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(de) :gelesen: "Der bolschewistische Mythos", Alexander Berkman

From Ralf Landmesser <ralf@anarch.free.de>
Date Tue, 22 Mar 2005 22:28:10 +0100 (CET)


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A - I N F O S N E W S S E R V I C E
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http://ainfos.ca/index24.html
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Der bolschewistische Mythos -
Tagebuch aus der Russischen Revolution 1920-1922, Alexander Berkman
Deutsche Erstübersetzung von Michael Halfbrodt nach EA 1925 New York
Verlag Edition AV, Frankfurt a.M., 2. erw. Aufl. 2004; 253 Seiten, Paperback (DIN A5)
Preis: 17,00 EURO; ISBN 3-936049-31-9; www.edition-av.info
Zu Weihnachten 1920, nach zweijährigem Folter- und IsoKnast wegen
Widerstand gegen die US-Beteiligung am 1. Weltkrieg, wird Alexander
Berkman (der vorher schon 15 Jahre wegen seines Revolverattentats auf den
Industriemagnaten und Arbeitermörder Henry Clay Frick abgesessen hatte)
zusammen mit seiner Genossin und Freundin Emma Goldman und weiteren 244 US-
Linken auf einem maroden Kahn namens "Buford" überfallartig ins
winterliche revolutionäre Russland deportiert.
Unterwegs bricht das Eis zwischen den Soldaten der Wachmannschaft und den

RevolutionärInnen, als erstere sehen, daß sie mit dem morschen Schiff
selbst in Lebensgefahr gebracht wurden und auf die politischen Gefangenen

angewiesen sind. Berkman wird Sprecher der Gefangenen und tritt couragiert

für diese ein, die bis auf die drei Frauen unter ungesundesten Umständen
im leckenden Rumpf des Seelenverkäufers untergebracht sind. Ein Teil der
Wachmannschaft bietet den Gefangenen sogar an, zu meutern und mitsamt
Schiff zu den Bolschewiki überzulaufen. Als Berkman nach gefahrvoller
Reise im Januar 1921 von Finnland aus endlich russischen Boden betritt,
möchte er am liebsten auf die Knie fallen, um den Boden seiner Heimat und

der ersehnten Revolution zu küssen.

Von nun an erleben zwei der bekanntesten und erfahrensten US-
AnarchistInnen, beide von Geburt russisch, eine zweijährige Odyssee durch

ein ausgeblutetes, zerstörtes Land, das die Knute des Zaren zwar
zerbrochen hat, aber unter dem, wie sich herausstellt, noch weit
gnadenloseren zentralistischen Terror der BolschewistInnen und deren
Repressionswerkzeug Tscheka ("Außerordentliche Kommission zum Kampf gegen

Spekulation und Konterrevolution") stöhnt.
Diese Zustandsbeschreibung ist die einhellige Meinung aller. Die einen
finden es notwendig und die anderen, sind (vorerst ...) die Opfer.

Voll von revolutionärem Idealismus und beglückt wieder in seiner nun
vermeintlich befreiten Heimat zu sein, stürzt Alexander Berkman sich in
die Umbruchszeit, diskutiert und verhandelt mit Lenin, Sinowjew,
Tschitscherin und vielen anderen führenden Bolschewiki.
Selbst diese führenden Leute sind voller Illusionen über die Weltlage und

erwarten täglich den Aufstand der Massen in den Industrieländern zur
Entlastung des unter Blockade stehenden Russland - eine folgenschwere
Fehleinschätzung. Warnungen zureisender RevolutionärInnen aus aller Welt,

sich nur auf die eigenen Kräfte zu verlassen, werden in den Wind
geschlagen und als lächerlich abgetan.

Als berühmter Revolutionär wird Berkman mit Aufgaben, wie der Errichtung
einer ArbeiterInnen-Erholungsanlage, betraut und mit leitenden Funktionen

ausgestattet. Zug um Zug muß er aber einsehen, daß die "Diktatur des
Proletariats" eine Diktatur der frischgebackenen bolschewistischen
Nomenklatura über das Proletariat ist. Im bürokratischen Räderwerk
erstickt jede Initiative. Dieser bolschewistische Apparat, oft schon
korrupt bis auf die Knochen, tritt alles in den Dreck, für das die besten

Köpfe der Revolution gekämpft haben - Freiheit, Gerechtigkeit,
Menschlichkeit, Sozialismus. Es gibt keine ethischen Werte mehr, sondern
jedes auch noch so abartige Mittel heiligt den angeblich edlen Zweck.

Die Todesstrafe ist zwar offiziell abgeschafft aber dennoch regieren
allerorten willkürliche Liquidation und "Summarische Erschießung", selbst

für kleinste (vermeintliche) "Delikte". Sogar Kinder werden niedergeknallt

und als Geiseln gegen politische Abweichler, linke wie rechte, genommen.
Dabei sind die "Hüter der revolutionären Ordnung" meist die Korruptesten
und bereichern sich schamlos und brutal. Die ständigen Beschlagnahmungen
aller Orten "zu Gunsten des Proletariats" staffieren die gut gekleideten
Apparatschiks mit Nahrung, Bekleidung und Mobilar aus, während das arme
Volk bitteren Hunger leidet, bafuß geht und es ihm am Nötigsten gebricht.

Die Vergabe von Wohnungen ist von Gutdünken und Schmiergut abhängig und
der Entzug von Wohnungen wird -auch im russischen Winter!- als Waffe gegen

unliebsame Personen, vermeintliche Klassenfeinde (Intellektuelle,
"Burschui" = sog. Bourgois) und politische Gegner benutzt. Dies kommt oft

einem Todesurteil gleich.

Das Konzept der "Militarisierung der Arbeit", eine Erfindung des nur noch

in militärischen Kategorien denkenden Kriegskommissars Trotzki, lähmt die

Industrie und Wirtschaft und drückt die Arbeitenden auf die Stufe von
Sklaven herab, schlimmer als zur Zarenzeit. Denn Arbeitsverweigerung,
Abwesenheit oder gewerkschaftliche Betätigung, die nicht im Sinne der
Bolschewiki ist, werden mit Gefängnis, Lager (Berkman spricht von
Konzentrationslagern - im offenbar vornazistischen Sinn) oder Todesstrafe

wegen "Sabotage" geahndet. Dabei ist der vorrevolutionär erkämpfte Acht-
Stunden-Tag abgeschafft und der "pjok" (die Lebensmittelration) der
ArbeiterInnen ist eine der niedrigsten und wird oft genug gar nicht
ausgegeben. Dies häufig aus bürokratischen Gründen, während (z.T.
gespendete) Lebensmittel nicht selten verfaulend in vollen Lagern liegen
oder verschoben werden.

Hohle (Militär-)Zeremonien, Reden voll sinnentleerter, falscher Phrasen
und ein grassierender Personenkult bestimmen schon 1920 das öffentliche
Bild, insbesondere wenn Delegationen von ArbeiterInnen-Organisationen aus

dem Ausland zu Besuch kommen. Letztere werden, um Eindruck zu schinden,
mit unangebrachten Luxusbanketten traktiert und in Modellschulen, -heime
und -betriebe geführt, während sie peinlichst von der überall herrschenden

Armut und Fäulnis ferngehalten werden, die sie dennoch unvermeidlich
mitbekommen. Deutlich wird: alle fatalen Praktiken des noch kommenden
Stalinismus sind schon zu Lenins Lebzeiten prall angelegt oder gar üblich.

Schlimmer noch - Lenin selbst gab oft die Parolen und Befehle dazu aus.

Aber auch die AnarchistInnen in Russland sind sich uneins: einige sind mit

wehenden Fahnen ganz zu den Bolschewiki übergegangen und einige wenige
sind sogar in hohen verantwortlichen Positionen (oft mit großem Ansehen).

Andere tolerieren die KommunistInnen und nennen sich "Universalisten" mit

einem eigenen Club in Moskau. "Ideini-"/"Ideen-AnarchistInnen, also
solche, die ihre Ideen nicht versuchen umzusetzen oder auch nur zu
propagieren, sollen laut Lenin toleriert werden. Jedoch sind die Erlasse
das Papier nicht wert, auf denen sie geschrieben stehen.

Wieder andere kritisieren die neuen Machthaber, halten aber still und
einige kämpfen mit der Waffe in der Hand gegen die allgegenwärtige
kommunistische Parteikamarilla, wie der mehrfach von der Roten Armee
verratene Machnow mit seiner Bauernguerilla in der Ukraine (1917-1921).
Berkman verfehlt zwar den revolutionären Anführer der anarchistischen
Reiterarmee, kann aber klandestin dessen junge Frau "Gallina", eine
Lehrerin, treffen, die ebenso wie Machnow selbst mit an der Spitze der
kämpfenden Truppe reitet und großen Einfluß auf Machnow hat. Selbst die
KommunistInnen müssen zugeben, daß sie ohne die Machnowstschina von den
"weißgardistischen" Invasoren und Gegenrevolutionären überrannt worden
wären. Trotzki dankt es den Machnowzi schlecht: 1921 müssen die letzten
ins Ausland flüchten, darunter der schwerverletzte Machnow (siehe: Volin,

Die unbekannte Revolution).

Die zwei kurzen Besuche bei dem alten Revolutionär Peter Kropotkin werfen

zwar ein bezeichnendes Licht auf die Verhältnisse, sind aber in Emma s
Goldman"Niedergang der Russischen Revolution" (Karin Kramer Verlag)
plastischer und mit mehr Hintergrund wiedergegeben.
Der angesehene Wissenschaftler Kropotkin, ein Mensch mit großem Ansehen im

Volk, lebt, aus Moskau vertrieben und auf der Hut vor der Tscheka,
weitgehend isoliert in dem Dörfchen Dmitrow ca. 65 km von Moskau. Unter
dem Jubel der Menschen war er hochbetagt aus Frankreich ins revolutionäre

Russland heimgekehrt. Nun arbeitet er kränkelnd unter schlechtesten
Umständen an seinem Werk "Die Ethik", dem Hauptpunkt, der der
bolschewistischen Führung abgeht. Seine Einschätzung der Dinge heißt: "Die

Bolschewiki haben uns gezeigt, wie man eine Revolution NICHT machen darf!"

Kropotkins Tod 1921 wird die letzte große Kundgebung der AnarchistInnen in

Russland (einige werden nach zähen Verhandlungen nur für das Begräbnis aus

dem Gefängnis beurlaubt) und ihrer SympathisantInnen in der werdenden
UdSSR (12/1922) - eine unübersehbare Menschenmenge folgt dem Sarg ...
Die BolschwistInnen machen weiter mit Kropotkins gutem Namen Reklame und
sogar zeitweilig in Moskau ein Kropotkin-Museum auf (geleitet von Vera
Figner, der berühmten Revolutionärin - siehe Biografie "Nacht über
Russland"). Die meisten aktiven AnarchistInnen siechen derweil in den
Gefängnissen und Lagern dahin.

Der Gipfel des abgeschmackten Zynismus (oder der Instinktlosigkeit?) ist
das Ansinnen Lenins ausgerechnet an Berkman, sein unsäglich dummes und
abfälliges Pamphlet "Der Linksradikalismus, die Kinderkrankheit des
Kommunismus" ins Englische zu übersetzen. Das berühmt-berüchtigte Machwerk

ist gerade frisch für die Russland besuchende britische Delegation
geschrieben. Überbringer der Botschaft ist Radek. Berkman stimmt unter der

Bedingung zu, ein Vorwort schreiben zu dürfen, da das Manifest alles
entstelle und besudele für das der einstehe.
Majestätsbeleidigung! Tatsächlich empört und verbittert zieht Radek von
dannen, die Stimmung gegen Berkman schlägt um.
Von nun an setzen für Berkman Schikanen ein, die seine Lage in Moskau
prekär machen. Augustin Souchy, gerade als Delegierter der FAUD in Moskau,

sagt zu ihm: "Du bist zur persona non grata geworden." Der Besuch bei
Kropotkin, zusammen mit Bertrand Russel ("Ich komme mir vor wie ein
Gefangener ...") wird hintertrieben und sabotiert. (S. 106 ff)
"Moskau ist von der Bürokratie zerfressen, Petrograd eine sterbende Stadt.

Nicht hier ist die Revolution. Draußen im Land unter den gewöhnlichen
Menschen muss man das neue Russland suchen [...]", hofft Berkman.
Zusammen mit Emma Goldman tritt er die Flucht nach vorne an und ergreift
die Chance für ein "Museum der Revolution" Material zu sammeln. Sie reisen

ab Richtung Ukraine, in der noch grausame Kämpfe toben. Es ist Juli 1920.

Berkman (ver)urteilt in seinem Buch nicht direkt, sondern beschreibt was
er in Moskau und Petersburg und als Leiter der Bolschewistischen
Geschichtskommission für ein Revolutionsmuseum auf den ausgedehnten,
riskanten Materialsicherungsreisen durch das Land über Kiew bis Odessa und

nördlich nach Archangelsk zu Gesicht bekommt und erlebt.
Unter Lebensgefahr trifft er hervorragende Leute der sozialistischen
Opposition, v.a. linke SozialrevolutionärInnen und AnarchistInnen, um ihre

Sicht der Dinge zu erfahren. Aber auch einige aufrechte und mutige
KommunistInnen reden mit Berkman Klartext und geben ihrer Enttäuschung und

ihrer Empörung gegenüber der diktatorischen und unfähigen Regierung
Ausdruck. Andere kleine und höhere kommunistische FunktionärInnen geben
unwillkürlich mit ihrem Verhalten und ihren von Berkman referierten
Selbstäußerungen den Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse und
Motivationen frei. Zwar ist trotz der bolschewistischen Usurpation aller
Funktionen und Ämter noch eine relativ große Anzahl RevolutionärInnen
anderer Richtungen präsent (durch ArbeiterInnendruck oder einfach durch
Zufall), aber diese werden zunehmend zurückgedrängt. Die Hoffnung, daß
nach dem Kriegskommunismus alles besser wird, wird sich zerschlagen.

Über allem schwebt das Damokles-Schwert der allmächtigen Tscheka (später
umbenannt in GPU, noch später in KGB), damals schon ein Staat im Staat.
Hier, wie in allen Gliederungen der KP haben sich ehemalige zaristische
(Polizei)Beamte, Ochrana-AgentInnen und jede Art KarrieristInnen
eingenistet, die an der neuen Staatsmacht partizipieren wollen.
RevolutionärInnen liquidieren muß für diesen Schlag Mensch ein Mordsspaß
sein! JedeR die/der in den Genuß von Vorteilen kommen will, tritt in die
Kommunistische Partei ein. Die neue Klasse entsteht.
Stück um Stück eines Puzzles setzt sich bis zum hautnahen Erlebnis des von

Trotzki brutal niederkartäschten revolutionären Aufstands von Kronstadt
1921 (für die Wiedererrichtung der Räte und Gleichbehandlung) das Bild
eines schon in voller Ausprägung begriffenen totalitären Staates zusammen,

wie ihn die Welt bis dahin noch nicht gesehen hat.

Als 1921 schließlich die NEP (Neue Ökonomische Politik) von Lenin und dem

ZK eingeführt wird, ein NeoKapitalismus in gewissen Grenzen, weil es
schien, daß die wirtschaftliche Katastrophe nicht anders beendet werden
könnte (es gab mittlerweile 4-5 Millionen Verhungerte), bricht für viele
noch überzeugte RevolutionärInnen eine Welt zusammen. Wenigstens den
Kapitalismus glaubte mensch für alle Zeiten abgeschafft. Nun gab es wieder

elegante, in Luxusläden shoppende Damen und Herren gegenüber zerlumpten,
hungernden ProletInnen.
Lenin: "Bereichert Euch!" Zwar bleiben die Grundindustrien verstaatlicht,

aber ansonsten heiligt der Zweck wieder einmal die Mittel.

[Einige Zeit nach Lenins Tod 1924 machte Stalin diesen Schritt (ähnlich
wie es später in der Nachkriegs-DDR gemacht wurde) rigide wieder
rückgängig, produzierte durch seine "Entkulakisierung" weitere Millionen
Hungertote und setzte nach Trotzkis Muster einen militarisierten
StaatsMonopolKapitalismus mit zentral gelenkter Planwirtschaft ein.]

Nicht nur die völlig desaströse Politik der Bolschewiki wird in dem Buch
sozusagen selbsterklärend beleuchtet, sondern immer wieder auch die
furchtbare Situation der Juden und Jüdinnen unter den verschiedenen
Kriegsregimes. Die Einfälle der Weißgardisten und Polen sind alle, v.a. in

der Ukraine, mit schlimmsten Pogromen und Vergewaltigungsorgien verbunden.

Ganze Dörfer und kleine Städte werden ausgelöscht. Mit die bestialischste

Truppe soll die des General Denikin gewesen sein.

Aber auch Machnows Leuten werden hartnäckig Pogrome nachgesagt, vor allem

von der kommunistischen Presse. Berkman geht dem nach, spricht mit
Betroffenen und findet zwar Anhaltspunkte von Exzessen Einzelner, aber
sonst durchweg Zeugenaussagen verschiedenster politischer Richtung, daß
Machnow Hetzparolen gegen die jüdische Bevölkerung, Übergriffe und Pogrome

drakonisch bestraft: mit dem Tod.

Auch unter den Kommunisten fühlen sich jüdische Menschen relativ sicher
(wenn es auch im einzigartigen Buch Isaak Babels, "Die Reiterarmee" über
Budjonnys Polenfeldzug, Schilderungen von antisemitischen Übergriffen und

Pogromen seitens der Roten gibt - Babel, selbst Jude, ritt inkognito als
Journalist dort mit; unter Stalin wurde der Autor liquidert).

Schließlich, als es keine Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse mehr zu

geben scheint, beschließen Berkmann und seine GenossInnen, das Land zu
verlassen. Das kapitalistische Ausland wird für die dort verhassten
RevolutionärInnen zur zweifelhaften und verzweifelten letzten Zuflucht.
Im Dezember 1921 können Berkman und Goldman mit anderen AnarchistInnen,
darunter Machnows Biograf Volin, aufgrund eines Regierungsabkommens mit
Gewerkschaftdelegierten aus dem Ausland (RGI*), als einige der letzten
Oppositionellen aus der RSFS ausreisen. Das Schicksal der Zurückbleibenden

ist fast immer Lager, Gefängnis und Erschießung - letztendlich auch das
der meisten führenden Bolschewiki.

Berkman hat diese Aufzeichnungen aus zwei Jahren unter ständiger Gefahr
für Leib und Leben gemacht und deutet in der Einleitung an, daß ihn nur
seine Gefängniserfahrungen in den USA befähigt haben, die Schriftstücke zu

verstecken und durchzubringen. Dennoch wäre das Tagebuch beinahe verloren

gegangen und konnte erst nach einer Odyssee durch halb Europa am Ende auf

dem Dachboden einer verängstigten Frau in Deutschland sichergestellt
werden. Fast 80 Jahre nach seinem Erscheinen in New York liegt das Buch
nun endlich in der Sprache des Landes vor, in dem Berkman das Manuskript
wiederfand. Es ist ein einmaliges Dokument der Entlarvung
bolschewistischer Pressetäuschung und Geschichtsklitterung, das
gleichzeitig aufzeigt wie sehr die meisten führenden BolschewistInnen
unlöslich im autoritären und dogmatischen Denken ihrer Zeit befangen
waren. Die Schilderung Berkmans macht klar, daß es sich in aller Regel bei

den alten Bolschewiki um aufrechte revolutionäre Charaktere handelte, die

sich in die machiavellistische Idee der Staatseroberung verrannt hatten.
Diesem Götzen brachten sie alles zum Opfer: die Kernpunkte des Sozialismus

und, wissentlich oder unwissentlich, neben all den anderen Opfern ihrer
Irrtümer - sich selbst.

Das Buch ist flüssig übersetzt, sauber editiert und verfügt neben einem
kurzen Lebenslauf Alexander Berkmans über eine zur Einordnung hilfreiche
Zeittafel, ein Glossar von Begriffen und Übersetzungen, einen sehr
nützlichen, umfang- und aufschlußreichen Anmerkungsapparat und einen
kleinen Fototeil.
Bei genauerer Redigierung wären einige kleinere Fehler und Satzfehler zu
vermeiden gewesen. Aber dies läßt sich ja noch in einer hoffentlich
erfolgenden 3. Auflage verbessern. Dann könnte auch der mißverständliche
Untertitel des Buches auf "1921-1922" korrigiert werden, denn der Zeitraum

des Geschehens IN Russland erstreckt sich von Januar 1921 bis Dezember
1922 (Abfahrt der "Buford" aus den USA Ende Dezember 1920).

Das Werk kann ohne Einschränkung wärmstens empfohlen werden. Der Rezensent

wünscht ihm eine weitestmögliche Verbreitung angesichts der Tatsache, daß

die wirklichen Umstände der Russischen Revolution -als der vielleicht
wichtigsten und lehrreichsten Revolution des 20. Jahrhunderts- immer noch

weitgehend unbekannt bzw. bis zur Unkenntlichkeit verfälscht dargestellt
sind. Hierzu haben sowohl die bürgerliche wie auch die bolschewistische
Geschichtsschreibung mit ihren Verzerrungen und bewußten mehrfachen
Fälschungen massiv beigetragen.

Der spannend zu lesende, authentische Augenzeugenbericht des Alexander
Berkman aus zwei russischen Revolutionsjahren ist, auch wegen seiner hohen

literarischen Qualität, seinem Einfühlungsvermögen und seinem schlichten
Bemühen um Gerechtigkeit gegenüber allen geschilderten Menschen und
Umständen eine Möglichkeit, sich dieser uns nun so fernen Zeit und ihren
Personen und "Überpersonen" zu nähern und sie und ihr Handeln aus einem
menschlichen Blickwinkel verstehend zu erfassen. Nicht zuletzt um daraus
zu lernen.

RGL für LPA Berlin


[*Anm.: RGI ist "Rote Gewerkschafts Internationale", gegründet 1921 in
Moskau unter der Weltführung der Bolschewiki, analog zur KomIntern. Wegen

des absoluten Führungsanspruchs der KommunistInnen traten fast alle
syndikalistischen Gewerkschaften nicht ein und gründeten 1921/22 in
Berlin, als eigene libertäre Internationale, die IAA - Internationale
Arbeiter Assoziation" mit 3,5 Millionen Mitgliedern weltweit, die bis
heute -zahlenmäßig schwach- weiterexistiert.]

+++++

Zusätzlich empfehlenswerte Literatur zum Thema:

Alexander Berkman, Die Tat (Gefängnisbericht, unrast verlag, Münster)
Alexander Berkman, ABC des Anarchismus (Verlag Klaus Guhl, Berlin)
Alexander Berkman, Die Kronstadt Rebellion (z.B. www.anarchismus.at)
Alexander Berkman, Die russische Tragödie (Libertad Verlag, Berlin 1980)

[Alexander Berkman * 21.11.1870 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in
Wilna, aufgewachsen in St. Petersburg, wählte arm und schwerkrank
angesichts seines schmerzhaften Prostatakrebses 1936 in Südfrankreich den

Freitod, zwei Wochen vor Ausbruch der Spanischen Revolution.]

Emma Goldman, Der Niedergang der russischen Revolution (K.Kramer-Verlag)
Emma Goldman, Gelebtes Leben, 3 Bde. (Karin Kramer Verlag, Berlin)
Maurice Brinton, Die Bolschewiki und die Arbeiterkontrolle (vergr.)
Ida Mett, Die Kommune von Kronstadt (Karin Kramer Verlag, Berlin 1971)
Volin, Die unbekannte Revolution, 3 Bde. (vergr.)
Arschinow, Anarchisten im Freiheitskampf (über Machno-Bewegung; vergr.)
Isaak Steinberg, Gewalt und Terror in der Revolution, (K.Kramer-Verlag)
Victor Serge, Erinnerungen eines Revolutionärs (Assoziation, vergr.)
Victor Serge, Eroberte Stadt (St. Petersburg 1919) (evtl. K.Kramer-
Verlag)
Isaak Babel, Die Reiterarmee (Friedenauer Presse, Berlin 1994)


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