ihre Geschichte genau kennen). Aber es nützt
nichts, die Augen zu verschließen. Die Megakrise hat vor etwas mehr als
zwei Jahrhunderten begonnen, damals, mit dem Startschuß zur allgemeinen
Vermarktung der Welt, die alle gesellschaftlichen Bereiche angreift,
alles in Waren verwandelt, jeden Schutzwall staatlicher oder
gesellschaftlicher Art durchdringt... Diese Krise stellt jede
vermeintlich geschützte Situation in Frage.

In dem Werk, das sie ihm gewidmet hat (Die Akkumulation des Kapitals,
1913) hat Rosa Luxemburg nachgewiesen, daß unser kapitalistisches
System, das der Motor davon ist, zu einer ständigen Flucht nach vorne
gezwungen ist. Es kennt höchstens temporäre, örtlich begrenzte
Atempausen und hört nicht auf, die sozialen Katastrophen zu
vervielfachen. Dabei trägt es in sich den Krieg wie die Wolke das
Gewitter (Jaurès).

Wenn man in einer privilegierten Region eine Pause beobachten kann, wie
z. B. nach dem Krieg im Westen (während der glorreichen 30 Jahre),
brechen anderswo im selben Moment Kriege aus gegen die Kolonialisierung
bzw. Kriege gegen junge Staaten, die verzweifelt einen anderen Weg
suchen. Einige besondere Aspekte dieses großen Umbruchs stehen in
direktem Zusammenhang mit dem Flächenbrand des November 2005.

Betrachten wir zunächst die eigentlich oberflächliche, aber doch
vielsagende Doppeldeutigkeit des Wortes "verzehren": Einerseits heißt es
"konsumieren", andererseits "vernichten". Unsere Konsumgesellschaft, die
im Übermaß oft völlig nutzlose Dinge für ihre privilegierten Zentren
produziert, ist auch eine Welt des "Verzehrs", der allgemeinen
Zerstörungen; an den vielfältigen Peripherien seiner rotglühenden
Feuerstellen kann man noch die Asche der Betrübnis beobachten.

Wie jede Krise trifft auch diese vor allem die Schwächsten,
Verletzlichsten. Mit der Bevölkerungsexplosion hat die Megakrise die
größten Wanderungsbewegungen der Geschichte ausgelöst: Zunächst vor
allem die Landflucht, dann den Zustrom von ImmigrantInnen aus den
ruinierten Regionen in die Ballungsräume verschiedener Größen, letztlich
bis zu den Riesenstädten. Im Laufe zweier Jahrhunderte hat die Megakrise
viele Konflikte hervorgerufen: Bürgerkriege, Kriege, aber auch soziale
Kämpfe sehr unterschiedlicher Art, von den ersten Bewegungen der
Maschinenstürmer (Luddismus) in England (später in Frankreich) über all
die traditionellen Arbeitskämpfe bis zum jüngsten Novemberaufstand.

Seit Mitte der 1970er Jahre kann man eine Verlangsamung des
Wirtschaftswachstums beobachten, ein Phänomen, das eigentlich positiv zu
sehen wäre, das aber eine Verschärfung der Megakrise darstellt. Von
diesem Moment an wandelt sich das Erscheinungsbild der sozialen
Bewegungen: sie werden bornierter, hoffnungsloser. Wir haben zuvor die
Ereignisse des Sommers 2000 beobachtet, als Angestellte damit drohten,
ihre Fabrik zu sprengen oder den nächsten Fluß zu verseuchen, und das
einfach nur, um weniger grausame Entlassungsbedingungen zu erlangen (bei
Cellatex, Adelshoffen, Bertrand Faure etc.). Man könnte auch die
unzähligen Bauerndemos erwähnen, von ebenfalls umfangreiche
Zerstörungen, Plünderungen und Brandstiftungen ausgingen. Damit sollte
der Staat zur Verlängerung von Subventionen oder zum Erhalt des
Protektionismus bewegt werden.

"Wir wollen keine Jobs, wir wollen Kaviar", dieser Vorschlag eines
jungen Vorstädters (wiedergegeben auf einem Fernsehsender) ist
bezeichnend für die Stimmung, die heute in einem Teil der jungen
Bevölkerung vorherrscht. Viele von diesen Jungen, denen das Spektakel
des leichten Lebens und der Reichtümer, die unsere Konsumgesellschaft
produziert, präsentiert wird, zieht es gar nicht in die Sklaverei, die
ihnen vorgeschlagen wird: Minilöhne, Scheißjobs, raffgierige Bosse,
allgemeine Verachtung...

Zwischen diesen "Wilden" an der Basis und den "autorisierten Milieus",
die das mediale Pflaster für sich allein beanspruchen, klafft eine
beachtliche Lücke. "Die Feuer des Hasses", unter diesem Titel (in Le
Monde, 22.11.05) übernimmt André Glucksmann die Verteidigung von Sarkozy
und rechtfertigt den Begriff "Gesindel" angesichts dessen, was er als
"nihilistische Brandstifterei" empfindet. Man muß wissen, daß dieser
Autor zu den zahllosen "geläuterten" Linken gehört, die sich heute in
Menschenrechts-OberlehrerInnen verwandelt haben. Ende der 1960er
skandierten Glucksmann und seine maoistischen GenossInnen von der Uni:
"Wir revoltieren zu Recht!" Sie stellten sich vor, so eine
Arbeiterklasse mobilisieren zu können, die nach den reformistischen
Erfolgen des Juni 1968 eher apathisch geworden war. Kann man einen
Moment lang glauben, daß die jungen Enterbten unserer Tage nicht zu
Recht revoltieren? Man könnte sich im Gegenteil fragen, warum diese
Rebellionen kein größeres Ausmaß annehmen. Man könnte, wenn man nicht
die beträchtliche Zahl der Resignierten kennen würde, die schon alles
verinnerlicht haben.

Es bleibt diese grundlegende Beobachtung, die schon weiter oben
berichtet wurde: Viele dieser neuen sozialen Bewegungen bieten keine
Perspektive. Angesichts dieser Situation jedoch haben die Alternativen,
die UniversalistInnen, egal zu welcher Strömung sie sich zählen, eine
fundamentale Rolle zu spielen, unter der Bedingung, daß sie mit einer
bedauerlichen Tradition brechen. Denn wir dürfen es nicht übersehen: Dem
Flächenbrand vom November werden früher oder später andere Erscheinungen
der Megakrise folgen. Den Novemberereignissen kommt das Verdienst zu,
zahlreiche Diskussionen ausgelöst zu haben; nicht nur in der Presse,
sondern auch im Internet und in allen französischen Familien. Denn wenn
solche Ereignisse direkt an unsere Tür klopfen, fühlen wir uns natürlich
ein bißchen betroffener als sonst.

Eine andere Welt ist möglich! Bleibt zu sagen, daß diese Parole, sehr
beliebt bei gewissen Alternativen, nicht hohl, sinnlos ist. Daß es in
all den Bereichen, die vom herrschenden System verheert werden, eine
Menge Alternativen gibt: nicht nur ökonomische (sogar in der
sakrosankten Finanzwelt), sondern auch in der Landwirtschaft, der
Bildung, der Kultur, der Freizeit... Diese Alternativen ziehen sich quer
durch die Gesellschaft, es genügt, ein wenig danach zu suchen, z. B. die
Zeitschrift "Silence" zu konsultieren, um ihren ganzen Reichtum zu
ermessen.

Dabei muß man sich jedoch eines klarmachen: Diese verschiedenen
Projekte, die über individuelle Problemlösungen im Krieg aller gegen
alle hinausgehen, können sich nicht entwickeln angesichts einer
wirtschaftlich-politischen Macht, die sie ablehnt oder nur als
Randerscheinungen duldet. Sie können sich nur durchsetzen mittels der
vielfältigen sozialen Kämpfe, die weiter geführt werden müssen. Wir
haben zu diesem Thema schon oft festgestellt, daß ein grundsätzlicher
Kampf notwendig ist: er wird schon in unseren eigenen Reihen geführt,
gegen diese Zensur, durch die die Alternativen, die viel zu zahlreich
sind, sich gegenseitig verbergen und ausschließen.

Djémil Kessous, Dezember 2005

L'Universaliste, Nr. 74, Januar 2006

(fr) L'incendie de novembre
Date Mon, 12 Dec 2005 19:52:27 +0100 (CET)
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