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(de) Canada, ALCAN: Arbeiterkontrolle in Jonquiere (fr,en)

From Worker <a-infos-de@ainfos.ca>
Date Thu, 5 Feb 2004 23:45:39 +0100 (CET)


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A - I N F O S N E W S S E R V I C E
http://www.ainfos.ca/
http://ainfos.ca/index24.html
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From: FAU-IAA Moers <faumo2-A-fau.org>
Als die Führungsetage des Multis ALCAN während des Weltwirtschaftsforums
im schweizerischen Davos die Schließung der Aluminiumschmelzen der
kanadischen Arvida ankündigten, hatte sie ohne Zweifel nicht mit der
Büchse der Pandora gerechnet, die sie damit geöffnet haben. Natürlich
hatte jeder mit Wutausbrüchen von Seiten der ArbeiterInnen gerechnet,
wie schon allein die Anwesenheit der Aufstandsbekämpfungseinheit der
Provinz Quebec in Jonquière zeigt, kaum das die Nachricht die Runde
machte. Aber mit "dem", was dann passierte, hatte niemand gerechnet.
Wie denn auch, wer konnte schon damit rechnen, dass im Jahr 2004 in
Quebec eine lokale Gewerkschaft unbekümmert die Anlagen eines mächtigen
Multis besetzen würde, und dazu noch als Druckmittel damit beginnen
würde die Produktion unter der Kontrolle der ArbeiterInnen wieder voll
anzufahren? Genau das aber hat das "Syndikat national des employés
d'aluminium d'Arvida", die landesweite Gewerkschaft der
Aluminiumarbeiter von Arvida (SNEA) getan.

Monatelang wurde die Arbeiterklasse in der Region Saguenay-
Lake-Saint-Jean von einer schlechten Nachricht nach der anderen
heimgesucht. Der Verlust gutbezahlter Jobs hat sich vervielfacht. Im Mai
2003 ging die Forst-Kooperative von Laterrière (650 Jobs) in den
Konkurs. Kurz vor Weihnachten kündigte Abitibi-Consolidated die
Schließung ihres Werkes in Port-Alfred mit 650 Beschäftigten an. Und
ALCAN setzte noch einen drauf mit der vorzeitigen Schließung seiner
Söderberg-Schmelze im Industriekomplex Jonquière und der Vernichtung von
weiteren 550 Jobs. Gegen all das sind die Aktionen der Gewerkschaft
gerichtet.

Arbeiterkontrolle

Am Wochenende des 24. Januar berief der Gewerkschaftsvorstand ein
"Krisentreffen" ein, auf dem hundert Vertrauensleute die Strategie
diskutierten. Normalerweise beschließen solche Treffen psychosoziale
Hilge für die Lohnempfänger, die ihre Beschäftigung verlieren und
versuchen, einen bestmöglichen "Sozialplan" auszuhandeln. Am
Montagmorgen fand hinter verschlossenen Türen eine Vollversammlung der
Gewerkschafter statt, um die vorgeschlagene Strategie vorzustellen und
darüber abzustimmen. 2.000 ArbeiterInnen beteiligten sich und nicht ein
Sterbenswörtchen verließ den Raum. Die Presse mutmaßte, dass sich die
Druckmittel auf einen Boykott von Überstunden beschränken würden.

Am nächsten Tag, Dienstag den 27. Januar, deckte die Gewerkschaft ihren
Aktionsplan auf und informierte die Öffentlichkeit darüber, was in der
Nacht geschehen war. Die Grundidee war einfach: Wiederaufnahme der
Produktion unter ihrer Kontrolle, bis ALCAN sich schriftlich bereit
erklärt, durch Investitionen Ersatzjobs in der Region zu schaffen. Am
Montag Abend nach der ersten Vollversammlung ihrer Mitglieder hatte die
Gewerkschaft begonnen ihre Strategie in die Tat umzusetzen und die
Arbeiter der Söderberg-Schmelze dazu aufgefordert, den vollen Betrieb
aufrecht zu erhalten. Die erste geschlossene Halle mit Schmelzöfen nahm
den Betrieb wieder auf und die Gießerei, die im vergangenen Sommer
geschlossen worden war, wurde wieder mit flüssigem Metall versorgt.

Nach Angaben von Claude Patry, dem Gewerkschaftsvorsitzenden, sind die
Arbeiter in der Lage, den Betrieb von Söderberg über einen langen
Zeitraum aufrecht zu erhalten. Die ArbeiterInnen kontrollierten die
komplette Fertigungskette von der Anlieferung des Bauxits in den
Hafenanlagen über die Schmelze, ebenso wie das chemische Werk von
Vaudreuil, wo das Bauxit in Alumnium umgewandelt wird, das Schienennetz
und die hydroelektrische Stromversorgung.

Die Unterbrechung der Versorgung mit ausländischem Bauxit oder mit Strom
ist nach Angaben der Gewerkschaft nicht im Interesse von ALCAN, weil die
anderen Werke des Konzerns in Alma, Laterrière und der Hudson Bay
ebenfalls darunter leiden würden.

Das beste an der ganzen Geschichte ist, dass bis jetzt ALCAN für die
Löhne der ArbeiterInnen aufkommen muss, weil sich der ganze
Schließungsprozess bis in den März hinzuziehen droht.

Das vollständige Wiederanfahren der Produktion unter Kontrolle der
ArbeiterInnen ist in gewissem Sinn der Joker im Pokerspiel der
Gewerkschaft. An einen Streik, die traditionelle Waffe, ist in diesem
Zusammenhang nicht zu denken, weil ein Streik die Schließung der
Schmelze bedeuten würde, was ja genau das wäre, was die Eigentümer
wünschen. Es ist deshalb wichtig deutlich zu machen, dass in diesem
speziellen Fall die Arbeiter am längeren Hebel sitzen.

Eine Schmelze dicht zu machen ist eine komplexe Operation, zu der die
Kooperation der ArbeiterInnen gebraucht wird. Die Firmenleitung ist
dafür auf die Zustimmung der Gewerkschafter angewiesen, solange sie
nicht einfach beschließt, die komplette Produktion zu verlieren, indem
sie die Belieferung mit Energie einstellt. Hinzu kommt, dass durch das
Hochfahren der Produktion auf Vollast, die Gewerkschaft ALCAN davon
abhält ihren Strom in die USA zu verkaufen (was eines der erklärten
Ziele der ganzen Operation ist).

Auf eine Nachfrahe nach der Legalität der "Besetzung" antwortete der
Gewerkschaftsvorsitzende Claude Patry, dass es ja schließlich nicht
illegal sei, weiter zu arbeiten. Das Arbeitsgericht von Quebec mochte
diese Auffassung allerdings nicht teilen und erklärte nach fünf Tagen
Produktion unter Arbeiterkontrolle die Besetzung für illegal. Die
ArbeiterInnen in der Schmelze der ALCAN in Jonquière erklärten darauf
hin, dass sie die Besetzung unabhängig davon fortsetzen werden, was das
Arbeitsgericht meint.

Sie veröffentlichten am 2. Februar eine Presseerklärung, in der sie
darauf hinwiesen, dass es unter der Kontrolle der ArbeiterInnen große
Produktivitätsgewinne gegeben habe. In einer Woche wurden 1.500
metrische Tonnen Aluminium erzeugt. Diese seien 2.25 Millionen
Kanadische Dollar wert und könnten durch Weiterbearbeitung 9 Millionen
Kanadische Dollar erwirtschaften. Sie erklärten weiterhin, dass die
Produktion ruhig weiterginge, obwohl des Sabotageversuche von Seiten des
Managements gäbe und die Bosse unkooperativ seien.

Die Arbeiter verlangen schriftliche Garantien von ALCAN,bevor die es dem
Konzern gestatten würden, seine alten Anlagen zu schließen. Sie fordern
ein neues Aluminiumwerk in Jonquière und die Umwandlung der Anlagen im
Komplex von Jonquière.

Es wurde beispielsweise vorgeschlagen, dass die Firma zusammen mit einem
Automobilkonzern in Jonquière investiert und so einige tausend neue Jobs
schafft. Ausserdem wollen die ArbeiterInnen von ALCAN, dass neue
Fertigungsbetriebe in der Gegend hochgezogen werden. Die Forderungen
konzentrieren sich dabei auf fünf Felder: Erhöhung und gleichzeitige
Diversifizierung der Produktion der Fabrik von Vaudreuil, Konzentrierung
der gesamten Anodenproduktion innerhalb des Konzerns in die Region, die
Rückverlagerung der Reperatureinrichtungen nach Quebec, Erhöhung der
Investitionen für Grafitkathoden und die Gründung eines Servicezentrums
für alle ALCAN-Einrichtungen der Region.

Offensichtlich haben die Gewerkschafter die Unterstützung der Mehrheit
der Bevölkerung der Gegend. Innerhalb von 48 Stunden ist es dem
Gewerkschaftsrat bei ALCAN gelungen, mehr als 5.000 Leute für die
Unterstützung der Forderungen in Jonquière auf die Strasse zu bringen.

Es liegt auf der Hand, dass die ganze Operation, auch wenn sie sehr
kreativ und sehr kämpferisch ist, sich dennoch innerhalb eines strikt
legalistischen und reformistischen Rahmens bewegt. Man wird abwarten
müssen, wie die Gewerkschaft sich jetzt, da die Besetzung für illegal
erklärt worden ist, verhalten wird.

Im Moment sagt die Führungsspitze der "Quebec Federation of Labour"
(QFL), der die Gewerkschaft vor Kurzem durch ein Zusammengehen mit den
"Canadia Auto Workers" beigetreten ist, dass sie die Aktion voll und
ganz unterstützt. Henri Masse, der Vorsitzende der QFL, hat damit
gepunktet, dass er in einer offiziellen Erklärung sagte: "Wir
unterstützen voll und ganz den kreativen Widerstand durch die
spektakuläre Aktion, die unsere Mitglieder bei ALCAN in Jonquière
durchgeführt haben".

Wirklich sensationell aber ist das, was diese Aktion in den Köpfen der
Leute ausgelöst hat. Dem Management wird das Recht zur Führung der Firma
rundweg verweigert und stattdessen eindrucksvoll eine Arbeiterkontrolle
eingeführt. Und letztlich ist es von der Arbeiterkontrolle zur
Selbstverwaltung nur ein kleiner Schritt!


Collectif anarchiste La Nuit (NEFAC-Québec)
a/s Groupe Émile-Henry
C.P. 55051, 138 St-Vallier Ouest
Québec (Qc), G1K 1J0

nefacquebec@yahoo.ca
http://www.nefac.net

ORIGINALQUELLE:
http://www.ainfos.ca/ainfos22885.html

DEUTSCHE ÜBERSETZUNG FÜR:
http://www.fau.org/artikel/art_040205-000434


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