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(de) Ex-UdSSR: Antifaschismus ist jetzt trendy! (aus Awtonom Nr. 25) (en)

Date Tue, 12 Jul 2005 07:42:14 +0200


Der nachfolgende Artikel über Antifaschismus erscheint in der Nr. 25 der
anarchistischen Ex-UdSSR-Zeitschrift Awtonom. Es ist ein Beitrag zur
gegenwärtigen russischen Diskussion über die Methoden des
Antifaschismus, gibt aber nicht unbedingt die Meinungen des ganzen
Redaktionskollektivs wider.

Antifaschismus ist jetzt trendy!
Faschopack verprügeln ist bei der Jugend verschiedener Nationalitäten in
den russischen Städten zu einem recht beliebten Zeitvertreib geworden.
Weil die KremlstrategInnen auch brav ihr Awtonom lesen, sind sie zu der
Schlußfolgerung gekommen, daß Antifaschismus auch für sie eine Art
Perspektive darstellt. Darum wurde die frühere Jugendorganisation des
Präsidenten "Iduschtschije Wmestje" ("Gemeinsam Schreitende") durch die
Sturmtruppen-Organisation "Naschi" ("Die Unseren") ersetzt, die
Faschismus definiert, wie er eben traditionell in Rußland definiert wird
? jeder "Verräter", d. h. jeder, der nicht den Interessen der aktuell
politisch Mächtigen entspricht, ist ein Faschist. Im Moment betrifft das
vor allem Liberale und Bolschewiki.

Als Duma-Abgeordnete sich kürzlich weigerten, das Grenzabkommen mit
Estland zu ratifizieren, erklärten sie, der Molotow-Ribbentrop-Vertrag
von 1939 über die Aufteilung Europas zwischen Nazideutschland und der
bolschewistischen Sowjetunion sei seinerzeit berechtigt gewesen.
Liberale Rhetorik über Marktwirtschaft und Menschenrechte, die Anfang
der 90er noch im Interesse der Obrigkeit war, ist also jetzt genauso
Verrat wie damals, als die taktischen Verbündeten "uns" damals am 22.
Juni 1941 so feige in den Rücken gefallen sind.

Die liberale Öffentlichkeit hat wegen der Gründung der Naschi ein großes
Getöse veranstaltet, aber diese hysterischen Liberalen verstehen einfach
nicht, daß die Naschi genau so lange existieren werden, wie die
Geschäftswelt gezwungen wird, sie zu finanzieren. In ein oder zwei
Jahren werden sie wieder durch irgendeinen neuen Bockmist ersetzt, um
davon abzulenken, was in diesem Land wirklich abgeht.

Aber, zugegeben, bis dahin haben die Naschi eine gewisse Kapazität, um
eine Atmosphäre von Angst und Gewalt in der Gesellschaft zu schaffen,
was sie bereits durch eine Reihe von Angriffen auf oppositionelle
Jugendorganisationen gezeigt haben. VertreterInnen der Naschi erklären,
ihre Organisation werde das Problem des Faschismus "nicht mit den
Mitteln der Konfrontation, sondern mit den Mitteln der Umerziehung..."
lösen. Sie planen, "Kindern eine gute Zeit mit Sport zu geben", so daß
sie "keine Zeit mehr für Pogrome haben werden". Tatsächlich ist die
nationale Bewegung jetzt dermaßen in der Krise, daß sie seit drei Jahren
in Moskau kein einziges größeres Pogrom mehr auf die Reihe gekriegt hat.
Nur noch mit Hilfe von Teilen der politischen Elite können sie so etwas
organisieren, wie sich bei den bezahlten Pogromen nach dem Fußballspiel
Rußland-Japan im Juni 2002 (bekannte Hooligan-Gruppen wurden vor dem
Pogrom bezahlt, das organisiert wurde, um die Anti-Terror-Gesetze
leichter durch die Duma zu kriegen) und auf dem Zarisyno-Markt im
Oktober 2002 (wo ein Pogrom von Schirinowskis liberaldemokratischer
Partei organisiert wurde, um bestimmte Geschäftsinteressen
durchzusetzen) gezeigt hat. Jetzt gerade haben diese politischen
Prostituierten aus den nationalistischen Kreisen dringenden Bedarf an
Finanzmitteln und Trainingslagern, und Naschi könnten sie ihnen bieten.

Und es ist nicht nur die staatliche Obrigkeit, die der Antifaschismus
dieser Tage anzieht. Vor einigen Jahren bekam eineR der GründerInnen der
antifaschistischen und anarchistischen "Skinhead revolution"-Website
(http://rash-russia.antifa.net/) einen Anruf vom staatlichen
Energiemonopolisten RAO EES: "Hallo, wir schlagen Ihnen vor, eine
Jugendsektion der SPS zu werden." Das ist die "Union der Rechten
Kräfte", eine ultra-neoliberale Partei, deren inoffizieller Führer
Anatoly Tschubais ist, einer der Architekten der [wirtschaftlichen, Üs]
Schocktherapie in den 90ern, der damals Vorsitzender der RAO EES und
wahrscheinlich der meistgehaßte Mann in Rußland war. "Wir könnten Ihnen
sehr viel Geld anbieten." Der Vorschlag wurde abgelehnt, aus Gründen,
die dieser hochrangige Funktionär nicht ganz erfassen konnte: "Sie
verstehen nicht, wir könnten Ihnen SEHR viel Geld anbieten..."

Solche Kooperationsaufrufe kommen auch oft von OpportunistInnen von
deutlich geringerem Rang, wie z. B. Menschenrechts-NGOs, TrotzkistInnen,
Jugendorganisationen verschiedener politischer Parteien... Gewöhnlich
ist das ein Zeichen, daß sie gerade irgendeinen Geldtopf für
"antifaschistische Aktivitäten" anzapfen könnten und bloß noch jemand
brauchen, der/die die Arbeit dann wirklich ausführt. Aber gewöhnlich
verschwindet dieses antifaschistische Engagement genauso plötzlich wie
es aufgekommen ist, besonders wenn da mal eben 50 Jungs von der
Gegenseite mit Eisenstangen vorbeischauen.

Aber Faschismus ist nicht der Gegenpol der parlamentarischen Demokratie,
für die sich die Liberalen ins Zeug legen ? es sind zwei Seiten
derselben Medaille. Totalitarismus und parlamentarische Demokratie sind
nur zwei verschiedene Methoden, den Staat im Kapitalismus zu verwalten.
Aus Sicht des Kapitals haben beide ihre guten und schlechten Seiten. Die
parlamentarische Demokratie ist tatsächlich besser geeignet, Konflikte
zwischen gesellschaftlichen Interessengruppen zu regeln. Aber
normalerweise sind alle erst zufrieden, wenn sie ihr Stück vom Kuchen
kriegen, was steigende Löhne und Staatsausgaben bedeutet, wofür weiteres
Wirtschaftswachstum nötig ist, das wiederum eine intensivere Ausbeutung
von ArbeiterInnen, natürlichen Ressourcen, Tieren und
"unterentwickelten" Ländern erfordert. Aber ab und zu stößt diese
Intensivierung an ihre Grenzen, und eine Wirtschaftskrise beginnt.

Und im Fall einer Wirtschaftskrise ist es manchmal effektiver, zum
Faschismus überzugehen, weil er dem Staat eine breitere Palette von
Möglichkeiten bietet, um Proteste zu unterdrücken. Aber da der
Faschismus ständig Bedarf nach inneren und äußeren FeindInnen hat, führt
er auf die Dauer zu endlosem Krieg und ist ein sehr instabiles System.
Darum zieht heutzutage die Mehrzahl der wirtschaftlichen und politischen
Eliten der Welt die parlamentarische Demokratie vor, mit einigen
faschistischen Elementen wie "Anti-Terror"-Gesetzen, der Speicherung
biometrischer Daten der BürgerInnen, allgegenwärtiger Videoüberwachung
oder der vollständigen Konzentration der Fernsehsender in der Hand des
Staates oder großer Konzerne, die loyal zu diesem sind. Aber zweifellos
sind diese Eliten immer bereit, wenn nötig, von der parlamentarischen
Demokratie zum Faschismus überzugehen ? und in der heutigen
High-Tech-Gesellschaft wird das leichter sein als je zuvor.

Der Faschismus wird folglich immer ein Element des Kapitalismus sein,
besonders in wirtschaftlichen Krisenzeiten, und die Zerstörung des
Faschismus ist unmöglich ohne die Zerstörung des Kapitalismus. Es waren
gerade die Liberalen, die angesichts der "kommunistischen Gefahr" 1922
Mussolini und 1933 Hitler an die Macht brachten, ohne ein einziges
Gesetz zu brechen. In Italien waren die Liberalen sogar eine Weile mit
Mussolini in einer gemeinsamen Regierung.

Am 3. Mai 1937 in Barcelona schafften es die RepublikanerInnen nicht,
die ArbeiterInnen niederzuschlagen ? während es die Polizei schaffte,
das Stadtzentrum zu übernehmen, hielten die AnarchosyndikalistInnen der
CNT und die internationalistischen MarxistInnen der POUM weiterhin die
ArbeiterInnenviertel der Stadt. Aber was die republikanische Regierung
nicht mit kriegerischen Mitteln gewinnen konnte, gewann sie mit
politischen Mitteln ? unter der Parole von der "antifaschistischen
Einheit" legten die AnarchosyndikalistInnen ihre Waffen nieder, ihre
FührerInnen schafften anarchistische Prinzipien ab und traten in die
Regierung ein.

Und nur wenige Wochen nach der de-facto-Kapitulation der AnarchistInnen
vor der bürgerlichen Demokratie begann eine Jagd auf alle FeindInnen des
Stalinismus. Sicherheitsdienste nach dem Vorbild des sowjetischen NKWD
wurden gebildet, Freiwilligenmilizen wurden in die reguläre Armee
eingegliedert, der Stalinist Lister zog los, um die Kommunen in Aragon
zu zerschlagen... Die sowjetischen Waffen der Republik waren nicht
schlechter als die deutschen Waffen der Falangisten, es ist unmöglich,
die Niederlage der Republik nur in militärischen Kategorien zu erklären.
1939 war der Prozeß der Gründung eines totalitären Staates dank der
bolschewistischen Bemühungen beendet, und die ArbeiterInnen sahen
einfach keinen Sinn mehr darin, für ein Regime Krieg zu führen, das sich
von seinem Feind nicht mehr wirklich unterschied. Der Grund für die
Niederlage der bolschewistischen Form des "Antifaschismus" in
Deutschland und Spanien in den 30ern ist einfach ? es ist zu schwer, den
Unterschied zwischen ihm und dem Faschismus selbst zu sehen.

Deswegen gibt es etliche verscheidene Arten von Antifaschismus. Das
einzige, was Antifaschismus nie sein kann, ist "unpolitisch", weil es
unmöglich ist, gegen etwas zu sein, ohne für etwas anderes zu sein. Und
wer keine echten Alternativen zum Faschismus vorschlägt, fördert
letztlich nur die bestehende Ordnung, für die der Wechsel von
parlamentarischer Demokratie zum Faschismus und zurück immer nur eine
augenblickliche, pragmatische Entscheidung ist.

Unser Antifaschismus ist jeder abgerissene faschistische Aufkleber,
jedes übermalte Haken- und Keltenkreuz, jede eingeschlagene Nazifresse.
Er ist das Gegenstück zu jeglicher Hierarchie, das Gegenstück zu allem,
was Faschismus und Kapitalismus repräsentiert, das Gegenstück zu jedem
Befehl. Er ist Liebe, im Kampf gegen den Haß. Er ist nicht die
Avantgarde der härtesten Kämpfer, weil Tapferkeit nicht gleich
Bewußtsein ist. Er hält sich nicht an Regeln, denn die MörderInnen
sechsjähriger Kinder halten sich auch nicht dran. Es gibt keine
Befehlszentrale, sondern nur Solidarität. Unser Antifaschismus braucht
kein Geld von den Liberalen, keine Hilfe von den Bolschewiki oder der
Mafia ? wir wollen nichts von ihnen, weil wir nicht für die Macht leben,
sondern für die Freiheit.

Putin187

(en) xUSSR: Anti-fascism is trendy now (from Avtonom #25)
Date Mon, 04 Jul 2005 21:12:39 +0300
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