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(de) Rebellion 35: Boillat: Die Moeglichkeiten ausschoepfen

Date Sat, 01 Apr 2006 23:09:24 +0200


Boillat:
Die Möglichkeiten ausschöpfen!
Der Kampf der Boillat in Reconvilier ist vielfältig und komplex. Trotz
des vorläufigen Unterbruchs des Streikes ist die Entschlossenheit der
Arbeiter-Innen ungebrochen. Dies trotz den 112 ausgesprochenen
Kündigungen, die jeder Produktionslogik widersprechen (die Bestellliste
ist übervoll) und auch trotzder Abwesenheit der schon früher entlassenen
Kader, ohne die die Produktion nicht voll heraufgefahren werden kann. Es
handelt sich um einen langatmigen, berechtigten und effizienten
Widerstand, der sich da ausdrückt.
Viele Genossen, innerhalb des Fabrikkollektivs und in der
Solidaritätsbewegung, sind sich einig, dass ein neuer Abschnitt im Kampf
eingeläutet werden soll: Besetzung der Fabrik, selbstverwaltete
Wiederaufnahme der Produktion, Ware verkaufen und zahlen lassen. Was
heissen würde, die Logik des Streikes zum Ende zu führen: Die
Eigentumsgarantie in Frage stellen, das Ausbeutungsverhältnis an den
Wurzeln packen.

Klassenzusammenhang
Viele Leute reden über diese Enteignung der AusbeuterInnen, diesen
"verwaltenden" Streik. Sie machen es aber leise, weil klar ist, dass
sonst das fragile Kräfteverhältnis kippen könnte. Die Kündigungen,
jüngste Provokation von Hellweg und Konsorten, zeigen wie wichtig es für
das Bürgertum dieses Landes ist, die Widerspenstigkeit der
Boillat-ArbeiterInnen zu brechen.
Die Swissmetal-Direktion verteidigt nicht einfach einen finanziellen
Schachzug, der die Aushölung und Schrumpfung des Produk-tions-werkzeuges
mit sich zieht. Sicher wird auf die Interessen der Aktionäre Rücksicht
genommen, die wohl wissen, dass eine schnelle und profitmaximierende
Operation die Liquidierung der Boillat beinhaltet, aber es ist nicht
alles und auch nicht das Wesentliche für die KapitalistInnen. Mit dem
Anfang des Kampfes hat das Arbeiter-Innen-Kollektiv von Reconvilier
einen Anspruch auf Gegenmacht, Autonomie und Selbstbetimmung gestellt.
Dieser ist für das Kapital unannehmbar. Ihn will Hellweg brechen. Die
Swissmetal-Direktion will beweisen, dass es keinen anderen Weg gibt, als
sich zu beugen und zu schweigen. Sie will den Lohnabhängigen in diesem
Land klar machen, dass jeglicher Widerstand zu Niederlage und Elend für
jene führt, die die kapitalistische Kommandomacht in Frage stellen.
In diesem Sinne ist jeder für den Widerstand gewonnene Tag, jeder ins
gegnerische Dispositiv getriebene Keil, jede geschlossene oder
aufrechterhaltene Allianz einen Sieg.
Stärken und Schwächen von Bündnissen
Die Bewegung der Reconvilier-ArbeiterInnen hat die Notwendigkeit
begriffen, die Isolation zu vermeiden und die Notwendigkeit Bündnisse zu
schliessen, seien sie noch so brüchig oder begrenzt. Dies ist auf drei
Seiten passiert:
Zuerst das Bündnis mit einem regionalen Bürgertum, das sehr wohl
begriffen hat, dass das von Hellweg getragenen Herrschaftsprojekt des
Finanzkapitals eine gewichtige Bedrohung bedeutet.
Zweitens haben die Reconvilier-ArbeiterInnen von der zweideutigen und
widersprüchlichen Situation der Kader profitiert. In diesem Segment hat
der Arbeiter-Innen-Widerstand für eine existentiell bedrohte
gesellschaftliche Gruppe eine Perspektive eröffnet. Die Tatsache, dass
die Kader, üblicherweise Handlanger der kapitalistischen
Arbeitsorganisation sich gegen das Hellweg-Strategieprojekt wenden und
somit mit ihrer traditionellen Rolle brechen, hat ein subversives
Potential, welches von der Direktion erkannt wurde. Die Antwort darauf
kam schnell in Form von Unterdrückung und Kündigungen. Sie will um jeden
Preis diese innovative gesellschaftliche Allianz zwischen
Produ-zent-Innen und Kader brechen.
Zuletzt haben die Reconvilier-ArbeiterInnen ein komplexes und
schwieriges Bündnis mit dem Gewerksschaftsapparat geschlossen.
Grundsätzlich ist die Sache klar. Die UNIA-Bürokratie steckt in einem
Dilemma. Auf der einer Seite, kann sie nicht seine
Verhan-dlungs-fähigkeit, seine Rolle als Mittlerin zwischen Kapital und
Proletariat eliminieren und kaputt machen lassen, auf der anderen Seite
steht sie Kämpfen, welche "einzig" zum Ziel haben, die Lohnabhängigen
gegenüber der kapitalistischen Präkarisierungsstrategie zu stärken,
feindlich gegenüber. Im besten Fall befürwortet die
Gewek-schafts-bürokratie den Ist-Zustand, weil sie die allgemeine
Ausweitung von gesellschaflichen Konflikten als Krisen- und
Gleichgewichts-störungs-Faktor und als Bedrohung für sie selbst
betrachtet. Die widerholten Niederlagen (gegenüber den UnternehmerInnen)
sind da das kleinste Übel.
Dieser zentrale Widerspruch erklärt auch, warum der UNIA-Apparat zuerst
den Streik unterstützt hat, und danach den Widerstand zu brechen
versuchte. Das Problem ist nicht einfach, dass der Streik UNIA zuviel
kostete, sondern der politischen Preis der direkten Aktion.

Mediation kontra direkte Aktion
In disem Zusammenhang muss man die laufende Mediation betrachten. Der
bürgerliche Staat kann nicht öffentlich seine Rolle als Verteidiger der
Allgemeininteres-sen und des gesellschaftlichen Zusammenhaltes aufgeben.
Deiss setzt einen Mediator ein, um den Widerstand zu brechen. Diese
Mediation ist entsprechend auch von Gerichts- und
Polizeiinterven-tions-drohungen, sowie von offener Repression begleitet.
Die Weiterführung des Streikes in Reconvilier, die Weiterentwicklung der
Bewegung bis zum Angriff gegen die Eigentumsgarantie (Besetzung,
Beschlagnahmung der Lagerbeständen, Blockierung der Verschiebung von
Material und Teilen) und noch radikaler, der Schritt zum "verwaltenden"
Streik hätten die Staatsrepression mit sich gezogen.
Die ArbeiterInnen von Reconvilier sind in einer schwierigen Lage. Sie
sind Geiseln einer sehr ungünstigen allgemeinen Situation. Sie zahlen
einen hohen Preis für das herrschende Gewerkschaftswesen mit seinem
Drang zu sozialem Ausgleich, seinem Arbeitsfrieden und seiner
Unterwerfung. Der Arbeitsfrieden-Syndikalismus nimmt die akute
Konkurrenz zwischen Ar-beit-neh-mer-Innen, Standorten, regionalen und
nationalen Arbeit-nehmerInnen in Kauf. Swissmetal Dornach ist ein
Beispiel für die Hegemonie dieser Position.
Die Boillat-ArbeiterInnen zahlen auch für die Schwäche der Bündnisse,
die sie eingehen mussten. Sicher sind diese Bündnisse unvermeidlich
gewesen, aber ihr Preis ist sehr hoch. Das regionale Bürgertum und die
lokale Politelite, sowie gewisse Kader, werden keine Radikalisierung der
Bewegung unterstützen.

Wagnis und Vernunft
Umgekehrt muss man sagen, dass der "Weg der Vernunft" über Mediation und
Boillat-Kauf keine Chance hat ohne Verstärkung des Widerstandes. Erst
wenn der zu zahlende politische Preis und die daraus entstehende
politische Polarisierung zu gross werden, wird das Bürgertum und die
politische Macht Hellweg zu einem Kom-promiss zwingen, was für die
Swissmetal-Direktion einen grös-seren oder kleineren Rückzieher bedeuten
würde.
Es gibt keinen anderen Weg als Widerstand zu leisten und Risiken
einzugehen. Damit die Arbeiterinnen von Reconvilier diesen Weg
einschlagen können, bedarf es der Stärkung der autonomen
Massen-Unterstützungsbewegung, um ihnen materiell und politisch zu
ermöglichen, die Herausforderung aufzunehmen und ihre
Selbst-bestimmungsspielraum auszuweiten.
Vielleicht ist nicht alles möglich, aber einzig der Kampf wird zeigen,
was für die Boillat und für uns alle möglich ist.

Aus Rebellion Nr. 35, Flugschrift der Organisation Socialiste Libertaire OSL
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