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(de) Russland: Proteste gegen neoliberale Reformen und Repression gegen Antiautoritaere (en)

From Worker <a-infos-de@ainfos.ca>
Date Sun, 30 Jan 2005 14:45:56 +0100 (CET)


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Liebe FreundInnen! – In den letzten neun Tagen wurde Rußland von
Protesten erschüttert, wie es sie seit den "Bahnkriegen" 1998 nicht mehr
gegeben hatte, als verbitterte Bergleute im ganzen Land Bahnverbindungen
blockierten. Wenig überraschend, daß in einigen Städten AnarchistInnen
und ihre FreundInnen, die diese Proteste organisiert oder daran
teilgenommen haben, mit wilder Repression überzogen werden. Wir brauchen
jetzt Eure Hilfe! In diesem Artikel findet Ihr Informationen über die
Repression in Samara und Perm und darüber, wie Ihr im Fall von Perm
helfen könnt. Ich habe außerdem ausführliche Hintergrundinformationen
beigefügt, damit Ihr versteht, worum es bei diesen Protesten geht. Um
aktuell informiert zu bleiben, lest http://russia.indymedia.org und
http://www.avtonom.org.

Inhalt dieses Artikels:

1) Einleitung

2) Proteste gegen soziale Erniedrigung – endlich! (Übersetzt von
russia.indymedia.org)

3) Protest in St. Petersburg am 15. Januar

4) Repression in Samara

5) Verlauf der Proteste in Perm, Repression und Solidaritätsaufruf

1) Einleitung

Kostenlose Sozialleistungen sind einer der wenigen verbliebenen
Ecksteine dessen, was einmal der sowjetische Sozialstaat war. Die
wichtigsten davon sind kostenloser öffentlicher Nahverkehr und
kostenlose Medikamente für viele verschiedene Personengruppen – gratis
fahren dürfen zum Beispiel in vielen Städten so unterschiedliche Gruppen
wie VeteranInnen des 2. Weltkriegs, Afghanistan-VeteranInnen,
Repressionsopfer, Tschernobylopfer, Waisen, Kinder aus Familien mit drei
oder mehr Kindern, Behinderte, HeldInnen der Sowjetunion, RentnerInnen,
PolizeibeamtInnen, Geheimdienstangehörige, HeldInnen der sozialistischen
Arbeit und andere... In Moskau machen die zu Freifahrten Berechtigten
über ein Drittel des U-Bahn-Verkehrs aus. Außer Medikamenten und
Transport gibt es auch Wohltaten wie kostenloses Telefon und Freifahrten
zum Sanatorium für einige der erwähnten Gruppen. Oft natürlich bestehen
diese Angebote "aus Geldmangel" nur theoretisch.

Neoliberale TheoretikerInnen befürworten den Ersatz der kostenlosen
Sozialleistungen durch entsprechende Geldbeträge, und das stand
zweifellos auf der Agenda der russischen liberalen ReformerInnen und
ihrer BeraterInnen von IWF und Weltbank seit dem ersten Tag nach dem
Fall des Eisernen Vorhangs. Was die liberalen ReformerInnen nicht
berücksichtigen, sind

- die Inflation (natürlich sind liberale ReformerInnen prinzipiell gegen
Inflationsausgleich)

- daß im Gegensatz zu kostenlosen Gütern der entsprechende Geldbetrag
immer in der Tasche irgendeines/r Beamten/in landen kann

- der ruinierte Verwaltungsapparat Rußlands, wegen dem viele Regionen
noch gar keinen Mechanismus und auch kein Geld haben, um die
widerrufenen Sozialleistungen auszugleichen

- der Bankrott der Hälfte der Regionen der Föderation

- und daß Geld im Haushalt immer von jemandem ausgegeben werden kann,
für den/die die Wohltat nicht gedacht war

Es war tatsächlich der kurzlebige Erfolg der parlamentarischen
"KommunistInnen" in Rußland und von Protesten wie den "Bahnkriegen" und
Fabrikbesetzungen in den späten 90ern, die liberalen ReformerInnen eine
Weile zurückgehalten zu haben. Aber als der Kreml es geschafft hatte,
die KommunistInnen zu spalten und die rechtsliberale Opposition bei den
Duma-Wahlen im Dezember 2003 ganz aus der Duma zu drängen, war es Zeit,
die Reformen wieder auf die Tagesordnung zu setzen – mit Volldampf. Im
Siegestaumel hat die KGB-Clique, die alle Macht in Rußland an sich
gerissen hat, eine ungeahnte Reformagenda vorbereitet. Neben der
Umwandlung der Sozialleistungen stehen darauf auch die
Teilprivatisierung der Grundschulen und die Abschaffung der Gesetze über
die Freiheit von Zwangsverpflichtung und Wehrpflicht.

Die Gesetze über die "Monetarisierung", also die Umwandlung der
Sozialleistungen in Geldbeträge, wurden in den Sommermonaten in wenigen
Wochen durchgepeitscht, zu einer Zeit, als die meisten der Leute, die
die Reform am heftigsten trifft, außerhalb der Stadt sind – Millionen
Menschen in Rußland sind für ihren Lebensunterhalt teilweise oder
vollständig von landwirtschaftlicher Selbstversorgung abhängig. Eine
nicht vorhersehbare Koalition (die VeteranInnenorganisationen, die
liberale Rechte, kleine unabhängige Gewerkschaften,
Menschenrechtsorganisationen, die die Interessen der Opfer der
Repression vertreten, und "kommunistische" Parteien) organisierte Demos
gegen die Reform, aber diese brachten nur geringe Mengen auf die Straßen
und wurden von der Öffentlichkeit meist vollständig ignoriert. Wegen der
Ausmerzung des unabhängigen Fernsehens in Rußland in den letzten paar
Jahren hatte die Öffentlichkeit auch keine Ahnung, was die
"Monetarisierung" in der Praxis zu bedeuten hatte. Keine Person, die die
laschen Proteste im letzten Juli beobachtet hatte, konnte den Sturm
voraussehen, der im Januar losbrach, als die Anwendung der Gesetze
begann!

Über was für Geldbeträge sprechen wir? Ein Dollar ist zur Zeit 28 Rubel
wert, für einen Euro zahlt man 36 Rubel. In der Region Leningrad [sie
heißt wirklich noch so, nur die Stadt heißt mittlerweile St. Petersburg
– Üs] bekommen die, die früher kostenlose Sozialleistungen genossen,
einen lächerlichen Ausgleich von 230 Rubel im Monat. Davon sollen sie
das einst freie Telefon bezahlen (für eine unbegrenzte Anzahl Telefonate
sind 80 Rubel gedacht). Schon die einfache Fahrt im Nahverkehrszug von
Gatschina nach St. Petersburg kostet 42 Rubel, der Bus ist sogar noch
teurer. In Woronesch hat die Stadtregierung beschlossen, die
aufgehobenen Sozialleistungen mit der Zahlung von 100 Rubel
auszugleichen. Die billigsten Fahrkarten in der Stadt kosten 4,50 Rubel.
Aber wenn ein Rentner ein Grundstück zur landwirtschaftlichen
Selbstversorgung außerhalb der Stadt hat, um nicht zu verhungern, kann
er mit diesem Geld noch genau zweimal im Monat dort hinfahren.


11. Januar – in Dsershinsk, Region Nishny Nowgorod, demonstrieren 400
VeteranInnen und Behinderte illegal gegen die Abschaffung der
Gratis-Sozialleistungen

12. Januar – 1000 RentnerInnen und Behinderte demonstrieren in Pensa und
fordern die Auszahlung der Ausgleichszahlungen.

13. Januar – 2000 RentnerInnen demonstrieren in Stariy Oskol und fordern
die Wiedereinführung der Sozialleistungen

13. Januar – 300 demonstrieren in Krasnogorsk (Moskauer Vorstadt)

14. Januar – 400 in Kaluga

14. Januar – 400 in St. Petersburg

14. Januar – 1500 in Pensa

14. Januar – 200 in Tscherepowets

14. Januar – 200 in Rybinsk

15. Januar – 1000 in Chimki (Moskauer Vorstadt)

15. Januar – 300 in Kasan

15. Januar – mindestens 8000 in St. Petersburg

18. Januar – 1000 in Perm

18. Januar – 5000 in Tomsk

Das ist nur ein Bruchteil der kollektiven, mehr oder weniger spontanen
Proteste. Und individuelle Proteste, wie die Nichtbezahlung und Angriffe
auf SchaffnerInnen, sind noch weiter verbreitet. In einigen Städten
setzt die Verwaltung nur noch Schaffner ein, weil sie denken, daß
Schaffnerinnen gegenüber Angriffen von RentnerInnen und Behinderten zu
verletzlich sind. In Kaliningrad führte die Stadtregierung überstürzt
den freien Verkehr für die Polizei wieder ein, nachdem eine Horde Bullen
einen Schaffner mißhandelt hatte.

Die AnarchistInnen wurden – genau wie alle anderen politischen Gruppen –
sowohl vom Ausmaß als auch von der Militanz dieser Proteste vollkommen
überrascht. In Moskau hat diese Überraschung auch mit den Besonderheiten
der Stadt zu tun – schon in den 90ern wies der starke Mann Moskaus den
IWF-BeraterInnen die Tür, und seither war seine Politik immer, den
sowjetischen Sozialstaat aufrechtzuerhalten. Das ist möglich, weil
Moskau 25mal reicher ist als die ärmsten russischen Regionen. Das
"Moskau-Privileg" ist auch eine entscheidende Methode zur Spaltung der
arbeitenden Klasse und zur Aufrechterhaltung der Stabilität im Zentrum
des Imperiums. Es war von Anfang an klar, daß in Moskau keine
kostenlosen Sozialleistungen abgeschafft werden. Und dieselbe Strategie
wurde auch von den Behörden der Region Moskau gewählt – allerdings nicht
in Bezug auf Reisen zwischen den Städten!

Deshalb ist seit dem 1. Januar Moskau für RentnerInnen und alle anderen
aus den Vorstädten, die früher kostenlos reisen durften, gesperrt.
Schnell wurden diese Städte zum Brennpunkt radikaler Proteste – in
Chimki im Nordosten löste eine Mahnwache von 50 RentnerInnen den Versuch
von 200 Personen aus, die Autobahn Moskau-St. Petersburg zu blockieren,
als sich ihnen spontan PassantInnen anschlossen. Die Behörden von Moskau
und der Region machten einen hastigen Kompromiß, indem sie den freien
Verkehr für PendlerInnen zwischen den Städten ab 15. Januar
vorübergehend wieder einführten, aber Proteste sind weiterhin in über 20
Städten der Moskauer Region geplant.

Auch in zahlreichen anderen Städten gab es schnelle Zugeständnisse von
Seiten der Behörden:

- In Samara wurde den RentnerInnen freier Transport bis Ende Januar
zugesagt

- Mintimer Schaimer, der Präsident von Tatarstan, versprach eine
Erhöhung der Ausgleichszahlungen

- Der Gouverneur von Kusbass versprach RentnerInnen kostenlose Fahrten

- Im Bezirk Wladimir wurde der Preis für Rentnertickets im Nahverkehr
auf 20 Rubel gesenkt

- In Pensa wurden die Freifahrrechte wieder in Kraft gesetzt

- In Tjumen wurden den RentnerInnen alle Sozialleistungen wiedergegeben

- Ebenso in Jekaterinburg

- Dasselbe in der Region Primorsk im fernen Osten für alle, die Anspruch
auf kostenlose Beförderung hatten

- Almetewsk: dto.

- Tscheljabinsk: dto.

- In Tschukotka im fernen Osten wurden alle Sozialleistungen wieder
eingeführt, was kommunale Zahlungen und auch Medikamente betrifft

- In Baschkirien wurden die Entschädigungen um 100% erhöht

- In Sankt Petersburg beschloß die U-Bahn plötzlich, alle RentnerInnen
kostenlos durchzulassen, ohne daß eine Entscheidung veröffentlicht
worden wäre.

Schließlich muß noch gesagt werden, daß einige der Ärmsten von den
Reformen auch profitieren. Meist ist das der Fall in entlegenen
Gegenden, wo die Alten nie etwas von kostenlosem Verkehr oder
Medikamenten hatten. Dort sind die paar hundert Rubel extra willkommen.
Darum kann die anarchistische Forderung als Teil dieser Proteste nicht
einfach sein, zur alten Situation zurückzukehren.


2) Proteste gegen soziale Erniedrigung – endlich! (Übersetzt von
russia.indymedia.org)

von Sofia, 16. Januar 2005

Schon vor der Verabschiedung der Gesetze über die sogenannte
"Monetarisierung" von Sozialleistungen in der Staatsduma letzten Sommer
gab es Versuche, Massenproteste gegen die faktische Abschaffung sozialer
Garantien auszulösen. Aber weil die Staatspropaganda mit ganzer Macht
ins Bewußtsein der BürgerInnen drückte und die Reformen als wirkliche
Verbesserung der sozialen Lage von Millionen Menschen ausgab, die die
verschiedenen Sozialleistungen (von freiem Transport bis zu kostenlosen
Medikamenten) genossen, schlug der Versuch fehl, für diese ernsten
Reformen der bereits antisozialen Staatspolitik die nötige
Aufmerksamkeit zu erlangen.

Diese Gesetze wurden seit dem 1. Januar angewandt, und seit diesem
Zeitpunkt sind die ehemaligen EmpfängerInnen der Sozialleistungen mit
den Konsequenzen konfrontiert. Während der ersten Januarwochen gab es im
ganzen Land ungenehmigte Protestaktionen: in Chimki (Moskauer Vorstadt),
Sankt Petersburg, Samara, Pensa, Wladimir, Barnaul, Stawropol,
Tatarstan, Udmurtien... In jeder Stadt beteiligten sich Hunderte oder
Tausende. Während zu Beginn der Proteste vor allem die Wiedereinführung
der kostenlosen Personenbeförderung verlangt wurde, forderten die
wütenden Protestierenden bald den Rücktritt der Regierung und des
Präsidenten Putin.

Währenddessen schob die Regierung alle Schuld auf die schlechte Arbeit
der Regionalregierungen. Die KPRF (Kommunistische Partei der russischen
Föderation), die RKRP (Russische kommunistische Arbeiterpartei) und
sogar die Nationalbolschewisten wurden wegen der Proteste beschuldigt –
die Mächtigen sind einfach nicht bereit, anzuerkennen, daß die Menschen
in dieser Situation nicht wirklich OrganisatorInnen brauchen!

In einigen Städten zerschlug die OMON [eine Sonderpolizei, die u. a. in
Tschetschenien "Säuberungsaktionen" durchführt, Üs.] die Kundgebungen,
aber größtenteils scheinen die Mächtigen verschreckt und zurückhaltend.
Laut der offiziellen Mythologie sind die RentnerInnen "alles für uns" –
wir lieben sie, respektieren sie und kümmern uns in jeder Hinsicht um
sie. RentnerInnen und andere ältere Menschen sind außerdem die
disziplinierteste Wählerschaft, auf die Abgeordnete, Gouverneure und der
Herr Präsident persönlich immer zurückgreifen.

Deshalb sind die Proteste der RentnerInnen, die die Mächtigen zuerst
totschweigen wollten, bereits zum Objekt der Spiele der PR-Strategen
geworden.


3) Protest in St. Petersburg am 15. Januar

von Pjotr Rausch, Anarchistische Liga St. Petersburg

Etwa 1000 Personen versammelten sich um 12 Uhr mittags auf dem
Smolna-Platz in einer illegalen Spontandemo. Nach zwei Stunden bewegte
sich die Menge, ohne vorherige Absprache mit den Stadtbehörden, zum
Suworowskij-Prospekt, blockierte den Verkehr und zog weiter zum
Newskij-Prospekt, wo der Verkehr ebenfalls blockiert wurde. Nur wenige
der Parolen konzentrierten sich auf das aktuelle Thema der
Sozialleistungen – die meisten hatten einen allgemeinen, politischen
Charakter: "Nieder mit Putin!", "Nieder mit der Regierung!", "Nieder mit
Matwienko!" (Oberbürgermeister von St. Petersburg), "Nieder mit dem
Regime der Plünderer!", "Revolution!", "Die Regierung soll
zurücktreten!", "Putin soll zurücktreten!", "Schande über Putin!",
"Nieder mit der Autokratie!", "Nieder mit Putins Bande!", "Schluß mit
der Ausplünderung des Volkes!".

Während des Umzuges wuchs die Zahl der TeilnehmerInnen ständig an. Bei
der Ankunft an der Sadowaja-Straße waren es schon über 5000 Menschen.
Dort vereinigte sich der Zug mit denen, die am Gostinij Dwor seit 13 Uhr
demonstriert hatten – anfangs waren es dort 400 Menschen gewesen, aber
den Tag hindurch wuchs die Zahl ständig, und als die Gruppe mit der
Hauptdemo zusammentraf, waren es schon über 2000 Menschen.

Die Masse von 7000 blockierte jede Bewegung auf der Kreuzung von
Newskij-Prospekt und Sadowaja-Straße. Die RednerInnen standen auf der
Brüstung der Unterführung und luden alle ein zu den bevorstehenden
Protesten am 22. Januar (Gedenken an den Blutigen Sonntag 1905 am
Gostini Dwor), am 25. Januar (18 Uhr an der Leninstatue am Bahnhof
Richtung Finnland) und am 26. Januar (9:30 auf dem Isaak-Platz).

Gleichzeitig waren rund 1000 Menschen im Siegespark und blockierten den
Verkehr auf dem Moskau-Prospekt. Von dort bewegte sich die Menge zum
Mahnmal der Belagerung Leningrads. Während des Umzugs überfuhr ein
wütender Fahrer drei protestierende Personen, von denen eine starb.

Die überwiegende Mehrheit der Protestierenden waren nicht in
irgendwelchen politischen Organisationen. Auch wenn im Siegespark
RednerInnen vom liberalen "Jabloko", dem kremltreuen, linksorientierten
"Mutterland" und kommunistischen Gruppen sprachen und auf der Demo vom
Smolna-Platz zur Sadowaja-Straße AktivistInnen von zahlreichen
autoritären kommunistischen Gruppen, AnarchistInnen und
Menschenrechtsorganisationen waren – die Zahl dieser "politisierten"
Elemente machte dennoch insgesamt nicht mehr als 200 aus. Alle
politischen Strukturen waren vom Ausmaß dieser Proteste total überrascht
worden. In der Menge wurden alle Agitationsmaterialien mit großem
Interesse gelesen. Anfangs stand die Polizei den Protesten gleichgültig
gegenüber, wurde aber während des Tages aktiver, ohne jedoch jemanden
verhaften zu können.


4) Repression in Samara

Am 15. Januar fanden an der Kreuzung der Neuen Bahnhofsstraße mit der
Moskauer Autobahn spontane Proteste gegen die Umwandlung der
Sozialleistungen statt. Alexander Laschmakin, Aktivist der NGO "Stimme"
(für den Schutz der Rechte der Wählerschaft), verließ den Platz in einem
Kleinbus zusammen mit Alexej Iwanow. Plötzlich stoppten einige Beamte in
Zivil den Bus, stürmten hinein und schnappten sich A. Iwanow und A.
Laschmakin, ohne irgendwelche Ausweise vorzuzeigen.

A. Iwanow und A. Laschmakin wurden auf die Polizeiwache des
Industriegebiets von Samara gebracht. Laschmakin wurde brutal
verprügelt, er wurde ins Gesicht geschlagen, sein Mund wurde mit
Klebeband verschlossen und er wurde mit der traditionellen "Dyba"-Folter
bearbeitet, bei der man zwischen zwei Stühle gehängt und geschlagen
wird.

Dann wurden beide in eine Zelle gesteckt, wo alle, die während des Tages
verhaftet worden waren, auf den Gerichtstermin am nächsten Tag warteten.
Die Bullen riefen: "Ihr werdet alle für ihn (Laschmakin) büßen!" und
sprühten alles mit Tränengas voll. Das wurde von Personen im Prozeß
ausgesagt, die gestern, am 18. Januar, zusammen mit Laschmakin vor
Gericht gestellt wurden. Das Verfahren gegen Laschmakin platzte
schließlich.

(Gekürzte und bearbeitete Mitteilung von Ludmilla Kusmina aus dem
Gerichtsgebäude)

Anmerkung: Laschmakin ist kein Mitglied einer anarchistischen Gruppe,
aber hat schon oft mit AnarchistInnen zusammengearbeitet. Er war auch
einer der aktivsten Menschen auf dem radikal-ökologischen Protestcamp in
Perm im Sommer 2004. Er hat alle Unterstützung verdient, die wir geben
können!


5) Verlauf der Proteste in Perm, Repression und Solidaritätsaufruf

In Perm begann am 18. Januar eine Versammlung um 12 Uhr mittags. An der
Kreuzung der Lenin- und der Kujbyschew-Straße trafen sich zunächst 1000
Leute. Diese erste Versammlung störte den Verkehr nicht, aber bald schon
gab die Polizei Anweisung, den Lautsprecherwagen zu entfernen. Das
provozierte die Leute, und sie beschlossen, eine Blockade durchzuführen.
Berittene Polizei sammelte sich rund um die Menge.

13:15 TeilnehmerInnen der Versammlung beginnen, Unterschriften zu
sammeln für

1. kostenlosen Transport für alle Kategorien von Menschen, die dieses
Recht bis zum 1. Januar 2005 genossen hatten

2. die Erhaltung aller anderen Sozialleistungen, die durch das Gesetz
Nr. 122 und Entscheidungen der kommunalen Mächte abgeschafft wurden.

3. die Finanzierung der obengenannten Forderungen aus den Haushalten der
Stadt und der Region

Bis 13:45 wächst die Zahl der TeilnehmerInnen auf 2000 Personen. Die
Polizei verhält sich noch neutral.

14:00 Die Versammlung verlagert sich auf die Kreuzung von Lenin- und
Popow-Straße und blockiert den Zugang zur einzigen Brücke über den Fluß
Kama, die die beiden Teile der Stadt verbindet. Beamte der
Regionalverwaltung laden VertreterInnen der Versammlung ein, um alle
Probleme zu besprechen, aber das ist den TeilnehmerInnen nicht genug.
Dieser radikale Umschwung überrascht die Polizei völlig, und sie beginnt
damit, "avtosaks" (Gefangenentransporter) aufzufahren, für den Fall, daß
Massenverhaftungen nötig werden sollten.

14:10 Die OrganisatorInnen des Treffens kündigen an, daß, falls die
Verwaltung keine Maßnahmen ergreift, um die Forderungen am selben Tag zu
erfüllen, am nächsten Tag die Bahnlinien blockiert werden. Die Leute
diskutieren, ob sie auf die Kama-Brücke gehen oder auf der Kreuzung
bleiben sollen.

14:15 Juri Gorlow, Polizeichef der Region Perm, kommt auf das Treffen
und lädt die Leute ein, mit Gouverneur Oleg Tschirkunow zu diskutieren,
wobei er behauptet, daß der Gouverneur bei so einem Lärm keine
"konstruktive Diskussion" führen könne. Die Polizei blockiert den Weg
zur Brücke über den Fluß Kama mit Bussen. Aber um 14:20 kommt
schließlich der Gouverneur selbst zum Treffen.

14:20 Gouverneur Oleg Tschirkunow kündigt an, daß er nicht mit den
Leuten auf der Straße diskutieren wird, und lädt alle ins
Verwaltungsgebäude ein. Die Versammlung stimmt über die Frage ab, ob sie
hingehen soll, und eine Mehrheit beschließt, daß sie die Angelegenheit
nur auf der Straße diskutieren wird.

14:31 Nach der Rede von Oleg Tschirkunow bilden Beamte der
Verkehrspolizei eine Kette, um den Weg vom Treffen zur Kama-Brücke zu
blockieren.

14:40 Tschirkunow weigert sich immer noch, mit der Versammlung zu reden.
Auf die Frage "Bekommen die RentnerInnen ihre Sozialleistungen wieder?"
antwortet Tschirkunow aufrichtig: "Nein." Die Menge umzingelt
Tschirkunow von allen Seiten.

14:50 Die Polizei erhält den Befehl, die OrganisatorInnen der
Versammlung zu verhaften. Darunter sind Roman Juschkow, Aktivist der
Ortsgruppe des anarcho-ökologischen Widerstands, und ein weiterer
Teilnehmer des Protestcamps vom Sommer 2004, Juri Bobrow. Die Leute
reagieren auf die Verhaftungen, indem sie Gouverneur Tschirkunow als
Geisel nehmen und den Austausch von Tschirkunow gegen den verhafteten
Anarchisten und die anderen AktivistInnen fordern.

14:59 Die Polizei willigt ein, die verhafteten AktivistInnen gegen den
Gouverneur auszutauschen, und alle werden freigelassen.

Wir brauchen Eure Solidarität!

Kein Wunder, daß die Verwaltung von Perm entschlossen ist, die
AktivistInnen der Stadt für diese Erniedrigung zu bestrafen. Laut
aktuellen Informationen plant sie, Roman Juschkow vom
anarcho-ökologischen Widerstand, Anastasia Malzewa und eine Reihe
weiterer Leute von anderen Gruppen zu verhaften. Gestern schon, am 18.
Januar, wurden Alexander Reznik von der unabhängigen Gewerkschaft
"Solidarität" und seine Frau verhaftet. Sie werden auf der Polizeiwache
des Lenin-Viertels festgehalten.

AktivistInnen vor Ort bitten Euch, bei der Stadtverwaltung anzurufen, um
darum zu bitten, auf die Einleitung von Strafverfahren gegen die
AktivistInnen zu verzichten, und die Freilassung der Gefangenen zu
fordern. Die Telefonnummern der Stadtverwaltung sind

+7-3412-12-64-57

und

+7-3412-34-94-91

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http://www.ainfos.ca/05/jan/ainfos00292.html
(en) Protests against neoliberal reforms and repression against
anti-authoritarians in Russia
>From Worker <a-infos-en@ainfos.ca>
Date Wed, 19 Jan 2005 16:14:55 +0100 (CET)

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