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(de) :gelesen: Leo Tolstoi - Libertäre Volksbildung, U. Klemm

From Ralf Landmesser <ralf@anarch.free.de>
Date Thu, 17 Mar 2005 15:06:00 +0100 (CET)


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A - I N F O S N E W S S E R V I C E
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http://ainfos.ca/index24.html
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Leo Tolstoi: Libertäre Volksbildung
Herausgegeben und kommentiert von Ulrich Klemm
Verlag Edition AV, Frankfurt a.M. 2004
ISBN: 3-936049-35-1, 165 S.
14 Euro
www.edition-av.info
Der russische Graf Leo Tolstoi, der vor allem durch sein literarisches
Werk ("Anna Karenina", "Krieg und Frieden" u.a.m.) bekannt wurde, war auf
dem Gebiet der libertären Pädagogik sowohl Theoretiker als auch Praktiker.
Bereits im Alter von 21 Jahren gründete er auf seinem Landsitz, Jassnaja
Poljana, eine Bauernschule. Zehn Jahre später, mit einem neuen Konzept -
inspiriert durch eine längere Europareise und die Erziehungsideen des
französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau ("Emile oder über die
Erziehung") - gründete Tolstoi erneut eine Schule auf seinem Landsitz, die
einen großen Einfluß auf die Entwicklung der Alternativ- und
Reformschulpädagogik besaß und zum Teil immer noch besitzt. Das
Schulsystem, welches er in Europa kennengelernt hatte, verwarf er. "Außer
der abstumpfenden Wirkung der Schule, für die der Deutsche das schöne Wort
"verdummen" hat, und die in einer dauernden Verkrüppelung der geistigen
Fähigkeiten besteht, gibt es noch eine andere viel schädlichere Wirkung,
die darin besteht, daß das Kind im Laufe von mehreren Stunden, durch das
Schulleben stumpf gemacht, täglich während dieser Zeit, die für das
Lebensalter so kostbar ist, aus jenen Lebensbedingungen herausgerissen
wird, die die Natur selbst für seine Entwicklung vorbestimmt hat." (22f.)
Viele Kritikpunkte am Schulsystem seiner Zeit haben leider noch nicht viel
von ihrer Aktualität verloren.

Der christliche Anarchist Tolstoi setzte hingegen auf eine freiheitlich-
individualistische Form der Pädagogik und praktizierte eine Form von
Schuldemokratie (u.a. in Form von Mitbestimmung beim Unterrichtsstoff,
schülerInneninterner Konfliktregelung) - lange bevor A. S. Neill s Projekt
"Summerhill" dafür berühmt wurde. Selbstverantwortung der SchülerInnen als
auch die größtmögliche Aufhebung von Zwang (im Sinne von Strafen, Noten,
Angst vor der Autorität des Lehrpersonals etc.) waren zwei Grundpfeiler
seines Pädagogikkonzeptes. Der Schüler/die Schülerin stand als Individuum
im Mittelpunkt seiner Überlegungen - der Lehrkörper wurde hingegen nur zum
Mitarbeiter "degradiert" der den/die SchülerIn beim Lernen unterstützt.
Tolstoi plädierte für ein angstfreies Lernen und ein auf die Bedürfnisse
des/der jeweiligen Schülers/in zugeschnittenes Lerntempo - auch in der
Gestaltung der Unterrichtsdauer und des zu unterrichtenden Stoffes,
ungeahnt moderne Ansätze, die sich auch heute noch in reformpädagogischen
Konzepten wiederfinden - z.B. in den beiden britischen Reformschulen
Summerhill und Sudbury School. Seine Erfahrungen fanden Niederschlag in
einer Pädagogikzeitschrift, die er ab 1862 publizierte und durch von ihm
verfaßte Lehrbücher (z. B. "Das neue Alphabet"). Sie prägten, wie Klemm
darstellt, eine ganze Weile die reformpädagogischen Debatten in Rußland.
Ein Teil der in dieser Zeitschrift veröffentlichten Beiträge findet sich
in dem vorliegenden Band wieder.

Ulrich Klemm, Diplompädagoge und Experte auf dem Gebiet der
anarchistischen Pädagogikansätze, hat mit der Herausgabe von Tolstois
Texten sehr gute Arbeit geleistet. Nachdem er bereits mehrere Beiträge in
Sammelbänden und anarchistischen Zeitschriften wie "Schwarzer Faden" und
"Espero" über Tolstoi und sein Pädagogikkonzept veröffentlicht hat, hat er
in diesem Band grundlegende Texte von Tolstoi zusammengestellt und in
kompakter Form dessen Pädagogikkonzept und seine Rezeption zusammengefaßt.
Sechs Dokumente und Schriften aus den Jahren 1862 bis 1909 hat Klemm hier
zusammengestellt und sorgfältig editiert. Sie beweisen die große
Bandbreite des Erziehungsideals von Tolstoi.

Abgerundet wird diese Zusammenstellung durch einen eigenen Beitrag von
Klemm über das Erziehungskonzept Tolstois und dessen Rezeption in der
Pädagogik, in der er auch Bezüge zur heutigen bildungspolitischen Debatte
in Deutschland aufzeigt.
Einen Schwerpunkt legt er auf den Einfluß auf die nordamerikanische Freie
Schulenbewegung - namentlich bekannt hierfür ist die New Yorker "First
Street School".
Desweiteren gibt es eine umfangreiche Bibliographie zu Tolstois
Erziehungskonzept - u.a. mit einer Übersicht über bisher unveröffentlichte
Arbeiten - in thematischer Anordnung.

Dieses Buch ist damit ein Standardwerk für alle, die sich mit der
Pädagogik von Tolstoi auseinandersetzen wollen. Auch Menschen, die sich
allgemein für freiheitliche Ansätze der Pädagogik interessieren, ist es
wärmstens zu empfehlen.


Weitere Bücher über anarchistische Pädagogik vom Verlag Edition AV:

Francisco Ferrer: Die Moderne Schule
ISBN 3-936049-21-1, 260 S., 17,50 Euro.

Ulrich Klemm: Anarchisten als Pädagogen, ISBN
3-036049-05-X, 110 S., 9 Euro.

Maurice Schuhmann für LPA


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