A - I n f o s
a multi-lingual news service by, for, and about anarchists **

News in all languages
Last 40 posts (Homepage) Last two weeks' posts

The last 100 posts, according to language
Castellano_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement
First few lines of all posts of last 24 hours || of past 30 days | of 2002 | of 2003 | of 2004 | of 2005

Syndication Of A-Infos - including RDF | How to Syndicate A-Infos
Subscribe to the a-infos newsgroups
{Info on A-Infos}

(de) Russland: Hintergruende des Tschetschenienkrieges

From Worker <a-infos-de@ainfos.ca>
Date Wed, 20 Apr 2005 12:28:42 +0200 (CEST)


________________________________________________
A - I N F O S N E W S S E R V I C E
http://www.ainfos.ca/
http://ainfos.ca/index24.html
________________________________________________

Wir gehen davon aus, dass es keinen gerechten Krieg in unserer modernen
Zeit gibt, ausser dem Klassenkrieg. Unserer Ansicht nach sind die Schuldigen auf
beiden Seiten [des Krieges] die Herrschenden, und die Opfer sind die einfachen Leute.
Beim Beginn des Zweiten Tschetschenien-Krieges hatte unsere Gruppe [KRAS-
IAA] auf Flugblättern, die wir an die Mauern von Moskau plakatiert hatten, das
Folgende bekanntgegeben:

"Nieder mit dem Krieg! Ihr könnt uns nicht verarschen! Yelzins, Mashadovs
(1), Putins, Bashayevs (2) - sie alle sind die selbe Bande! Sie haben den
Terror in Moskau, Volgodonsk, Dagestan und Tschetschenien organisiert. Es ist ihr
Spiel, es ist ihr Krieg. Sie brauchen ihn für ihre Machtspiele! Sie brauchen ihn für
ihren Kampf ums Öl. Warum sollten unsere Kindere für ihre Interessen sterben?
Die Oligarchen sollten sich besser gegenseitig abknallen! Glaubt nicht dem
nationalisischen Wahnsinn: man kann nicht eine "Nation" für die Verbrechen
einiger weniger verantwortlich machen, schon gar nicht für Verbrechen, die nur den
Herrschenden aller "Nationen" dienen. Beteiligt euch nicht an diesem
Krieg! Leistet mit allen notwendigen Mitteln Widerstand! Streikt gegen den Krieg und
gegen Kriegstreiber!"

Für uns sind die Kriegsgründe also eindeutig. Trotzdem wollen wir einige
Details erläutern. Was die russischen Herrschenden betrifft, dient dieser Krieg
der nationalistischen Legitimation ihrer Macht. Es ist auch eine Übung für die
neuen Wahltechnologien von Putin und die Oligarchen, die ihn unterstützen. aber
es gibt auch andere Gründe, warum Russlands Herrschende Ströme von Blut im
Kaukasus fliessen lassen. Einige von ihnen sind einfacher wirtschaftlicher Natur. Öl und
seine Transportwege sind für die Wirtschaft des kapitalistischen Russlands sehr
wichtig. In der Tat sind die Ölvorräte in Tschetschenien nicht sehr reichhaltig und
von schlechter Qualität. Aber sie gewährleisten eine billige Ölversorgung für
die ganze Region. Auch transportieren zwei wichtige Pipelines Öl aus dem Kaspischen
Meer durch Tschetschenien. Russland will diese nicht verlieren und ausserdem befinden
sich die russischen Ölmultis im Kampf mit US-Multis um die azerbejianischen
Ölvorräte. Sie ziehen es vor dieses Öl durch russisches Gebiet statt durch die Türkei zu
transportieren.

Ein weiterer, eher politischer Grund ist, dass das senile russische
Imperium nicht die Abspaltung von Tschetschenien möchte, weil es Angst davor hat, das
würde ein Vorbild für andere Regionen werden. Besonders jetzt, da die lokalen
Verwalter und Herrscher an mehreren Orten zunehmend unabhängiger und stärker werden.
Tschetschenien muss geschlagen werden und dient als Beispiel, um andere
abzuschrecken.

Was die tschetschenischen Herrschenden betrifft, so wünschen sie die
Hegemonie in der Region durch das Abtrennen vom Land des alten Imperiums zu gewinnen.
Das ist das imperialistische Prinzip des Stärkeren. Das tschetschenische Militär
spielt eine wichtige Rolle, zum Beispiel in den Kämpfen gegen georgische Truppen in
Abchasien und die tschetschenischen Politiker träumen von einer Föderation
kaukasischer Nationen. Die Gründe für das Interesse der tschetschenischen Eliten für
einen Krieg im Nordkaukasus sind auch innerer Natur. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde
dieses Land tatsächlich zwischen verschiedenen Warlords aufgeteilt, die sich feudal
auffürten und ihre eigenen Armeen unterhielten, sowie Entführungen durchführten, usw.

Die zentralisierte Macht des Präsidenten Mashadov kontrolliert nur einen
kleinen Teil des Landes. Warlords, die sich ihm widersetzen, wie Basayev, haben
den wahabitische Islam als eine Art nationales Bindemittel und
Kontrollfunktion für die gesamte Region. Sie werden von Saudi-Arabien, den Taliban und
anderen islamischen Fundamentalisten unterstützt. Die fundamentalistischen Vision des
Islam sind beliebt und haben sich unter den Eliten verschiedenen kultureller Gruppen im
benachbarten Dagestan verbreitet, die gegen die herrschenden Stammesverbände
rebellieren, welche wiederum von Moskau unterstützt werden. Das erneute Aufflammen
der Krise im Nord-Kaukasus ist in der Tat von oppositionellen Kräften aus Dagestan
ausgegangen, wobei tschetschenische Warlords daran teilgenommen haben. Ausbreitung
und Krieg ist im Interesse der tschetschenischen Warlords, denn es bekräftigt ihre
Stellung gegen die Zentralmacht in [der Hauptstadt] Grozny.

Nach dem Ersten Tschetschenienkrieg (1994-1996), der mehr als
hunderttausend Leben kostete, wurde es klar, dass das Problem nicht zu regeln
ist und dass dieHerrschenden auf beiden Seiten den Frieden nur als eine kurze
Pause betrachtet hatten. Schon 1999 war die Unvermeidbarkeit einer Eskalation
offensichtlich. Die Verschlechterung der politischen und wirtschaftlichen Lage in
Russland und Tschetschenien hat die Herrschenden in einen neuen ?siegreichen?
Krieg geführt, der ein nationalistisches Ablenkungsmanöver darstellte.
Als eine Ausrede für den neuen Konflikt diente der russischen Elite die
Entführungen durch tschetschenische Warlords betrieben wurden und deren
islamistische Oppositionsaktivitäten in den benachbarten Regionen.
Im Herbst [2004] hat das russische Militär seine sogenannte
?Anti-Terror-Operation? begonnen, die sich sehr rasch als totale Intervention
herausgestellt hat. Seitdem herrscht wieder Krieg.

Wenn wir über Interessen reden, müssen wir auch die Positionen der
westlichen Herrschenden betrachten. Es ist logisch, dass diese so zwiespältig sind,
wie die Zwiespältigkeit der Interessen der westlichen Mächte in der Region. Auf
der einen Seite haben sie Angst vor den Folgen eines möglichen unkontrollierten
Zerfalls des russischen Imperiums, sie haben Angst vor Chaos in diesem Teil Osteuropas
und Nordasiens und sie haben Angst vor dem Verlust ihres Monopols an
Atomwaffen. Die westlichen Staaten brauchen ein starkes Russland, aber nicht zu stark.
Russland soll die Rolle einer regionalen Supermacht ausüben, die ein Bollwerk gegen
Islamismus und Fundamentalismus darstellt und auf diese Art die Interessen des westlichen
Imperialismus verteidigen. Aber Russland soll sich mit dieser Rolle zufrieden geben
und nie wieder anstreben eine Weltsupermacht zu werden. Solche
Verflechtungen sind bezeichnend für die Politik der westlichen Staaten in Bezug auf
Russland und besonders in der Frage dieses Krieges. Sie blicken voll Neid auf das
Wiederaufleben und die neue Arroganz des russischen Militärs, aber förmlich verdammen
sie den russischen militärischen Terror und Massenmord in Tschetschenien.
Aber gleichzeitig sind sie zufrieden mit den offiziellen kindischen Sanktionen und
immer wieder erinnern sie daran, dass Tschetschenien "sowieso zu Russland gehört".

Vadim D., KRAS-IAA Moskau
(Konföderation Revolutionärer Anarcho-Syndikalisten -
Internationale ArbeiterInnen-Assoziation)

http://www.kras.fatal.ru
http://www.iwa-ait.org

Anmerkungen:
(1) Mashadov = u.a. tschetschenischer Präsident
(2) Basayev = tschetschenischer [Rebellen-]Führer

Quelle: Abolishing the Borders from Below #12,
http://www.abb.hardcore.lt

Übersetzung: Anarchosyndikat "eduCat",
http://anarchosyndikalismus.org

*******
******
********** A-Infos News Service **********
Nachrichten über und von Interesse für Anarchisten

Anmelden -> eMail an LISTS@AINFOS.CA
mit dem Inhalt SUBSCRIBE A-INFOS
Info -> http://www.ainfos.ca/org
Kopieren -> bitte diesen Abschnitt drin lassen


A-Infos Information Center