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(de) Anatolien, Ich verweigere! (tr)

From Anarsist Kara Ay <abcankara@yahoo.com>
Date Mon, 28 Oct 2002 03:39:28 -0500 (EST)


Ich verweigere!
Sender: worker-a-infos-de@ainfos.ca
Precedence: list
Reply-To: a-infos-de

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Ich war Soldat für neuneinhalb Monate und habe mich
entschieden ab dem 18. Oktober 2002 nicht mehr zu
“dienen” und meine Kriegsdienstverweigerung zu
erklären. Ich werde die Gründe, die mich zu dieser
Entscheidung geführt haben, kurz zusammenfassen:

Der Militarismus sieht Vernichtung als eine Methode
zur Lösung von Problemen an. Er legitimiert sich durch
Anführung verschiedener Argumente und stellt sich mit
Hilfe von Gesetzen von der Verantwortung der Folgen
seiner Taten frei. Natürlich geschieht dies in
Übereinkunft mit den Herrschenden. Damit dient der
Militarismus einerseits den Zielen der Herrschenden
und schafft sich andererseits seine finanziellen
Quellen. Dieses wechselseitige Zusammenspiel ist
beständig. Wer immer sich gegen dieses Zusammenspiel
stellt und Widerstand leistet, wird mundtot gemacht,
bestraft und sogar eliminiert. Die Geschichte ist voll
mit Beispielen. Jedes Mal werden verschiedene
Versionen des gleichen Spiels inszeniert und
erfolgreich abgewickelt. Dieser Ablauf ist derart
offensichtlich, dass mensch trotz aller Versuche, ihn
zu ignorieren, unweigerlich an das eigene Gewissen
stößt – welches der Verleugnung die Wahrheit
entgegensetzt. Doch der als Vernunft verkleidete
Konformismus blockiert diese Einsicht immer wieder mit
verschiedensten Begründungen und fordert Ignoranz und
sogar eine freiwillige Komplizenschaft im Spiel.
Selbst wenn der Mensch sich in die sichere Hülle
dieser “Vernunft” begibt, ist diese Sicherheit auf
lange Dauer trügerisch.

Ein anderer elementarer Bestandteil des Militarismus
ist der unbedingte Gehorsam. Die Wege, die zu diesem
unbedingten Gehorsam führen, werden mit großer
Sorgfalt vorbereitet. Der Zwang fängt schon mit der
Einführung in die sogenannten Sicherheitsbedürfnisse
der Region und Gesellschaft an, in die mensch hinein
geboren wird. Wenn mensch dann an die Reihe kommt, ist
die Teilnahme obligatorisch. Die Person wird dabei
nicht nach ihrer Meinung gefragt. Die Argumente stehen
schon bereit und auf diesem Weg vollbrachte Taten
werden geheiligt und zum Maßstab erklärt. Die
Gesellschaft und selbst die Eltern haben keine Zweifel
an der Heiligkeit dieser Taten. Sie sind bereit, ihre
Kinder für diesen Weg zu opfern und übernehmen ihre
Rolle, um ihre Kinder dieser Anforderung anzupassen.
Selbst wenn es Ausnahmen gibt, kann die Mehrheit sich
eine Alternative nicht einmal vorstellen.

Die durch den Militarismus angezettelten Kriege
schaden nicht nur den Menschen. Welche Begründung kann
Zerstörung durch nukleare und biologische Waffen
rechtfertigen? Die Inhaber dieser Waffen, die diese
-eigenen Behauptungen nach- als Garanten für die
Sicherheit der Menschen horten, wissen dabei selbst
genau, in welchen Zustand sie die Welt versetzen
würden, falls sie diese Waffen tatsächlich einsetzen
sollten. Natürlich sind sie sich dieses Widerspruchs
bewusst. 

Die momentane Situation, in der sich die Welt
befindet, widerspiegelt diese Spiele recht deutlich.
Jede/r weiß, dass es der USA und ihren Befürwortern,
die den 11. September als Vorwand genutzt haben, um
Afghanistan zu bombardieren und jetzt den Angriff auf
Irak vorzubreiten, nicht um Sicherheit etc. geht. Doch
die sicheren Arme der “Vernunft” scheinen alle zu
umschlingen. Wie können Menschen ihr Gewissen im
Angesicht einer Landschaft von zerbombten Lebewesen
beruhigen? Ist es nicht wahr, dass die USA und ihre
Befürworter Kraft aus der Tatsache schöpfen, dass die
Resonanz auf Aufrufe gegen den Krieg so gering ist?
Natürlich sollte sich niemand auf Andere verlassen.
Diese Entscheidungen müssen Ergebnis einer inneren
Reflexion sein. Genauso wie Big Brother uns vor die
Wahl stellt, für oder gegen ihn zu sein, müssen wir
entscheiden, ob wir den Krieg wollen oder nicht. Denn
die kriegerische Logik durch Zerstörung aufzubauen,
die ihre Waffen heute auf andere richtet, kann diese
morgen genauso gegen mich richten.

Sowohl meine bitteren Erfahrungen aus meinem
bisherigen Leben, als auch meine Beobachtungen während
neuneinhalb Monaten Kriegsdienst, haben mir klar
gemacht, dass ich die Stimme meines Gewissens nicht
weiter verleugnen kann. Ab jetzt werde ich mir von
keiner militärischen oder zivilen Autorität, keiner
Person oder Institution, Haltungen und Handlungen
aufzwingen lassen, die im Widerspruch zu meinem
Gewissen und meinem Willen stehen, und erkläre der
Öffentlichkeit hiermit meine Kriegsdienstverweigerung.

Nur kurz will ich noch den bisherigen Ablauf
skizzieren. Im Mai 1995 trat ich den Kriegsdienst an.
Am 9. September 1995 wurde ich wegen einer Straftat
verhaftet. Nach ca. sieben Jahren Gefängnis wurde ich
am 23. Mai 2002 entlassen und sofort wieder an die
Kaserne weiter geleitet, wo ich bis zum 18. Oktober
2002 “gedient” habe.

Ich will unterstreichen, dass ich nicht vorhabe zu
desertieren. Ich werde mich ein weiteres Mal in die
Einheit begeben und Militärausweis und –kleidung
abgeben.

Mehmet Bal


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