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(de) Babysitten, anstreichen, Hund ausführen (nl)

Date Sat, 17 Sep 2005 12:46:49 +0200


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Von: info@defabel.nl
Im Nieuw Isrealitisch weekblad Nr. 51 vom 9. September 2005 erschien im
Rahmen der zweiwöchentlichen Integrationskolumne untenstehender Artikel
von Fabel-Mitarbeiter Eric Krebbers.

Babysitten, anstreichen, Hund ausführen
von Eric Krebbers

Es scheint wie eine Ewigkeit, und doch ist es erst fünf Jahre her, daß
die meisten PolitikerInnen und MeinungsmacherInnen [in den Niederlanden,
Üs] Multikulturalismus für die normalste Sache der Welt gehalten haben.
Im Mittelpunkt stand der Respekt vor anderen Kulturen ? MigrantInnen und
andere Minderheiten sollen hier ihre gewohnten eigenen Lebensweisen
behalten. Das klingt gut, aber der Multikulturalismus hatte auch weniger
positive Seiten. MigrantInnen werden angesprochen auf Taten anderer mit
demselben kulturellen Hintergrund, und ihr individuelles Verhalten wird
stets mit iher Kultur in Verbindung gebracht. Und die holt sich der
Niederländer nicht so schnell auf seinen Hof.

MultikulturalistInnen lobten die TürkInnen, die unsere Klos
sauberhalten, die VietnamesInnen, die uns mit ihren Frühlingsrollen
verwöhnen und die AfrikanerInnen, die uns mit ihrer Musik unterhalten
und noch so naturverbunden sind. Ganze Gruppen von Menschen werden so
auf ihre vermeintlichen besonderen Eigenschaften festgenagelt und oft
auch gnadenlos ausgebeutet.

Die Obrigkeit unterstützte vor allem die konservativsten
MigrantInnenorganisationen. Die präsentierten die ursprüngliche Kultur
immer als das Beste. Die Eliten unter den MigrantInnen brachten so ihre
Schäfchen ins Trockene. Im Gegenzug setzten sie sich ein, um die
progressiveren Leute in ihren Gemeinschaften von ernsthaften Protesten
gegen die Benachteiligung, Ausbeutung und Unterdrückung abzuhalten, mit
denen sie auch in den Niederlanden konfrontiert sind. So nützte die
Obrigkeit die Position von ArbeiterInnen, Frauen und migrantischen
Minderheiten aus. MultikulturalistInnen wollten das Unrecht und die
Widersprüche unter den MigrantInnen selbst überhaupt nicht sehen.

Multikulturalismus unterscheidet letztendlich wenig vom Nationalismus.
Beide politischen Strömungen bilden sich ein, daß es kulturelle
Gemeinschaften ohne interne Widersprüche gebe, deren Mitglieder in
erster Linie untereinander solidarisch sein müssen. Da kann es auch
nicht verwundern, daß der Multikulturalismus in manchen extrem-rechten
Kreisen immer noch quicklebendig ist. "Jeder Gemeinschaft ihre eigene
Kultur und ein eigenes Land", heißt es dort. Zu was für Leid das führen
kann, haben wir in Jugoslawien gesehen.

Wir müssen darum die Zurückdrängung des Multikulturalismus aus der
Politik nicht bedauern. Aber wir sind vom Regen in die Traufe gekommen,
wenn er von einem konservativen Nationalismus mit Integrationszwang
verdrängt wird. Viele PolitikerInnen und MeinungsmacherInnen tun
gegenwärtig, als ob es eine einzige monolithische niederländische Kultur
gäbe, die obendrein auch noch eine der liberalsten und aufgeklärtesten
sein soll. MigrantInnen werden dagegen mehr und mehr als Halbbarbaren
dargestellt. Mißstände wie religiöser Fundamentalismus, Antisemitismus,
Frauenmißhandlung und Homophobie werden vollkommen zu unrecht anderen
Kulturen zugeschrieben, namentlich der arabischen. Auf diese Weise kann
man selbst große Teile der Linken und der Frauen- und Schwulenbewegung
für den Integrationszwang mobilisieren. Das Resultat ist, daß alle
MigrantInnen wohl baldmöglichst zu knallharten Einbürgerungskursen
verpflichtet werden sollen, bei Strafe des Verlusts von Sozialleistungen
und letztendlich möglicherweise selbst der Abschiebung.

Aus der Integrationsdebatte kommt andauernd ein kaum verhohlener
Rassismus zum Vorschein. PolitikerInnen und MeinungsmacherInnen machten
Stimmung, indem sie sich gegenseitig mit knallharten Vorstellungen
überboten, wie MigrantInnen anzupacken seien. Dieser Rassismus bewirkt,
daß MigrantInnen nicht mehr so schnell akzeptiert werden sollen. Sie
können es niemandem mehr recht machen. Ohne die heutige politische
Situation direkt vergleichen zu wollen, ist es doch wichtig, an das
Deutschland der 30er Jahre zu erinnern: Selbst ihre beinahe perfekte
Integration half den deutschen Jüdinnen und Juden nicht gegen den
wachsenden Antisemitismus von Staat und Bevölkerung.

Obwohl viel über Kultur gepredigt wird, geht es bei der
Integrationsdebatte letztendlich vor allem darum, wie MigrantInnen
nützlicher gemacht werden können für die niederländische Wirtschaft. Es
wird andauernd darauf hingearbeitet, unerwünschte ArmutsmigrantInnen
abzuwehren und erwünschte Know-How-MigrantInnen reinzuholen. Arbeitslose
MigrantInnen sollten keine Unterstützung mehr bekommen können und Jobs
unterhalb des heutigen Minimallohns annehmen müssen. Wenn's nach D66
[ehemals "fortschrittliche" Partei, Üs] geht, müssen sie dann mehr
"Dienstleistungen bringen, Babysitten, anstreichen, den Hund ausführen".
Auch werden ständig neue Pläne lanciert, um MigrantInnen zu zwingen, die
Städte zu verlassen, wo sie nicht mehr gebraucht werden.

Obwohl der Multikulturalismus den meisten MigrantInnen und Flüchtlingen
nicht viel zu bieten hat, ist es nicht schlau, gemeinsam mit den
BefürworterInnen des Integrationszwangs fanatisch dagegen anzukämpfen.
Im Gegenteil, der Rassismus des Integrationszwangs muß scharf kritisiert
werden, aber eben ohne den Multikulturalismus zu verteidigen. Wenn es um
Politik und Wirtschaft geht, ist es besser, dabei gar nicht in
kulturellen Begriffen zu denken. Keine Einteilung von Menschen in
kulturelle Gemeinschaften, kein Plädoyer für die Erhaltung der Kulturen
oder eine Art kosmopolitische Kultur. Es ist besser, die Frage der
Lebensweise alle Betroffenen selbst entscheiden zu lassen und dafür
nicht die Politik zu bemühen. Nötig ist der gemeinsame Kampf gegen
gesellschaftliches Unrecht wie Ausgrenzung, Benachteiligung, Ausbeutung
und Unterdrückung, ungeachtet der kulturellen Herkunft der Opfer und
TäterInnen.

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[Sorry für eventuelle Übersetzungsfehler, ich kann gar kein
Niederländisch und hab nur geraten. Üs]

Original:
(nl) Babysitten, strijken, de hond uitlaten
Date Wed, 14 Sep 2005 23:29:37 +0300
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