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(de) Offener Brief an Herrn Ramonet (ATTAC Gründer)

From Worker <a-infos-de@ainfos.ca>
Date Sun, 15 Jun 2003 08:22:06 +0200 (CEST)


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A - I N F O S N E W S S E R V I C E
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> Eine treffende Beurteilung von ATTAC aus anarchistischer Sicht.
Offener Brief an Herrn Ramonet
[von Etienne D., aus Combat Syndicaliste, Region Midi Pyrénées der CNT AIT,
übersetzt aus dem Spanischen, aus: Ardi Beltza Nr. 6, Juni 2000; Ignacio
Ramonet ist Chefredakteur von Le Monde Diplomatique und der »Vater« von
ATTAC] 11.01.2002
Eigentlich schreibe ich nie an Journalisten. Mit meinen 50 Jahren habe
ich schon lange kapiert, daß ein Journalist in erster Linie ein (wenn auch
Luxus)-Lohnabhängiger ist, der die Anordnungen eines Zeitungsbosses befolgt,
der die Hälfte seines Gewinnes aus den Zuschüssen bezieht, die die Politiker
unsere Herren) bewilligen, und die andere Hälfte mittels Werbung aus dem
Markt. Ein Journalist ist nichts anderes als ein bezahlter Gaukler, der den
Auftrag hat, das Leben in Ereignisse zu verwandeln, die Empörung in
Resignation, und die Wahrheit in Schweigen.

Nein, ich schreibe nie an Journalisten, und genausowenig an Richter oder
Polizisten. Aber es fällt mir immer schwerer, das Spektakel von ATTAC (dieser
virtuellen Linken) zu ertragen und die täglichen jämmerlichen Litaneien ihres
Jüngers »Daniel Mermet-man-kann-nichts-machen« in France Inter, und vor allem
die zahlreichen Beiträge seiner Kollegen von Le Monde Diplomatique und ATTAC
in sämtlichen Veranstaltungen der Bürger und Gebildeten in den
Provinzstädten, wo in geschwollenen Monologen debattiert wird über die
Zukunft des Volkes oder der Menschheit, diesen elenden Sumpf, der zur
Demokratie nicht fähig ist (die Arbeitslosigkeit, das Nord-Süd-Problem, der
Rassismus, die Schlafstädte...).

Wir könnten euch ignorieren, euch eure Salons, Lesungen und Veranstaltungen
abhalten lassen, unter euch, unter den Schicken, den Neureichen und
Etablierten. Aber sie haben Erfolg in den Medien, wo das »Konzept« des
Bürgers (dieses »Extremisten des Konsenses, der zu nichts Wesentlichem eine
feste oder klare Meinung hat, und der entsprechend zu keiner Sache, an der
er sich die Finger verbrennen könnte, Schlußfolgerungen zieht«) der
politische und finanzielle Träger ist (übrigens: Wie geht's dem »Diplo«?).
Und mithilfe dieses Erfolges kommen sie jetzt an, um ihren Quatsch auf der
Straße zu verkaufen. Es gibt schon keine Demonstration mehr, wo nicht ein
Flugblatt von ATTAC auftaucht oder ein Transparent, das den Bürger
verherrlicht, und es gibt kein soziales Problem, zu dem man nicht im
Fernsehen einen ihrer Jünger sehen könnte, der zwischen einem unbedeutenden
Schriftsteller und einem »sauberen« Volkswirtschaftler seine Ziele
erläutert. Sie werden als die schöne Linke präsentiert, die reine, die
verantwortliche, die ehrliche, die in den Vorstädten von Afrika redet, die
die Armut anprangert, die die politische und finanzielle Korruption
geisselt...

Die neue Linke! Was für ein Trauerspiel, was für eine Lüge, was für ein
Betrug, Herr Ramonet! Sicher haben Sie Talent dafür, die Leichen zu zählen,
die Vermögen abzuwägen, die Profite zu berechnen, die Diktatoren
aufzuzählen, und die Toten und Todgeweihten abzuschätzen. Sie und Ihre Jünger
sind Meister in der Ökonomie des Leidens und des Elends. Ihre
Abrechnungsbücher sind auf dem neuesten Stand. Das ist ihre erste Funktion.
Das Chaos, die Schmerzen, die Ungerechtigkeiten, den Raub und die
Plünderungen aufzuzählen. Angst verbreiten! Diese Botschaft soll rüberkommen:
»Die Welt ist ein großes grausames und blutiges Chaos, und Westeuropa ist
ein schmales Tal des Friedens, grün und zerbrechlich, das teilweise
verwundet aber bis heute von den schlimmsten Plagen verschont geblieben ist,
die von den ewigen Dämonen kommen, die die menschliche Natur erschüttern«.

Ihre zweite Funktion ist es, die Unordnung zu verhindern, die Revolte
einzudämmen, die Truppen zu beschwichtigen. Oder noch schlimmer, die
Polizei in den Konflikten zu sein. Mit dem lauten Geschrei »Bürger, an die
Urnen« verteidigt ihr alles, was zur Ausplünderung und Entfremdung dieser
Welt beiträgt.

Zuerstmal die Wahlen. Immer dasselbe Lied. Angesichts der Veruntreuung von
Demokratie und öffentlichen Gütern durch die Politikerclans ruft ihr zu den
Urnen und zur Bürgerkontrolle. Ihr träumt sogar von einer Bürgerkontrolle
der WTO; die Ausgeraubten sollen mit den Räubern verhandeln, damit der Raub
weniger grausam ausfällt. Ihr nehmt den Mund mit Demokratie voll und hört
nicht auf, die Vorzüge von Wahlen, Gewählten und Vertretung anzupreisen.
Wie jeder etablierte Bürger habt ihr Angst vor der Wut derjenigen, die
nichts als Pech haben, die kaputtgehen, die mit ihrem Leben für eure
Klassengesellschaft bezahlen.

Und dann die Ware, die Grundlage des kapitalistischen Systems. Bei eurer
Tobin-Steuer, Herr Ramonet, muß ich an diese wohltätigen Damen denken, die
Sonntags nach der Messe ihren guten Armen das schlechte Brot hinschmeissen.
Während der Woche arbeiten diese verdammten Armen in der Fabrik ihres
Ehemannes, des Bankiers. Die Tobin-Steuer ist genau das, und noch schlimmer.
Denn auch wenn der Steuersatz bei den Börsengewinnen noch so niedrig ist,
wird er sich immer auf den Bürger als Konsumenten... pardon, den Bürger der
Waren auswirken. Sie reden mit Resignation von der Globalisierung, mit
Resignation von den Profiten und der Ausbeutung. Aber sagen Sie mal, Herr
Ramonet, mussten Sie so dick auftragen?

Wegen all dem schreibe ich Ihnen, Herr Ramonet. Um Ihnen laut und deutlich
zu sagen, daß Sie und Ihre Jünger die besten Verbündeten des Kapitalismus
sind. Die Ausbeutung anzuprangern, ist gut. Zu erklären, daß sie
unumstößlich sei, heißt den Kapitalismus verteidigen. Zur Wahl aufzurufen
bedeutet, sich aktiv am Erhalt dieses Systems zu beteiligen, seine
Sicherheit und Fortdauer abzusichern. Sie sind kein Progressiver, noch
nichtmal ein Protestler oder Reformist, Sie sind ein Diener des Kapitalimus,
ein Gaukler ... ein Journalist. Es lebe die soziale Revolution, Herr Ramonet,
auf daß Sie immer unsere Toten zählen können!

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