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(de) Mexico, EZLN Radio Insurgente - Reportage von Gloria Muñoz

From Ralf Landmesser <ralf@anarch.free.de>
Date Wed, 1 Dec 2004 14:13:56 +0100 (CET)


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A - I N F O S N E W S S E R V I C E
http://www.ainfos.ca/
http://ainfos.ca/index24.html
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Chiapas - Der Widerstand
Radio Insurgente

"Guten Tag. Du hörst Radio Insurgente, die Stimme der Stimmlosen.
Offizielle Stimme der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung [EZLN].
Es ist 4 Uhr morgens, nach der Zeit des Kampfes des Südostens".
Wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist, rösten die Frauen bereits
die ersten tortillas auf der comal [Metallpfanne] und die Männer
bereiten sich darauf vor, auf die Felder zu gehen, während die Kinder
noch in einer Reihe von drei, fünf oder zehn in einem engen Raum
schlafen, der ein Blechdach und einen Erdboden hat.

Das einzige Licht in diesem zapatistischen Dorf ist das, welches den
gerade gezündeten Herdfeuern entspringt. Die Stille ist nahezu total.

Die Frauen entfernen sich für eine Minute von der comal und stellen
ihre alten Radios ein. "Schon sieht man am Horizont kämpfende
Zapatistas, der Weg reicht bis zu denen, die nachfolgen werden...",
ist im Radio zu hören. Und sofort danach ertönt die klar und
deutliche Stimme einer aufständischen Indígena-Frau: "Guten Tag. Sie
hören Radio Insurgente... wir hoffen, dass es den Compañeros und
Compañeras im Widerstand gut geht, wo auch immer sie sind.
Den Unterstützungsbasen der EZLN sagen wir, dass sie in Ruhe ihre
Arbeit tun können. Denjenigen, die keine Zapatistas sind, senden wir
ebenfalls einen Gruß. Dies ist die Stimme der Stimmlosen".

Die aufständische Sprecherin, die das Gewehr mit dem Mikrofon
kombiniert, eröffnet die weiteren Programmpunkte des Tages: "Heute
machen wir ein Programm mit unserem Wort von der EZLN. Wir haben
außerdem die Begleitung durch Eure Lieblingsmusik und die Grüße, die
Ihr schickt. Wir werden auch Informationen über Gesundheit senden,
damit wir nicht krank werden und auf uns aufpassen, darüber hinaus
Programme über die Arbeit und die Rechte der Frauen und viele weitere
Sachen... Erinnern Sie sich, dass sie Radio Insurgente hören, und
dass wir ein freies Radio sind, das für die Bevölkerung gemacht wird,
damit alle diesen Kampf kennenlernen".

Die Frau an der Pfanne hört nicht damit auf, Tortillas darauf zu
legen und zuzuhören. Ihre Tochter, eine Jugendliche, hört nicht nur
zu. Man könnte sagen, dass sie von Ungeduld eingeholt wird. Nun kommt
die Stunde der Grüße und Wohlgefälligkeiten und das Motiv ihrer
Unruhe kommt zur Sprache. Im Radio ist zu hören: "Hier haben wir ein
kleine Karte, die unsere Kabine erreicht hat und die wir sehr gerne
vorlesen: 'Grüße an Rosa vom autonomen Landkreis San Pedro de
Michoacán, für sie möchte ich Sie um den Song vom Gefängnis bitten,
von den Bukis. Ich bitte Sie, dass sie ihn an den Tagen des 8., 9.
und 10. dieses Monats spielen, um sechs Uhr morgens, um acht und
um zwölf, denn sie wird dann sicher Radio Insurgente hören. Grüße an
den Subcomandante Marcos, an alle in der Guerilla und an alle
Unterstützungsbasen...' Unterzeichnet von Pablo aus dem selben
autonomen Landkreis".

Der Blick der Jugendlichen erhellt sich daraufhin, die Frau an der
Pfanne scheint gleichgültig und der Mann des Hauses, den sicherlich
keinerlei Gnade des Grußes erreicht hat, nimmt seine Machete und
seinen Rucksack und bricht zu seiner täglichen Arbeit auf. Er nimmt
ein Radio mit Batterien mit.

Im Hochland von Chiapas, über 10 Stunden vom Urwald der Tzeltales und
Tzotziles entfernt, arbeiten in diesen Momenten die Tzotziles aus San
Juan Chamula auf ihren Kaffeefeldern. Sie sind alles andere als
Zapatistas, aber sie haben einen Lautsprecher auf das Landstück
gerichtet und hören, während sie den Kaffee ernten, Radio Insurgente
der Hochlandzone [Zona Altos].

Das selbe passiert in der Militärkaserne von San Quintín, im
grenznahen Urwald. Obwohl es ihnen verboten ist, stellen die Soldaten
jeden Tag den Sender der Rebellen ein, versteckt vor ihren
Befehlshabern, und sie hören nicht damit auf, dies zu tun. An den
Straßensperren und in den Garnisonen, die offiziell nicht existieren
und nur eine optische Täuschung sein können [Anm.: Anspielung auf den
Regierungsdiskurs über angebliche Entmilitarisierung], unterhält sich
die Truppe der Bundesarmee, hitzig und in schlechter Stimmung, mit
zapatistischer Musik.

Die Hertzwellen von Radio Insurgente schleichen sich ebenfalls zu den
schlammigen Fußballplätzen und den Basketballfeldern durch, auf denen
priistische Indígenas in voller Lautstärke die Stimme der EZLN hören,
ohne aufhören zu spielen.

Einer der bemerkenswertesten Effekte der Übertragungen, erläutert der
Generalkoordinator der drei Sender von Radio Insurgente, ist "dass
bei der Station Petitionen von Hunderten Familien angekommen sind,
die zuvor mit paramilitärischen Gruppen gearbeitet haben, und nun um
den Eintritt in die EZLN bitten; und es gibt ebenfalls Anträge von
Leuten der PRI, die um Material bitten, um mehr zu wissen".

Radio Insurgente wird bei jeder Sendung mit den Interferenzen der
Bundesarmee konfrontiert. Kaum hat das Programm begonnen, mischen
sich in vielen Dörfern andere Stationen oder Lieder auf Englisch. Die
Programme, welche die Regierung offensichtlich am meisten in Rage
versetzen, sind die Erzählungen mit der Stimme des Sup Marcos und die
Nachrichten.

Ein anderes Problem ist der Mangel an Ressourcen sowie die
Bedingungen, unter denen das Radiosignal ausgestrahlt wird. Die
prekären Radiostationen befinden sich in den Bergen, wohin sich die
Sprecher für jede Sendung mit der kompletten oder einem Teil der
Ausrüstung und den Benzinkanistern begeben. Dabei fehlen nicht die
Gewitter und die Blitze, die "alles kaputtkriegen", so wie es einmal
mit dem Sender der Region "Selva Fronteriza" [Grenz-Urwald zu
Guatemala] geschah.

Und es ist genau dieser Sender, der sich auf dem höchsten Berg
befindet. Der aufständische Radiosprecher (von einer Guerillera und
dieser Reporterin begleitet) steigt mit dem kompletten Equipment auf
den Hügel. Eine steile Schotterpiste lässt kaum Raum zum Atmen. Der
Guerillero geht voraus, denn er muss noch eine andere Wegstrecke mit
20 Litern Benzin bestreiten. Das Geräusch des Motors signalisiert,
dass der Gipfel nahe ist. Wir kommen an und unter einem einfachen
Dach aus Plastik hat der Sprecher, der gerade Dienst tut, die
Übertragung begonnen: "Guten Tag. Es ist 11 Uhr morgens, Zeitrechnung
des südöstlichen Kampfes. Sie hören Radio Insurgente, die Stimme der
Stimmlosen, das sein Signal aus den Bergen des mexikanischen
Südostens überträgt, ein Territorium frei von der Unterdrückung durch
den Neoliberalismus".

Ein kleiner Tisch, gefertigt mit Lianen, ist die gesamte Ausstattung.
Darauf stehen das Mischpult und die Audio-Geräte. Eine Antenne und
ein Motor vervollständigen dies. Der Gesang der Vögel, der Grillen
und des Wasserfalls sind die natürlichen Klänge, die sich mit den
Liedern und Botschaften vermischen. Der Guerillero legt seine Waffe
nicht ab. Er sendet mit ihr an seiner Seite, ohne das Mikrophon außer
Acht zu lassen.

In dieser Zone machen die Verantwortlichen der Sendungen Interviews
mit der Junta der Guten Regierung, mit den Promotorinnen und mit der
Zivilgesellschaft, die das Caracol besuchen. Sie haben auch live
runde Tische gesendet, mit Themen über den Neoliberalismus und ein
Programm, an das sich alle erinnern, über die beleidigenden Löhne der
Abgeordneten, Senatoren und Landkreispräsidenten.

Der Übertragung endet. Der Aufständische baut die Ausrüstung ab und
steigt mit mehr als 30 Kilo den Berg hinab. Am folgenden Tag
wiederholt sich die Geschichte, er steigt wieder auf den Hügel, und
wie alle Wochenenden, wird man seine Stimme bis nach Guatemala hören.

Radio Insurgente ist seit dem 14. Februar 2002 eine Realität. Heute
operiert es in drei zapatistischen Regionen: Im Hochland [Los Altos],
im Tzeltal-Urwald [Selva Tzeltal] und im Grenz-Urwald [Selva
Fronteriza].

Es handelt sich um verschiedene Sender, die, gemäß ihrer Lage und
ihrem Entwicklungsstand, Nachrichten auf Spanisch, auf Tzotzil,
Tzeltal und Tojolabal senden. Das Programm realisiert die jeweilige
aufständische Einheit, obwohl auch allgemeine Programme existieren,
die alle Sender teilen. Das zeitliche Programm jedes Senders ist
außerdem unterschiedlich und wird entsprechend der klimatologischen
Bedingungen (Stürme), der ökonomischen Bedingungen (Mittel der
Station) und der politischen Bedingungen (Interferenzen) variiert.

Alle Stationen arbeiten auf UKW (FM), darüber hinaus gibt es eine,
die auf Kurzwelle sendet. Diese hat ihre Antenne auf den Norden des
Landes, sowie auf Zentral- und Südamerika gerichtet: "Radio
Insurgente, die offizielle Stimme der Zapatistischen Armee zur
nationalen Befreiung, sendet auf der Frequenz von 6.0 Megahertz auf
Band 49 Meter Kurzwelle", hört man jeden Freitag von drei bis vier
Uhr nachmittags in Ländern wie Guatemala, El Salvador, Nicaragua und
dem Rest von Zentralamerika - noch fehlt eine Bestätigung aus den
Ländern Südamerikas.

Zunächst hört man einen Spot auf Japanisch, Türkisch, Deutsch,
Französisch, Chinesisch und Italienisch, aufgenommen von
Sympathisantinnen und Sympathisanten des Kampfes, die die Gemeinden
besucht haben. Eine mit Musik unterlegte Mischung, bei der jemand,
der nur Spanisch spricht, lediglich die Worte "Radio Insurgente"
versteht.

Das Programm, "das unser Radio lebendig macht", umfasst Sendungen zur
autonomen Gesundheit und Bildung, zu Rechten und Kollektivarbeit der
Frauen, Erzählungen für Kinder, Kampagnen gegen Alkoholismus, Lektüre
von EZLN-Kommuniqués, Hörspiele über den Widerstand und die
Autonomie, einen Nachrichtenüberblick und die 'Hauptmahlzeit' ist
regelmäßig eine Geschichte, produziert und erzählt von Subcomandante
Marcos in seiner Rolle als Sprecher und Produzent.

"Wenn die Dörfer die Stimme des Sup hören, denken sie, es ist per se
live. Es gibt auch Gelegenheiten, bei denen er live spricht, aber es
gibt andere Zeiten, in denen es aufgezeichnete Erzählungen sind. Die
Compas verlangen sehr oft, dass sie gesendet und wiederholt werden,
denn bei Radio Insurgente senden wir wirklich das, um was man uns
bittet", versichert eine der interviewten Moderatorinnen.

Die Erzählungen "El Chómpiras", die vom Gemeinschaftssinn handelt,
und "La bruja [Hexe] Pánfila y la princesa Panfililla", die sich auf
die Rechte der Frauen bezieht, sind die jüngsten Produktionen von
Subcomandante Marcos. In beiden spricht er verschiedene Stimmen,
scherzt mit den möglichen Zuhörerinnen und Zuhörern, mit der
[Guerilla-]Truppe und mit seinem Produktionsteam, welches die
Geschichten mit Musik und Spezialeffekten anreichert.

Der Sendebereich, der den Grüßen und Musikwünschen gewidmet ist, ist
der am meisten erwartete in allen Regionen. Die zapatistischen
Unterstützungsbasen und sogar einige PRIistas
[RegierungsanhängerInnen] oder AnhängerInnen anderer Organisationen
bitten mittels hunderter Karten, die an die Stationen geschickt
werden, um die Ausstrahlung einer unendlichen Reihe von Grüßen und
Liedern.

Los Bukis, die Gruppe Brindis, Los Temerarios, Los ángeles Negros,
Juan Gabriel bis hin zu Julio y Enrique Iglesias (wer hätte das
gedacht), teilen sich den rebellischen Raum mit den lokalen Gruppen,
die Lieder und revolutionäre Corridos [erzählende Lieder] intonieren,
die mehrheitlich neue Kompositionen sind. Gruppen wie Dos vientos de
voz y fuego, Nuevo Amanecer, Jacinto mit seiner Gitarre und Los
veteranos del Sur stellen die momentanen Erfolge des zapatistischen
Hochland- und Dschungelgebiets.

Durch die Lieder vollzieht sich auch ein kultureller Austausch
zwischen den Unterstützungsbasen und den pro-zapatistischen Gruppen
aus Mexiko und anderen Teilen der Welt. Es ist keine Seltenheit, dass
in der Stunde der Wunschlieder Maldita Vecindad, Panteón Rococó, Los
de Abajo, Manu Chao oder Amparanoia gefordert werden. Derjenige, der
nicht fehlen kann, ist natürlich Pedro Infante [Anm.: berühmter
mexikanischer Schnulzensänger und Filmheld, der in der 1950ern umkam]
und der Jazz, der - so wird gesagt - "nur dem Sup gefällt".

In den Altos [Hochland]

"Es ist verboten zu sagen, ich kann nicht. Hier kann man alles, außer
sich zu ergeben", sagt ein Schild, das auf einer Pappe über den
Mauern der Kabine von Radio Insurgente / Los Altos geschrieben ist.
In einer Ecke der kleinen und sauberen Lokalität erwarten - in
strikter Reihenfolge geordnet - Sargento García, Oscar Chávez, Pérez
Prado und eine nicht-endende Liste von Sängern und lokalen,
nationalen und internationalen Gruppen auf ihren Einsatz. Eine
Weltkarte, eine Uhr und das Tagesprogramm belegen die anderen
Holzwände, die mit Eierkartons tapeziert sind, um Geräusche
abzufangen.

Während ein Moderator die Live-Übertragung betreut, vernachlässigt
die Guerillera Angélica für einige Momente ihre beiden Waffen - das
Gewehr und das Mikrofon - und berichtet La Jornada ihre Erfahrungen
als Moderatorin: "Meine Arbeit als Sprecherin dreht sich darum, die
Basen zu animieren, das Programm zu machen, Bekanntmachungen
herauszugeben und die Musik zu wählen. Morgens spiele ich meine
zapatistische Hymne, um Punkt sechs fangen wir an. Nach der Hymne
mache ich die Begrüßung und wir spielen die Musik. Um 6:30
Uhr übermittle ich bereits die Grüße und danach, das was von
Gesundheit, Bildung, Reden und anderen Dingen handelt, die es geben
wird"

"In diesen Tagen", erzählt sie, "senden wir über die
Präventivmedizin. Wir haben die Hebammen der Dörfer interviewt. Wir
haben sie gefragt, wie sie den Compañeras helfen, die schwanger sind.
Sie erklären uns durch das Radio, wie sie Kräuter einnehmen, damit es
dem Kind gut geht. Wir machen das alles auf Tzotzil und dann
übersetzen wir es auf Spanisch".

Andere Reportagen, die die Guerilla-Frauen vorbereitet haben, handeln
von einem Kooperativenladen der Frauen in Polhó, eine andere von
einer Bäckerei und eine weitere von einem Webekollektiv. "Wir sind
also dabei zu lernen, wie es ist, Reporterin zu sein", versichert
Angélica, die zufrieden und stolz auf ihre neue Arbeit ist.

"All das", erzählt sie weiter, "ist sehr wichtig, damit die Gemeinden
die Fortschritte in allen Landkreisen sehen. Es gibt autonome
Landkreise, die sich nicht so organisieren, und wenn wir im Radio
bringen, was in anderen Gegenden gemacht wird, motivieren sie sich
und fangen an zu arbeiten".

Die Installationen von Radio Insurgente in dieser Region haben ein
weiteres kleines Arbeitszimmer, das mit Dutzenden von Brief tapeziert
ist, die an die Station gesendet wurden, und wo die Schneidekabine
ist. Dort, an einem Computer, werden in diesen Momenten Grüße
verarbeitet, die aus Frankreich, Griechenland und Spanien geschickt
wurden. Rosa, eine andere Insurgenta, führt die Erzählung fort:
"Einmal kam ein Brief, der uns sagte, dass wir weitermachen sollen
und dass sie, die Schreiberin, eines Tages zu uns kommen will. Sie
sagte 'ich bin sehr traurig, denn mir geht es nicht gut, ich bin in
keiner Partei und ich fühle mich allein. Sagen Sie mir Bescheid, ob
ich zu Radio Insurgente kommen kann. Ich möchte mich integrieren und
eine Zapatistin werden'".

"Eine andere Sache, die passiert", fährt Rosa fort, "ist, dass sie
bei den Fiestas in den Dörfern keine Cassetten oder CDs mehr
anstellen, sondern die Musik von Radio Insurgente spielen. Vorher
haben wir klassische oder instrumentale Musik angemacht, aber mit
einem mal haben sie uns gesagt: 'das gefällt uns nicht, das macht uns
müde'. Jetzt spielen wir fast alles, Cumbias, tropische,
revolutionäre und romantische Musik, Bands, Balladen,
Trovas, Rock. Die Geschichte der 'Hexe Pánfila', vom Sup Marcos haben
wir viele Male gesendet, seitdem sie bei uns ankam. Sie eignet sich
sehr gut, um sich mit dem Respekt gegenüber den Frauen zu
beschäftigen und nebenbei verschafft sie den Dörfern Unterhaltung".

Außerdem werden Botschaften über Gewalt gegen Frauen gesendet und
Programme, um die Frauenpartizipation zu fördern, "damit sie nicht
zulassen, dass ihre Männer sie nicht weggehen lassen". Es gibt auch
Programme, die an die Familienväter und -mütter gerichtet sind,
"damit sie ihre Kinder nicht schlagen"; es werden auch Spots über
Haschisch gebracht, "damit sie es nicht kaufen, weil es illegal ist",
sowie Kampagnen über Hygiene und Krankheitsprävention, "in denen man
sagt, wie man Durchfall behandeln soll, wie man der Grippe vorbeugt
(in dieser Zone gibt es viel Kälte), oder wie die Frauen auf ihre
Gesundheit achten sollen".

In La Garrucha

Pünktlich um 12 Uhr "südöstlicher Zeit", beginnen die Sendungen in
der Selva-Tzeltal [Tzeltal-Urwald]. Im zapatistischen Laden Smaliyel,
angesiedelt im Caracol von La Garrucha, versucht man seit einigen
Minuten den Sender einzustellen. Wie in den anderen Regionen beginnen
die Akkorde der zapatistischen Hymne die Sendung, zunächst in einer
Tzeltal-Version und am Tag danach interpretiert von der spanischen
Rockerin Amparanoia.

Es ist Wochenende und mehr Leute passieren die Gemeinde, die auch
Sitz der Junta der Guten Regierung "Der Weg der Zukunft" ist. Nach
der Begrüßung beginnt die Sendung mit " Las mañanitas
revolucionarias" [Anm.: leicht umgedichtetes "Happy Birthday to
you"], "für alle Compañeros und Compañeras unserer Dörfer, die heute
Geburtstag feiern". Das Signal wird bis zum pro-zapatistischen Taxi-
Stand in der Landkreishauptstadt Ocosingo empfangen
und durchquert ebenso das Tal von Patiwitz und die autonomen
Landkreise San Manuel und Francisco Villa.

Während der ersten Stunde, die dem zapatistischen Wort und der
zapatistischen Stimme gewidmet ist, sendet man dieses Mal
"diskografisches Material, das unserer zapatistischen Sache gewidmet
ist". Die Sprecherin dieser Region erklärt, das Los Nakos "eine
Gruppe sind, die eine Platte gemacht hat, die 'Va por Chiapas' heißt,
von der wir ein Stück spielen werden". Es beginnen nun Los Nakos mit
dem Stück, das davon handelt, "Für jedes Gewehr eine Schule, und dass
die Liebe Deine Sonne sein möge".

Nach den Jahrestagen folgt ein zapatistisches Corrido, intoniert von
der Gruppe Los Miserables, das den Hintergrund zu einer
Militärpatrouille von mehr als 20 Fahrzeugen bildet, voll mit
Soldaten, die mit ihrem Maschinengewehr auf die Gemeinde zielen.
Alltägliche Szenen in dieser Gegend, die seit mehr als 10 Jahren
geschehen.

Während die Soldaten noch immer nicht vollständig passiert sind, hört
man bereits einen Spot über die Gesundheit im Widerstand. Die zweite
Stunde widmet sich den Grüßen und Wünschen, und dies ist der Moment,
in dem Clara, eine Jugendliche der Region, zum Radiogerät rennt, und,
ohne ihr Lachen zu unterdrücken, den Gruß anhört, den sie an ihre
Familie gesendet hat. Mit einem zufriedenen Gesicht zieht sie sich
vom Lautsprecher zurück, sobald ihre Botschaft geendet ist.

Das Programm geht weiter und in einem dritten Moment beginnt "die
Stunde der Poesie, der Erzählung und der Geschichte". Es ist der
hundertste Geburtstag des chilenischen Dichters Pablo Neruda und
dieser geht im zapatistischen Territorium nicht unbemerkt vorbei. Die
Sprecherein, die gerade arbeitet, erklärt: "Neruda kämpfte und
schrieb über die Liebe, die Frau, den Krieg und den Frieden... er ist
ein Dichter, der dem Kampf der Bevölkerung in Chile unterstützte.
Deswegen erinnern wir bei Radio Insurgente an ihn:.. ". Ein
flüssiges Vorlesen von "Crepusculario" (du warst mein und ich
dein...) beendet den Programmpunkt.

Ein weiteres Jubiläum, das des sandinistischen Kampfes in Nicaragua,
erhält nun Raum. Und ein weiterer Jahrestag bezieht sich auf Pancho
Villa. Es wird auch vom Kampf "unserer indigenen Geschwister in
Loxichas in Oaxaca" gesprochen, und, in der Stunde der Wünsche
tauchen - unmöglich! - Los Temerarios und Los Bukis auf.

Auf allen Stationen von Radio Insurgente ist eine Botschaft, die
Subcomandante Marcos, mit [einem gewissen] Humor, an die Paramilitärs
schickt: "Wir senden den Paramilitärs einen Gruß, die umherstreichen
und unsere Unterstützungsbasen bedrohen. Ich sage Euch klar, dass es
euch nicht wie die anderen Male gehen wird. Wir werden Euren
Bosheiten nicht mehr einfach zuschauen, ab jetzt werden wir Euch sehr
teuer bezahlen lassen (Geräusch zweier Messer). Hört lieber Radio
Insurgente, die Stimme der EZLN, die auch für die Indígenas sendet,
die keine Zapatistas sind, und ihnen den Kampf erklärt, damit sie
sich ebenfalls organisieren und engagieren".

Auch Soldaten sind Empfänger von Radio Insurgente. In den Camps und
Lagern des Militärs im Urwald und im Hochland hört man die folgende
Mitteilung: "Soldat, der du aus dem Volk stammst, hör zu: Du bist so
wie wir, du bist ebenfalls arm. Wenn Du aufhörst Soldat zu sein,
wirst Du Dir ein würdiges Leben verdienen. Hör auf, gegen deine
eigenen Leute zu kämpfen... Vereine Dich mit dem Leben in der
Rebellion, das ist ein interessantes Leben, frei und würdevoll...
Löse dich vom Militär und mach dich frei davon. Es ist Zeit, die
Augen zu öffnen".

Der Generaldirektor von Radio Insurgente erklärt, dass es das Ziel
von Radio Insurgente ist, "die Unterstützungsbasen anhaltend über den
Kampf zu informieren, ihre politische Formierung zu unterstützen, die
autonome Gesundheit und Bildung zu stärken sowie die Gemeinden zu
unterhalten und zu erheitern. Das Radio ist eine sehr mächtige Waffe
und wir sind dabei, sie kennenzulernen".

Durch das Radio, erläutert er, "werden auch die Traditionen der
Dörfer gestärkt, man spielt die indigene Musik, man führt Kampagnen
zur Krankheitsvorbeugung durch und man beschäftigt sich mit wichtigen
Aktivitäten wie Festen oder zapatistischen Mobilisierungen - es wird
also dafür gesorgt, dass das Radio lebendig ist".

Zur Zeit wird sich auch darum bemüht, dass die Abdeckung wächst und
dass neue Sender eröffnet werden, denn es gibt noch immer Löcher im
Widerstandsgebiet, die noch nicht von den aufständischen Wellen
erreicht werden. Es gibt keine Ressourcen, aber sie produzieren ihre
eigenen Tonträger, durch deren Verkauf Material und Ausrüstung
erworben werden. Radio Insurgente hat eigene Aufnahmestudios, wo
Musikgruppen wie Nuevo Amanecer [Neuer Tagesanbruch] die CDs
produzieren, die sie zum Verkauf herausbringen. Auf diese Weise
werden die MusikerInnen unterstützt und ein Gewinn erreicht, der zur
Aufrechterhaltung des Senders beiträgt.

Der Generaldirektor erklärt: "Es gibt viel Arbeit und, vor allem,
neue Ideen. Die Website des Radios ist kurz vor ihrer Eröffnung. Dort
wird man Sendungen live hören können, ältere Programme hören können
und es wird erläutert, wie man mit diesem Projekt zusammenarbeiten
kann. Das Radio hat viel Potential und es fängt, wie alles, gerade
erst einmal an".

Gloria Muñoz Ramírez

***
Übersetzung: Gruppe B.A.S.T.A.

Anmerkung d.Ü.: die Homepage von Radio Insurgente ist seit dem
17.11.2004 - dem 21. 'Geburtstag' der EZLN - online:
www.radioinsurgente.org ;

hier wurden folgende UKW(FM)-Sendebereiche bekanntgegeben:
Für die Zone Altos de Chiapas (Tzotzil, Tzeltal, Chol, ...) auf der
Frequenz 97,9 MHz
Für die Zone Selva Fronteriza (Tzeltal, Tojolabal, ...) auf der
Frequenz 97,9 MHz
Für die Zone Selva Tzeltal auf den Frequenzen 100,1 und 89,3 MHz
Für die Zone Norte (Tzotzil, Tzeltal, Chol, ...) auf der Frequenz
102,1 MHz
Für die Zone Zotz Choj (Tzeltal, Tojolabal, ...) auf der Frequenz
92,9 MHz


Quelle: LA JORNADA 19. September 2004

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